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Katrin Reimer-Gordinskaya, Michael Zander (Hrsg.): Krise und Kritik (in) der Psychologie

Cover Katrin Reimer-Gordinskaya, Michael Zander (Hrsg.): Krise und Kritik (in) der Psychologie. Festschrift für Wolfgang Maiers. Argument Verlag (Hamburg) 2018. 159 Seiten. ISBN 978-3-86754-599-0. 15,00 EUR.
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Thema

Wolfgang Maiers gehört zu den jüngeren Vertretern der ‚Kritischen Psychologie‘, die einen alternativen Ansatz der psychologischen Forschung zum disziplinären Mainstream bildet. Als Schüler von Klaus Holzkamp in Berlin und Ordinarius für Psychologie in Stendal hat er eine wissenschafts- und gesellschaftskritische Position gegenüber der akademischen Psychologie (weiter-)entwickelt, die im vorliegenden Band von Weggefährten und Schülern gewürdigt wird. Im Mittelpunkt stehen dabei einerseits methodologische Probleme, insbesondere die Zurückweisung der rein naturwissenschaftlichen Psychologie zugunsten „marxistische[r] Subjektwissenschaft“ (S. 94), und andererseits die soziale und politische Opposition gegen das „Regime der Gedankenlosigkeit, das McKinsey & Co. errichtet haben“ (S. 20).

Herausgeber

Katrin Reimer-Gordinskaya wurde mit einer Arbeit zur ‚kritischen politischen Bildung gegen Rechtsextremismus‘ 2011 an der FU Berlin bei Morus Markard und Jürgen Zimmer promoviert. Sie arbeitet als Professorin für Kindliche Entwicklung, Bildung und Sozialisation im Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal.

Michael Zander wurde an der FU Berlin 2015 mit einer Arbeit zur ‚Autonomie bei (ambulantem) Pflegebedarf im Alter‘ promoviert. Momentan vertritt er die Professur für Rehabilitationspsychologie im Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Zusammen haben Reimer-Gordinskaya und Zander bereits an verschiedenen Stellen zusammengewirkt, beispielsweise 2008 als Mitherausgeber an der Festschrift für Morus Markard.

Entstehungshintergrund

Der Argument-Verlag stellt sich selbst als „Haus linker Theorie und Wissenschaftskritik“ (Webseite des Verlags) vor und ist historisch mit der FU Berlin verbunden. Eine Schlüsselfigur für die Brücke zwischen Verlag und Herausgebern ist Klaus Holzkamp als Kopf der ‚Kritischen Psychologie‘, dessen Werke im Argument-Verlag als Klassiker publiziert werden.

Aufbau

Der Band ist gemäß seiner Form als Festschrift eine Aufsatzsammlung. Er versammelt dreizehn Beiträge, wobei die Sammlung nach einer Einleitung mit einem Gedicht beginnt und mit zwei Gesprächen schließt:

  • Katrin Reimer Gordinskaya & Michael Zander: 1968–2018 - Krise und Kritik (in) der Psychologie
  • Monique Lathan & Doreen Trümpler: Zwei Lehren, drei Gelehrte, ein Programm
  • Nicola Wolf-Kühn: Keine Zeit zum Denken
  • Arnd Hofmeister: Widerständiges Lernen und Lehren 2.0. Möglichkeiten und Grenzen von Reflexion im qualitätsgemanagten Online-Seminar
  • Günter Mey: Das Hadern mit dem Mainstream – Annotationen zur Entwicklung qualitativer Forschung
  • Morus Markard: Ist die Auswertung verbaler Daten ohne die Beteiligung der Interviewten mit einer Psychologie vom Standpunkt des Subjekts zu vereinbaren?
  • Annette Schmitt & Matthias Morfeld: Evidenzbasierung in der Frühpädagogik: Wissen, was wirkt, und prüfen, was passt
  • Katrin Reimer-Gordinskaya: Qualitätsentwicklung in Kindertageseinrichtungen durch subjektwissenschaftliche Praxisforschung
  • Michael Klundt: Überlegungen zu Kinderarbeit bei und seit Marx – eine wichtige Thematik für Kindheitswissenschaften und Kritische Psychologie
  • Michael Zander: Kollektive Intentionalität – Michael Tomasellos vergleichende Entwicklungspsychologie und ihre Bedeutung für die Kritische Psychologie
  • Athanasios Marvakis: (Kritische) Psychologie permanent am Scheideweg – Dienstbotin der Macht und Mittel der Emanzipation
  • Morus Markard und Katrin Reimer-Gordinskaya: Auf derselben Wellenlänge. Ein Interview über den wissenschaftlichen Werdegang von und mit Wolfang Maiers
  • Krise, Kritik und Entwicklung (in) der Psychologie. Ein Gespräch mit Wolfang Maiers

