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Jürg Kollbrunner: Gespräch über Schuld und Schuldgefühle in der therapeutischen Beratung

Cover Jürg Kollbrunner: Gespräch über Schuld und Schuldgefühle in der therapeutischen Beratung. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2018. 120 Seiten. ISBN 978-3-8248-1236-3. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Autor

Dr. phil. Jürg Kollbrunner arbeitete bis 2013 als Psychotherapeut, Klinischer Psychologe und Psychoonkologe an der HNO-Klinik der Universität Bern.

Thema

Kollbrunner wendet sich mit diesem Buch an Praktiker in Medizin und in Heil- und Pflegeberufen; er will klären, was Schuld und Schuldgefühle sind und wie sie mit Gewissen und Moral zusammenhängen und er will seinen Lesern Kompetenz zur Einordnung und Bearbeitung von Schuldgefühlen vermitteln.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort (von Prof. Jürgen Steiner, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik HfH, Zürich) und einer kurzen Danksagung gibt es 13 Kapitel, einen Anhang mit 23 Gesprächsbeispielen sowie ein Literaturverzeichnis. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Kollbrunner geht davon aus, dass Schuld und Schuldgefühle, obwohl sie alltägliche Belastungsphänomene sind, in Literatur und Ausbildung kaum angesprochen werden – so das Vorwort. Seine Analyse von Stichwortverzeichnissen von Lehrbüchern für therapeutische Berufe ergibt, dass Schuld und Scham weitgehend ignoriert werden (Einleitung, S. 11-17).

Das Vermeiden dieses Themas könnte – so Kollbrunner – mit der Befürchtung zusammenhängen, zu schnell auf eine Moralthematik zu fokussieren, und so die Chance vergeben, psychosoziale Zusammenhänge hinter Erkrankungen zu verstehen. Dabei erfahren Therapeuten Schuldgefühle (S. 18-19) und zwar nicht nur bei ihren Patienten, sondern auch bei sich selbst.

Im folgenden Kapitel (Was ist Schuld? S. 20-23) bemüht sich Kollbrunner um eine Klärung der Schuldbegriffes und unterscheidet kriminelle Schuld, moralische Schuld, chronische leichte moralische Schuld, Pseudounschuld, existenzielle Schuld und schicksalhafte Schuld ohne moralische Verantwortung.

Gefühlsmäßige Reaktionen auf tatsächliche oder vermeintliche Schuld sind oft so quälend, dass es schwerfällt, ihre positiven Aspekte zu sehen (Was sind Schuldgefühle? S. 28-35). Dabei, so Kollbrunner, gäbe es ohne Schuld- und Schamgefühle und deren Anstoß zur Reflexion und Empathie keine Zivilisation, sondern es gälte nur das Recht des Stärkeren.

Als Grundtypen von Schuldgefühlen (S. 36-49) nennt Kollbrunner authentische Schuldgefühle (die aus eigener Schuld etwa nach Fremdschädigung resultieren, aber auch ohne persönliche Schild auftreten können) und übernommene, sozial gelernte Schuldgefühle (etwa nach der Übertretung von Verboten oder der Unmöglichkeit, Aufträge und Verpflichtungen zu erfüllen) sowie Mischformen. In ausführlichen Tabellen werden Beispiele für das Induzieren solcher Gefühle dargestellt.

Über Die Bedeutung von Schuldgefühlen in der Therapie (S. 50-55) handelt das 6. Kapitel. Nach Kollbrunner sind Gespräche mit Patienten über Schuld und Schuldgefühle keine Notwendigkeit, können jedoch als diagnostisches Werkzeug dienen und eine Chance zur Hilfe, eine Not abzuwenden, bieten. Zum Erkennen von Schuldgefühlen, die nicht explizit geäußert werden, listet Kohlbrunner mögliche verbale, und nonverbale Anzeichen sowie Verhaltensweisen auf und gibt ein Beispiel für das Ansprechen solcher Gefühle. Kurz weist er darauf hin, dass die Schuldthematik auch bei Therapeuten vorkommen, diese aber oft durch Rationalisierungen vermieden werden.

