socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Neil MacGregor, Andreas Wirthensohn u.a.: Leben mit den Göttern

Cover Neil MacGregor, Andreas Wirthensohn, Annabel Zettel: Leben mit den Göttern. Verlag C.H. Beck (München) 2018. 544 Seiten. ISBN 978-3-406-72541-8. 39,95 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die von Annabel Zettel und Andreas Wirthensohn besorgte Übersetzung des kurz zuvor bei Penguin in London erschienenen englischsprachigen Originals. Annabel Zettel und Andreas Wirthensohn sind durch mehrere Englisch-Deutsch-Übersetzungen bedeutender Werke ausgewiesen. So waren sie zwei der drei Übersetzer(innen) von Neil MacGregors „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ (München: Beck, seit 2011 mehrere Auflagen; das zu Grunde liegende englischsprachiges Original erschien 2011 bei Penguin, London).

Hinter jedem der beiden Bücher steht eine jeweils vor Erscheinen der Bücher ausgestrahlte Hörfunk-Serie von BBC Radio 4, dem Kulturkanal von BBC Radio. „Lese ich richtig?“ wird die eine oder der andere fragen, „Hörfunk?“ Ja soll frau und man sich denn vorstellen, all das, was in beiden Büchern abgebildet ist, sei allein durch Worte nahe gebracht worden? Ja, so ist es. Und deshalb ist der Text (auch) des vorliegenden Buches ein eigenständiges Werk – nach Form und Inhalt von hoher Güte. Im Falle von „A history of the world in 100 objects“ konnten sich die Hörer(innen) die beschriebenen Objekte einfach unter den Exponaten des Britischen Museums ansehen. Im Falle von „Living with the gods“ gab es zeitgleich – grob datiert: von Mitte 2017 bis Mitte 2018 - zur Hörfunk-Serie eine (Sonder-)Ausstellung im Britischen Museum.

Die skizzierte Traditionslinie, in der „Leben mit den Göttern“ steht, ist markiert durch die Widmung, die Neil MacGregor dem Buch (auf S. 4) gegeben hat: „Für Paul Kobrak, Begleiter durch Erde und Luft, Feuer und Wasser“. Es war Paul Kobrak, der „A history of the world in 100 objects“ bei BBC – Radio 4 produzieren ließ.

Von „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ übernimmt „Leben mit den Göttern“ seine hochwertige Ausgestaltung: fester Einband, gute Bindung, säurefreies und alterungsbeständiges Papier. Gegenüber dem ersten Buch hat aber das zweite (betrachtet werden jeweils die deutschen Ausgaben) drei Vorteile: Jetzt ist das Papier bedingt abwaschbar (wer je Kunstbücher las und dabei Tee oder Rotwein trank, weiß solchen Vorteil zu schätzen), das Buchformat hat sich (von Oktav auf Quart) vergrößert (wodurch die Abbildungen noch besser zur Geltung kommen) und das Schriftbild ist leserfreundlicher und großzügiger wirkend (größere Schriftzeichen, größerer Zeilenabstand). Einen Nachteil hat das zweite Buch gegenüber dem ersten: Fürs Mitnehmen ins Museum ist es weit weniger geeignet (recht schwer und ziemlich unhandlich).

Autor

Neil MacGregor, Jg. 1946, ist in Deutschland vor allem und in erster Linie bekannt dadurch, dass er vom Frühjahr 2015 bis Mai 2018 neben dem Archäologen Hermann Parzinger und dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp in der Gründungsintendanz des künftigen Humboldtforums tätig war. Das soll künftig in den Mauern des „rekonstruierten“ Berliner Stadtschlosses beheimat sein. Es gibt Menschen – und ich gehöre dazu – die sowohl den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses als auch die Einrichtung des Humboldtforums für „rückwärtsgewandte“ Projekte halten. Und die werfen Neil MacGregor vor, er habe seinen guten Namen für eine schlechte Sache hergegeben. Was sie damit aber nicht bezweifeln, sondern vielmehr bestätigen, dass sich Neil MacGregor einen guten Namen gemacht hat.