Die neun wissenschaftlichen Aufsätze, die im Mittelpunkt der Festschrift stehen, folgen keiner strikten Gliederung, doch ranken sie sich um die Themen der Psychologiegeschichte aus Perspektive der Kritischen Psychologie, die psychologische Methodologie mit Schwerpunkt auf qualitative Methodik sowie inhaltlich die pädagogische und sozialwissenschaftliche Forschung. Im Folgenden werden diese Aufsätze inhaltlich dargestellt und kritisch besprochen.

Dabei dient bei dieser Besprechung der jeweiligen Texte der jeweils erste oder zweite Absatz der inhaltlichen Darstellung und der folgende bzw. die folgenden Absätze der Diskussion.

Inhalt und Diskussion

Wolf-Kühns Aufsatz „Keine Zeit zum Denken“ kontrastiert ein emanzipatorisches Bildungsideal mit der zeitgenössischen gesellschaftlichen Lage: „Der Freiheitsanspruch der bürgerlichen Aufklärung endet letztlich am Werkstor und der Empfangshalle“ (S. 17). Das gelte nicht weniger für den Hochschulbetrieb. Im gleichen Sinne klagen auch Lathan und Trümpler im die Festschrift einleitenden Gedicht den „Konkurrenzvorteil per Studium“ (S. 11) an. Das normative Gegenbild steht in „humanistische[r] Tradition“ und „gründet auf Subjektkategorien wie Selbstdenken, Selbstbestimmung und Selbstaneignung“ (S. 13).

Mit diesen aufklärerischen Kritik-Schablonen, die die „‚fachidiotischen‘ Grenzen der akademischen Disziplinen“ (ebd.) monieren, ist jedoch im Verhältnis zu Adornos und Horkheimers wegweisender Kritik an der Dialektik der Aufklärung eher ein Rückschritt als ein Fortschritt getan, denn die Anklage der „‚effiziente[n]‘ Hochschule“ (S. 19) ist keine wirklich neue Perspektive gewonnen. Es handelt sich um ein Ressentiment, das zwar vollkommen verständlich ist, aber insbesondere unter Geistes- und Sozialwissenschaftlern einem trivialen Selbstverständnis gleichkommt.

Innovative Potenziale werden dabei allerdings nicht durch drastische Polemik gegen „Lehre als Restposten“ (S. 21), „strukturell nahegelegte Hochstapelei“ (S. 22) oder den „‚Tauschwert‘ der Noten“ (S. 23) gewonnen. Deswegen ist der Aufsatz eher ein Mantra der Unzufriedenheit mit mangelnder emanzipatorischer Wirklichkeit als ein Impuls zur Umwälzung der Verhältnisse. Somit ist zwar nichts Maßgebliches an den Aussagen falsch, insofern als es sich um eine Tirade gegen neoliberale und technokratische Bildungsstrukturen handelt, doch es handelt sich letztlich um kaum mehr als ein Ventil für eine Gesamtstimmung, das den Einstieg in die Lektüre der Festschrift prägt.

Der Aufsatz „Widerständiges Lernen und Lehren 2.0“ von Hofmeister berichtet über die Potenziale von Online-Unterricht in Theorie und Praxis. Theoretisch präsentiert Hofmeister eine gelungene Differenzierung des Begriffes ‚Reflexion‘, indem er ein pragmatisches Verständnis, das „kritische Reflexion als allgemeine Form des Erkenntnisfortschritts durch Zweifel und Befragung“ (S. 26) versteht und somit riskiert „der einfachen Optimierung, besseren Anpassung und Affirmation des Bestehenden zu dienen“ (ebd.), infragestellt. Subjektwissenschaftlich sei es im Anschluss an Holzkamp möglich, dieser Form von Reflexion die „antizipierte Verfügungserweiterung des Subjekts“ (S. 28f) im expansiven Lernen gegenüberzustellen.

