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Wiebke Falk: Deinstitutiona­lisieren durch organisationalen Wandel

Cover Wiebke Falk: Deinstitutionalisieren durch organisationalen Wandel. Selbstbestimmung und Teilhabe behinderter Menschen als Herausforderung für Veränderungsprozesse in Organisationen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. 254 Seiten. ISBN 978-3-7815-2098-1. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.

Reihe: Klinkhardt Forschung.
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Thema

Vor dem Hintergrund, dass Selbstbestimmung und Teilhabe schon seit 2001 Zielbestimmungen des IX Sozialhilfegesetzes sind, bezieht sich die Autorin auf die notwendigen Reformen der wohnbezogenen Dienste für Menschen mit Behinderung, um ein Mehr an Teilhabe und Selbstbestimmung zu gewährleisten. Wiebke Falk geht der Frage nach, inwiefern eine notwendige Deinstitutionalisierung mittels organisationalen Wandels zu realisieren ist.

Anhand einer empirischen Studie über die Dezentralisierung und Regionalisierung einer Groß- und Komplexeinrichtung geht die Autorin der Frage nach, wie Deinstitutionalisierung realisiert werden kann.

Autorin

Wiebke Falk war als Heilpädagogin und Systemische Beraterin im Integrationsfachdienst tätig. Seit 2010 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ev. Hochschule Darmstadt im Bereich der integrativen Heilpädagogik lehrend und forschend tätig. Sie widmet sich schwerpunktmäßig den Themen: Selbstbestimmung und Teilhabe im Bereich des Wohnens, der Arbeit und Freizeit, beschäftigt sich mit Organisation und Institution in der Behindertenhilfe und der Theorie der Heilpädagogik.

Im Jahr 2015 promovierte sie an der Universität Siegen an der Fakultät für Bildung, Architektur und Künste.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die Dissertation von Wiebke Falk, die 2015 an der Universität Siegen angenommen wurde.

Aufbau und Einleitung

Die Arbeit ist vierteilig aufgebaut und in die Teile A – D gegliedert.

  1. Dabei werden in Teil A die Begründungszusammenhänge skizziert. Dies geschieht, indem vor dem Hintergrund der Anstaltskritik normative und fachliche Anforderungen an wohnbezogene Dienste der Behindertenhilfe dargelegt werden, um abschließend anhand empirischer Daten die derzeitige Einrichtungslandschaft zu skizzieren und Veränderungen wohnbezogener Dienste nachzuvollziehen.

  2. In Teil B liefert FrauFalk die Erklärungszusammenhänge der Deinstitutionalisierungsthematik, indem sie den heilpädagogischen und organisations- bzw. institutionssoziologischen Fachdiskurs aufgreift und ein Verständnis von Institution auf der einen und Deinstitutionalisierung auf der anderen Seite entwickelt.

  3. Teil C greift dann die Frage der Realisierung von Deinstitutionalisierung auf, indem an einer empirischen, qualitativen Untersuchung der Deinstitutionalisierungsprozess einer Groß- und Komplexeinrichtung nachvollzogen wird.

  4. Teil D beantwortet dann die Fragestellung der Arbeit indem Schlussfolgerungen gezogen werden, wie Veränderungsprozesse zu gestalten sind.

Frau Falk umreist in ihrer Einleitung den Hintergrund ihrer Arbeit, formuliert zentrale Forschungsfragen, ordnet diese in den Fachdiskurs ein und vermittelt in der Vorstellung ihres viergliedrigen Aufbaus gleichzeitig eine klare inhaltliche Struktur.

Zu Teil A

In Teil A stellt die Autorin die Begründungszusammenhänge der Thematik dar.

Als grundlegend behandelt sie im Kapitel 1 die Anstaltskritik, welche sich in Deutschland erst in den 1970er Jahren etablierte, während sie durch Goffman und Wolfensberger in Nordamerika und durch die Normalisierungsbewegung in Skandinavien schon in den 50er Jahren begann. Die 1975 veröffentlichten Empfehlungen der Psychiatrie Enquete, die aus einer Untersuchung zur Lage der Psychiatrie hervorgegangen sind, wurden in Deutschland Anstoß zur Anstaltskritik und für Forderungen nach Veränderungen auch im Bereich der sogenannten Behindertenhilfe. Diese Kritik an Institutionen ist eng verbunden mit den Erkenntnissen Goffmans zur „totalen Institution“. Unter Rückbezug auf Goffman, Jantzen, Basaglia u.a. macht die Autorin deutlich, dass Leben in Institutionen für die Menschen bedeutet: sozialen Ausschluss zu erleben, Macht und Gewalt zu erfahren sowie durch Institutionen als „behindert“ konstruiert zu werden.

