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Mechthild Bereswill, Claudia Equit u.a. (Hrsg.): Bewältigung von Nicht-Anerkennung

Cover Mechthild Bereswill, Claudia Equit, Christine Burmeister (Hrsg.): Bewältigung von Nicht-Anerkennung. Modi von Ausgrenzung, Anerkennung und Zugehörigkeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 212 Seiten. ISBN 978-3-7799-3802-6. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Der Sammelband „Bewältigung von Nicht-Anerkennung“ beinhaltet eine Zusammenstellung von Aufsätzen, die überwiegend zwei methodische Ansätze miteinander kombinieren: Zum einen eine theoretische Diskussion zeitgenössischer Anerkennungstheorien, zum anderen deren praktische Anwendung anhand eigener empirischer Studien, die sich mit verschiedenen Formen der Nicht-Anerkennung und dem Umgang damit u.a. in den Bereichen des Bildungssystems und der Erwerbslosigkeit auseinandersetzen.

Herausgeberinnen

Der Band erscheint in der Reihe „Soziale Probleme und Soziale Kontrolle“ des Beltz-Juventa-Verlags. Die Herausgeberinnen sind

  • Mechthild Bereswill, Professorin für Soziologie sozialer Differenzierung und Soziokultur an der Universität Kassel,
  • Christine Burmeister, Mitarbeiterin an der HAWK Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit in Hildesheim und
  • Claudia Equit, derzeit Vertretungsprofessorin des Lehrstuhls für Sozialisation, außerschulische Erziehung und Bildung an der Universität Osnabrück.

Aufbau

Der Band besteht aus zehn Aufsätzen, die mit Ausnahme eines Aufsatzes für diesen Band neu verfasst wurden.

Zu Beginn führen die Herausgeberinnen mit einer Einleitung in den Band ein, benennen dessen Anliegen und fassen alle Beiträge kurz zusammen. Die einzelnen Aufsätze sind nicht explizit in verschiedene Abschnitte untergliedert, allerdings ergibt sich aus der Reihenfolge der Beiträge eine gewisse Ordnung, da einzelne Themen in verschiedenen, aneinandergereihten Aufsätzen behandelt werden: Zwei eher anerkennungs- und gesellschaftstheoretische Aufsätze zu Beginn, anschließend Aufsätze zum Zusammenhang von Anerkennung und Lernen, zu Intersektionalität sowie am Ende des Buchs drei Aufsätze zu (Nicht-)Anerkennung in der Erwerbslosigkeit.

Inhalt

Die Aufsätze weisen bis auf eine Ausnahme eine ähnliche Struktur auf.

  1. In einem ersten Schritt werden aktuelle Anerkennungstheorien dargestellt und diskutiert,
  2. in einem zweiten Schritt werden diese als Analyserahmen für eigene empirische Studien verwendet.

Einzig der erste Aufsatz von Hans-Christoph Schmidt am Busch fällt aus diesem Raster heraus: Er bietet zwar eine ausführliche und leserfreundliche Diskussion von Hegels Überlegungen zu Märkten und wie diese sich auf das soziale Leben und gesellschaftliche Institutionen auswirken, allerdings wirkt der Beitrag im Kontext von reichen empirischen Beispielen und deren Einbettung in theoretische Überlegungen etwas farblos.

Die zeitgenössischen Anerkennungstheorien, die in den anderen Beiträgen verhandelt werden, sind v.a. diejenigen von Judith Butler (1997, 2001) und Axel Honneth (2003). In der Diskussion um eine Einordnung von Anerkennungstheorien wird häufig zwischen positiver Anerkennung i.S. einer freiheitsermöglichenden Form der Anerkennung (z.B. Honneth) und negativer Anerkennung i.S. einer freiheitseinschränkenden Konzeption von Anerkennung (z.B. Butler) unterschieden (vgl. Jaeggi & Celikates 2017).

Eine mittlere Position stellt für viele der Autor*innen des Buchs die Idee von Anerkennung als „Adressierungspraxis“ von Norbert Ricken und Nicole Balzer dar, die sich besonders für die Analyse empirischer Beispiele anbietet. Anerkennung als Adressierung behandelt die Frage, „als wer jemand von wem und vor wem wie angesprochen und adressiert wird und zu wem er/sie dadurch […] gemacht wird“ (Balzer & Ricken 2010, S. 73). Soziale Hierarchien, Positionen und Rollen werden in Anerkennungspraktiken immer wieder durch bestimmte Adressierungen hergestellt.

