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Simone Scherger, Claudia Vogel: Arbeit im Alter

Cover Simone Scherger, Claudia Vogel: Arbeit im Alter. Zur Bedeutung bezahlter und unbezahlter Tätigkeiten in der Lebensphase Ruhestand. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 295 Seiten. ISBN 978-3-658-18198-7. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Das Buch bietet Beiträge zu wichtigen Fragen eines sehr aktuellen Themas. Unstrittig ist, dass heute Menschen im Rentenalter in vielfältiger Weise aktiv sind. Sie engagieren sich ehrenamtlich und/oder sind weiterhin erwerbstätig. Die Herausgeberinnen haben in ihrem Band Beiträge aufgenommen, die sich mit unterschiedlichen Aspekten bezahlter und unbezahlter Tätigkeiten in der Lebensphase Ruhestand auseinandersetzen. Die Autoren und Autorinnen reflektieren die gesellschaftlichen Debatten um Erwerbstätigkeit und freiwilliges Engagement im Alter, präsentieren Befunde eigener Forschungsprojekte und geben Impulse für die Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen. Das Buch bietet einen guten Einblick in den Stand der Diskussion dieses noch jungen Forschungsfeldes.

Mein Kontext beim Lesen des Buches ist die praxisreflektierende und -begleitende Auseinandersetzung mit dem Thema Erwerbstätigkeit im Alter mit der Perspektive des externen Beraters. In dieser Rolle begleite ich das bislang bundesweit einzige Modellprojekt einer kommunalen Vermittlungsstelle für Seniorenjobs in Rheinland-Pfalz. Vergleichbare Initiativen in Städten oder Landkreisen sind bisher nicht zuletzt daran gescheitert, dass die sozialpolitische Relevanz des Themas sehr unterschiedlich eingeschätzt wird. Was auch mit der unzureichenden Datenlage zu tun hat. Deshalb ist dieses Buch nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs interessant. Auch politische GestalterInnen, Initiativen und MacherInnen in Städten und Gemeinden können die Arbeiten der WissenschaftlerInnen sehr gut nutzen.

AutorInnen

Die AutorInnen setzen sich an Hochschulen und außeruniversitären Institutionen mit den vielfältigen Fragen zum Thema Altern und Gesellschaft auseinander.

  • Simone Scherger/Steffen Hagemann/Anna Hokema/Thomas Lux beschreiben in vier Beiträgen Ergebnisse der Emmy-Noether-Nachwuchsforschungsgruppe „Erwerbsarbeit jenseits der Rentengrenze in Deutschland und Großbritannien“. Von 2010 bis 2017 war diese am SOCIUM - Forschungszentrum für Ungleichheit und Sozialpolitik an der Universität Bremen angesiedelt.
  • Jutta Schmitz berichtet über Ergebnisse ihres Projektes „Erwerbstätigkeit trotz Rente? Beschäftigte, Betriebe und Alterssicherung“ (2012-2015) am Institut für Arbeit und Qualifikation(IAQ) an der Universität Duisburg/Essen.
  • Andreas Mergenthaler verarbeitet in seinem Beitrag Ergebnisse des Lebensphasen-Survey „Transitions and Old Age Potential: Übergänge und Alternspotenziale“ (TOP), der seit 2011 am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung(BiB) durchgeführt wird.
  • Die Beiträge über freiwilliges ehrenamtliches Engagement in der nachberuflichen Lebensphase verarbeiten Studienergebnisse über den Einfluss erwerbsbiographischer, regionaler und sozialstruktureller Aspekte von Susanne Maurer (Einfluss der früheren Erwerbstätigkeit) und Julia Simonson/Claudia Vogel (Regionale und sozialstrukturelle Aspekte).
  • Belit Saka untersucht den Einfluss der Kohortenzugehörigkeit auf das ehrenamtliche Engagement.
  • Ergebnisse des Projektes BUSLAR Bürgerhilfevereine und Sozialgenossenschaften als Partner der Daseinsvorsorge (2014-2017) werden von Monika Alisch, Martina Ritter, Roger Glaser und Yvonne Rubin (Hochschule Fulda) präsentiert.

