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Gerhard Benetka, Hans Werbik (Hrsg.): Die philosophischen und kulturellen Wurzeln der Psychologie

Cover Gerhard Benetka, Hans Werbik (Hrsg.): Die philosophischen und kulturellen Wurzeln der Psychologie. Traditionen in Europa, Indien und China. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. 330 Seiten. ISBN 978-3-8379-2746-7. D: 46,20 EUR, A: 46,20 EUR.

Reihe: Diskurse der Psychologie.
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Entstehungshintergrund

Die im vorliegenden Buch – zwischen „Einleitung“ und „Schlussdiskussion“ aus der Feder der Herausgeber – zu findenden 14 thematischen Buchteile „basieren auf Vorträgen, die an einer im September 2016 an der Fakultät für Psychologie an der Sigmund Freud PrivatUniversität [Wien] veranstalteten Tagung ‚Traditionelle Psychologie in Europa, Indien und Asien‘ präsentiert wurden. Ziel dieser Zusammenkunft von Philosophen und (Kultur)Psychologen war es, über alte Texte zu sprechen.“ (S. 7)

Thema

Nimmt man dies ernst, dann ist das faktische Thema des vorliegenden Buches: „Beiträge zur traditionellen Psychologie in Europa, Indien und Asien“. Das ist etwas ziemlich anderes als das, was der Titel verspricht. Ein Buch über DIE philosophischen und kulturellen Wurzeln DER Psychologie ist das Buch jedenfalls nicht.

Herausgeber

Die Herausgeber nehmen den möglichen Vorwurf der Irreführung billigend in Kauf, denn sie haben eine – in ihren Augen hehren – Mission: Kampf den Verderbnissen der neuzeitlichen „herrschenden Psychologie“. Was die Stoßrichtung ausmacht, ist seit 2016 bekannt. Die beiden Herausgeber waren zusammen Verfasser (Werbik & Benetka, 2016) des vor zwei Jahren im Psychosozial-Verlages erschienenen Buches „Kritik der Neuropsychologie. Eine Streitschrift“. Das Fazit der socialnet-Rezension dazu (Lind, 2017) lautet: „Die vorliegende Streitschrift kann als Ausdruck des Ringens zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zu Beginn des 21. Jahrhunderts verstanden werden. Obwohl die Autoren aus der Sicht des Rezensenten keine schlüssigen Argumente gegen eine Inkorporation der Psychologie in die Biologie vorbringen können, kann diese Arbeit Lesern mit den Interessenschwerpunkten Wissenschaftsgeschichte und Neurowissenschaften zur Lektüre empfohlen werden.“ Das ist in aller salomonischen Weisheit und Milde formuliert.

Gerhard Benetka, Jg. 1962, Studium der Psychologie, Geschichte und Soziologie an der Universität Wien, Mag. phil. (1989), Dr. phil. (1994), Habilitation für Psychologie (1998), Gastprofessuren für Psychologie an den österreichischen Universitäten Graz, Innsbruck, Klagenfurt und Wien sowie im Fürstentum Liechtenstein, FH-Professor am Joanneum Graz, heute Professor an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien.

Hans Werbik, Jg. 1941, war bis 2006 Inhaber des Lehrstuhls II des Instituts für Psychologie der Universität Erlangen-Nürnberg. Er wurde nach Studien der Psychologie, Philosophie und Musikwissenschaft an der Universität in Wien 1963 zum Dr. phil., arbeitete danach als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Psychologischen Institut der Universität in Tübingen, wo er 1969 habilitiert wurde. 1970 wechselte er als Wissenschaftlicher Rat an das Institut für Psychologie der Universität Erlangen-Nürnberg, wo er 1973 zum ordentlichen Professor berufen wurde.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält zwischen einem Anfangs- und Schlussteil aus der Feder der Herausgeber, 14 Buchteile. Die sind je eigenständig; sie bedürfen weder der Kenntnis anderer Kapitel noch verweisen sie auf andere, sie haben ein je separates Literaturverzeichnis und zum Abschluss jeweils einige Angaben zur Autorin bzw. zum Autor. Der Inhalt der Buchteile und deren „Spirit“ sind durch die jeweilige Überschrift hinreichend genug angedeutet. Aus welcher professionellen Perspektive ein Beitrag jeweils geschrieben wurde, ist durch entsprechenden Zusatz zum Namen der Autorin/des Autors markiert.