Vor diesem theoretischen Hintergrund werden empirische Studien vorgestellt und diskutiert, die sich mit Erfahrungen von Anerkennung und Nicht-Anerkennung auseinandersetzen. Die empirischen Daten sind allesamt qualitativ und stammen zumeist aus größeren Studien, sie bieten einen Einblick in umfangreichere Daten. Auf diese wird in den Beitrag dabei immer verwiesen, sodass interessierte Leser*innen sich weiter informieren können. So wird in den Beiträgen das Potenzial von Anerkennungstheorien für ein besseres Verständnis der beschriebenen sozialpolitische Phänomene deutlich. Im sehr lesenswerten Beitrag von Gabriele Fischer beschreibt die Autorin beispielsweise die Anerkennungspraktiken bzgl. der Mutterrolle einer Chirurgin mit drei Kindern. Diese werde an ihrem Arbeitsplatz immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob sie eine „gute Mutter“ sei, z.B. wenn sie von Kolleg*innen als „Rabenmutter“ bezeichnet wird. Diesbezüglich resümiert die Autorin, dass hier die „Grenzen der Anerkennbarkeit relevant gemacht [werden], indem Dagmar Cramer [die betroffene Chirurgin, L.I.] über die Adressierung als Rabenmutter vermittelt wird, dass sie als Frau und Mutter die Position der Vollzeit tätigen Chirurgin nicht ohne Infragestellung anderer Subjektpositionen einnehmen kann.“ (S. 147)

Die Fallbeispiele von Nicht-Anerkennung werden im Buch empathisch und sorgfältig sozialwissenschaftlich analysiert, ohne dabei vereinfachend zu psychologisieren. Hierdurch werden in den verschiedenen Untersuchungsfeldern Dynamiken sozialer Anerkennung herausgearbeitet, die die theoretische Diskussion wiederum befruchten können. So ist beispielsweise die eindrucksvolle und zugleich bedrückende Einzelfallstudie über den Zusammenhang von Traumata in der NS-Zeit, deren Folgen für die Identität und die Bedeutung der ausbleibenden Anerkennung für die erlittene Traumatisierung von Christa Paul hervorzuheben. Hier gewinnen die zugrundeliegenden Anerkennungskonzepte anhand des Fallbeispiels an Tiefe, wenn die interviewte Betroffene Erika Weber resümiert: „[…] wie viel Unrecht man mir getan hat und diesen Schmerz, den ich innerlich habe, und so oft, wie mein Herz darüber weint, dass ich keine Bestätigung finde und keine Anerkennung finde, dass man mir nicht einmal entgegenkommt und sacht: ‚Du hast genug gelitten, du hast die Wahrheit gesagt‘“ (S. 52).

Eindrücklich sind auch die Dynamiken sozialer Adressierung und Positionierung im Beitrag von Anna Sarah Richter über die biographischen Narrative älterer Frauen aus Ostdeutschland und deren Umgang mit Nicht-Anerkennung nach der deutschen Wiedervereinigung: Diese Dynamiken zeigen sich z.B. in einem Auszug eines Interviews: „Ich denke schon, es gibt noch Unterschiede. […] aber ich denke, es müsst mal irgendwie Ruhe geben. Ich ärger mich da auch manchmal [über westdeutsche Verwandte, Anm. ASR], gerade wenn wir so bei Familientreffen sind. […] Weil sie, manchmal haben die Vorstellungen, da könnt man davonrennen. Wie wir alle, ja, ich sag mal so, habt ihr schon elektrisch Licht?“ (S. 90).