Entstehungshintergrund

Der Band enthält, so die Herausgeberinnen, vor allem Beiträge der Frühjahrs- und Herbsttagung 2015 der Sektion Alter(n) und Gesellschaft in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Diese Tagungen thematisierten die vielfältigen Aspekte der Debatte um Potenziale und Produktivität im Alter, um Arbeit jenseits der Rentengrenze (so der Titel der Herbsttagung). Die Herausgeberinnen wollen, so der Klappentext, mit ihrer Veröffentlichung den Trend der zunehmenden Arbeit nach Renteneintritt sozialwissenschaftlich fundiert und kritisch reflektieren.

Aufbau

Die Herausgeberinnen entfalten in ihrer ausführlichen Einleitung die vielfältigen Aspekte des Themas und skizzieren die Inhalte der einzelnen Beiträge. Sie weisen gleich zu Beginn darauf hin, dass ein institutionalisierter erwerbsarbeitsfreier Ruhestand noch eine relativ junge wohlfahrtsstaatliche Errungenschaft ist. Erst nach dem 2. Weltkrieg hatte eine Mehrheit der Menschen die Möglichkeit eines arbeitsfreien Ruhestandes. In dem Abschnitt Alter und Arbeit werden die Veränderungen in den 80-iger und 90-iger Jahren im Rentensystem, in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik skizziert. Die sich daran anschließenden kurzen Ausführungen zur bezahlten Arbeit jenseits der Rentengrenze geben einen ersten Einblick in die aktuelle Situation.

Die Vorstellung und Einordnung der einzelnen Beiträge der AutorInnen ist so geschrieben, dass sie für eilige InteressenInnen als orientierende Zusammenfassung des Buches gelesen und genutzt werden kann.

  • In den ersten vier Beiträgen werden gesellschaftlichen Debatten um Erwerbsarbeit und Aktivitäten im Rentenalter reflektiert.
  • Zwei Beiträge beleuchten Gemeinsamkeiten und Besonderheiten des Themas im Ländervergleich Deutschland und Großbritannien.
  • Die letzten vier Aufsätze setzen sich mit unterschiedlichen Aspekten der ehrenamtlichen Tätigkeit in der nachberuflichen Lebensphase auseinander.

Der Verlag bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Die Menschen sollen wollen können, aber nicht müssen“. In diesem programmatisch anmutenden Titel des einführenden Beitrages von Steffen Hagemann (Universität Bremen) und Simone Scherger (Universität Bremen) wird sehr treffend die Ambivalenz des Themas deutlich. Sie berichten von den Ergebnissen einer Reihe von Interviews mit sozialpolitischen AkteurInnen (Parteien, Ministerien, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Interessenverbände betrieblicher und privater Altersvorsorge, Non-Profit-Organisationen) zu Erwerbstätigkeit im Rentenalter in Deutschland und Großbritannien. Die Bewertung zunehmender Erwerbstätigkeit in der Lebensphase Ruhestand wird, so die Autoren, wesentlich von den jeweiligen Ruhestandskonzepten bestimmt. „Wer den Ruhestand deutlicher als erwerbsarbeitsfrei konzeptualisiert, sieht Erwerbsarbeit jenseits der Rentengrenze kritischer“ (46). In den Ausführungen werde deutlich, dass sich die Argumentionsmuster der Rentenreformbefürworter (Kosteneingrenzung staatlich organisierter Alterssicherung, Verlängerung der Lebensarbeitszeit, Aktivierung des Alters) und ihrer Kritiker (nicht jeder/jede kann länger arbeiten, zunehmende Einkommensungleichheiten und Ungerechtigkeiten) in den beiden Ländern sehr ähneln. In der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die zukünftige Gestaltung der Alterns- und Rentenpolitik spiele allerdings die jeweilige Wohlfahrtstradition eine wichtige Rolle. Hagemann/Scherger halten eine „relative Annäherung“ der deutschen Verhältnisse an die britische Tradition, die sich an dem Primat der Armutsvermeidung orientiert, für wahrscheinlich. Erwerbstätigkeit im Rentenalter werde in diesem Konzept als zusätzliche Form der „Alterssicherung“ gesehen und wohl auch eher akzeptiert.