  • Aristoteles und die Seele als Entelechie 15 (Marcus Knaup, Philosoph)
  • Seneca. Lebenskunst und Politikberatung auf dem Weg zur Psychotherapie (Ralph Sichler, Psychologe)
  • Einsicht und Leidenschaft. Thomas von Aquin über die Gefühle des Menschen (Maximilian Forschner, Theologe und Philosoph)
  • Musik und Sprache in der Psychologie Johann Friedrich Herbarts. Methodologische Bemerkungen (Nadia Moro, Philosophin)
  • Ernst Heinrich Weber in der Kultur seiner Zeit (Horst-Peter Brauns, Psychologe)
  • Gustav Theodor Fechner. Psychophysik, Panpsychismus und „experimentale Ästhetik“ (Peter Zekert, „Wissenschaftlicher Kommunikationsreferent“, Jülich)
  • Zur Konzeption der Psychologie bei Hermann Lotze (Uwe Wolfradt, Psychologe und Ethnologe)
  • Franz Brentano – revisited. (Nach-)Wirkungen auf die Psychologie (Gerhard Benetka, Psychologe)
  • Carl Stumpfs Seelenbegriff (Margret Kaiser-el-Safti, psychoanalytische Psychologiehistorikerin)
  • Wilhelm Wundt. Zwischen Philosophie und Psychologie (Lars Allolio-Näcke, Religionspsychologe)
  • Edmund Husserls Psychologie in neuem Licht (Jagna Brudzi?ska, Psychologin, Philosophin)
  • Grundzüge indischer Psychologie. Buddhistische und hinduistische Beiträge (Pradeep Chakkarath, Kulturpsychologe)
  • Youwei und wuwei. Ein psychologischer Blick auf daoistische [taoistische] Handlungstheorien (Doris Weidemann, Professorin für Interkulturelles Training)
  • Schlüsselthemen chinesischer Kulturpsychologie (Gerlinde Gild, Sinologin)

Die 14 Kapitel sind gerahmt durch Ausführungen der Herausgeber. In der

Einführung erklären sie die Gründe für die Einladung zu oben erwähnter Tagung, deren Vortragstexte – ob nun in gleicher oder veränderter Gestalt, wird nicht benannt – im Buch zu finden sind.

„Wir wollten damit eine Gegenbewegung zur heute das Fach dominierenden neurowissenschaftlichen Psychologie anstoßen. Angesichts der fortschreitenden Unterwerfung der Psychologie unter die Neurowissenschaft tut – so glauben wir (Werbik & Benetka, 2016) – vor allem philosophische Besinnung not: Nur allzu deutlich geht die fortschreitende Selbstaufgabe des Faches, seine Auflösung in Kognitions- und Neurowissenschaft, mit seiner theoretischen Verarmung einher.“ (S. 8).

Für wie verkommen die Herausgeber die zeitgenössische Psychologie halten, bringen sie auch an anderen Stellen zum Ausdruck. So etwa, wenn sie in deren Tun „als eine zunehmende ‚Verwirtshäuselung‘ der Psychologie“ (S. 8) sehen und der Psycholog(inn)enschaft vorwerfen: „Tatsächlich sind viele Psychologen zu Handwerken verkommen, zu Handwerkern, wie Wundt sagte, ‚nicht der nützlichsten Gattung‘ (ebd., S. 24).“ Die Stellengabe bezieht sich auf Wilhelm Wundt (1913).

