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Susanne Fleckinger: Hospizarbeit und Palliative Care

Cover Susanne Fleckinger: Hospizarbeit und Palliative Care. Zum wechselseitigen Arbeitsverhältnis von Haupt- und Ehrenamt. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 314 Seiten. ISBN 978-3-658-22439-4. D: 64,99 EUR, A: 66,81 EUR, CH: 67,00 sFr.
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Thema

Susanne Fleckinger fokussiert in ihrer Dissertation ein immens wichtiges, aber selten zusammen diskutiertes Themengebiet: das Verhältnis von ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter_Innen in Palliative Care und Hospizarbeit. Während die ehrenamtliche Mitarbeit gerade in der Hospizbewegung große Tradition hat, gibt es kaum wissenschaftliche Studien zu dem Verhältnis von Haupt- und Ehrenamtlichen in diesen Bereichen. Die Studie der Autorin bietet erste Einblicke in die komplexe Zusammenarbeit der Professionen und der Ehrenamtlichen in der Praxis.

Autorin

Susanne Fleckinger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen. Die Autorin absolvierte ein Doktoratsstudium „Philosophie“ am Institut für Palliative Care und Organisationsethik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt/Graz/Wien nach einem Studium der Sozialen Arbeit und Gesundheits- und Pflegewissenschaften. Sie hat Erfahrung in Palliative Care und Hospizbegleitung, sowohl aus einer hauptamtlichen, als auch aus einer ehrenamtlichen Perspektive.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist eine nur geringfügig abgeänderte Schrift der Dissertation. Es erschien im Mai 2018.

Aufbau

Nach der Einleitung werden im zweiten Kapitel der Hintergrund und der Stand der Forschung im Bereich von ehrenamtlicher Mitarbeit in Hospiz-/Palliativarbeit erläutert. Im dritten Kapitel wird das methodische Vorgehen der Studie, die die Grundlage für die Dissertation bildet, geschildert. Im vierten Kapitel werden die empirischen Ergebnisse der Forschung dargestellt, welche anschließend im fünften Kapitel zusammengefasst und diskutiert werden. Das sechste und letzte Kapitel zieht ein Fazit der Arbeit.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

1. Problemaufriss und Forschungsstand. Das erste Kapitel widmet sich ausführlich dem Kontext der empirischen Forschung. Es beginnt mit der Geschichte der Hospizarbeit und der Palliative Care. Die Autorin diskutiert kritisch die historische Kontinuität der Hospizidee, welche davon ausgeht, dass die heutige Hospiz- und Palliativarbeit bereits in historischen Vorläufern, wie den sogenannten „xenodochien“ (Fremdenheimen) und anderen Herbergen des frühen Mittelalters, zu finden ist. Sie zeigt wie dieser Gründungsmythos, insbesondere das fortdauernde Verständnis von Hospizarbeit als Ausdruck der christlichen Fürsorge, auch für Cicely Saunders wegleitend war. Cicely Saunders ist die wichtigste Figur der modernen Geschichte von Palliative Care. Sie arbeite selbst am Anfang ihrer Karriere ehrenamtlich als Krankenschwester. Die Autorin gibt einen guten Überblick über Saunders Leben und Wirken in London. Sie beschreibt auch die Schwierigkeiten der deutschen Hospizbewegung, diese von Saunders erarbeiteten Konzepte vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte („Sterbeheime“) zu übernehmen. Während bei Saunders die „volunteers“ im Hospiz eine eher untergeordnete Rolle spielen, ist die Ehrenamtlichkeit für die Hospizbewegung in Deutschland zentral, nicht aber so für die deutsche Palliativversorgung. Darauf aufbauend beschreibt die Autorin die aktuelle hospizlich-palliative Versorgungssituation unter Einbeziehung von Ehrenamtlichen in Deutschland: grundsätzlich arbeiten in allen hospizlich-palliativen Bereichen ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter_innen gemeinsam, doch hat sich das Verhältnis von vorrangig ambulanter ehrenamtlicher Hospizarbeit verändert, seitdem sektorenübergreifende und stationäre ehrenamtliche Mitarbeit auch durch die Krankenkassen nach dem Hospiz- und Palliativgesetz 2015 finanziert werden. Da nur wenige wissenschaftliche Studien bisher das Verhältnis von Haupt- und Ehrenamt untersucht haben, erscheint die Forschung der Autorin über ehrenamtliche Mitarbeit in der hospizlich-palliativen Versorgung umso dringlicher.

2. Methodisches Vorgehen. Im Rahmen von qualitativer Interviewforschung führte die Autorin Experteninterviews mit 15 Teilnehmer_Innen aus der ambulanten und stationären Hospiz- und Palliativarbeit. Zudem führte sie mit drei Sterbenden im stationären Bereich problemzentrierte Interviews durch. Die zentralen Forschungsfragen, die sich auch in den leitfadengestützten Interviews widerspiegeln, sind dabei:

  • Durch welche Faktoren ist das Verhältnis von Haupt- und Ehrenamt bestimmt?
  • Wie schätzen die Beteiligten das Verhältnis ein?
  • Welche Bedeutung geben die Beteiligten dem Ehrenamt?
  • Was ermöglicht gute Arbeit und Kooperation von Haupt- und Ehrenamtlichen?