Empirisch sei deswegen von Interesse, ob expansives Lernen (und Lehren) im Online-Unterricht möglich sei oder vielmehr nur ‚defensives Lernen‘, in dem das intersubjektive Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden „nur halbherzig unterstützend“ (S. 29) ausgeprägt sei. Diese Alternativen untersucht Hofmeister mithilfe einer „kritisch-phänomenologisch“ (S. 30) interpretierten Datensammlung aus einer englischen Stichprobe. Seine Schlussfolgerung ist an erster Stelle negativ, denn die institutionelle Verwaltung des Lernens erzwinge defensive Lernerfahrungen: So scheine „kritische Reflexion im qualitätsgemanagten Klassenraum strukturell und inhaltlich unmöglich“ (S. 39). Erst dort, wo „ein Ignorieren der Aufgabenstellung und der Erwartungshorizonte von beiden Seiten“ (S. 38) erfolge, werde expansives Lernen möglich.

Hofmeisters Untersuchung eröffnet eine Perspektive für die Fortsetzung der pädagogischen Psychologie kritisch-psychologischer Prägung und schließt somit erfolgreich an die Vorarbeiten Holzkamps an. Seine Überlegungen helfen, die Limitierungen des digitalen Lernens zu verstehen und erschließen gleichsam den Grund für konstruktive Alternative. Kritisch zu bedenken bleibt jedoch, inwiefern die Untersuchungsrichtung von vornherein durch den kritisch-psychologischen Rahmen gebahnt war. Es wäre wünschenswert, den kontroversen Austausch mit dem weiteren Kontext der pädagogischen Psychologie zu suchen. Ferner bleibt der Anspruch einer ‚kritisch-phänomenologischen‘ Methodik hinter den Impulsen zurück, die beispielsweise bereits in den 1980er und 90er Jahren vom Austausch zwischen Holzkamp und dem phänomenologischen Psychologen Carl Friedrich Graumann ausgegangen sind – eine Austausch, für den auch Wolfgang Maiers als Mitglied der International Society for Theoretical Psychology (ISTP) geworben hat.

Meys Aufsatz über „Das Hadern mit dem Mainstream“ stellt ungleich der meisten anderen Aufsätze nicht die Kritische Psychologie in den Mittelpunkt, sondern die ‚Grounded Theory‘. Seine Arbeit liefert einen Überblick über die methodologische Entwicklung der jüngeren Psychologiegeschichte hinsichtlich qualitativer Methoden. Dabei differenziert er drei Stränge, die sich seit den 1970er Jahren jeweils dem „subjektiven Sinn“ (S. 43), dem „sozialen Sinn“ (ebd.) oder dem „objektiven Sinn“ (S. 44) gewidmet haben, um psychische Phänomene zu analysieren. Anstelle einer Erfolgsgeschichte berichtet Mey jedoch vom beständigen Ringen um Relevanz in der qualitativ forschenden Psychologie. Zwischen Peripherie und Zentrum hätten sich qualitative „Kampfzonen“ (S. 47) aufgetan, in denen qualitative Forschung entweder im positivistischen Sinne ausgelegt – und in den Mainstream assimiliert – würde oder zu „Emanzipation, Kritik und Reflexion“ (S. 48) tendiere.

Mey bietet einen fundierten und perspektivenreichen Überblick der zeitgenössischen qualitativen Forschung in der Psychologie. Sein Urteil legt die Einschätzung nahe, dass die Bedeutung dieser Forschung notwendig darin liege, ein Spannungsgebiet von ‚Zentrum und Peripherie‘ offen zu halten. In diesem Sinne ist qualitative Forschung der Widersacher des Mainstreams und sollte sowohl gegen die Irrelevanz als auch gegen die Normalisierung ringen. Es handelt sich um Außenseiter-Schicksal, das die Hoffnung auf Besserung begründet. Mey merkt mit Groeben kritisch an, dass die Lagerbildung innerhalb der qualitativen Forschung die Hauptursache für selbstverschuldete Irrelevanz sei. Die Alternative scheint Eklektizismus zu sein, doch dieser birgt nicht nur die Verheißung der Föderation der qualitativen Ansätze, sondern auch die Gefahr, das eigene Profil zu verlieren. Ein passendes Beispiel ist die oftmals unsystematische Verwendung des Begriffes ‚Phänomenologie‘ in qualitativer Forschung.