Vor seiner Berlin-Exkursion war der studierte Kunsthistoriker und versierte Museumsmann von 2002 bis 2015 Direktor des Britischen Museums und davor 1987 bis 2002 Direktor der National Gallery am Trafalgar Square. Schon vor „A history of the world in 100 objects“ hatte er ein BBC- Projekt: im Jahr 2000 wurde die Serie „Seeing salvation“ über Jesusbilder in der westlichen Kunstgeschichte ausgestrahlt. Und zwischen „A history of the world in 100 objects“ und „Living with the gods“ organisierte er Ende 2014 die Ausstellung „Germany – memories of a nation“ im Britischen Museum. Die war ein großer Erfolg (auch die Bundeskanzlerin war dort) und die beste Empfehlung für einen Topjob in der Bundeshauptstadt. Die Verleihung des Deutschen Nationalpreises und der Goethe-Medaille, beides im Jahr 2015, waren da nur noch Bestätigungen für eine „richtige“ Wahl.

Thema

Überführt man die Frage, was das „Thema“ dieses Buches sei, in die, was sein erklärtes Anliegen ist, lässt sich das beantworten mit Neil MacGregors Eingangsworten: „Leben mit den Göttern beschäftigt sich mit einer der zentralen Tatsachen menschlichen Daseins: dass jede bekannte Gesellschaft über eine Reihe von Überzeugungen und Annahmen verfügt – einen Glauben, eine Ideologie, eine Religion –, die weit über das Leben des Einzelnen hinausreichen und einen wesentlichen Teil einer gemeinsamen Identität darstellen. Solche Glaubensüberzeugungen verfügen über eine ganz besondere Macht, Völker zu definieren – und zu spalten –, und sie sind in vielen Teilen der Welt heute eine treibende Kraft in der Politik. Manchmal sind sie säkularer Natur, am offensichtlichsten im Falle des Nationalismus, aber die gesamte Geschichte hindurch waren sie zumeist im weitesten Sinne religiös. Dieses Buch ist ausdrücklich keine Geschichte der Religion, es ist aber auch keine Streitschrift für den Glauben und noch weniger eine Verteidigung irgendeines Glaubenssystems. Es befragt quer durch die Geschichte und rund um den Globus Gegenstände, Orte und menschliche Tätigkeiten, um zu verstehen, was gemeinsame religiöse Überzeugungen im öffentlichen Leben einer Gemeinschaft oder einer Nation bedeuten können, wie sie das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und dem Staat prägen und wie sie einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, wer wir sind. Denn mit der Entscheidung, wie wir mit unseren Göttern leben wollen, entscheiden wir auch, wie wir miteinander leben wollen.“ (S. 7-8)

Aufbau und Inhalt

Das Ergebnis der genannten Befragung von Gegenständen, Orten und menschlichen Tätigkeiten quer durch die Geschichte und rund um den Globus wird dargestellt in 30 Kapiteln, die in Fünferpaketen sechs Teilen zugeordnet sind. Jedes der 30 Kapitel enthält Ausführungen, deren Ausgangs- und fortwährender Bezugspunkt ein bestimmter Gegenstand, ein gewisser Ort oder eine spezifische menschliche Tätigkeit ist. Die jeweiligen Gegenstände, Orte oder Tätigkeiten sind durch zumindest eine Abbildung repräsentiert oder illustriert.

Einer der vorgestellten Gegenstände ist etwa der „Löwenmensch“ vom Hohlenstein-Stadel im Lonetal (Kap.1, Teil I). Als einer der betrachteten Orte sei die Ausgrabungsstätte von (türkisch:) Göbekli Tebe (kurdisch: Xirabre?k) in Südostanatolien genannt (Kap. 11, Teil III). Und als Beispiel für eine menschliche Tätigkeit möge Beten (Kap. 9, Teil II) dienen.

Gegenstände, Ort und menschliche Tätigkeiten sind nicht die Gesichtspunkte, nach denen dieses Buch geordnet ist. Vielmehr sind die, wie die obigen Beispiele zeigen, über die unterschiedlichen Teile verstreut. Diese sind Sammelort von jeweils fünf Kapiteln, ohne dass solche Zuteilung im Buch begründet würde. Auch nachträglicher Reflexion entzieht sie sich als „so-und-nicht-anders“-Notwendigkeit. Nehmen wir die Verteilung des dargebotenen Materials auf sechs Teile, 30 Kapitel und die Zuteilung der Kapitel zu den Teilen einfach als Ergebnis erfahrungsgesättigter Intuition. Eine höhere (etwa systematisch konsequentere) Logik ist hier nicht erkennbar – und ich denke, Neil MacGregor würde eine solche auch nicht beanspruchen.

