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Frank Schulz-Nieswandt: Lokale generische Strukturen der Sozialraumbildung

Cover Frank Schulz-Nieswandt: Lokale generische Strukturen der Sozialraumbildung. § 20h SGB V und § 45d SGB XI im Kontext kommunaler Daseinsvorsorge. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 87 Seiten. ISBN 978-3-8487-5229-4. 24,00 EUR.

Reihe: Studien zum sozialen Dasein der Person - Band 29.
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Thema

Das vorliegende Essay verfolgt das Ziel, die sozialkapitaltheoretische Problematik der Sozialraumbildung genauer in den Blick zu nehmen, denn Altern, so der Autor, könne gestaltet werden und der Ort der Gestaltung sei der kommunale Raum.

Autor

Der Autor des Bandes ist Frank Schulz-Nieswandt, Professor für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung im Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) und Geschäftsführender Direktor des Seminars für Genossenschaften an der Universität zu Köln.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben einem Vorwort in 13 Kapitel mit Unterkapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im „Vorwort“ wird betont, dass es immer um den vorgegebenen Raum als Raum der Möglichkeiten und Einschränkungen gehe und zwar mit dem Ziel, eine soziale Infrastruktur zu schaffen als kollektive Hilfe zur individuellen Selbsthilfe (S. 8).

Kapitel eins „Selbstsorge und Befähigung im sozialen Gewährleistungsstaat“ ist dem Ort des Geschehens der sozialen Daseinsfürsorge gewidmet, dem lokalen bzw. regionalen Lebenszusammenhang der Menschen im Alltag. Die Kommunen müssten im Kontext von § 9 SGB XI vor dem Hintergrund der zentralen Hilfe-Mix- Strukturen befähigt werden (im Schnittbereich zu SGB V und SGB XI sowie SGB XII), eine nachhaltige sozialraumorientierte Lebenswelt in den örtlichen Alltagsprozessen der Menschen zu ermöglichen. Es geht hier insbesondere um die Sicherstellung von personenzentrierten Einzelleistungen im Sinne des versicherungsrechtlichen Leistungskatalogs.

Im zweiten Kapitel „Rollenkontexte und Wirkungsweisen“ geht es um die Selbsthilfe, wobei das Hauptproblem „die evidenzgeprüfte defizitäre Allokationsbilanz des deutschen Gesundheitswesen sei: die Gleichzeitigkeit von Über-, Unter- und Fehlversorgung“ (S. 17). Selbsthilfe werde in diesem Zusammenhang als Störfaktor im Systembetrieb verstanden. Der Autor resümiert – ja, Selbsthilfe sei wirksam, sie habe sich im etablierten Versorgungssystem positioniert.

Mit dem Titel „Das Feld der Selbsthilfe und ihre Förderung im Sozialrecht“ ist das folgende Kapitel überschrieben. Der Kern der Selbsthilfe seien in der Praxis die Selbsthilfegruppen. Letztere seien genossenschaftsartig, weil sie als selbstorganisierte und demokratisch selbstverwaltete Gebilde der Hilfe auf Gegenseitigkeit zu verstehen sind.

Im vierten Kapitel wird die „Selbsthilfe im Rahmen der Patient*innenbeteiligung gemäß § 140f SGB V auf der Bundesebene“ in den Blick genommen. Es wird auf eine Studie des Autors verwiesen und festgestellt, dass sich die Kultur der Mitwirkung als Teil der Patient*innenbeteiligung in den Gremien der G-BA (die Abkürzung wird nicht erläutert) im Trend verbessert habe.

Das folgende fünfte Kapitel, das nur eine halbe Seite umfasst, setzt sich mit der „Pflegehilfe: Die neuere Entwicklung im Lichte von § 45d SGB XI“ auseinander.

Im sechsten Kapitel „Wirkungszusammenhänge der Selbsthilfe und ihrer Förderung“ werden die Ausgaben der Förderung im Gefüge Deutschlands näher betrachtet.

Das Thema „Strategisch-instrumentelle Logik der öffentlich-rechtlichen Finanzierung“ wird im folgenden Kapitel aufgegriffen. Selbsthilfe, so der Autor, sei mit-steuernd im Versorgungssystem und verbessere die Lebensqualität von Menschen mit Erkrankungen und Behinderungen in sozialen Lagen der Ausgrenzung (S. 41).