Aus diesen Überlegungen heraus ergeben sich für Kapitel 2 normative und fachliche Anforderungen an die Wohndienste der Behindertenhilfe. Wiebke Falk beschreibt, dass aus dem „Anspruch der Inklusion heraus die Leitgedanken der Selbstbestimmung und der Teilhabe fachlich bedeutsam werden“. Zusammenfassend stellt für Falk die UN-BRK in Bezug auf das Wohnen die wichtigste Norm zur Begründung von Deinstitutionalisierung dar, aus der sich eine Forderung nach Selbstbestimmung und Teilhabe als Recht ableiten lässt. An den Inklusionsbegriff anschließend setzt sich Falkmit verschiedenen Aspekten der Forderung nach Selbstbestimmung und Teilhabe auseinander, um abschließend eine Veränderung von der Organisationsorientierung hin zur Orientierung an der Person und am Sozialraum zu skizzieren.

In Kapitel 3 zeigt Falkanhand empirischer Daten die derzeitige Einrichtungslandschaft auf und macht Veränderungen wohnbezogener Dienste nachvollziehbar. Dabei weist sie auf eine unzureichende Datenlage hin und verdeutlicht, dass die wesentlichen Kritikpunkte von Institutionen weniger formale als vielmehr soziale Aspekte sind. Anhand aktueller wird bestätigt, dass Mechanismen, die Merkmale „totaler Institutionen“ aufweisen Beharrungstendenzen haben und nicht allein durch die Änderungen äußerer Merkmale bspw. Des Merkmals „stationär“ vs. „ambulant“ verändert oder abgeschafft werden.

Zu Teil B

In Teil B widmet sich Falk den Erklärungszusammenhängen der Deinstitutionalisierungsthematik indem sie in Kapitel 4 das Verständnis von Institutionen und Deinstitutionalisierung im heilpädagogischen Fachdiskurs beleuchtet und dabei unterschiedliche Verständnisse herausarbeitet. Es wird deutlich, dass in den letzten Jahren zunehmend soziologische Grundfragen in die Diskussionen einbezogen werden und damit Machtverhältnisse, ideelle und reflexive Aspekte von Institution und Deinstitutionalisierung vermehrt Aufmerksamkeit erlangen. Falk macht deutlich, dass der Begriff der Institution zentral ist, um die Wirkweise von Diensten und Einrichtungen der Behindertenhilfe zu erklären und dementsprechend Deinstitutionalisierung geeignet ist, um Veränderungsprozesse zu beschreiben, die normativen und fachlichen Anforderungen zu erfüllen. Offen bleibt an dieser Stelle jedoch die Konkretisierung und Operationalisierung des Deinstitutionalisierungsverständnisses um konkrete Schlussfolgerungen für die Gestaltung von Veränderungsprozessen ableiten zu können.

In Kapitel 5 werden die Begriffe Institution, Organisation und deren Wandel aus institutionssoziologischer Perspektive beleuchtet. Dabei wählt Falk den Neoinstitutionalismus als Theorieansatz und begründet dies u.a. damit, dass dieser eine Grundlage bietet, um mit subjektivistischen Methoden zu forschen. Im Anschluss an die Darstellung von Institution und Organisation im Neoinstitutionalismus beschreibt die Autorin den Wandel der Institutionalisierung und Deinstitutionalisierung um die Grundlagen abschließend auf das Feld der Behindertenhilfe zu übertragen. Es wird deutlich, dass sehr viele Felder der Behindertenhilfe als Institutionen zu bezeichnen sind. Falk ist wichtig zu betonen, was Institutionen ihres Erachtens tatsächlich zu Institutionen macht: „Es handelt sich um soziale Übereinkünfte, um Regeln, Normen und Auffassungen, die auf gesellschaftliche Aushandlungsprozesse gründen und sich als Handlungsskripte manifestieren, die von AkteurInnen als RollenträgerInnen umgesetzt werden.“

Zu Teil C

In Teil C beschreibt Wiebke Falk sehr umfassend die methodologischen Überlegungen und Vorgehensweisen des empirischen Teils der Arbeit und stellt die Ergebnisse der Erhebung vor (Kapitel 6). Frau Falk geht hierbei sehr ausführlich und stringent vor, sodass das Forschungsvorgehen und dessen zugrundeliegende Annahmen, die in der qualitativen Sozialforschung und konkret in der Teilhabeforschung und Grounded Theory liegen, sehr gut nachvollzogen werden können.

