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Patrick Schuchter, Michaela Fink u.a.: Die Kunst der Begleitung (Hospiz)

Cover Patrick Schuchter, Michaela Fink, Reimer Gronemeyer, Andreas Heller: Die Kunst der Begleitung. Was die Gesellschaft von der ehrenamtlichen Hospizarbeit wissen sollte. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2018. 168 Seiten. ISBN 978-3-946527-23-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Die Hospizbewegung in Deutschland hat, im Unterschied zu Großbritannien und den USA, ihren Ursprung in einer Bürgerbewegung. Deren Ziel war es immer, den Umgang mit schwerer Krankheit, Tod und Sterben zu enttabuisieren und Menschen auf ihrem letzten Weg vor allem mentale und psychosoziale Begleitung anzubieten.

Während Cicely Saunders, Gründerin des Londoner St. Christopher's Hospiz und eine der großen Pionierinnen der modernen Hospizbewegung, stark von ihrem klinischen Hintergrund geprägt war und in diesem Kontext auch ganz entscheidende Fortschritte in der Schmerztherapie bewirkt hat, war die deutsche Hospizarbeit zunächst rein ehrenamtlich getragen. Die Begleitungsarbeit von Menschen an ihrem Lebensende und von ihnen nahestehenden Personen in ihrem gewohnten Umfeld war dabei das Kernanliegen. Die ehrenamtliche Arbeit in stationären Hospizen kam mit deren allmählicher Etablierung hinzu.

Mit der leistungsrechtlichen Sicherung der Hospizarbeit und der Ausdifferenzierung professioneller Angebote von Palliative Care und Palliativmedizin hat sich das Feld in den vergangenen 20 Jahren deutlich verändert und auch stärker ökonomisiert. Die ehrenamtliche Begleitungsarbeit bleibt aber nach wie vor die tragende Säule der Hospizarbeit, als Ausdruck von Solidarität und als Beispiel für Mitmenschlichkeit in schwierigen Lebensphasen. Die damit verbundenen Haltungen, Motive und Visionen der Ehrenamtlichen, die die Hospizarbeit im Kern prägen, stehen im Fokus des hier vorgestellten Buches.

Autoren und Autorin

  • Patrick Schuchter ist Philosoph, Krankenpfleger und Gesundheitswissenschaftler. Er arbeitet am Institut für Palliative Care und Organisationsethik am IFF Wien/ Universität Klagenfurt. Er lehrt und forscht zum Thema Caring Communities.
  • Michaela Fink ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Justus-Liebig-Universität Gießen und beschäftigt sich mit der Soziologie des Sterbens, mit dem Schwerpunkt Hospiz und Palliative Care in den europäischen Gesellschaften.
  • Reimer Gronemeyer ist Professor für Soziologie i.R. am Institut für Soziologie der Justus-Liebig-Universität Gießen und beschäftigt sich seit vielen Jahren kritisch und solidarisch zugleich mit der Hospizbewegung.
  • Andreas Heller, Professor für Palliative Care und Organisationsethik am Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz, arbeitet seit vielen Jahren zu Fragen der Hospizbewegung als eine soziale Bewegung in all ihren Ausprägungen und Facetten.

Entstehungshintergrund

Die Publikation basiert auf der Auswertung von Diskussionen in Fokusgruppen mit Ehrenamtlichen in der Hospizarbeit, die im Rahmen eine Verbundstudie zum Thema „Ehrenamtlichkeit und bürgerschaftliches Engagement in der Hospizarbeit“ durchgeführt wurden. Die im Buch zusammengefassten Antworten auf sieben zentrale Fragen sowie die verwendeten Zitate und Ankerbeispiele stellen Teilergebnisse in einem größeren Forschungsprojekt dar, das vom Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verband finanziert und über Mitglieder seines wissenschaftlichen Beirats realisiert wurde.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt im ersten Kapitel mit gesellschaftskritisch und philosophisch ausgerichteten Überlegungen zur Sorge um Fremde, verbunden mit einer kurzen Skizzierung der Hospizarbeit als Beitrag zur Humanisierung des Lebensendes. In diesem ersten Kapitel werden Absicht und Hintergrund der Forschungsarbeit erläutert und begründet. Dabei wird der besondere und eigene Wert der ehrenamtlichen Hospizarbeit deutlich skizziert.

Im zweiten Kapitel werden Die Erfahrungen auf einen Blick thesenartig aufgefächert und damit in sehr übersichtlicher und knapper Form auf den Punkt gebracht. Dies vermittelt einen kompakten Eindruck von den zentralen Ergebnissen und den Inhalten des Buches.