Um einen Eindruck davon zu geben, wie das Buch aufgebaut ist, wird dessen Struktur nach Teilen gegliedert nachfolgend dargestellt; für die Teile I – III, aus denen die obigen Beispiele stammen, wird auch die Binnendifferenzierung in Kapitel dargestellt und die genaue Stelle der Beispiele markiert:

    Teil I Unser Platz im Gefüge

  1. Die Anfänge des Glaubens – der „Löwenmensch“ vom Hohlenstein-Stadel im Lonetal
  2. Feuer und Staat
  3. Wasser des Lebens, Wasser des Todes
  4. Die Wiederkehr des Lichts
  5. Ernte und Ehrerweis
  6. Teil II Gemeinsam glauben>

  7. Leben mit den Toten
  8. Die Geburt und der Körper
  9. Ein Platz innerhalb der Tradition
  10. Lasset uns beten – Beten
  11. Die Macht des Gesangs
  12. Teil III Theater des Glaubens

  13. Das Haus Gottes – Göbekli Tebe/Xirabreşk in Südostanatolien
  14. Geschenke für die Götter
  15. Heiliges Töten
  16. Pilgern
  17. Festzeit
  18. Teil IV Die Macht der Bilder

  19. Die Beschützerinnen
  20. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner spirituellen Reproduzierbarkeit
  21. Sinnzuwachs
  22. Ändere dein Leben
  23. Ablehnung des Bildes, Verehrung des Wortes
  24. Teil V Ein Gott, viele Götter

  25. Die Segnungen vieler Götter
  26. Die Macht des einen Gottes
  27. Ortsgeister
  28. Wenn Gott mit uns ist
  29. Tolerieren, nicht tolerieren
  30. Teil VI Irdische Mächte, himmlische Mächte

  31. Das Mandat des Himmels
  32. Dein Reich komme
  33. Die Schraube fester anziehen
  34. „Es gibt keinen Gott!“
  35. Miteinander leben

Den sechs Teilen voran steht eine mit „Glauben und Zugehörigkeit“ betitelte Einleitung, in der Anliegen und Konzeption des Buches begründet dargestellt wird. In dem findet sich auch der Abschnitt „Der Glaube ist wieder da“ (S. 8-12) findet, der v.a. den Gebildeten unter den Verächtern der Religion zur Lektüre empfohlen sei.

Nach den sechs Buchteilen findet sich ein Anhang mit Verzeichnis und Nachweis der Abbildungen, Weiterführende Literatur, Danksagung sowie Personen- Orts- und Sachregister.

Diskussion

Das vorliegende Buch ist, formal beurteilt, keine „wissenschaftliche“ Publikation. Aber es gehört zu den wenigen Sachbüchern, die ein sehr solides wissenschaftliches Fundament haben. Das Buch am Maßstab einer „wissenschaftliche Publikation“ messen zu wollen, würde dessen Intention, wie sie an ihrer Entstehungsgeschichte und der Arbeitsweise Neil MacGregors ablesbar ist, völlig zuwiderlaufen. Das Buch erschien, wie oben erwähnt, im Nachgang zu der o.g. Ausstellung im Britischen Museum. Wäre das Buch damals schon verfügbar gewesen, man hätte es als zwar reichlich unpraktischen, aber höchst informativen Ausstellungsführer mitnehmen können.

