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Inka Greusing: "Wir haben ja jetzt auch ein paar Damen bei uns" (Ingenieur­wissenschaften)

Cover Inka Greusing: "Wir haben ja jetzt auch ein paar Damen bei uns" - symbolische Grenzziehungen und Heteronormativität in den Ingenieurwissenschaften. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 208 Seiten. ISBN 978-3-86388-788-9. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
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Thema

Das Buch fügt sich in eine Reihe von wissenschaftlichen Ergebnissen aus der Geschlechterforschung rund um den Themenkreis „Frauen in die Technik“ ein. Die Autorin (übrigens eine Ingenieurin) nähert sich dem Thema interdisziplinär: soziologisch ausgerichtet und kritisch feministisch.
Die Autorin beschäftigt sich dabei mit dem theoretischen Konzept der rhetorischen Modernisierung, dem Habituskonzept sowie der Heterosexuellen Matrix

Autorin

Inka Greusing ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin. Dort leitet sie ein Projekt durch das Oberstufenschülerinnen* an die Ingenieurwissenschaften herangeführt werden sollen.

Entstehungshintergrund

Die Ausgangsfrage der Untersuchung: Was motiviert Ingenier_innen dazu, sich in bestimmten Frauenfördermaßnahmen zu engagieren? (vgl. S 137) Das Ergebnis der Forschung publizierte die Autorin in ihrer Dissertation: „Rhetorische Modernisierung in den Ingenierwissenschaften? Eine Interviewstudie (Grounded Theorie Methodologie) zur Verknüpfung von Fachhabitus, heterosexueller Matrix, und Geschlechterwissen im akademischen Feld der Ingenieurwissenschaften“. Diese Arbeit wurde 2016 an den Technischen Universitäten Berlin eingereicht und begutachtet. Sie liegt dem vorliegenden Buch zu Grunde.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert. Eine Danksagung sowie das Literaturverzeichnis runden es ab. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Das erste Kapitel umfasst die Einleitung, in welcher die Forschungsfragen sowie die Einbettung in die Forschungslandschaft besprochen wird.

Im zweiten Kapitel widmet sich Inka Greusing der Methodik sowie den zu Grunde gelegten theoretischen Konzepten. Sie entwickelt ihre Datenanalyse nach der Grounded Theory. Der Begriff der „rhetorischen Modernisierung“ (Wetterer 20039) dient ihr dazu, sichtbar zu machen, dass es zwar keine Toleranz mehr für die Aussage ‚Frauen seinen für technische Fächer weniger geeignet‘ gäbe, auf der anderen Seite aber in der Praxis dann wenige Beispiele für Geschlechtergerechtigkeit aufzudecken sind.

In den Kapiteln drei und vier zeigt die Autorin die drei, mit der umfangreichen Datenanalyse entwickelten, Schlüsselkonzepte auf:

  1. Mathematikhürde
  2. Ausnahmefrau
  3. Heiratsmarkt

Sie macht mit zahlreichen Beispielen aus dem Datenmaterial ihren sorgfältigen Umgang mit der Analyse nachvollziehbar und für die Leserin/den Leser jederzeit verständlich. Besonders interessant sind die Aspekte, bei denen sich die Autorin der gleichen Textstelle aus verschiedenen Analyseblickwinkel widmet.

Es werden in den Ingenieurwissenschaften symbolisch klare Grenzen gezogen, was für die verschiedenen Geschlechter erreichbar scheint. Eines der zentralen Ergebnisse: der Mathematik wird eine Schlüsselrolle als Platzanweiserin für Männer und Frauen zugewiesen. Frauen, welche in den Ingenieurwissenschaften Erfolg vorweisen, wird der Code „Ausnahmefrau“ zugewiesen, was das traditionelle Geschlechterverhältnis weiter zementiert. Mit dem Kode „Heiratsmarkt“ weist Greusing einerseits auf die „heteronormative Struktur des ingenieurwissenschaftlichen Feldes“ hin. Sie entschlüsselt andererseits zahlreiche Hinweise darauf, dass Frauen wiederum doch nur als potentielle Partnerin gesehen werden (S 101ff).