Reinhard Messerschmidt, seit 2017 als Sozialwissenschaftler in der Geschäftsstelle Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen tätig, beschreibt in seinem Beitrag „Altersaktivierungsdiskurse in deutschen Massenmedien – auf dem Weg zur Abschaffung des Alter(n)s?“ die Ergebnisse seiner Medienanalyse für den Zeitraum 2000 bis 2013. Seine Ausführungen dokumentieren einen Wandel der Altern(s)bilder in der medialen Diskussion vom „ruheständigen Alten“ zur „Republik der Rentner“ hin zu „explizit aktivierenden Konzepten wie aktivem Altern, Erhöhung des Anteils älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und ‚lebenslangem Lernen‘“ (63). In Anlehnung an den in München lehrenden Soziologen Prof. Lessenich sieht er darin Bestandteile einer „neosozialen Aktivgesellschaft“ (Lessenich), in welcher soziale Verantwortung individualisiert wird (63) und „deren Imperative darauf zielen, das letzte Quäntchen Produktivität aus Menschen herauszupressen“(67). Die „sozialen Ungleichheiten in der Lebenserwartung“(70) würden in der Diskussion nicht thematisiert, vielmehr werde (mit Lessenich) „suggeriert, dass die Altersstruktur den Charakter einer Gesellschaft prägt und dass ein Wandel im Altersaufbau zwangsläufig auch das Wesen des Sozialen verändert“ (71). Gefragt seinen die „jungen, produktiven Alten“, von ihnen werde erwartet, dass sie sich am Arbeitsmarkt einbringen und ihre Fähigkeiten der Gesellschaft in Form des freiwilligen ehrenamtlichen Engagements zur Verfügung stellen. In diesem Bild werde, so Lessenich, das „alte Alter“ oder einfach das Alter negiert (71). Wenn dann noch über Euthanasie und Sterbehilfe nachgedacht würde, wie vom Autor dargelegt, sei die „Negation des Lebens“ auch im massenmedialen Diskurs angekommen (72).

Harald Künemund (Universität Vechta) und Claudia Vogel (Deutsches Zentrum für Altersfragen) reflektieren in ihrem Beitrag „Altersgrenzen – theoretische Überlegungen und empirische Befunde zur Beendigung von Erwerbsarbeit und Ehrenamt“ die Funktionen von Altersgrenzen. Diese „strukturieren Lebensläufe gesellschaftlich“ (76). Die Autorin/der Autor beschreiben die Schutz-, Orientierungs-, Legitimations-, Rationalisierungs- und Disziplinierungsfunktion von Altersgrenzen. Sie machen darauf aufmerksam, dass Veränderungen der Altersgrenzen multidimensional zu betrachten sind. Sie weisen darauf hin, dass die „Konsequenzen dieser Veränderungen der Altersgrenzen jenseits der intendierten Entlastungseffekte in der Sozialversicherung oder der Nutzung von Erfahrungswissen noch kaum in den Blick geraten sind“ (87). Sie vermuten, dass eine Anhebung des Rentenalters „neue soziale Ungleichheiten mit sich bringt“ (87) und „bestehende soziale Ungleichheiten stärker konturiert werden“ (87). Eine Empfehlung können sie nicht geben. Vielmehr plädieren sie dafür, „jede Veränderung, Einführung oder Abschaffung einer Altersgrenze spezifisch zu durchdenken, wobei sozialen Ungleichheiten eine besondere Aufmerksamkeit zukommen sollte“ (93).