Das nächste Kapitel ist der Thematik „Die Kernidee des Geschehens: Selbsthilfe als Teil der Hilfe-Mix-Philosophie“ gewidmet. Die neuere Entwicklung in verschiedenen Sozialgesetzbüchern verweise nicht nur auf die Finanzierung individuumszentrierter Leistungsrechtsgewährung, sondern auch müsse in die lokalen Strukturen der Generierung von Sozialkapital investiert werden und zwar „in Form der Gegenseitigkeitshilfe und des freiwilligen bürgerschaftlichen Engagements für Dritte, um Alltags(begleitungs)hilfen im Sinne von Kümmerer-Sorgekulturen zu fördern und Hilfenetzwerke im Kontext des Wohnens und des Wohnumfeldes zu generieren“ (S. 44).

Das Stakeholder-orientiere Rechtfertigungsregime der öffentlichen Förderung“ wird im neunten Kapitel thematisiert. Selbsthilfe sei als Ressource zu verstehen, denn hier werde soziale Wohlfahrt produziert.

Kapitel zehn beschäftigt sich mit den „Instrumentalfunktionen der Selbsthilfe in der Versorgungssicherstellung“. Es wird das Beispiel der Gemeindeschwestern aufgegriffen, die in positiver Hinsicht das Kohärenzerleben älterer Menschen gesteigert und das Vertrauen und das Sicherheitsempfinden im unmittelbar erlebten sozialen Raum erhöht hätten. Es gehe für Sozialversicherungen, Kommunen und die öffentlich-rechtlichen Kassen darum, „die Bewältigung der Probleme der Menschen im Horizont von Case Management durch Förderung lokaler Strukturen im Kontext regionaler Versorgungslandschaften“ zu ermöglichen (S. 61).

Mit „Authentizität ist möglich: Selbsthilfeförderung im ländlichen Raum: Das AOK PLUS-Projekt ‚Soziales Netzwerk Lausitz‘“ ist das vorletzte Kapitel überschrieben. Ein vom Autor über eine längere Zeit evaluiertes Projekt wird hier näher betrachtet. Es wurde versucht, Selbsthilfegruppenaktivitäten nicht nur aus der Selbsthilfe zu gewinnen, sondern um Lotsen zu qualifizieren.

Das letzte Kapitel dient der „Zusammenfassung“. Es wird gefragt, was die Steuerungsmöglichkeiten der Kassen und Kommunen für die Selbsthilfe seien und es wird resümiert: „Die Kassen müssen bereit sein zu lernen, ihre Rolle im Raum genuin politischer aufzufassen im Sinne eines spatial turn. Genuine Politik meint Ideenpolitik. D.h.: Getrieben zu sein, um die Interessen in den Korridor Gemeinwohl-fokussierter Lösungen zu bahnen. Sie müssen ihre leistungsgewährungsrechtlich dominant auf Individuen zentrierte Versicherungslogik dergestalt hin zu mehr innovativen Sozialinvestitionen in lokale/regionale Strukturen der Netzwerkbildung als mittelbare Voraussetzung der Lebensqualität der einzelnen Menschen in ihren Lebensarrangements verändern“ (S. 66).

Fazit

Es ist intellektuell eine Herausforderung, dieses Büchlein zu lesen und einer Kritik zu unterziehen. Das liegt zum einen an den verschachtelten Sätzen, die sich teilweise über einen Abschnitt hinweg ziehen, vor allem aber am akademisch überzogenen Sprachstil, den nur Insider nachvollziehen und verstehen können. Insofern ist diese Lektüre nur für eine sehr begrenzte, akademisch gebildete Leserschaft gedacht, wobei auf diese nicht eingegangen wurde. Abgesehen davon, dass der Autor ständig mit Literaturangaben bzw. eigene Studien auf sich verweist, ist die Quintessenz als Essay, die daraus wissenschaftlich-theoretisch zu ziehen ist, nicht empfehlenswert.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 03.01.2019 zu: Frank Schulz-Nieswandt: Lokale generische Strukturen der Sozialraumbildung. § 20h SGB V und § 45d SGB XI im Kontext kommunaler Daseinsvorsorge. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-5229-4. Reihe: Studien zum sozialen Dasein der Person - Band 29. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24747.php, Datum des Zugriffs 24.04.2019.


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ISSN 2190-9245

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