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Franz-Werner Kersting, Hans-Walter Schmuhl: Psychiatrie- und Gewalterfahrungen (...) (1945-1980)

Cover Franz-Werner Kersting, Hans-Walter Schmuhl: Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945-1980). Anstaltsalltag, individuelle Erinnerung, biographische Verarbeitung. Ardey-Verlag GmbH (Münster) 2018. 382 Seiten. ISBN 978-3-87023-405-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Der Pfad der so wichtigen Vergangenheitsbewältigung verläuft immer nach dem Modell der Eule der Minerva. Erst wenn alles passiert ist und die schlechte Gegenwart aller Opfer verblasst und vorbei ist, dann beginnt die historische Aufarbeitung und Beschäftigung mit der altgewordenen vergangenen Zeit. Der Historiker kann seinen aufklärenden Flug beginnen und uns über das Vergangene, aber immer auch Nachwirkende berichten. Aus der Distanz lässt sich besser und klarer erkennen, aber auch moralischer und ungefährlicher beurteilen. Die Moral der neuen nun an den Rudern sitzenden Generation ist wohlfeil und entspricht nicht nur den Forschungsergebnissen, sondern zumeist auch dem Zeitgeist. Also Vorsicht mit der Moral und dem Zeigefinger- aus der Geschichte lernen, sieht anders aus.

Dabei dürfte es unstrittig sein, dass die Aufarbeitung von Gewalterfahrungen der Bewohner des St. Johannes-Stiftes in Marsberg – einem Krankenhaus für Jugendpsychiatrie – in der Zeit von 1945 bis 1980 eine Thematik ist, die für jeden in der sozialen Welt mit ihren vielen Behandlungsinstitutionen, Betreuungseinrichtungen und Wohnangeboten für Kinder und Jugendliche Tätigen besonders wichtig ist. Es geht immer bei der geschichtlichen Betrachtung und Aufklärung auch um die Einsicht in die Gegenwart mit dem Ziel ihrer Verbesserung.

Autoren

Prof. Dr. Franz-Werner Kersting ist Wissenschaftlicher Referent am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster und außerplanmäßiger Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Universität Münster.

Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl ist selbstständiger Historiker und außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld.

Entstehungshintergrund

Die Untersuchung geht auf ein Forschungsprojekt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und des LWL-Institutes für westfälische Regionalgeschichte zurück. Der Landschaftsverband war und ist der Träger der Kinder-und Jugendpsychiatrie in Marsberg und hat sich im Zuge seiner Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit auch mit den Lebensverhältnissen und den Verfehlungen in Marsberg auseinandergesetzt. Wie so oft gab eine Fernsehsendung, in der Betroffene über massive Gewalterfahrungen im St. Johannes-Stift berichteten, den öffentlichen Anstoß. Gleichwohl ist es nicht selbstverständlich und ohne den LWL kaum denkbar, wenn eine solche umfassende Studie der Öffentlichkeit vorgelegt werden kann.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Das erste Kapitel wertet die vorhandenen Dokumente und Interviews aus und gibt uns einen umfassenden Überblick über die Psychiatrie-und Gewalterfahrungen, die Kinder und Jugendliche gegen ihren Willen in einem Krankenhaus machen mussten. Die räumlichen Voraussetzungen, die personellen Ressourcen und die Veränderungen der Klientel werden beschrieben. Es folgt eine Darstellung des theoretischen Rahmens, mit dem die Autoren ihr Material gesichtet und geordnet haben. Das von Erving Goffman entwickelte Konzept der totalen Institution, die von Christa und Thomas Fengler festgehaltenen Erfahrungen mit dem Krankenhausalltag und der von Christa erdachte Entwurf der „Territorien des Selbst“ sind die zentralen Ausgangspunkte des gewählten Zugangs. In der sich anschließenden empirischen Analyse werden die Betriebsabläufe, die Aktenlage, die Anlässe und Formen der Gewalt ausführlich analysiert. Wir finden Aussagen zur Gewalt in Gruppen, zur sexualisierten Gewalt, zum Bettnässen, zur Zwangsernährung, zu Fixierungen, zu Isolierungen, zum Medikamentengebrauch, zur Diagnose Schwachsinn und den Reaktionen auf die Gewaltanwendung und ihren langfristigen Folgen. Mit einer Zusammenfassung und Wertung ihrer Untersuchung beenden die Autoren diesen zentralen Teil ihrer Darstellung.

Allerdings gibt es für den Leser noch einen sehr wichtigen Anhang zu diesem ersten Kapitel: Es werden zahlreiche Fotos abgedruckt, die uns eine Vorstellung über das Anstaltsleben und die Jungen und Mädchen geben, die dort ihr Leben fristen mussten. Eine Vorbemerkung gibt uns Hinweise für die Betrachtung der aufschlussreichen Bildersammlung.

Annähernd 140 Seiten bietet das zweite Kapitel. Hier werden die Dokumente abgedruckt, die Aussagen über die administrativen, konzeptionellen, finanziellen und politischen Rahmenbedingungen des Stiftes gestatten. Es handelt sich auch um eine Fundgrube für eigene ergänzende oder überprüfende Fragestellungen und Auswertungen.

Das Schlusskapitel stellt uns 18 von insgesamt 19 Interviews in Passagen vor, die mit ehemaligen Patienten – sechs Frauen und dreizehn Männern- geführt wurden. Prinzipiell wird es damit dem Leser ermöglicht, zentrale Teile der Untersuchung mit ihren Schlussfolgerungen auf den Prüfstand zu stellen und hier und da auch zu anderen Ergebnissen zu kommen.

Ein keineswegs überbordendes Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Personenregister und ein Fotonachweis runden diese Veröffentlichung ab und machen sie für die wissenschaftliche Arbeit brauchbar.

Diskussion

Ein Ergebnis dieser Studie lautet: „Eine systematische Gewaltanwendung im Johannes-Stift lässt sich nicht nachweisen, doch offenbart die Analyse systemisch bedingte Gewaltverhältnisse auf verschiedenen Stationen.“ (103) Haben die Autoren hier einen Weg gesucht, den LWL als Träger ein wenig zu entlasten? Gewaltanwendung kann nicht auf einigen Stationen stattfinden, ohne das gesamte Umfeld und die Institution insgesamt sowie die Verhaltensweisen aller Beteiligten zu berühren, zu verändern und zu strukturieren. Gewalt strahlt aus und ist allgegenwärtig. Gewalt ist immer präsent, auch wenn sie nicht angewendet wird. Die medizinisch-psychiatrische Klinik Marsberg war eine Anstalt der Gewalt.

Fazit

Die Sensibilisierung für die Frage der Gewalt, ihrer Formen, Inhalte, Techniken und Ausstrahlungspotenziale, ist gerade für alle im sozialen Feld tätigen Berufe eine unerlässliche Notwendigkeit. Dabei geht es nicht nur um die Institution, ihr Personal und ihre Nutzer, sondern auch um die Sensibilität für das eigene gewaltförmige Handeln und Auftreten, also um die Selbstprüfung. Die vorliegende Studie deckt nicht nur Vergangenes auf, sondern ermöglicht auch eine Einsicht in die gegenwärtigen Probleme mit der Gewalt in unseren zahlreichen Kinder-und Jugendeinrichtungen. Daher empfehle ich dieses Buch zur aufmerksamen Lektüre.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 24.10.2018 zu: Franz-Werner Kersting, Hans-Walter Schmuhl: Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945-1980). Anstaltsalltag, individuelle Erinnerung, biographische Verarbeitung. Ardey-Verlag GmbH (Münster) 2018. ISBN 978-3-87023-405-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24704.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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