Die Ergebnisdarstellung erfolgt in Kapitel 7 anhand einer Nachzeichnung von Veränderungsprozessen hinsichtlich der Dezentralisierung und Regionalisierung. Dabei thematisiert Falk Ergebnisse bezüglich des Anlasses und der Zielsetzung als ersten Schritt, In einem zweiten Schritt werden Veränderungen der Organisationsstruktur detailliert aufgezeigt und die Vermittlung der normativen Ziele (Normalisierung, Selbstständigkeit, Selbstbestimmung, Orientierung an der Person, Integration, Orientierung am Sozialraum) an BewohnerInnen und MitarbeiterInnen beschrieben. Abschließend werden im Ergebnisteil daraus Auswirkungen beschrieben, die mit diesen Veränderungsprozessen einhergehen. So sind bspw. Bewusstseinsveränderung bei den MitarbeiterInnen, welche die neuen normativen Ziele verinnerlichen und sich somit auch Veränderungen in Handeln nachvollzogen werden können.

Zu Teil D

Abschließend arbeitet die Autorin in Teil D Schlüsselelemente eines Deinstitutionalisierungsprozesses durch organisationalen Wandels heraus, die dazu beitragen, den normativen Zielen der Selbstbestimmung und Teilhabe näher zu kommen. Dabei wird ersichtlich, dass eigenes Denken und Handeln sowie vorhandene Strukturen in Frage gestellt werden müssen und die anschließende Vermittlung von Gründen und Zielen ebenso bedeutsam ist wie die Veränderung der Organisationsstrukturen. Darauf folgend bedarf es einer Reflexion dieser Veränderungsprozesse, um gleichermaßen wieder neu vorhandene Strukturen in Frage zu stellen und Veränderungsprozesse in Gang zu setzen.

Wiebke Falk stellt abschließend als bedeutendsten Aspekt heraus, dass die Infragestellung von unhinterfragten und verhärteten eigenen Denkstrukturen, Handlungsmustern und bestehender Organisationsstrukturen die Grundlage dafür ist, Veränderungen auszulösen. „Der Charakter des Selbstverständlichen ist aufzubrechen.“

Diskussion

Die Darstellungen von Frau Falksind sehr umfassend und komprimiert. Dies führt zum Teil für weniger fachversierte Leser zu Verstehensschwierigkeiten. Weshalb sich das Buch m.E. primär für Leserinnen und Leser im akademischen Raum eignet, die sich im Vorfeld mit organisations- und institutionssoziologischen Themen vertraut gemacht haben. Der Fülle an theoretisch sehr fundierten Ausarbeitungen kommt sehr zugute, dass die Autorin an vielen Stellen aussagekräftige Zusammenfassungen einsetzt, um die bedeutsamsten Erkenntnisse für die Weiterarbeit zusammenzutragen und nutzbar zu machen.

Schlussendlich stellt Frau Falk jedoch sehr eindrücklich dar, dass nicht die verhärteten Strukturen selbst das Problem von Institutionen sind, sondern dass es vielmehr die eingefahrenen und unhinterfragten sozialen Übereinkünfte, Regeln, Normen und Auffassungen sind, die dazu führen, dass Handlungsmuster beibehalten werden, welche Institutionen charakterisieren und deren Strukturen festigen.

Dennoch bleibt offen, wie die Veränderungsprozesse der Organisation und Deinstitutionalisierung aus NutzerInnenperspektive zu beschreiben sind. Dass diese Frage nur ganz am Rand mitberücksichtigt wird, ist schade, wenngleich die Autorin selbst den Bedarf an einer Weiterentwicklung von Forschungsmethoden für den Personenkreis anmerkt.

Fazit

Wiebke Falk beschreibt in ihrem Theorieteil die Grundlagen von Institutionen und Organisationen und ihrem Wandel in der Heilpädagogik. Dabei bezieht sie auch die Perspektive der Institutssoziologie mit ein und arbeitet eine Veränderung von normativen Zielen (Selbstbestimmung und Teilhabe) heraus. Wiebke Falk beschreibt anhand qualitativ erhobener Daten den Veränderungsprozess der Organisation und Deinstitutionalisierung einer Groß- und Komplexeinrichtung im Bereich des Wohnens für Menschen mit Behinderungen. So wird deutlich, dass Deinstitutionalisierung als institutioneller Wandel ein Prozess ist, der in Wechselwirkung zwischen Denken, Handeln und den vorherrschenden Strukturen zu beschreiben ist und für dessen Auslösung vor allem das In-Frage-stellen von bestehenden Denk- und Handlungsmustern sowie Strukturen ist.


Rezensentin
Dr. Anne Goldbach
Wiss. Mitarbeiterin an der Universität Leipzig, Institut für Förderpädagogik, Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung
Homepage www.erzwiss.uni-leipzig.de/fakultaet/personen?view= ...
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Zitiervorschlag
Anne Goldbach. Rezension vom 22.02.2019 zu: Wiebke Falk: Deinstitutionalisieren durch organisationalen Wandel. Selbstbestimmung und Teilhabe behinderter Menschen als Herausforderung für Veränderungsprozesse in Organisationen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. ISBN 978-3-7815-2098-1. Reihe: Klinkhardt Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24714.php, Datum des Zugriffs 18.03.2019.


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