Der Aufsatz über die Frage ob, „die Auswertung verbaler Daten ohne die Beteiligung der Interviewten mit einer Psychologie vom Standpunkt des Subjekts zu vereinbaren“ sei von Markard, schließt redaktionell gut an die Überlegungen Meys an, insofern als auch Markard methodologische Reflexionen anstellt. Allerdings stellt er eine spezifische Frage innerhalb des kritisch-psychologischen Diskurses. Zur Herleitung handelt es sich einerseits um eine kursorische Einführung in die Kritische Psychologie und andererseits um einen deutlichen Bezug zu praktischen Fragen der empirischen Forschung.

Weil Partizipation als Hauptkriterium der Subjektwissenschaften eine besondere Beziehung zu Versuchspersonen nahelegt, ist strittig, ob nicht-partizipative Interpretationen Geltung beanspruchen können. Markard argumentiert allerdings, dass Interpretationsgemeinschaften zwischen Forschenden und Beforschten nicht notwendig einen Validitätsvorteil bieten, „insofern, als die authentische Sicht von Betroffenen nicht bedeutet, dass sie recht haben, alle anderen Interpretationen aus den Angeln heben, dass sie quasi Wahrheit sprechen“ (S. 59). Diese epistemologische Problematik wird von Markard unter Bezugnahme auf das kritisch-psychologische Konzept der „Niveaus von Intersubjektivität“ (S. 62) diskutiert. Der Aufsatz schließt mit neun „Vorschlägen zur Auswertung verbaler Daten“ (S. 63).

Markard spielt ebenso wie der gefeierte Maiers und der im Eingangsgedicht geehrte Michael Kraus eine spezielle Rolle in der jüngeren Kritischen Psychologie. Es ist deswegen nicht verwunderlich, im vierten Aufsatz der Festschrift eine spezifische methodologische Fragestellung zu finden. Es handelt sich um eine empirienahe und verständliche Darstellung des Problems und eine offene Diskussion, die als sachdienlicher Beitrag bewertet werden sollten.

Ein Plädoyer für „Evidenzbasierung in der Frühpädagogik“ legen Schmitt und Morfeld vor. Es handelt sich einerseits um eine Präsentation des Konzeptes evidenzbasiertes Forschung, wobei unter Evidenz „die unmittelbare kognitive Nachvollziehbarkeit eines Zusammenhangs“ (S. 68) verstanden wird. Andererseits um einen normativen Beitrag zur Pädagogik, der sich gegen „eine technokratische Lesart der Evidenzbasierung als Instrument einer Top-down-Steuerung“ (S. 69) wendet. Der Vorschlag von Evidenzhierarchie und Mixed-Methods-Strategie sind einige Argumente, die das Urteil stützen, dass evidenzbasierte Forschung eine „geeignete Strategie des Wissenschafts-Praxis-Transfers“ (S. 76) sei.

Der verhältnismäßig kurze Aufsatz steht durch seine Nüchternheit etwas vom kritisch-psychologischen Pathos der anderen Beiträge ab, was ähnlich wie der Beitrag von Mey einen sinnvollen Kontrast für diejenigen bildet, die eher als Psychologen überhaupt denn als Kritische Psychologen im Speziellen zur Lektüre der Festschrift gekommen sind. Die Beschränkung des Aufsatzes besteht allein darin, dass er sich etwas zu kritiklos, beinahe als Werbung für die Evidenzbasierung lesen lässt – eine Anmerkung, die gleichfalls durch den Hintergrund des kritischen Ausblicks der anderen Texte motiviert ist.

