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Thomas Müller, Roland Stein (Hrsg.): Erziehung als Herausforderung

Cover Thomas Müller, Roland Stein (Hrsg.): Erziehung als Herausforderung. Grundlagen für die Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2018. 304 Seiten. ISBN 978-3-7815-2246-6. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thema

Der Herausgeberband verfolgt das Ziel „ein grundlegendes Verständnis dessen zu charakterisieren, was Erziehung aus Sicht der Pädagogik bei Verhaltensstörungen […] ausmachen könnte“ (S. 8).

Herausgeber

Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Thomas Müller und Prof. Dr. phil. habil. Roland Stein arbeiten am Lehrstuhl für Pädagogik bei Verhaltensstörungen an der Universität Würzburg und sind durch zahlreiche einschlägige Publikationen in diesem Gebiet fachlich ausgewiesen. 

Entstehungshintergrund

Anlass für den Band ist der Befund der Herausgeber, dass bis dato kein originäres Erziehungsverständnis in der Pädagogik bei Verhaltensstörungen existiere. Dieser Umstand ist umso verwunderlicher, als dass die Pädagogik bei Verhaltensstörung als Teilgebiet der Heil- und Sonderpädagogik (schulische) Erziehung in den Blick nimmt. Das Buch als Sammelband zu gestalten, verfolgt das Ziel, die Diversität der fachwissenschaftlichen Perspektiven auf den Erziehungsbegriff abzubilden.

Aufbau

Der Herausgeberband ist in sechs Oberkapitel gegliedert: Einleitung, „Erziehung als Herausforderung: zur Gegenstandsbestimmung“, „Bedingungsfelder und Faktoren von Erziehung als Herausforderung“, „Erziehungsverhältnisse – spezifische Herausforderungen mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen“, „Erziehung – eine gefährdete Aufgabe“ und „Erziehung als Herausforderung: besondere Lösungsversuche“. Die 16 Einzelbeiträge unterschiedlicher AutorInnen sind den Oberkapiteln 2 bis 6 zugeordnet.

Inhalt

Die Einleitung des Buches gibt einen Überblick über den Entstehungshintergrund und Aufbau des Herausgeberwerkes. Daran an schließt sich ein einführendes Kapitel über die Bestimmungsstücken eines Erziehungsbegriffs (Kapitel 2.1, Thomas Müller). Bereits im ersten inhaltlichen Kapitel wird damit die Bedeutung des Herausgeberwerkes herausgestellt, indem darauf verwiesen wird, dass „eine Theorie der Erziehung hilft […], Erziehung als Praxis zu bestimmen und zugleich offenzulegen, worauf es bei dieser ankommt: die Realisierung der anthropologisch begründbaren Freiheit des Menschen“ (Müller, S. 20). Roland Stein widmet sich wiederum in dem folgenden Kapitel der Frage nach Moralität im Erziehungsprozess (Kapitel 2.2).

Das Oberkapitel 3 „Bedingungsfelder und Faktoren von Erziehung als Herausforderung“ widmet sich den drei Erziehungskontexten:

  • der Familie (Kapitel 3.1, Hanisch & Hennemann)
  • der Schule (Kapitel 3.2, Bleher & Hoanzl) und
  • der außerfamiliären und außerschulischen Erziehung (Kapitel 3.3, Herz)

Kapitel 3.1 gibt einen Überblick über förderliches und hemmendes Erziehungsverhalten primärer Bezugspersonen. Grundlegend für die Erziehung im schulischen Kontext (Kapitel 3.2) sehen die AutorInnen die Beziehung des Kindes zur Lehrperson. „Erziehung fußt auf Beziehung“ (S. 113), woraus sie schließlich allgemeine Ableitungen für die Lehramtsausbildung treffen. Herz wiederum widmet sich in ihrem Beitrag kritisch spezifischen Handlungsfeldern der außerschulischen Erziehung sowie den Konsequenzen aus diesen Erziehungsfeldern für die Kinder und Jugendlichen (Kapitel 3.3). Sie geht in ihrem Beitrag sowohl auf die Rechtsgrundlage als auch auf „Herausforderungen sowie Problemlagen“ (S. 136) der Praxisfelder ein und verweist auf Zusammenhänge zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen.

In dem Oberkapitel 4 widmen sich Andrea Dlugosch (Kapitel 4.1), Markus Dederich (Kapitel 4.2), Bernd Ahrbeck (Kapitel 4.3) und Stephan Gingelmaier (4.4) „spezifischen Herausforderungen mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen“. Dlugoschs Beitrag regt eine Reflexion über personale als auch institutionelle Macht und Ohnmachtsverhältnisse im Erziehungsprozess an, während sich Dederich explizit mit Anerkennungs- und Beschämungsmechanismen in pädagogischen Interaktionen auseinandersetzt und hierbei eine Kritik am Anerkennungsbegriff wagt. Ahrbeck widmet sich in seinem Beitrag wiederum der Bedeutung der Gegenpole „Selbsttätigkeit und Fremdbestimmung“, zwischen denen sich die Pädagogik bei sozial-emotionalen Beeinträchtigungen bewegt. Gingelmaier beschäftigt sich in seinem Beitrag wiederum mit dem Balanceakt von Nähe und Distanz „als notwendige Bewegung im erzieherischen Raum“ (S. 178), um dem psychosozial beeinträchtigten Kind neue Erfahrungen hinsichtlich Nähe und Distanz zu ermöglichen.