Zuletzt sei noch auf den Beitrag von Christine Wimbauer und Mona Motakef hingewiesen, die anhand zweier Fallbeispiele den „Lebenszusammenhang und die Ambivalenzen von (Nicht-) Anerkennung“ (S. 176) bei prekär Beschäftigten nachzeichnen. Dabei reichern sie die theoretischen Konzepte von Honneth und Butler mit empirischem Material an, z.B. beim Fallbeispiel einer Mitte vierzig Jahre alten Frau, die ihren Partner „rund um die Uhr“ pflegt, da sie ihn „so wahnsinnig gern habe“ (S. 179 f.). Für die Pflege wird sie allerdings nur zwei Stunden pro Tag bezahlt, sodass sie zwar Anerkennung in der Sphäre der Liebe erfährt (vgl. Honneth 2003), dadurch jedoch prekär beschäftigt ist und bezüglich ihrer Situation resümiert: „durch die Pflege die ich da leiste – ich schade mir im Grunde genommen damit selbst“ (S. 180), da sie sowohl finanziell große Probleme hat wie auch sozial zunehmend isoliert ist. Die Autorinnen resümieren deshalb: „Diese ambivalente Liebes-Anerkennung zeigt zudem nicht nur, dass familiäre Belange zwar subjektiv sinnstiftend, zugleich aber in einem negativen oder belastenden Verhältnis zur Arbeitssituation und Beschäftigungsperspektiven stehen können“ (S. 181).

Diskussion

Insgesamt zeigt sich im Buch das Potenzial von Anerkennungstheorien für das Verständnis sozialer Probleme und Dynamiken. Dabei wird deutlich, dass es weder ein allzu positives, noch ein allzu negatives Bild von Anerkennung ist, das den theoretischen Leitfaden für das Verständnis von Phänomenen der „Nicht-Anerkennung“ bilden kann. Stattdessen zeigt sich Anerkennung als ein durchweg ambivalentes Phänomen, das gerade in der konkreten Analyse von einzelnen Fallbeispielen sein Potenzial entfaltet. Entsprechend wird in den Texten deutlich, dass es weniger um die Frage geht, ob jemand anerkannt wird oder nicht, sondern wie sich ein Mehr oder Weniger von Anerkennung zeigt und wie von den anerkannten bzw. nicht-anerkannten Subjekten damit umgegangen wird.

Somit liegt der Fokus des Bands, und hierin liegt sein Potenzial für den oder die Leser*in, auf der „Bewältigung“, auf dem Umgang mit (Nicht-)Anerkennung, auf dem aktiven Moment von sozialer (Nicht-)Anerkennung. Anerkennung wird im Buch als Phänomen charakterisiert, das sich zwischen Subjekten abspielt, die mit der jeweiligen Adressierung durch Andere aktiv umgehen können, auch wenn gerade die Nicht-Anerkennung, wie die Beiträge zeigen, oft mit schmerzhaften biographischen Erfahrungen einhergeht. Diese Beschreibungen werden wissenschaftlich besonders relevant durch die sorgfältige Analyse mithilfe verschiedener methodischer Zugänge (z.B. der Netzwerktheorie bei André Knabe und Kolleg*innen oder der biographischen Fallrekonstruktion bei Anke Wischmann), die von Vereinfachungen absehen.

Fazit

Die Beiträge des Buchs „Bewältigung von Nicht-Anerkennung“ bieten den Leser*innen ein Verständnis von Anerkennung als kontinuierlichem Prozess sozialer Adressierungen und damit einhergehender sozialer Positionierungen. Der Band zeigt, das sich Anerkennung gewinnbringend auf unterschiedliche sozialwissenschaftliche Fragestellungen wie das Bildungssystem, Erwerbslosigkeit oder Intersektionalität anwenden lässt und in dieser Form eine hohe Relevanz für gesellschaftswissenschaftliche Diskussionen besitzt.

Literatur

  • Balzer, N., & Ricken, N. (2010). Anerkennung als pädagogisches Problem – Markierungen im erziehungswissenschaftlichen Diskurs. In A. Schäfer & C. Thompson (Eds.), Anerkennung (S. 35-88). Paderborn: Schöningh.
  • Butler, J. (1997). Haß spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Butler, J. (2001). Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Honneth, A. (1992/2003). Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Jaeggi, R., & Celikates, R. (2017). Sozialphilosophie. Eine Einführung. München: C. H. Beck.

Rezensent
Lukas Iwer
M.Sc. Psych. M.A. Phil., Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universität Heidelberg
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Zitiervorschlag
Lukas Iwer. Rezension vom 14.11.2018 zu: Mechthild Bereswill, Claudia Equit, Christine Burmeister (Hrsg.): Bewältigung von Nicht-Anerkennung. Modi von Ausgrenzung, Anerkennung und Zugehörigkeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3802-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24750.php, Datum des Zugriffs 18.03.2019.


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ISSN 2190-9245

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