Von „Qualitätsentwicklung in Kindertageseinrichtungen durch subjektwissenschaftliche Praxisforschung“ handelt der Beitrag von Reimer-Gordinskaya. Es handelt sich um einen Brückenschlag zwischen subjektwissenschaftlicher Theorie und sozialstrukturellen Fragen. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen ‚intersektionale Gruppenbeziehungen‘. Reimer-Gordinskaya geht es darum, „über ‚je meinen‘ Subjektstandpunkt unter Bezug auf (Konzepte über) kontextuelle und strukturelle Dimensionen intersektionaler Machtverhältnisse nachzudenken, um ihn dann als kontextualisierten und gesellschaftlich vermittelten Standpunkt begreifen und von da aus Selbst- und Weltveränderung (z.B. auf dem Wege der Praxisforschung) in Gang setzen zu können“ (S. 82).

Ähnlich wie der Aufsatz von Hofmeister handelt es sich um einen Beitrag, der die Aktualität der Subjektwissenschaften unter Beweis stellt. Allerdings lässt sich Reimer-Gordinskayas Argumentation in Form und Inhalt nicht auf Psychologie festlegen. Die Fragestellung nach Machtverhältnissen steht – gleich mehrerer anderer Aufsätze in der Festschrift – an der Grenze zur Soziologie und die Argumente sind durchaus in diskurstheoretischen Zusammenhängen anschlussfähig.

Der Aufsatz von Klundt formuliert „Überlegungen zu Kinderarbeit bei und seit Marx“. Schon im Titel offenbart sich, dass Klundt den Nexus zwischen marxistischer und subjektwissenschaftlicher Theoriebildung betont – während das Gedicht am Eingang der Festschrift eher das Hegelianische Erbe betont. Hier manifestieren sich die verschiedenen Spielarten des kritisch-psychologischen Denkens. Der Aufsatz selbst ist eine historische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Kinderarbeit im 19. Jahrhundert mit dem Ausblick in ihre gegenwärtige Bedeutung.

Der Aufsatz ist in erster Linie eine sozialgeschichtliche Kontextualisierung des Marxismus-Leninismus. Die Fokussierung auf einen spezifischen Zusammenhang, die Kinderarbeit, rechtfertigt die Darstellung in einem kurzen Aufsatz, doch für eine sachgerechte historische und kapitalismuskritische Diskussion ist im vorliegenden Band kein Forum gegeben. Es handelt sich eher um einen Ausreißer in eine weitere Richtung jenseits der Psychologie, dessen Zusammenhang mit den Subjektwissenschaften zwar offenkundig ist, aber der Festschrift insgesamt die im Titel angelegte Konturierung erschwert – ein die Relevanz des Aufsatzes freilich nicht mindernder Umstand.

Zanders Text über „Kollektive Intentionalität“ bei Tomasello tritt als Versuch auf, einen Dialog zwischen Subjektwissenschaften und Primatologie bzw. Evolutionsbiologie zu eröffnen. Dabei seien die „biologischen Grundlagen des Psychischen“ (S. 108) von ausgezeichnetem Interesse. Anschlussfähigkeit wird darin vermutet, dass Tomasello die Sonderstellung der menschlichen Kooperationsfähigkeit herausstellt, die auch in den subjektwissenschaftlichen Überlegungen zur Intersubjektivität aufscheinen.

Zanders Aufsatz bleibt letztlich eine Skizze und die Konstatierung von Kompatibilität unspezifisch. Die Gemeinsamkeiten sind zu gering und es wäre Eklektizismus nötig, um auf dieser Grundlage einen Kompromiss herzustellen. Viele geistes- und sozialwissenschaftliche Strömungen, die den Subjektbegriff gegen die Bedrohung des eliminativen Materialismus aus den Naturwissenschaften verteidigen haben in den letzten Jahren versucht, Tomasellos Einsichten in ihrem Sinne auszulegen. Weitere Beispiele sind die Philosophische Anthropologie und der Enaktivismus. Die Subjektwissenschaften reihen sich hier ein und können in Anbetracht der vorliegenden Argumente keine Priorität behaupten. In anderen Worten: Die Frage nach der Bedeutung der primatologischen Einsichten der letzten Jahrzehnte wird zunächst auf einer allgemeineren Ebene beantwortet werden müssen, bevor die Konsequenzen für die Subjektwissenschaft eingesehen werden können.