Das zweite Rahmenstück der Herausgeber trägt den Titel Schlussdiskussion. Deren wesentlicher Bestandteil besteht in der Erörterung dreier Fragen:

  1. „Was soll eigentlich damit gemeint sein, wenn wir in einem wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhang von ‚vergessenen‘ Denktraditionen und Wissensbeständen reden?
  2. Es ist mit dieser Rede vom ‚Vergessen‘ zumeist impliziert, dass dadurch für das Fach ein ‚Schaden‘ entsteht. An welche Art von ‚Schädigung‘ ist dabei zu denken?
  3. Wie soll bzw. wie kann die Psychologiegeschichte angemessen in Lehrbüchern und auch in Lehrplänen der Psychologie in Hinkunft vertreten werden.“ (S. 311)

Diskussion

Diese drei Fragen halte ich für sinnvoll und angemessen, nur fürchte ich: Vertreter(innen) der zeitgenössischen Psychologie werden sich mit den beiden Autoren darüber nicht ins Gespräch treten – dazu haben die zwei sie allzu gründlich verprellt.

Ob die im vorliegenden Buch versammelten Tagungsreferate geeignet sind als Munition für die Beschießung der zeitgenössischen Psychologie im Geiste der Herausgeber scheint mir mehr als fraglich. Das aber heißt, dass die Aufsätze nicht geeignet wären, den in der neueren Psychologie (auch) des deutschsprachigen Raumes zunehmend enger gewordenen Denk-, Sach- und Verstehenshorizont zu vergrößern: zur Seite und nach hinten.

Fazit

Die im vorliegenden Buch versammelten Fachbeiträge können je einzeln und ihrer Gesamtheit von Interesse sein für alle, denen der Denk-, Sach- und Verstehenshorizont der zeitgenössischen Psychologie zu eng ist. Was die Ausführungen der Herausgeber anbelangt, so ist die Einschätzung gespaltener: Ihre Sachaussagen, wie sie sich etwa in den drei oben aufgeworfenen Fragen spiegeln, erscheinen förderlich, ihre Polemiken gegen die zeitgenössische Psychologie und deren Vertreter(innen) kontraproduktiv.

Und eine Anmerkung noch: Wenn mir nach Kritik der „herrschenden“ Psychologie ist, dann ziehe ich Gewinn aus Verlautbarungen und Publikationen der Neuen Gesellschaft für Psychologie. Gesellschaft für Theorie und Praxis der Sozialwissenschaften (NGfP) (www.ngfp.de/). Etwa aus „Gesellschaftliche Spaltungen. Zur Wahrnehmung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit in Politik und Gesellschaft“ (Bruder & Bialluch, 2018; vgl. Heekerens, 2018).

Literatur

  • Bruder, K.-J. & Bialluch, C. (Hrsg.) (2018). Gesellschaftliche Spaltungen. Zur Wahrnehmung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit in Politik und Gesellschaft. Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Heekerens, H.-P. (2018). Rezension vom 23.05.2018 zu Bruder, K.-J. & Bialluch, C. (Hrsg.) (2018). Gesellschaftliche Spaltungen. Zur Wahrnehmung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit in Politik und Gesellschaft. Gießen: Psychosozial-Verlag. socialnet Rezensionen (online verfügbar unter www.socialnet.de/rezensionen/23813.php; letzter Zugriff am 30.10.2018).
  • Lind, S. (2017). Rezension vom 10.02.2017 zu Werbik, H. & Benetka, G. (2016). Kritik der Neuropsychologie. Eine Streitschrift. Gießen: Psychosozial-Verlag. socialnet Rezensionen (online verfügbar unter www.socialnet.de/rezensionen/21542.php; letzter Zugriff am 30.10.2018).
  • Werbik, H. & Benetka, G. (2016). Kritik der Neuropsychologie. Eine Streitschrift. Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Wundt, W. (1913). Die Psychologie im Kampf ums Dasein (2. Aufl.). Leipzig: Kröner (online verfügbar unter http://brittlebooks.library.illinois.edu; letzter Zugriff am 1.11.2018).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 13.11.2018 zu: Gerhard Benetka, Hans Werbik (Hrsg.): Die philosophischen und kulturellen Wurzeln der Psychologie. Traditionen in Europa, Indien und China. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. ISBN 978-3-8379-2746-7. Reihe: Diskurse der Psychologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24708.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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