In Kapitel 5 „Erziehung – eine gefährdete Aufgabe“ widmen sich Marc Willmann einer historischen Betrachtung der Pädagogik bei Erziehungsschwierigkeiten an den Universitätslehrstühlen der BRD von ihren Anfängen bis zur Gegenwart (Kapitel 5.1), Heinrich Ricking den Grenzen und dem Scheitern als immanent im Erziehungsprozess von hoch belasteten Kindern und Jugendlichen (Kapitel 5.2), Rolf Göppel den Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Therapie und Pädagogik bei Verhaltensstörungen (Kapitel 5.3) und David Zimmermann dem therapeutischen Milieu für das außerschulische Setting mit hoch belasteten Kindern und Jugendlichen (Kapitel 5.4).

Kapitel 6 befasst sich wiederum mit konkreten „Lösungsversuchen“ im Umgang mit erziehungsschwierigen Kindern und Jugendlichen. Kerstin Popp stellt in ihrem Beitrag die Vor- und Nachteile ausgewählter Verhaltenstrainings vor, die in der Pädagogik bei Verhaltensstörungen häufig Anwendung finden (Kapitel 6.1). In Kapitel 6.2 erweitert Anne Kaplan wiederum diesen Blick u.a. um Ansätze der Erlebnispädagogik und Konfrontativen Pädagogik (Kapitel 6.2). Abschließend befasst sich Stephanie Blatz mit einer Kritik an der Erziehungsratgeberliteratur (Kapitel 6.3).

Diskussion

Der Sammelband gibt einen Einblick in ein grundlegendes Erziehungsverständnis, den Orten von Erziehung (in der Familie, in der Schule und außerhalb der Schule), Herausforderungen innerhalb des Erziehungsgefüges mit sozial-emotional beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen, offenen Fragen und spezifischen Erziehungskonzepten. Die theoretischen Ansätze zum Erziehungsbegriff eint ein überwiegend biographisch verstehender Zugang zum zu Erziehenden und betont in unterschiedlichen Beiträgen die Rolle der bzw. des Erziehenden und des weiteren sozialen und gesellschaftlichen Umfeldes im Erziehungsgefüge. Damit stellt der Sammelband ein Gegenentwurf zu Erziehungsverständnissen in zahlreichen Handlungsempfehlungen und Trainingskonzepten dar, die überwiegend am Kind ansetzen und außer Acht lassen, dass es sich bei dem auffälligen Verhalten u.U. um eine notwendige Anpassung des Kindes an sein soziales Umfeld handeln könnte. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob der Herausgeberband mit dieser Schwerpunktsetzung dem eingangs formulierte Ziel, die „Reichhaltigkeit und Vielfalt dieser Fachszene“ (Müller & Stein, Einleitung, S. 8) abzubilden, tatsächlich gerecht wird. Denn wie Popp in ihrem Beitrag hervorhebt, liegt der Schwerpunkt von Erziehungskonzepten in der Pädagogik bei Verhaltensstörungen auf eben solchen vor allem lerntheoretisch basierten Trainingskonzepten (Popp, S. 255).

Der Sammelband ermöglicht eine Übersicht über verschiedene Aspekte eines Erziehungsverständnisses in der Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Unbeantwortete Fragen werden aufgezeigt und Kontroversen angedeutet, die im Studium der Pädagogik im Förderschwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung als Diskussionsgrundlage genutzt werden können. Die Herausgeber selbst adressieren ihr Buch an Forschende und PraktikerInnen in der Pädagogik bei Verhaltensstörung. Allerdings darf letzteres nicht dazu verleiten, konkrete Handlungsanweisungen für die Praxis zu suchen. Stattdessen regt das Buch dazu an, sich einer für die Praxis notwendigen Theorie der und Haltung zur Erziehung zu nähern.

Fazit

Der Sammelband bietet einen Überblick über grundlegende Fragen und Aspekte, die eine Theorie der Erziehung in der Pädagogik bei Verhaltensstörungen betreffen. In fünf Oberkapiteln widmen sich die AutorInnen theoretisch einer Begriffsbestimmung von Erziehung, vorschulischen, schulischen und außerschulischen Erziehungsfeldern, Herausforderungen im Erziehungsprozess, den Grenzen von Erziehung und exemplarischen Lösungsansätzen. Als Grundlagenwerk für das Studium und die Lehre in der Pädagogik bei Verhaltensstörungen, aber auch für die Reflexion eigenen pädagogischen Handelns mit der Zielgruppe ist das Buch daher besonders geeignet.


Rezension von
Prof.in Dr. phil. Janet Langer
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Zitiervorschlag
Janet Langer. Rezension vom 18.03.2020 zu: Thomas Müller, Roland Stein (Hrsg.): Erziehung als Herausforderung. Grundlagen für die Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2018. ISBN 978-3-7815-2246-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24734.php, Datum des Zugriffs 24.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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