Ein „Ausstellungskatalog“ wollte das vorliegende Buch freilich nie sein und ist es auch nicht geworden. Es ist ein eigenständiges mit vielen und meist hervorragenden Abbildungen. Die darauf zu sehenden Objekte kann und sollte frau/man sich lange betrachten – und die eigenen Gedanken dazu kommen lassen. Die möge man/frau dann abgleichen mit dem die Abbildungen begleitenden – oder besser gesagt: umgebenden – Text. Den kann man – auch in Wiederholung(en) – mitlaufen lassen wie einen Audioguide. Das Buch als Ausstellung im eigenen Zuhause. Und dazu als kundig-freundlichen Ausstellungsführer Neil MacGregor, der in bewährter Manier (seiner! Manier) die Objekte sprechen und heran gezogene Fachleute zu Wort kommen lässt. Kein allwissender Erzähler, wie er als Karikatur in der Gestalt von „Fremdenführern“ allerorten die Kontemplation stört, sondern als Kurator im besten Sinne des Wortes: einer der sich sorgt um und Sorge trägt für die Dinge.

Am Anfang steht freilich die Entscheidung: Will ich dieses Buch lesen? Denn es hat ja den Titel „Leben mit den Göttern“. Ich bin ins stille Gespräch gegangen mit Verwandten, Vertrauten, Freund(inn)en und Bekannten und zu dem Schluss gekommen: Ob frau und man das Buch lesen will, ergibt sich nicht zwangsläufig aus der persönlichen Glaubenssituation. Ich kenne freudige Atheist(inn)en, die das Buch kaufen werden, weil sie „Religion“ für eine ebenso faszinierende wie vom Aussterben bedrohte Art halten wie den Alpensalamander. Andere mir bekannte (und bekennende) Atheist(inn)en werden das Buch „demonstrativ“ noch nicht einmal in die Hand nehmen, weil hier faktisch Propaganda gemacht werde für „Religion“, die doch nichts andres sei als „Opium des Volkes“ (Karl Marx, in „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ von 1843/1844).

Auch bei den Gläubigen kommt es wohl auf den Einzelfall an. Da scheint es mir zwei Extrempositionen – aus denen sich Vieles dazwischen mischen lässt – zu geben. Der eine Teil sieht sich angesichts dieses Buches als Teil einer bunten, lebendigen, immerwährenden und allumfassenden Bewegung, der andere hingegen mag in diesem Buch nur die Ausbreitung von Aberglaube (vor Moses, Buddha, Jesus, Mohammed u.a.m.) sehen oder aber Unglaube (nach Moses, Buddha, Jesus, Mohammed u.a.m.) ausmachen.

Mögliche Leser(innen) mögen also vorab klären, was ihnen ihre persönliche Glaubensauffassung in Beurteilungskriterien für „Religion im allgemeinen“ vorgibt. Meine persönliche Glaubensauffassung hat sich im Laufe des letzten halben Jahrhunderts nicht geändert, sehr wohl aber meine Einschätzung von „Religion“. In den Jahren 1967–1974 studierte ich in Heidelberg Evangelische Theologie und schloss dieses Studium ab mit einer historisch-kritischen Dissertation über „Wunder und Zeichen“ im Johannesevangelium (Heekerens, 1985). Zu jener Zeit erschien mir Religion als etwas, das für die Menschheitsgeschichte zum einen nur eine geringe Bedeutung habe, die zum anderen alsbald zu Ende ginge.

Die zweite Ansicht deckt sich mit der „Säkularisierungsthese oder -theorie“. Man bezeichnet damit einen zentralen theoretischen Ansatz der Religionssoziologie, dessen Ausgangspunkt die Annahme ist, es gebe zwischen der Moderne und Religion ein Spannungsverhältnis, das langfristig zu einem sozialen Bedeutungsverlust von Religion führen werde. Das war vor einem halben Jahrhundert eine These oder Theorie mit viel Zuspruch, heutzutage gilt sie als veraltet, weil von der Wirklichkeit überholt (vgl. Kühnlein, 2018). Die erste Ansicht hängt mit der zweiten zusammen: Wenn man sich die menschliche Gesellschaft oder gesellschaftliche Menschheit ohne Religion denken kann, dann nicht nur für die (nähere) Zukunft, sondern auch für die (weitere) Vergangenheit; die damalige archäologische Befundlage widersprach einer solchen Annahme wenig.