Die „(Kritische) Psychologie permanent am Scheideweg“ sieht Marvakis. Ähnlich wie die übrigen Autoren der Festschrift betont der Autor, die Kritische Psychologie opponiere einem „technokratische[n] Weltbild“ (S. 117), indem sie die immanenten Dynamiken der Disziplin, Karl Bühlers ‚Strukturkrise‘, begünstige. Technokratisch sei die Tendenz der „Durchsetzung der Sozialwissenschaften als historisch siegreiche Konkurrenten über soziale Bewegungen“ (S. 120). In einer pointierten Formulierung spezifiziert Marvakis diesen Antagonismus: „Sozialpsychologie statt Sozialismus; Sozialwissenschaften statt Arbeiterbewegung; reparierende Eingriffe in die Sozialmaschinerie statt Emanzipation; Hilfe und Kontrolle der Subjekte auf ihrem Weg zurück zu ‚Normalität‘ statt Selbstbestimmung“ (S. 120).

Die Psychologie als Disziplin in ihrer gegenwärtig dominanten Form, die auf dem kritischen Auge erblindet sei, stehe dabei „als effizienter und machtvoller Apparat“ (S. 121) auf der Seite des bestehenden Systems. Erst eine wissenschaftssoziologische Kritik der Psychologie könne sichtbar machen, dass die Disziplin nicht weder neutral noch frei bleiben könne: „Psychologie steckt sozusagen das ‚Gegebene‘ und ‚Selbstverständliche‘ des modernen Menschen ab, sie ‚rahmt‘, ‚fasst‘ unsere Normalität ‚ein‘“ (S. 123).

Mag diese beachtliche und schlagfertige Kritik auch pointiert vorgetragen werden, so ist es lediglich der letzte Absatz, in dem Marvakis nach der ‚neuen Praxis‘ und den ‚neuen Subjekten‘ fragt – ein Absatz, der in erster Linie offene Fragen stellt. Daher aktualisiert der Aufsatz in erster Linie die kritischen Invektiven, die in den letzten 50 Jahren vorgezeichnet worden sind. Ähnlich wie Wolf-Kühn ermangelt es eines konstruktiven Vorstoßes, der einen Fortschritt innerhalb der Kritischen Psychologie erkennen lässt. Nichtsdestoweniger handelt es sich um eine lesenswerte Lagebeschreibung.

Die Festschrift schließt mit zwei Gesprächen, die sich dem Lebenswerk des Gefeierten widmen. Es handelt sich um allgemeine biographische Rückblicke, aber auch um Kommentare von Maiers und Markard. Beide Texte sind aus psychologiehistorischer Perspektive wertvoll, insofern als die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Disziplin unterrepräsentiert ist.

Fazit

Die Kritische Psychologie ist seit den 1970er Jahren ein Impulsgeber für emanzipatorische Potenziale in der Psychologie. In den letzten Jahrzehnten hat sie einen Schwerpunkt an der Hochschule Magdeburg-Stendal etabliert, dessen Gestaltung maßgeblich von Wolfgang Maiers vorangetrieben wurde. Die vorliegende Festschrift ist seinem Beitrag gewidmet und umfasst Aufsätze von seinen Wegbegleitern und Schülern. Es handelt sich um eine Sammlung wissenschaftlicher Aufsätze, die teilweise die Kritische Psychologie und teilweise anrainende Themengebiete bzw. Ansätze thematisieren. Sie eint eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem status quo der Sozial- und Verhaltenswissenschaften. Beigegeben sind zudem ein wissenschaftliches Gedicht, das der Suche nach alternativen Formen der Forschung Ausdruck verleiht, sowie zwei Gespräche über den Gefeierten. Der Band kann einerseits psychologiehistorisch Interessierten empfohlen werden, die sich für Strömungen innerhalb der jüngeren deutschen Psychologie begeistern können. Andererseits mag der Band diejenigen ansprechen, die nach methodischen Alternativen für die psychologische Forschung oder nach einer Brücke zu anderen Diskursen, beispielsweise zu den Sozialwissenschaften, suchen.


Rezension von
Dr. Alexander N. Wendt
Dr./M.Sc. (Psychologie), M.A. (Philosophie)
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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 18.05.2020 zu: Katrin Reimer-Gordinskaya, Michael Zander (Hrsg.): Krise und Kritik (in) der Psychologie. Festschrift für Wolfgang Maiers. Argument Verlag (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-86754-599-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24735.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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