Hilfe bei authentischen Schuldgefühlen (S. 56-64): Das Kapitel beginnt mit einer ausführlichen Tabelle, in der zwischen schwerer, chronisch leichter und leichter Schuld sowie Schuldgefühle ohne tatsächliche Schuld unterschieden wird und Behandlungsziele und Hilfestellungen benannt werden. Einige Bewältigungsmöglichkeiten werden anschließend besprochen.

Verhalten, das Schuldgefühle auslöst, ist als aggressiv zu werten – so steht es in dem sehr kurzen Kapitel Hilfe gegen induzierte Schuldgefühle unter Erwachsenen (S 65-66) – und sollte mit selbstbewusstem Auftreten gestoppt werden.

Die folgenden Kapitel behandeln:

  • Eltern mit chronischer leichter Schuld (Schwerpunkt: Ursachen kindlicher Störungen; S. 67-74),
  • Hilfen bei übernommenen Schuldgefühlen (Beziehungsfallen, Auseinandersetzung mit eigenen Eltern; S. 75-79) und
  • Tipps zur Linderung von Schuldgefühlen, die übersteigerte Reaktionen auf minimale Schuld sind (S. 80-81).

Potenzielle Schuld und Schuldgefühle auf Seiten von Therapeuten beeinflussen deren Arbeit und sind – so Kollbrunner – oft tabuisiert (Hilfe für Therapeuten und Berater, S. 82-86). Hingewiesen wird auf Intervision und Supervision, die nicht nur zur Qualitätssicherung dienen, sondern auch Unterstützung in solchen emotional belastenden Erlebenssituationen bieten können.

Auf die im Anhang zu findenden Ausschnitten aus Dialogen (S. 89-116) wird in den vorangegangenen Kapitel gelegentlich hingewiesen – sie sollen als beispielhafte Verdeutlichung und als Anregung dienen.

Diskussion und Fazit

Dem von ihm konstatierten Manko – weitgehendes fachwissenschaftliches Vermeiden der Beschäftigung mit Schuld und Schuldgefühlen [1] – will Jürg Kollbrunner entgegenwirken. Ich muss sagen, dass ich zunächst einigermaßen reserviert auf die „Kleinteiligkeit“ seiner Kategorisierungen reagiert habe – ein Eindruck, der durch die ausführliche tabellarische Darstellung verstärkt wird – ich stellte mir einen Berater/ Therapeuten vor, der mit seinem Klienten/Patienten darüber grübelt, in welche der Kategorien dessen Schuldgefühle einzuordnen seien und welches Mischungsverhältnis wohl vorliegen möge. Andererseits macht es durchaus Sinn, das oft diffuse Konzept „Schuld“ einmal genauer zu betrachten und es so in Beratungs- und Therapiegesprächen handhabbarer zu machen. Dazu kann das Buch beitragen, wenn es denn gelingt, über die rationale Analyse die Empathie für das emotionale Erleben des Gegenüber nicht zu vernachlässigen – und Kollbrunners Tipps und Beispiele nicht als Rezepte, sondern als Anregungen, als die sie gemeint sind, zu verstehen.


[1] Ganz so aus der wissenschaftlichen Erforschung verdrängt, wie der Autor auf S. 13 meint, ist das Thema vielleicht doch nicht. Es wird im Kontext der Forschung zu sekundären Emotionen, in der Selbstkonzept- und Leistungsmotivationsforschung thematisiert.


Rezension von
Dr. Wolfgang Rechtien
Bis 2009 Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Kurt Lewin Institutes für Psychologie der FernUniversität sowie Ausbildungsleiter für Psychologische Psychotherapie.
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Zitiervorschlag
Wolfgang Rechtien. Rezension vom 02.10.2018 zu: Jürg Kollbrunner: Gespräch über Schuld und Schuldgefühle in der therapeutischen Beratung. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2018. ISBN 978-3-8248-1236-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24736.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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