Aber die archäologische Befundlage hat sich in den letzten 50 Jahren dramatisch geändert, und von den zwei Epoche machenden Entdeckungen erzählt auch dieses Buch. Seit der ersten wissenschaftlichen Re-Konstruktion des 35.000 bis 41.000 Jahre alten „Löwenmenschen“ (dargestellt im 1. Kap.) im Jahre 1988 (die jüngste ist von 2013) und in Kenntnis aller bis heute erfolgten Bei- und Parallelbefunde ist klar: Religion ist eine schon sehr früh in der Geschichte des Homo sapiens als eine gesellschaftliche Veranstaltung nachweisbar.

Welche überragende Macht Religion schon in der früh in der menschlichen Gattungsgeschichte entfaltet hat, zeigen zunehmend mehr die Ausgrabungen am Göbekli Tepe (dargestellt im 11. Kapitel), die von 1995 bis zu seinem frühen Tod im Jahre 2014 von Klaus Peter Schmidt durchgeführt wurden. Die älteste bislang frei gelegte Schicht von Göbekli Tepe, die auf die Zeit bis 10.000 v.Chr. datiert wird, enthält ein monumentales Bergheiligtum. Dies und die geographische Lage der Ausgrabungsstätte machen die wissenschaftliche Sensation aus. Denn Göbekli Tepe liegt in Südostanatolien am Scheitelpunkt des „Fruchtbaren Halbmondes“, der als Ursprungsgebiet der „Neolithischen Revolution“ gilt. Dort entstanden im eurasischen Raum erstmals Ackerbau und Viehzucht, Vorratshaltung und Sesshaftigkeit.

Vor einem halben Jahrhundert galt als Commonsense: Zuerst war die Stadt, dann erst der Tempel (und/oder der Palast). Klaus Peter Schmidt hingegen hat zunehmend mehr glaubhaft machen können: Zuerst war der Tempel, dann erst die Stadt (und/oder der Palast). Religiöse Großbauten sind nicht Folge von Zivilisation, sondern stehen an dessen Anfang, ja haben sie wohl erst ausgelöst.

Völlig unabhängig von den genannten archäologischen Funden gab es auf der politischen Bühne Ereignisse, die Mitte der 1990er zunehmend mehr klar machten: „Der Glaube ist wieder da“ (so der Titel des einschlägigen und zur Lektüre empfohlenen Buchabschnittes, S. 8-12). Die erste Lektion erteilten die Kriege in dem Land, in das ich seit 1965 immer wieder gereist war. Die meisten Jugoslawienkriege wurden entlang ethnischer Grenzen, die meist auch religiöse bzw. konfessionelle waren und sind, geführt. Am klarsten trat der religiöse Charakter dieser Kriege hervor im Bosnienkrieg (1992 - 1995) und dort in krasser Gestalt bei der systematisch betriebenen Ermordung von Muslimen und der massenhaft erfolgten Vergewaltigung von Muslimas durch Orthodoxe. Ich hatte nicht geglaubt, dass dergleichen in Europa nach 1945 noch einmal möglich sein würde.

Anderes, was bald danach grausame Wirklichkeit wurde, habe ich auch nach dem Bosnienkrieg nicht für möglich gehalten, was dann doch bald grausame Wirklichkeit wurde. Schon das erste Jahr des neuen Jahrtausend kündigte mit Trommelwirbel an: Die Religion ist wieder und auf voller Breite da. Ende Februar/Anfang März 2001 zerstörten die Taliban in wochenlanger Arbeit unter Einsatz von Boden-Luft-Artillerie und Sprengstoff die Buddhastatuen des Bamiyan-Tals, das mit seinen archäologischen Überresten von der UNESCO auf deren Weltkulturerbe-Liste stand (dargestellt im 20. Kapitel). Das war Krieg im Namen einer Religion gegen eine andere. Oder genauer: Krieg im Namen des einzig „wahren“ Glaubens, nämlich des Islam, gegen eine bestimmte Form des Nicht-Glaubens in Gestalt seiner Götzenbilder.

Götzenbilder müssen nicht immer so aussehen, wie man sich „religiöse“ Symbole gemeinhin vorstellt. Sie können auch – als Symbole des „großen Satans“ im Westens etwa – die Gestalt von Wolkenkratzern annehmen. Und eben solche machten islamische Gotteskrieger am 11.9.2011 mit den beiden Türmen des World Trade Centers dem Erdboden gleich. Im Namen Allahs. In einem Videotape vom 7.10.2001 erklärte Osama bin Laden (nach englischsprachiger Übersetzung): „America has been hit by Allah at its most vulnerable point, destroying, thank God, its most prestigious buildings.“ (href="https://en.wikipedia.org/wiki/Videos_and_audio_recordings_of_Osama_bin_Laden">https://en.wikipedia.org/wiki/Videos_and_audio_recordings_of_Osama_bin_Laden) Eine Abschrift des hier auszugsweise zitierten Videotapes findet sich im vorliegenden Buch nicht.