Jutta Schmitz (Universität Duisburg/Essen) legt in ihrem Beitrag „Erwerbstätigkeit im Rentenalter – sozialpolitische Probleme und Implikationen“ Ergebnisse ihres Projektes „Erwerbstätigkeit trotz Rente? Beschäftigte, Betriebe und Alterssicherung“ am Institut für Arbeit und Qualifikation(IAQ) vor. Dieser Aufsatz bietet viel empirisches Material zu Umfang, Struktur und Motivlage der Erwerbstätigkeit von RenterInnen. Es wird deutlich, so die Autorin, dass die Beschäftigten besondere Anforderungen an die Jobs nach der Rente stellen. Die materiellen und immateriellen Motive werden differenziert beschrieben (102), verbunden mit dem wichtigen Hinweis, dass „eindimensionale Annahmen (wie ‚höher Qualifizierte arbeiten aus Spaß an der Arbeit‘)“ zu kurz greifen. Zu den zentralen Anforderungen an einen Job nach der Rente zählen ein „begrenztes Arbeitsvolumen, im Idealfall eine freie Zeiteinteilung und gute Vereinbarkeit mit der Freizeit sowie eine autonome Aufgabeneinteilung“ (102). Teilzeit- und Minijobs sind deshalb sehr verbreitet. Rund 80 % der erwerbstätigen Rentnerinnen und Rentner arbeiten im Durchschnitt 15 Stunden in der Woche (103). Jutta Schmitz hat auch die Unternehmensperspektive untersucht und dazu fünf Betriebsfallstudien durchgeführt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Unternehmen RenterInnen als zuverlässige Gelegenheitsarbeitskräfte (104) schätzen, die als bekanntes Gesicht die Kundenbindung fördern (105). Eine nachhaltige Lösung der Nachwuchsprobleme oder des Fachkräftebedarfs könne davon aber nicht erwartet werden, weil „Bedarfe an Arbeitskräften und die Erwerbspräferenzen der Rentnerinnen und Rentner nicht deckungsgleich sind“ (120). Die institutionellen Rahmenbedingungen von Erwerbstätigkeit im Rentenalter werden im Kapitel 3 ausführlich dargestellt, im Kapitel 4 wird die politische und wissenschaftliche Diskussion der Regelungssysteme reflektiert. Aus Sicht der Autorin verschärft bzw. verstärkt Erwerbstätigkeit im Rentenalter soziale Ungleichheit im Alter, weil sie „jene begünstigen, die über überdurchschnittlich hohe Qualifikationen und einen guten Gesundheitszustand verfügen“ (113). Sie spricht von einer „Tendenz zur sozialen Polarisierung im Alter“ (120). So müsse auch darauf geachtet werden, dass in den Betrieben kein Lohndumping durch freie Mitarbeit von RentnerInnen stattfindet.

Andreas Mergenthaler (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung) gibt in seinem Beitrag „Kontinuierliche Diskontinuität? Beschäftigungsstabilität im ehemaligen Beruf und Erwerbstätigkeit jenseits der Regelaltersgrenze“ einen Einblick in Ergebnisse des Lebensphasen-Survey „Transitions and Old Age Potenzial: Übergänge und Alternspotenziale“ (TOP). Mergenthaler fragt nach den Gründen für eine Erwerbstätigkeit im Rentenalter. Er nimmt eine lebenslaufbezogene Perspektive ein, die „Merkmale der früheren Erwerbskarriere als Prädiktoren einer fortgeführten Arbeitsmarktbeteiligung im Alter zwischen 65 und 70 Jahren berücksichtigt“ (143). Seine Ausführungen zeigen, dass diskontinuierliche Erwerbsbiographien mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze fortgeführt werden. Für den Autor ist eine „Pfadabhängigkeit der Erwerbsbeteiligung im späten Erwachsenenalter“(143) erkennbar. Instabile Beschäftigungsverhältnisse führten zu einer De-Standardisierung von Erwerbsbiographien und einer „Entgrenzung der Erwerbsbeteiligung …im Sinne einer kontinuierlichen Diskontinuität“ (144).