Die Sieben Fragen und was Ehrenamtliche dazu sagen werden als inhaltlicher Schwerpunkt der Publikation im dritten Kapitel vorgestellt, wobei jeder Frage ein kleines Unterkapitel gewidmet ist. Darin geht es um den Einstieg in die Hospizarbeit, um auslösende Momente und persönliche Motive und um die individuelle Verortung in der Hospizbewegung. Eindrucksvolle Passagen erzählen von den besonderen Momenten und Begegnungen in der Hospizarbeit und -begleitung sowie von spirituellen Einsichten und Transzendenzerfahrungen, die die gewohnte rationale Realität überschreiten. Dabei können sich für den Einzelnen im Engagement neue Perspektiven eröffnen. Berichtet wird auch davon, wie sich durch die Arbeit die Sichtweise auf das eigene Leben verändert und in welcher Form die Erfahrungen in der Begleitung auch in den persönlichen Alltag wirken.

Das Leben lebt in den Geschichten, die im Zentrum des vierten Kapitels stehen. Dabei werden die zentralen Inhalte und Aussagen in den Fokusgruppen von kurzen Texten und Begebenheiten, die die Ehrenamtlichen aufgeschrieben haben, gleichsam illuminiert. Diese Geschichten liefern ein eindrucksvolles Bild von den vielfältigen Themen, Konflikten und Fragen, denen die Ehrenamtlichen in ihrer Arbeit begegnen. Dabei wird deutlich und geradezu greifbar, dass der Titel des Buches gut gewählt ist, dass Die Kunst der Begleitung viele persönliche Ressourcen und Kompetenzen, aber auch menschliche Reife braucht, um in jeweils angemessener Form reagieren zu können. Insgesamt spiegeln diese Texte, fast wie ein Kaleidoskop, die Farben des Lebens, verdichtet an seinem Ende.

Der Forschungsprozess und das konkrete Vorgehen werden im fünften Kapitel skizziert. Dabei wird explizit darauf verwiesen, wie der Dialog auf gleicher Augenhöhe mit den Ehrenamtlichen das Forschungsgeschehen bestimmte, um zu vermeiden, dass diese zu Forschungsobjekten werden.

Das Buch schließt im sechsten Kapitel ab mit zusammenfassenden Überlegungen zu der Frage, Warum Ehrenamtliche in der Hospizarbeit unverzichtbar sind. Es geht dabei vor allem um den gesellschaftlichen Wert der Begleitung in der Hospizarbeit und wie dieser stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken kann.

Zielgruppe

Das Buch ist eine wichtige Bereicherung für Vertreter*innen alle Professionen, die sich mit dem freiwilligen, ehrenamtlichen Engagement beschäftigen. Es wendet sich aber auch an Wissenschaftler*innen, Studierende und Lehrende, die mit zentralen Fragen am Ende des Lebens befasst sind sowie damit verbundene Prozesse begleiten oder anleiten.

Diskussion

Die Perspektive der Ehrenamtlichen in der Hospizarbeit sichtbarer zu machen, sie gleichsam aus dem Schatten treten zu lassen und damit den gesellschaftlichen Wert dieses Engagements zu beleuchten ist das zentrale Anliegen des Buches. Dabei wird deutlich, dass Begleitung in angemessener und auf die jeweilige Situation abgestimmter Form eine hohe Kunst ist.

Diese Aufgabe übernehmen qualifizierte Freiwillige, die unentgeltlich und in großer Kontinuität der postmodernen Gesellschaft eine menschlichere Prägung geben, indem sie sich für die Anliegen und Belange von todkranken, sterbenden Menschen und ihren Angehörigen einsetzen. Dies vermittelt das Buch sehr eindrucksvoll, denn die Textsequenzen und Ankerbeispiele aus den Fokusgruppen und die aufgeschriebenen Erfahrungen und kurzen Geschichten sind sehr gut ausgewählt und stehen exemplarisch für den Facettenreichtum in der ehrenamtlichen Hospizbegleitung.

Fazit

Ein besonderes Buch, dessen Lektüre allen an der Hospizbewegung Interessierten dringend empfohlen wird. Es beleuchtet neue Perspektiven und eröffnet Einsichten in ein gesellschaftlich hoch relevantes Engagementfeld. Eine wirklich lohnende Lektüre!


Rezensentin
Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff
Katholische Hochschule Freiburg,
Prorektorin für Forschung und Weiterbildung, Professorin für Soziale Gerontologie und Soziale Arbeit im Gesundheitswesen;
Leitung des Instituts für Angewandte Forschung, Entwicklung und Weiterbildung;
Sprecherin des Forschungsschwerpunkts „Versorgungsforschung in Gerontologie, Pflege und Gesundheitswesen“
Homepage www.kh-freiburg.de
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Zitiervorschlag
Cornelia Kricheldorff. Rezension vom 21.08.2018 zu: Patrick Schuchter, Michaela Fink, Reimer Gronemeyer, Andreas Heller: Die Kunst der Begleitung. Was die Gesellschaft von der ehrenamtlichen Hospizarbeit wissen sollte. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Esslingen) 2018. ISBN 978-3-946527-23-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24732.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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