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Karsten Wilke, Hans-Walter Schmuhl u.a.: Hinter dem Grünen Tor (Rotenburger Anstalten der Inneren Mission)

Cover Karsten Wilke, Hans-Walter Schmuhl, Sylvia Wagner, Ulrike Winkler: Hinter dem Grünen Tor. Die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission, 1945-1975. Verlag für Regionalgeschichte (Gütersloh) 2018. 376 Seiten. ISBN 978-3-7395-1142-9. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

Reihe: Kirchliche Hochschule Bethel. Institut für Diakonie- und Sozialgeschichte: Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, Bethel - Band 32.
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Thema

Nachdem in den letzten Jahren Einrichtungen der Jugendhilfe und ihre Geschichte in vielfältigen Einzelstudien untersucht wurde und dabei ein System von Gehorsam und Ordnung, Strenge und Zwang analysiert wurde, richtet sich nun in neuen Studien der Blick auf Heil- und Pflegeeinrichtungen, deren Binnenstruktur und Alltag. Dieser Sammelband ist das Ergebnis neuer Studien unterschiedlicher Fokussierungen zu den Rotenburger Anstalten der Inneren Mission in der Zeit 1945 bis 1975. Im Mittelpunkt stehen insbesondere drei Themenbereiche:

  1. die Strukturen von Gewalt auf den verschiedenen Stationen,
  2. der Einsatz von Medikamenten und Versuche damit, sowie
  3. die Anstalt als besonderer Ort und ihr Bezug zu der Stadt Rotenburg.

Dieser Band ist als wissenschaftliche Auftragsarbeit der Rotenburger Werke der Inneren Mission an externe unabhängige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vergeben worden, um auf Angaben eines ehemaligen Bewohners über physische Gewalt und Medikamentenversuche mit fundierter wissenschaftlicher Expertise die aufgeworfenen Fragen klären zu versuchen.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Prof. apl. Dr. Hans-Walter Schmuhl, ist apl. Professor an der Universität Bielefeld, stellv. Leiter des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel.
  • Dr. Karsten Wilke, ist Freiberuflicher Historiker in Bielefeld.
  • Dr. Ulrike Winkler, ist freiberufliche Politikwissenschaftlerin in Bielefeld.
  • Sylvia Wagner Pharmazeutin, Promovendin, Krefeld,

Aufbau und Inhalt

Nach einem Geleitwort des Vorstands der Rotenburger Anstalten und einer Einleitung folgen die einzelnen, in sich abgeschlossenen von unterschiedlichen Fragestellungen und methodischem Vorgehen geleiteten Beiträge mit den Schwerpunkten:

  • Die Rotenburger Anstalten von 1880 bis 1950
  • Die Rotenburger Anstalten 1950 bis 1975
  • Drinnen und Draussen
  • Sachzwänge und Gewaltverhältnisse
  • Arzneimittel und Psychochirurgie

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Die Rotenburger Anstalten von 1880 bis 1950. Karsten Wilke beginnt das Werk damit, die in einem umfänglichen Rückblick, die Geschichte der Anstalt seit ihrer Entstehung nachzuzeichnen und kann sich hierbei für die Zeit des Kaiserreichs, die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus auf schon bestehende Darstellungen beziehen. Damit werden der Krankenmord in der Zeit des Nationalsozialismus und die eugenischen Maßnahmen der Zwangssterilisation mit ihrer Vor- und Nachgeschichte nachgezeichnet und die Deutungen von in dieser Zeit handelnden Personen werden als Narrativ kontextualisiert.

Die Rotenburger Anstalten 1950 bis 1975. Die Darstellung der Nachkriegsjahrzehnte bis 1975, ebenfalls von Karsten Wilke verfasst, konzentriert sich auf die Veränderungen der Organisation, in ihrer Struktur und bezüglich der Träger, stellt den Paradigmenwechsel vom reinen Verwahren und Pflegen hin zu einer pädagogisch geleiteten Arbeit dar. Ein weiterer Fokus ist damit auf das Personal und dessen Qualifikation gerichtet. Dabei wird betont, dass der Personalmangel in den Nachkriegsjahren sich in einer Einstellungspolitik zeigt, die als planlos und beliebig zu bezeichnen ist. Erst Ende der 1950er Jahre finden sich Veränderungen hin zu mehr an Qualifikation und ein Jahrzehnt später werden Fachleute aus anderen Disziplinen wie der Psychologie, der Pädagogik oder Heilerziehungspflege angestellt.

Drinnen und Draussen. Ulrike Winkler nutzt das von dem französischen Soziologen Michel Foucault entwickelte Konzept der Heterotopie, des sozialen Raums am anderen Ort, und beschreibt damit die Anstalt und ihren Alltag. Deutlich wird mit diesem theoriefundierten Blick die Raumstruktur, wie die Trennung der Geschlechter als Prinzip, die architektonisch gelöst wird in einer Frauen- und Männerseite, die Konstruktion eines Drinnen und Draussen zwischen Anstalt und Stadt Rotenburg mittels dem „grünen“ und dem „vergessenen“ Tor, bis hin zum besonderen Ort der letzten Ruhe mittels eines eigenen Anstaltsfriedhofs und eines einheitlichen Grabs. Dieses Kapitel zeigt die Veränderungen hin zu einer Öffnung der besonderen Orte ebenso dar, wie es auf Aussenstellen der Einrichtung hinweist, die eine Eigengesetzlichkeit leben und sich länger als geschlossen präsentieren.