Anna Hokema, ebenfallsMitglied der Emmy Noether-Gruppe an der Universität Bremen, hat Interviews mit erwerbstätigen Renterinnen und Rentnern in Deutschland und Großbritannien zu deren Selbstverständnis geführt und daraus eine Typologie entwickelt. In ihrem Beitrag „Erwerbstätige Rentner oder ältere Erwerbstätige?“ werden die Typen (Typ 1: Erwerbstätige RenterInnen, Typ 2 „Ältere Erwerbstätige“; Typ 3 „NebenjobberInnen“) und ihre Merkmale ausführlich beschrieben und mit Bezug zur Lebenslauf- und Biographieforschung diskutiert. Die Typologie macht deutlich, wie unterschiedlich die „Statuspassage des Rentenübergangs“ (149) gestaltet und erlebt wird.

Thomas Lux (Humboldt-Universität zu Berlin) und Simone Scherer (Universität Bremen) haben die „Auswirkungen von Erwerbstätigkeit im Rentenalter auf Lebenszufriedenheit und subjektive Gesundheit“ untersucht. Sie skizzieren in ihrem Beitrag den Forschungsstand und beschreiben ihre eigenen Studien über „Auswirkungen der Erwerbsaufnahme im Alter von 65 bis 75 Jahren“. Die Ergebnisse zeigen, so der Autor und die Autorin, dass die Lebenszufriedenheit der Menschen, die nach dem Eintritt in den Ruhestand wieder Erwerbstätig werden, zunimmt. Solche Effekte sind auch aus dem freiwilligen ehrenamtlichen Engagement bekannt. Lux/Scherger weisen aber auch darauf hin, dass das nur dann der Fall zu sein scheint, „wenn die jeweilige Erwerbsarbeit…als gut bewertet und nicht primär aus finanziellen Gründen ausgeübt wurde“ (190). Sie halten es für wahrscheinlich, dass bei einer wachsenden Notwendigkeit des Zuverdienstes in der nachberuflichen Lebensphase diese „bisher festgestellten …positiven Effekte einer Erwerbstätigkeit im Rentenalter in Zukunft (sich) abschwächen der gar umkehren“ (190). Wünschenswert seien deshalb „sozialpolitische Interventionen, …die Renterinnen und Rentnern das Arbeiten in guten Jobs ermöglichen“ (191), aber auch diejenigen älteren Menschen, die nicht arbeiten können oder wollen nicht benachteiligen.

Susanne Maurer (Zentrum für Flüchtlingshilfen und Migrationsdienste), Julia Simonson (DZA) und Claudia Vogel (DZA) untersuchen in zwei Beiträgen erwerbsbiographische, regionale und sozialstrukturelle Aspekte freiwilligen Engagements im Ruhestand. Wenn man mit Vogel davon ausgeht, dass „freiwilliges Engagement eine wichtige Facette sozialer Teilhabe ist“ (217), zeigen Maurer („Der Einfluss der früheren Erwerbstätigkeit auf freiwilliges Engagement im Ruhestand“) und Simonson/Vogel („Regionale und sozialstrukturelle Aspekte freiwilligen Engagements im Alter“), dass dieses gesellschaftspolitische Ziel bislang erst sehr eingeschränkt erreicht wird. Vielmehr sei zu konstatieren, dass Zugänge zum Ehrenamt sozial ungleich verteilt sind (212/220). Maurer zeigt z.B., dass „Kompetenzen und Rollen in Erwerbstätigkeit und Ehrenamt (sich) ähneln und höher qualifizierte Ehrenamtliche von Organisationen präferiert werden“ (211). Die Befunde zeigen auch, dass armutsgefährdete Personen sich seltener engagieren als einkommensreiche Menschen (208). Nach Simonson/Vogel „kumulieren nachteilige Effekte, wenn begrenzte individuelle Ressourcen und schlechte regionale Rahmenbedingungen zusammentreffen“. (238) „Soziale Ungleichheiten in Partizipationsmöglichkeiten werden im freiwilligen Engagement nicht verringert“, so Maurer in ihrem Fazit, „sondern um eine zusätzliche Dimension erweitert und damit potenziell verstärkt“ (212).