In Kapitel fünf „Wirkliche Chancengleichheit: Rhetorische Modernisierung in den Ingenieurwissenschaften“ widmet sich die Autorin vor allem den engeren Ergebnissen zur Aussgangsfrage. Was motiviert IngenierInnen zu Frauenförderungsaktivitäten? Dabei wird deutlich, dass es ein Bild einer „geschlechtsneutralen Ingenierswissenschaft“ gibt. Das dieses Bild jedoch nur vermeintlich neutral ist – sondern im Gegenteil – eine implizite „männliche“ Norm reproduziert, wird durch die Datenanalyse effektvoll herausgearbeitet.

„Insgesamt verwundert es nicht, dass Gleichstellungsmaßnahmen innerhalb des Feldes nicht nur nicht als notwendig erachtet, sondern als Benachteiligung für Männer wahrgenommen werden. Wirkliche Chancengleichheit bedeutet, dass Frauen und Männern bei gleicher Qualifizierung auch gleich gute Chancen vermittelt werden.“ S 194

Somit schließt die Arbeit mit einem ernüchternden Ergebnis: Das momentane Geschlechter- und Herrschaftsverhältnis des Feldes bleibt unter gegebenen Faktoren gefestigt. Inka Greusing identifiziert dies als das Resultat einer rhetorischen Modernisierung. Sie schlägt vor, dass sich entsprechende Maßnahmen weniger auf die Strukturen, denn auf die Weiterentwicklung der Fachkulturen der entsprechenden Disziplinen fokussieren sollten.

Diskussion

Das vorliegende Buch diskutiert das spezifische Feld der Ingenierwissenschaften und ihren Umgang mit Geschlechtergerechtigkeit. Gleichstellungsfördermaßnahmen stellen in diesen Universitären, aber auch in unternehmerischen Strukturen, mehr und mehr einen wichtigen Baustein dar, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Das besonders Interessante an dem Werk ist der Wechsel der Blickrichtung. Quasi „von innen heraus“ werden Stück für Stück Kodes entschlüsselt. Unaufgeregt und sachlich – aber deshalb nicht weniger frappant – zeigt Inka Greusing auf, wie Geschlechternormen in den Ingenieurswissenschaften reproduziert werden. Es gelingt der Autorin die in Kapitel zwei genannten theoretischen Konzepte mit den Ergebnissen aus dem Datenmaterial zu verknüpfen.

Fazit

Inka Greusing erarbeitet mit ihrem Buch wertvolle Hinweise auf den Umgang mit Geschlechtergerechtigkeit in den Ingenieurwissenschaften. Sie zeigt auf, dass Frauenförderung in dieser Männerdomäne bestimmte Voraussetzungen vorfindet. Die, nach einigen Jahren etablierten, Frauenförderungsmaßnahmen in vermeintlich geschlechtsneutralen Disziplinen sind letztendlich doch an impliziten männlichen Normen orientiert. Die Autorin schlägt vor, an den Fachkulturen der Ingenieursdisziplinen anzusetzen damit Maßnahmen bei den Rahmenbedingungen ebenfalls greifen können. Das Buch basiert auf einer Interviewstudie, die nach der Grounded Theory durchgeführt wurde. Es richtet sich thematisch wohl eher an eine vorgebildete FachleserInnenschaft mit Kenntnissen aus den Gender Studies. Für die Sache „Geschlechtergerechtigkeit“ wünschenswert wären viele offene LeserInnen an Technischen Universitäten und Forschungseinrichtungen.


Rezensentin
Dr. Lea Putz-Erath
Geschäftsführerin femail, FrauenInformationszentrum Vorarlberg
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Zitiervorschlag
Lea Putz-Erath. Rezension vom 03.01.2019 zu: Inka Greusing: "Wir haben ja jetzt auch ein paar Damen bei uns" - symbolische Grenzziehungen und Heteronormativität in den Ingenieurwissenschaften. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-86388-788-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24702.php, Datum des Zugriffs 17.06.2019.


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