Sachzwänge und Gewaltverhältnisse. Anhand von leitfadengestützten Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern der Rotenburger Anstalt stellt Hans-Walter Schmuhl den Alltag in der Einrichtung dar. Als theoretisches Konzept nutzt Schmuhl, wie schon in vorherigen Studien zu Einrichtungen n der Jugendhilfe das der „totalen Institution“ des Soziologen Erving Goffman. Hinzu kommt als neuer Ansatz die ebenfalls von Goffman entwickelte als Analyseinstrument kluge Definition von Gewalt als Verletzung der persönlichen Integrität. Dadurch stellt sich, stets geleitet von den Erzählungen der Interviewten die strukturelle Ebene der Gewalt eng mit der der Person verknüpft dar, angefangen von Fragen des persönlichen Besitzes, dem Schneiden der Haare, der Kleidung, bis hin zu dem Einsperren in einer „Zelle“, dem Fixieren oder der medikamentösen Ruhigstellung.

Arzneimittel und Psychochirurgie. Sylvia Wagner nimmt sich dem bisher noch unerforschten Thema der Arzneimittelstudien, der übermässigen und nicht medizinisch indizierten Medikamentengabe und der Durchführung und der stereotaktischer Hirnoperationen an. Sie analysiert Akten von Bewohnerinnen und Bewohnern und Verwaltungsakten und kommt zu erschreckenden Ergebnissen. Vielfach erhielten die dort untergebrachten Menschen aufgrund personeller Engpässe oder wegen anderer struktureller Mängel, zu große Mengen an Mitteln zur Ruhigstellung, wurden medikalisiert und eingesperrt. Im Jahr 1972 wurden an mindestens drei Jungen, 1973 an einem Mann psychochirurgische Eingriffe vorgenommen, mit dem Ziel, das auffällig unruhige Verhalten dadurch zu ändern. Eindrücklich zeichnet Wagner anhand der Krankenblätter sechs Biographien von Männern nach, die entweder hochdosierten Medikamentengaben erhielten oder einer Operation unterzogen wurden. Auch kann sienachweisen, dass in Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen wie Schering, Firma Merck oder Sandoz an den dortigen Bewohnerinnen und Bewohnern Arzneimittelstudien durchgeführt wurden.

Diskussion

Mit diesem Sammelband konnten die Rotenburger Werke einen ersten Schritt zur Erarbeitung der Geschichte 1945 bis 1975 leisten. Da in den einzelnen Kapitel auf die Unterschiedlichkeit im Alttag- auch hinsichtlich des Zwangs und der Gewaltmaßnahmen hingewiesen wurde, lohnen sich weitere Detailstudien, die auch das erhobene Material der Interviews nutzen und ergänzen oder gegenbürsten. Bedauerlich ist dann, dass die Interviews aus Zeit- und Kostengründen nicht transkribiert wurden, wie Schmuhl in einer Anmerkung notiert. Aufarbeitung beginnt erst und dazu bedarf es der Sammlung, Archivierung und Ergänzung solcher wichtiger Quellen und Geschichten. Hinweise, wie und zu welchen Fragen Forschung fortgesetzt werden sollte, finden sich zur Genüge. Die Geschichte bereits seit ihrer Gründung aufzurollen erscheint durchaus nachvollziehbar, um so auch wirkmächtige Deutungen zu durchbrechen. Diese Dekonstruktion könnte jedoch deutlicher formuliert und herausgearbeitet werden. Welche Narrative als Deutungsmuster unterschiedlicher Gruppen, wie unter dem eher evangelisch geprägten oder weltlichen Personal, den jungen und den älteren virulent waren, wäre eine für die Zeit von 1945 bis 1975 ebenso spannende und weiterführende Frage. Zu hoffen ist, dass die hier angestoßenen Forschungsfragen, insbesondere die zu Medikamentenversuchen fortgeführt und in interdisziplinären Diskursen mit Medizin- und Pflegeethik, Geschichtswissenschaft und Pädagogik fortgeführt werden.

Fazit

Dieses Werk und jedes seiner Kapitel ist profund recherchiert, gut dargestellt und rückbezogen auf Theorien zur Erklärung der Funktionsweise von Institutionen, besonderen Orten und Gewalt. Mit den innovativen theoretischen Ansätzen lässt es den Blick auf solche Institutionen neu erscheinen. Überaus wichtig werden zudem weitere Forschungen zu dem hier neu aufgeschlagenen Kapitel des Unrechts und der Gewalt an den in der Anstalt untergebrachten Menschen durch Medikamentenversuche und Hirnoperationen.


Rezensentin
Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt
Referentin Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V., freiberufliche Kulturwissenschaftlerin Esslingen, Lehrbeauftragte an Hochschulen und Universitäten
Homepage www.silberzahn-forschung.de
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Zitiervorschlag
Gudrun Silberzahn-Jandt. Rezension vom 22.11.2018 zu: Karsten Wilke, Hans-Walter Schmuhl, Sylvia Wagner, Ulrike Winkler: Hinter dem Grünen Tor. Die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission, 1945-1975. Verlag für Regionalgeschichte (Gütersloh) 2018. ISBN 978-3-7395-1142-9. Reihe: Kirchliche Hochschule Bethel. Institut für Diakonie- und Sozialgeschichte: Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, Bethel - Band 32. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24723.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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