Monika Alisch, Martina Ritter, Roger Glaser und Yvonne Rubin (Hochschule Fulda) beschreiben in ihrem Aufsatz „Engagement im Bürgerhilfeverein als Balanceakt zwischen sinnvoller Freizeitgestaltung, sozialer Teilhabe und Selbstprofessionalisierung“ Ergebnisse ihres mehrjährigen Projektes BUSLAR Bürgerhilfevereine und Sozialgenossenschaften als Partner der Daseinsvorsorge (2014-2017). Deutlich wird, dass freiwilliges Engagement unterschiedliche „Spannungslinien“ (249) balancieren muss. Die Autorinnen und der Autor untersuchen die Interessen der unterschiedlichen Akteure und kommen zu dem Ergebnis, dass Bürgerhilfeangebote wegen der Abhängigkeit der Leistungen von Zeit, Wünschen, Bereitschaft und Lebenssituation der ehrenamtlichen Akteure kaum mit den verpflichtenden Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge zusammengebracht werden können (265).

Diskussion

Das Buch ist wichtig für die wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Diskussion, weil umfangreiche und vielfältige Ergebnisse aus einem noch jungen Forschungsfeld vorlegt werden. Wenn Menschen in der nachberuflichen Lebensphase weiter arbeiten und/oder sich freiwillig engagieren, tun sie das auch vielen Gründen. Diese Vielfalt wird in den Beiträgen sehr gut sichtbar. Deutlich wird auch, dass Arbeit auch im Alter voraussetzungsvoll ist. Unabhängig davon, ob es sich um eine Erwerbstätigkeit oder die Mitarbeit in einem Bürgerhilfeverein handelt. Vieles spricht dafür, von einer „Tendenz zur sozialen Polarisierung im Alter“ (Jutta Schmitz) zu sprechen und über „(sozial)politische Interventionen“ nachzudenken, damit nicht massive individuelle und gesellschaftliche Problemlagen entstehen. Erste Initiativen in Städten und Gemeinden setzen dieses Thema auf die Agenda einer kommunalen Demographiepolitik. Auf dieser Ebene können Konzepte entwickelt und umgesetzt werden, die für die vielfältigen Facetten des Themas sensibilisieren und Raum für Experimente bieten. Klar ist aber, und das zeigen auch die Beiträge in dieser Veröffentlichung, dass die Auseinandersetzung über Arbeit im Alter eine Aufgabe in allen politischen Gestaltungsfeldern sein muss.

Fazit

Die Herausgeberinnen haben ein Buch vorgelegt, welches das bedeutsamer werdende Thema Arbeit im Alter aus sozialwissenschaftlicher Perspektive auf der Grundlage von wissenschaftlichen Befunden reflektiert. Bemerkenswert an diesem Band ist die Fülle der empirischen Daten, die teilweise auch im länderspezifischen Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien gespiegelt werden. Arbeit im Alter wird nicht nur auf bezahlte Tätigkeit fokussiert. Auch unbezahlte Tätigkeit im Rahmen des freiwilligen ehrenamtlichen Engagements wird in den Blick genommen. Deutlich wird, dass Arbeit im Rentenalter sehr voraussetzungsvoll ist. Erwerbsbiographische, regionale und sozialstrukturelle Faktoren gestalten die Zugänge zu Jobs und zu ehrenamtlicher Tätigkeit. Damit können vielfältige neue Chancen, aber auch eine Fortsetzung oder gar Verschärfung sozialer Problemlagen verbunden sein. „Menschen sollen wollen können, aber nicht müssen“: Diese Formulierung bringt die ganze Vielschichtigkeit des Themas auf den Punkt.


Rezensent
Hanswalter Bohlander
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Zitiervorschlag
Hanswalter Bohlander. Rezension vom 07.11.2018 zu: Simone Scherger, Claudia Vogel: Arbeit im Alter. Zur Bedeutung bezahlter und unbezahlter Tätigkeiten in der Lebensphase Ruhestand. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-18198-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24711.php, Datum des Zugriffs 24.03.2019.


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ISSN 2190-9245

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