Auch nicht, was ebenso eindrücklich wäre, eine Abbildung der IS-Kriegsflagge, unter der die „Gotteskrieger“ Vertreibung, Folterung, Ermordung, Vergewaltigung und Versklavung betrieben (und das mancherorts noch tun). Sie hat einen schwarzen Hintergrund und zeigt im oberen Bereich in Weiß den ersten Teil der Schahada, des islamischen Glaubensbekenntnisses: „Es gibt keinen Gott, außer Allah“. Der untere Bereich zeigt eine oft unregelmäßige weiße Scheibe mit dem Siegel Mohammeds: (sinngemäß) „Mohammed ist der Prophet Allahs“), den zweiten Teil der Schahada.

Möglicherweise hat das Britische Museum (noch) keine IS-Kriegsflagge in ihrem Besitz. Wohl aber eine andere Flagge, in deren Tradition die IS-Kriegsflagge steht: die Flagge der Anhänger des Mahdi (zu sehen auf S. 441), unter der sie in den 1880ern für einen freien islamischen Staat im Gebiet um Khartum gegen die Kolonialmacht Großbritannien und seine lokalen Vasallen kämpften. Es war der erste antikolonialistische Krieg auf afrikanischem Boden.

Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschheit und Genozid wurden, so dokumentiert das vorliegende Buch, zu allen von der Geschichtswissenschaft dokumentierten Zeiten, an Orten überall auf der Welt und im Namen vieler Religionen verübt. Das Verstörende: Das ist auch heute noch – manche sagen „heute wieder“ – so: „Der gesamte Nahe und Mittlere Osten ist in mörderischen Konflikten gefangen, die nicht in ökonomischen, sondern in religiösen Kategorien artikuliert und ausgetragen werden. Die Politik in Pakistan und Israel, die beide als explizit säkulare Staaten gegründet wurden, ist zunehmend konfessioneller Natur. In Indonesien und Nigeria, Myanmar und Ägypten werden Bevölkerungsgruppen attackiert und Individuen getötet unter dem Vorwand, ihre Glaubenspraxis mache sie zu Fremden im eigenen Land. Indien, in dessen Verfassung die Äquidistanz des Staates gegenüber allen Religionen festgelegt ist, wird von Aufrufen der Regierung erschüttert, eine explizit hinduistische Identität zu verfechten, was gravierende Folgen für Inder hat, die Muslime oder Christen sind (Kapitel 25).“ (S. 11-12)

Fazit

Das vorliegende Buch bietet allen, die an Religion – aus welchen Gründen auch immer -interessiert sind, einen vertieften Einblick. Man kann es in einem Zug von vorn nach hinten durchlesen oder aber kapitelweise in selbst gewählter Reihenfolge.

Wer es sich finanziell leisten kann, möge das Buch kaufen; es wird nicht so schnell veralten. Wem die finanziellen Mittel fehlen, der kann eine ihr oder ihm bekannte Bibliothek auf das Buch aufmerksam machen. Oder es auf seinen Wunschzettel für Weihnachten setzen

Literatur

  • Heekerens, H.-P. (1985). Die Zeichenquelle der johanneischen Redaktion: Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des vierten Evangeliums. Stuttgart: Verlag Katholisches Bibelwerk.
  • Kühnlein, M. (Hrsg.) (2018). Religionsphilosophie und Religionskritik. Ein Handbuch. Berlin: Suhrkamp.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
E-Mail Mailformular


Alle 137 Rezensionen von Hans-Peter Heekerens anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 08.11.2018 zu: Neil MacGregor, Andreas Wirthensohn, Annabel Zettel: Leben mit den Göttern. Verlag C.H. Beck (München) 2018. ISBN 978-3-406-72541-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24724.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung