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Dietrich Oberwittler, Sebastian Roché (Hrsg.): Police-Citizen Relations Across the World

Cover Dietrich Oberwittler, Sebastian Roché (Hrsg.): Police-Citizen Relations Across the World. Comparing Sources and Contexts of Trust and Legitimacy. Routledge (New York) 2018. 307 Seiten. ISBN 978-1-138-22286-1. 126,15 EUR.

Routledge Frontiers of Criminal Justice, 54.
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Thema

Das Verhältnis der Polizei zu den Bürgern ist ein Thema, das in der kriminologischen Forschung zurecht immer wieder diskutiert wird. Von einem vertrauensvollen Verhältnis der Bürger in das Staatsorgan hängt es vielfach etwa ab, ob bei Straftaten Anzeige erstattet wird bzw. die Polizei über straffälliges Verhalten informiert wird, wobei allerdings noch weitere Variablen einen Einfluss haben. Der weitaus größte Teil der von der Polizei registrierten Straftaten kommt ihr durch Anzeigeerstattung bzw. Hinweisen aus der Bevölkerung zu Ohren. Wenn etwa die Polizei seit Jahrzehnten mit dem Spruch für sich wirbt: „Die Polizei – Dein Freund und Helfer“, hat es den Hintergrund, ein möglichst vertrauensvolles Verhältnis zu den Bürgern zu etablieren um so die Möglichkeit zu haben, wirksamer gegen Konflikte, vor allem auch Straftaten, vorgehen zu können. Das Verhältnis des Staatsorgans zu den Bürgern wird verständlicherweise auch erheblich von der gesellschaftspolitischen Situation in einem Lande beeinflusst. Vielfach kommt die Polizei auch durch Waffengebrauch, gerade etwa in den USA, in Verruf, vor allem gegenüber unterprivilegierten Gruppen. In Deutschland rückte in den letzten Jahren insbesondere auch das Thema Gewalt gegen die Polizei, etwa im Rahmen von Demonstrationen oder Fußballkrawallen, in den Vordergrund, ein Thema, das in dem Band allerdings kaum angesprochen wird.

Entstehungshintergrund

Die meisten Beiträge gehen auf eine internationale Tagung zurück, die vom 19. – 21. April 2015 in Paris zu dem Thema „Police-Citizen Relations“ stattfand.

Aufbau und Überblick

Wie die Herausgeber in einer Vorbemerkung (S. III) betonen wird die Polizei und ihr Vorgehen von unterschiedlichen sozialen Gruppen deutlich verschieden beurteilt. Das weckt die Frage, woran das liegt, welche Faktoren letztlich für die unterschiedlichen Sichtweisen maßgeblich sind. Die Herausgeber haben empirische Untersuchungen aus verschiedenen Ländern zu dem Thema der Beziehung zwischen Polizei und Bürgern zusammengetragen um so die Sichtweise auf die Problematik zu erweitern. Wie Newburn (S. I) in seiner Vorbemerkung betont gehören Fragen wie Vertrauen in die Polizei bzw. deren Legitimität sowohl für Politiker als auch Forscher in demokratischen Gesellschaften zeitlos zu wesentlichen Themen.

Der Band enthält neben einem Vorwort insgesamt 13 Beiträge von 21 Autoren, die in vier Kapitel unterteilt sind und etwa über die Situation in den USA, europäischen Ländern, Japan, Nigeria oder der Türkei berichten.

  1. Kapitel I gibt eine Einführung der Herausgeber,

  2. Kapitel II enthält Beiträge zu den Beziehungen zwischen Polizei und den Bürgern, stellt empirische Ergebnisse aus den USA, der EU, Japan und Nigeria dar und geht anhand eines Vergleichs zwischen Frankreich und Deutschland auf die Bedeutung ethnischer Disparitäten im Zusammenhang mit Polizeikontakten ein.

  3. Kapitel III diskutiert in vier Beiträgen die Bedeutung von Minoritäten und unterschiedlichen religiösen Gruppen im Zusammenhang mit der Polizei.

  4. In Kapitel IV wird in drei Beiträgen die Thematik der Verfahrensgerechtigkeit auf der Basis von Erfahrungen aus Chicago, Belgien und Finnland erörtert.

Inhalt

Tonry betont in einem Vorwort (S. XXff.) die Bedeutung des Themas, wann und warum die Bevölkerung der Polizei vertraut, und unter welchen Bedingungen. Öffentlichen Vertretern der Politik, welche die Bürger fair und respektvoll behandeln, wird auch wiederum mehr Vertrauen und Respekt entgegengebracht. Gerade ethnische oder religiöse Minderheiten würden von staatlichen Organen teilweise weniger fair behandelt. Erst in den letzten vier Jahrzehnten habe sich die Forschung, beginnend als psychologische Untersuchungen in den USA, warum Bürger das Recht akzeptieren und achten, vermehrt dem wichtigen Thema zugewandt. Für die einzelnen Staaten sei eine effektive Kriminalitätskontrolle und -prävention wesentlich, aber auch ein guter sozialer Zusammenhalt und ein Vertrauen in den Staat, einschließlich der Polizei (S. XXIII).

Roché und Oberwittler geben in Kapitel I (S. 1 ff.) eine Einführung in das breite Thema. Die Herausgeber des Bandes plädieren für eine breitere Sichtweise der Beziehungen zwischen Polizei und Bürger. Ziel des Bandes sei, den Blickwinkel für die Hintergründe von Legitimität der Polizei und des Vertrauens der Bürger zu erweitern (S. 3). Inzwischen habe die Forschung zu der Thematik auch außerhalb den USA erheblich zugenommen. Wichtig seien nun internationale Vergleiche, die Untersuchung gesamtgesellschaftlicher Bedingungen, des Einflusses von staatlichen und politischen Institutionen auf die Beziehungen zwischen Polizei und Bürgern. In vielen Ländern würden sich Bevölkerungsteile nicht fair behandelt und von der Polizei beschützt fühlen. Die Polizei sei erst in der Nachkriegsära zu einem Thema theoretischer und empirischer Prüfung geworden, in den letzten 20 Jahren habe die Forschung zugenommen (S. 4). Hintergrund vermehrter Forschung sei vor allem auch der Einsatz von Gewalt durch die Polizei gewesen. Die Einstellung zur Polizei und das Anzeigeverhalten müssten in einem breiten Netzwerk sozialer Zusammenhänge gesehen werden.

Kapitel II (S. 27 ff.) enthält fünf internationale Beiträge zu dem Thema Beziehungen zwischen Polizei und Bevölkerung.

  • Zunächst diskutiert Weitzer die neuere Entwicklung in den USA (S. 29 ff.). Rolle und Vorgehen der Polizei würden in den USA in den letzten drei Jahren im Kontext gewaltsamer Ereignisse und entsprechend breiter Medienberichterstattung ausgesprochen kontrovers diskutiert. Neue technische Registrierungsmöglichkeiten machten polizeiliches Verhalten für die Öffentlichkeit mehr sichtbar und kontrollierbar. Im Umgang mit der Polizei spiele nach Ansicht der meisten Amerikaner die ethnische Herkunft eine wesentliche Rolle. Der Autor diskutiert Faktoren, welche die Einstellung zur Polizei auf individueller und Gruppenebene beeinflussen und stellt vorgeschlagene Reformen vor. Polizei und Justizbehörden hätten teilweise auch eine ablehnende Haltung gegenüber ethnischen Minoritäten (S. 33). Die Gefahr, bei Polizeikontakten getötet zu werden, sei bei Schwarzen deutlich höher als bei Weißen. Vor diesem Hintergrund, vor allem kritischer Medienberichterstattung, seien Reformen ins Auge gefasst worden, die allerdings weitgehend nicht neu seien, etwa das Tragen von Body Cameras durch Polizeibeamte, eine bessere Ausbildung, mehr Community Policing, mehr neutrale Kontrolle polizeilichen Verhaltens, die Einstellung mehr farbiger Polizisten oder Abschaffung einer Zero-Tolerance-Politik (S. 35). Die Umsetzung erfolge allerdings nur schleppend.
  • Bradford, Jackson und Hough berichten Ergebnisse der European Social Survey zu der Thematik ethnischer Hintergrund und Legitimität der Polizei (S. 46 ff.). Nach den Autoren ist die negative Beziehung zwischen einem Minderheitenstatus und einer negativen Einschätzung der Polizei nicht durchgängig, es komme vielmehr auf spezielle Faktoren an, wie die historischen, kulturellen und spezifischen Erfahrungen. Die Lebensbedingungen im sozialen Umfeld, ökonomische Faktoren, bestimmten wesentlich auch die Zufriedenheit mit der Polizeiarbeit. Internationale Untersuchungen könnten zeigen, dass die Identifizierung mit dem Land, in welchem man lebt, das Zugehörigkeitsgefühl, auch mit einer größeren Akzeptanz der Polizei einhergehe. Die Autoren prüfen Zusammenhänge zwischen entsprechenden Variablen und dem Status ethnischer Minoritäten auf der Basis von Daten aus 27 Europäischen Ländern. Bürger, die sich in einer Gesellschaft dazugehörig und sicher fühlen haben eine positivere Sicht der Polizei. Die Autoren formulieren sechs Hypothesen zur Einstellung zur Polizei und Variablen wie erlebte Diskriminierung, Status der Immigration, Status als Bürger eines Landes, Wahlverhalten und ökonomische Sicherheit. Die Ergebnisse zeigen, dass Angehörige einer Minorität in einem Land schlechtere Lebensbedingungen beschreiben, etwa mehr Diskriminierung erfahren, eher zur Gruppe der Immigranten gehören, eher arbeitslos sind. Was die Beurteilung der Polizei durch Einheimische und Minoritäten betrifft zeigen sich zwischen den einzelnen Ländern erhebliche Unterschiede.
  • Oberwittler und Roché vergleichen Ergebnisse aus Befragungen von Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren in vier Städten in Frankreich und Deutschland hinsichtlich Polizeikontakten bei unterschiedlichen ethnischen Gruppen (S. 73 ff.). Polizeikontrollen führten zu den häufigsten Kontakten von Bürgern mit der Polizei, teilweise lösten sie auch Verärgerung und Aggression, gerade bei Jugendlichen aus. In Frankreich sei die Einstellung zur Polizei deutlich kritischer als in Deutschland, was sich auch in der Zahl der Aufstände gegen das Staatsorgan ausdrücke. Ausgewertet werden Daten eines umfangreichen vergleichenden Forschungsprojekts hinsichtlich öffentlichen Polizeikontrollen bei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und deren Auswirkung auf die Einstellungen gegenüber der Polizei. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass vor allem männliche Jugendliche in städtischer Umgebung relativ häufig Polizeikontakte haben (S. 80). Während in Frankreich junge Männer mit Migrationshintergrund deutlich häufiger polizeilich überprüft werden, ist das in Deutschland kaum der Fall. In beiden Ländern wurden Jugendliche mit Migrationshintergrund von der Polizei eher als Verdächtige behandelt als einheimische. Insgesamt wurde das Verhalten der Polizei in Deutschland positiver beurteilt als in Frankreich. Der französischen Polizei gelang es deutlich weniger als der deutschen, eine positive oder zumindest neutrale Situation im Kontakt mit Minoritäten herzustellen (S. 85).
  • Sato berichtet Ergebnisse zur Einstellung zur Polizei aus Japan, einem Land mit teilweise deutlich unterschiedlichen Bedingungen was etwa die Homogenität der Bevölkerung und die Kriminalitätsbelastung betrifft (S. 108 ff.). Nur 1,7 % der Bevölkerung seien Ausländer. Westliche Erklärungsmodelle hinsichtlich der Bedingungen einer Zusammenarbeit mit der Polizei seien teilweise nicht auf Japan übertragbar. Nur 8 % der Polizeikräfte seien weiblich, was etwa die Zusammenarbeit mit weiblichen Opfern einer Straftat erschwere und zu einer entsprechend niedrigeren Anzeigerate führe. Japan sei vor allem auch bekannt durch praktiziertes Community Policing im Rahmen des sich ausbreitenden Koban-Systems (S. 117). Eine Umfrage habe allerdings gezeigt, dass die Zufriedenheit mit der Polizei sehr gering sei, vor allem aufgrund deren geringer Präsenz in der Öffentlichkeit oder Korruptionsvorwürfen. Nur ein geringer Teil der Bevölkerung habe Kontakt mit der Polizei, was auch mit der niedrigen Kriminalitätsbelastung in Japan zu tun habe und den Eindruck erwecke, die Polizei sei nicht allzu wichtig.
  • Akinlabi diskutiert Einstellungen und Zusammenarbeit mit der Polizei in Nigeria, geht vor allem der Frage nach, ob einer Verfahrensgerechtigkeit in afrikanischen Ländern, in denen die Beziehung zwischen Polizei und Bevölkerung vielfach brüchig sei, dieselbe Bedeutung zukomme wie in westlichen Staaten (S. 127 ff.). Betont wird eine weite Verbreitung von Korruption in der Polizei und entsprechend einem hohen Misstrauen seitens der Bevölkerung in Nigeria. Die Einstellung zur Polizei müsse in afrikanischen Ländern auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen in der Kolonialzeit gesehen werden. Vor der Kolonialzeit seien in Afrika Recht und Ordnung gut durch traditionell entwickelte Vorgehensweisen, etwa auch der Religion oder einem Ältestenrat, kontrolliert worden, Praktiken, die teilweise auch heute noch bestehen würden. Mit der Kolonialisierung Ende des 19. Jahrhunderts, sei ein europäisches Polizeisystem eingeführt worden, das vor allem den politischen und ökonomischen Interessen der Kolonialherren zu dienen hatte, nicht denen der Urbevölkerung, die vielfach ungerecht behandelt worden sei. So habe sich bei der einheimischen Bevölkerung, auch im Zusammenhang mit teilweise militärischer Unterdrückung, eine erhebliche Ablehnung gegenüber der Polizei entwickelt. Mit der Unabhängigkeitserklärung Nigerias 1960 habe man auf eine Polizei nach altem Muster gehofft, welche die Bürger gerecht und fair behandelt. Bis heute sei es allerdings nicht gelungen, eine verantwortungsvolle und von der Bevölkerung unterstützte Polizei zu etablieren, notwendige Reformen seien immer wieder verschoben worden. Das Misstrauen gegenüber der Polizei sei in der Öffentlichkeit sehr groß, die wahrgenommene Legitimität polizeilicher Arbeit „extrem niedrig“ (S. 134). Die Ergebnisse einer Umfrage zur Einstellung gegenüber der Polizei in Nigeria werden berichtet.

Kapitel III (S. 151 ff.) enthält vier Beiträge zum polizeilichen Umgang mit Minoritäten bzw. unterschiedlichen Religionsangehörigen.

  • Murphy und Cherney (S. 153 ff.) berichten Ergebnisse aus Australien zum polizeilichen Umgang mit marginalisierten Gruppen und der Bedeutung des Vertrauens in polizeiliches Handeln, der Bereitschaft einer Zusammenarbeit. Die Polizei spiele hinsichtlich Inklusion bzw. Exklusion von Gruppen in die Gesellschaft eine wesentliche Rolle. Eine faire und gerechte Behandlung, etwa durch die Polizei, vermittle das Gefühl eines eigenen Wertes, von der Gruppe respektiert zu werden, führe zu einem Rückgang der Kriminalität. Verfahrensgerechtigkeit sei besonders wichtig für marginalisierte Gruppen. Australien sei weltweit in Zusammenhang mit großen Einwanderungswellen eines der Länder mit enorm großen ethnisch unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Vor allem die Integration asiatischer Gruppen sei eine besondere Herausforderung gewesen, im Zusammenhang mit Straftaten Jugendlicher gerade auch für die Polizei. Die Ergebnisse der eigenen Untersuchung zeigen, dass Befragte, welche die Polizei als gerecht einstufen, das sind vermehrt alte Menschen und Frauen, sich auch in ihrer Gemeinde mehr zugehörig fühlen und ein größeres Vertrauen in die Polizei haben. Befragte, welche das Vorgehen der Polizei in ihrer Gemeinde als gerecht erlebten, fühlten sich mit dieser auch intensiver verbunden. Erlebte Gerechtigkeit von Seite der Polizei helfe vor allem marginalisierten Gruppen, sich mehr einzugliedern.
  • Roché, Schwarzenbach, Oberwittler und De Maillard diskutieren Vertrauen in die Polizei bei Jugendlichen im Kontext ethnischer und religiöser Unterschiede. Die Autoren betonen, dass selbst in hoch entwickelten Demokratien in Europa das Vertrauen in die Polizei im Zusammenhang mit teilweise wachsenden Minoritätengruppen und ethnischer Abschottung ein kritisches Thema sei. Vor allem Spannungen zwischen jungen Menschen und der Polizei in Zusammenhang mit mangelnder sozialer Integration seien teilweise eine Herausforderung. Vor dem Hintergrund einer empirischen Studie (vgl. a. den ersten Beitrag, S. 3 ff.) werden die Bedingungen in Frankreich und Deutschland verglichen. Während es in Frankreich in den letzten Jahrzehnten immer wieder Jugendproteste gegeben habe, wäre das in Deutschland nicht der Fall. Die Autoren gehen vor allem den Fragen nach, unter welchen Bedingungen das Vertrauen Jugendlicher in die Polizei in Frankreich bzw. Deutschland gestärkt werden kann und inwieweit es hier Unterschiede zwischen den beiden Nachbarländern gibt. Die Ergebnisse der eigenen Analyse zeigen teilweise deutliche Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Die Zugehörigkeit zu einer Minorität habe in Deutschland weniger Einfluss auf das Vertrauen in die Polizei als in Frankreich. Die Integration von Minoritäten in die Gesellschaft und die Bildung von Vertrauen in die Polizei werde auch beeinflusst von lokalen Bemühungen um eine Einbürgerung und entsprechenden politischen Konzepten.
  • Kochel diskutiert den Umgang der Polizei in den USA gegenüber Angehörigen unterschiedlicher Ethnien, vor allem Schwarz-Afrikanern (S. 196 ff.). Diskutiert wird die Einstellung gegenüber der Polizei vor allem vor dem Hintergrund eines Falles (Ferguson), wobei ein weißer Polizist einen Schwarzafrikaner bei einer Kontrolle erschossen hat, was zu einem Aufruhr in der Bevölkerung und wochenlangen Protesten und zu der „Black Lives Matter“-Bewegung geführt habe. Offizielle Zahlen über Tötungen durch die Polizei würden in den USA nicht erhoben, die Medien würden inzwischen versuchen, diese Lücke zu schließen. Minoritäten, vor allem Schwarzafrikaner, würden die Arbeit der Polizei schlechter bewerten als Weiße, insbesondere auch vor dem Hintergrund einer deutlich höheren Inhaftierungsrate. Forschungsergebnisse zeigten deutlich, dass nach dem Ereignis in Ferguson sich die Einstellung zur Polizei bei der schwarzen Bevölkerungsgruppe deutlich verschlechtert habe, kaum jedoch bei der Restgruppe. Vor allem weiße Befragte unterstützen das Vorgehen und die gängige Polizeipraxis im Wesentlichen. Vorschläge zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Bevölkerung wurden vor allem hinsichtlich größerer Transparenz des polizeilichen Vorgehens gemacht.
  • Roché, Özascilar und Bilen stellen in ihrem Beitrag vor dem Hintergrund der Situation in der Türkei die kritische Frage, wie es bei der Polizei zu einer Missachtung rechtlicher Vorgaben kommen könne (S. 249 ff.). Zunächst gehen die Autoren auf die Frage ein, unter welchen Bedingungen etwa die Öffentlichkeit oder Teile davon polizeiliche Gewalt im Kontext sich widersprechender politischer Systeme akzeptieren und auch unterstützen. Geprüft werden Zusammenhänge zwischen der Einstellung der Bürger zum Staat und alltäglicher Erfahrung mit der Polizei in der Türkei. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte wird kurz dargestellt. In den letzten Jahren habe die Einstellung der Bürger zur Polizei im Lande, die weitgehend positiv sei, eine größere Bedeutung erhalten. Es werden die Ergebnisse einer landesweiten Umfrage von 2014 zu Einstellungen zu Polizeigewalt und unrechtmäßigem Verhalten der Polizei berichtet. Der Polizei wird das moralische Recht zugesprochen, wenn nötig Gewalt anzuwenden und dabei auch rechtliche Grenzen zu überschreiten (S. 228). Die Zusammenhänge mit Variablen wie Einkommen oder Bildung werden überprüft. Vor allem Wähler der führenden Partei (AKP) akzeptieren rechtlich abweichendes Verhalten der Polizei. Die Zugehörigkeit zur wesentlichen Religionsgruppe bewirke eine weniger kritische Einstellung gegenüber der Polizei.

Kapitel IV beinhaltet drei Beiträge zum Bereich Verfahrensgerechtigkeit (S. 245 ff.).

  • Zunächst berichtet Skogan auf der Basis von Daten aus Chicago über das dortige Kontrollverhalten der Polizei („Stop-and-Frisk“ – SF) und seinen Einfluss auf die Einstellung zu dieser. Stop-and-Frisk sei in den USA als Element einer Abschreckung von Straftätern zu einer wesentlichen US-amerikanischen Polizeimaßnahme geworden. Die Maßnahmen führten jedoch zu zahlreichen „unnötigen“ Kontrollen und einer Selektion der Betroffenen, etwa nach Geschlecht, Alter oder Rassenzugehörigkeit, was jeweils zu Verärgerungen bei der Bevölkerung führen kann. In Chicago seien in den letzten Jahren Polizeikontrollen im Rahmen von SF zu zentralen kriminalpräventiven Maßnahmen geworden. Statistiken und Ergebnisse über die Effekte von Stopps und Kontrollen lägen nicht vor, die Registrierung sei sehr unterschiedlich. Die eigenen Daten beruhen auf einer Umfrage in Chicago von 2015. 29 % der Befragten wurden im vergangenen Jahr auf der Straße überprüft. Von 250.000 polizeilichen Überprüfungen bezogen sich 72 % auf African-Americans, 17 % auf Hispanics und 9 % auf Weiße. Auch hinsichtlich der Brutalität des polizeilichen Vorgehens und weiterer Kontrollmaßnahmen waren die African-Americans deutlich benachteiligt, die gleichzeitig lediglich ein Drittel oder weniger der Bevölkerung der Stadt ausmachen. Alter, Rasse und Geschlecht waren die einflussreichsten Variablen hinsichtlich polizeilicher Überprüfungen. Polizisten würden von den Vorgesetzten gedrängt, möglichst viele Kontrollen durchzuführen. Das Vertrauen in die Polizei sei mit 44 % vor allem bei African-Americans niedrig, bei den Weißen äußerten mehr als 80 %, sie vertrauten der Polizei, bei allen Gruppen sinke es mit dem Umfang der Überprüfungen.
  • Van Craen, Parmentier und Rauschenbach berichten Ergebnisse einer Untersuchung aus Belgien zum Verhalten der Polizei gegenüber Bürgern und den Hintergründen (S. 266 ff.). Auch in demokratischen Gesellschaften bleibe Polizeigewalt, respektloses und autoritäres Verhalten, wodurch das Vertrauen in das Staatsorgan unterminiert werde, ein Dauerthema. Vor allem respektvolles Verhalten der Polizei bewirke bei der Bevölkerung eine positive Einstellung. Das Verhalten der Polizei gegenüber den Bürgern sei auch ein Ergebnis eines sozialen Lernprozesses, der in der Polizeiorganisation selbst stattfinde (S. 267). Ausbilder würden als Modelle für späteres Verhalten der Polizisten gegenüber Bürgern dienen. Auch das Verhalten von Straftätern gegenüber der Polizei wirke sich auf deren Verhalten gegenüber gesetzestreuen Bürgern aus. In Belgien herrsche seit den 1990er Jahren nach einem schweren Kriminalfall und entsprechend kritischer Medienberichterstattung über die Polizei ein „community policing model“ vor, wobei die Bedeutung einer vertrauensvollen Beziehung zur Bevölkerung besonders hervorgehoben werde (S. 272). Inzwischen sei das Vertrauen in die Polizei im Lande relativ hoch, wobei allerdings über diskriminierendes Verhalten gegenüber Minoritäten berichtet werde, mit entsprechenden negativen Effekten. Die eigene Studie beruht auf den Ergebnissen einer anonymen Befragung von 510 Polizisten in Ghent aus dem Jahre 2015. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen respektlosem Verhalten durch Ausbilder und dem Verhalten der Polizisten gegenüber den Bürgern.
  • Kääriäinen geht im letzten Beitrag des Bandes am Beispiel Finnlands auf den Zusammenhang zwischen Vertrauen in die Polizei und Anzeigeverhalten der Bürger ein (S. 284 ff.). Die Sicherheit in einer Gesellschaft werde erheblich durch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen staatlichen Behörden und der Bevölkerung beeinflusst. Die Öffentlichkeit habe in der Regel wenig Information über unterschiedliche Aspekte von Wirksamkeit polizeilicher Arbeit. Untersuchungsergebnisse aus Finnland bestätigen internationale Erfahrungen, dass das Anzeigeverhalten deutlich von der Art der Straftat abhängt, am höchsten bei schweren Eigentums- und am niedrigsten bei Sexualstraftaten ist. Mehr als die Hälfte auch schwerer Straftaten werde nicht angezeigt. Zahlreiche Faktoren bewirken eine Nichtanzeige, nur wenige davon haben etwas mit der Einstellung zur oder dem Vertrauen in die Polizei zu tun. Der Autor berichtet Ergebnisse zu Vertrauen in die Polizei und Anzeigeverhalten für europäische Länder. Es zeigen sich in der Ausprägung der Variablen deutliche länderspezifische Unterschiede, aber insgesamt keine signifikanten Zusammenhänge. Das Vertrauen in die Polizei sei in den einzelnen Ländern deutlich unterschiedlich, besonders hoch in den nordischen Ländern und niedrig vor allem in Polen, Ungarn oder Portugal. Einen wesentlichen Einfluss habe, wie der Autor betont, die Umsetzung rechtsstaatlicher Prinzipien, wie Zuverlässigkeit, Unabhängigkeit und Fairness. Entsprechend belegt Kääriäinen einen deutlichen positiven Zusammenhang zwischen dem Ausmaß von Vertrauen, Effizienz oder Fairness („Rule of Law-Index“) in einem Land und dem Vertrauen in die Polizei (S. 294). Wer in ein gutes soziales Netzwerk eingebunden sei, fühle sich nur bei gravierenden Gefährdungen genötigt, die Polizei einzuschalten. Die gute Einschätzung der Polizeiarbeit in Finnland führt der Autor vor allem auch auf die hier gute Ausbildung der Polizisten zurück. Generelles Vertrauen in eine Gesellschaft werde auch deutlich von großer Einkommensgleichheit bewirkt. In Gesellschaften, in denen das Vertrauen zwischen den Bürgern groß ist, gelte das auch gegenüber der Polizei.

Zielgruppen

Der Sammelband geht in den verschiedenen Beiträgen auf unterschiedliche Aspekte der Beziehung zwischen Polizei und Bevölkerung bzw. einzelnen Gruppen ein, berücksichtigt Erfahrungen und Forschungsergebnisse aus mehreren Ländern. Wesentliche Faktoren und gesellschaftliche Bedingungen, die dieses Verhältnis beeinflussen, werden herausgearbeitet. Der Band ist für alle im Bereich Polizei, sozialer Kontrolle bzw. Kriminalprävention Arbeitende sehr informativ, weist er doch auf wesentliche Faktoren einer „Konfliktregelung“ hin. Er bietet neben theoretischen Abhandlungen kritische Bewertungen der gegenwärtigen Polizeiarbeit aber auch der Forschung in diesem Bereich. Deutlich werden vor allem auch die enormen Unterschiede in der Polizeiarbeit zwischen einzelnen Ländern und deren Hintergründe.

Diskussion

Der Band mit 13 Beiträgen zu „Police-Citizen Relations Across the World“ ist gut gegliedert, setzt sich kritisch und weiterführend mit Polizeiarbeit und -forschung auseinander. Wesentliche Bereiche der breiten Thematik werden angesprochen. Immer wieder betonen die Autoren der einzelnen Beiträge die Komplexität der Thematik, die Abhängigkeit der Beziehung zwischen Polizei und Bürgern von gesamtgesellschaftlichen Bedingungen, einem generellen Vertrauen in Staat und Gesellschaft. Ob etwa Anzeige erstattet wird, hängt von vielen Faktoren ab, nicht nur von einem Vertrauen in die Polizei. Minoritäten fühlen sich, über die Länder hinweg, in aller Regel von der Polizei benachteiligt.

Wie groß gerade auch hier die Unterschiede im Umgang mit diesen sind zeigen etwa die Beiträge von Skogan über die Situation in Chicago im Vergleich zu dem von Kääriäinen über Finnland. Das beschriebene Vorgehen der Polizei in Chicago kann kaum noch als kriminalpräventive Maßnahme charakterisiert werden. Finnland hat weniger Polizisten pro Einwohner als übrige europäische Staaten, gleichzeitig ist die Inhaftierungsquote niedriger, was sich nicht auf eine höhere Kriminalitätsbelastung im Land auswirkt. Das Land spart somit deutlich, bei gleich hoher innerer Sicherheit. Gerade auch der letzte Beitrag zeigt deutlich auch die Eingebundenheit der Polizei und der Wirkung ihres Vorgehens in gesamtgesellschaftliche Bedingungen. Die Gestaltung der Kontakte zwischen Polizei und Bürgern wird auch deutlich von deren Ausbildung und den hier gemachten Erfahrungen moderiert.

Die Beiträge machen deutlich, wie sehr Polizeiarbeit, deren Beurteilung durch die Öffentlichkeit bzw. das Anzeigeverhalten der Bevölkerung von gesamtgesellschaftlichen Bedingungen abhängig ist, die letztlich mehr Einfluss auf die Sicherheit in einem Lande haben als etwa mehr Polizeikontrollen.

Fazit

Der Sammelband gibt eine gute und kritische Darstellung der Polizei in Abhängigkeit von deren Ausbildung und Vorgehen sowie gesamtgesellschaftlichen Bedingungen, in welche das staatliche Kontrollorgan eingebunden ist. Deutlich werden die enormen Unterschiede zwischen einzelnen Ländern, wobei einzelne Schwerpunkte, wie der Umgang mit Minoritäten oder die gesamtgesellschaftliche Einbindung der Polizei, die deren Handeln beeinflussen, immer wieder auftauchen. Der Leser wird breit und kritisch über die wesentlichen Facetten des Themas informiert. Das Gesamturteil ist vor diesem Hintergrund: Empfehlenswert.


Rezensent
Prof. Dr. Helmut Kury
Universität Freiburg, Max Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht (pens.)
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Zitiervorschlag
Helmut Kury. Rezension vom 15.08.2018 zu: Dietrich Oberwittler, Sebastian Roché (Hrsg.): Police-Citizen Relations Across the World. Comparing Sources and Contexts of Trust and Legitimacy. Routledge (New York) 2018. ISBN 978-1-138-22286-1. Routledge Frontiers of Criminal Justice, 54. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24743.php, Datum des Zugriffs 22.09.2018.


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