Nach der Transkription der Interviews wertete die Autorin die Interviews mittels strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring aus. Sie verwendete dabei deduktiv sechs strukturierende Ordnungskriterien, die sich aus dem Forschungsstand und den Forschungsfragen ergeben. Induktiv fand sich ein weiteres Ordnungskriterium: die Selbstwahrnehmung von Ehrenamtlichen in der Hospiz- und Palliativarbeit.

3. Darstellung der empirischen Ergebnisse und 4. Zusammenfassung. Das dritte Kapitel liefert detaillierte Ergebnisse zu jeder dieser Kategorien, welche mit ausführlichen Zitaten aus den Interviews unterfüttert werden. Zusammenfassen lassen sich die Ergebnisse wie folgt:

  • Ehrenamtliche, die sich im Bereich Palliative Care/Hospizarbeit einbringen, sind vielfältig motiviert. So sind ehrenamtliche Mitarbeiterinnen beispielsweise aus eigenen Erfahrungen zur hospizlich-palliativen Mitarbeit gekommen oder wollen sich zukünftig weiter in diesem Bereich professionell qualifizieren. Sie haben zudem aus der Sicht der Hauptamtlichen verschiedene Ansprüche, denen die hospizlich-palliative Mitarbeit genügen muss.
  • Die Bedeutungen des Ehrenamts beschreibt die Autorin mit Bezug auf das von der European Association for Palliative Care herausgegebene Weißbuch [1], in dem die Bedeutungen des Ehrenamts bereits diskutiert wurden: a) das „Da-sein“ für die Sterbenden, b) die Erledigung von Aufgaben für die Sterbenden, c) eine reflexive Kompetenz, die vom Hauptamt nicht abgedeckt werden kann und d) die Entwicklung einer kommunalen Sorgekultur.
  • Ehren- und Hauptamt stehen einerseits in einem sich wechselseitig ergänzenden Verhältnis, folgen jedoch andererseits unterschiedlichen Handlungslogiken. Der ehrenamtliche, unbezahlte Status ermögliche die Freiheit, eine andere Sicht als die Hauptamtlichen, die der Systemrationalität folgen, einzunehmen. Allerdings wird die Einbeziehung der Ehrenamtlichen je nach Setting (ambulant oder stationär) auch unterschiedlich entlastend erlebt; während in der ambulanten Hospizarbeit die Ehrenamtlichen die Hauptamtlichen entlasten, wird berichtet, dass es sich in der stationären Palliativarbeit anders verhält. Zudem sind die Hauptamtlichen den Ehrenamtlichen weisungsbefugt gegenüber, was sich aber im Konflikt mit der beschriebenen ehrenamtlichen Ungebundenheit befindet.
  • Die Professionalisierung des Ehrenamts ist zudem ein wiederkehrendes Thema der Interviews. Hier wird deutlich, dass die zunehmende Institutionalisierung und Ökonomisierung ehrenamtlicher Mitarbeit mit der Hospizidee in Konflikt geraten könnte.
  • Zuletzt diskutiert die Autorin Empfehlungen, die für gelingende Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt gegeben werden könnten.

5. Fazit. Die Autorin resümiert, dass in der Praxis Haupt- und Ehrenamt in einem vielschichtigen Verhältnis zueinanderstehen. Der wechselseitigen Zusammenarbeit werde dabei zu wenig „reflektierende Aufmerksamkeit“ geschenkt.

Diskussion

Der Problemaufriss bietet einen informativen Überblick der Geschichte der Hospiz- und Palliativbewegung und führt gut zur aktuellen Versorgungssituation und der Mitwirkung von Ehrenamtlichen in dieser über. Auch die Methodik der Forschung ist im Detail beschrieben und ist vor dem Hintergrund bestehender Forschungslücken in diesem Bereich plausibel begründet. Der Ergebnisteil ist sinnvoll unterteilt und ist mit Auszügen aus den geführten Interviews illustriert. Diese Auszüge sind sehr ausführlich, was die Analyse der Autorin gut nachvollziehbar macht, stellenweise aber den Lesefluss erschwert. Insgesamt handelt es sich um eine sehr sorgfältige und informative Studie.

Fazit

In einem gelungenen Buch widmet sich Susanne Fleckinger einem bislang wenig beachteten Thema: dem Verhältnis von Ehren- und Hauptamtlichen in der Palliativ- und Hospizarbeit. Das Buch eignet sich hervorragend als Einführung in die historische und aktuelle Situation der Ehrenamtlichen in diesen Bereichen in Deutschland. Die Themen- und Problemfelder ehrenamtlicher Mitarbeit im Verhältnis zu hauptamtlicher Arbeit sind gut diskutiert und durch die Interviewauszüge eindrücklich illustriert.


[1] Radbruch, L., & Payne, S. (2011). Standards und Richtlinien für Hospiz-und Palliativversorgung in Europa: Teil 1. Zeitschrift für Palliativmedizin, 12(05), 216-227.


Rezensent
Christopher Poppe
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Zitiervorschlag
Christopher Poppe. Rezension vom 08.11.2018 zu: Susanne Fleckinger: Hospizarbeit und Palliative Care. Zum wechselseitigen Arbeitsverhältnis von Haupt- und Ehrenamt. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-22439-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24722.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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