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Rainer Sachse: Klärungsorientierte Psychotherapie

Cover Rainer Sachse: Klärungsorientierte Psychotherapie psychosomatischer Störungen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2018. 156 Seiten. ISBN 978-3-8017-2918-9. 26,95 EUR, CH: 35,90 sFr.
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Thema

Das Buch beschreibt eine für bestimmte psychosomatische Störungen typische psychische Konstellation, die „psychosomatische Verarbeitungsstruktur“ und stellt ein Instrument zu ihrer Diagnostik vor. Hierauf aufbauend zeigt der Autor, wie man mithilfe von Klärungsorientierter Psychotherapie Menschen mit dieser Verarbeitungsstruktur erfolgreich therapieren kann.

Autor

Rainer Sachse ist habilitierter Psychologe, außerplanmäßiger Professor und Leiter des Institutes für Psychologische Psychotherapie in Bochum. Er begründete die Klärungsorientierte Psychotherapie, die aus Gesprächspsychotherapie und kognitiver Verhaltenstherapie entwickelt wurde, und ist neben seinem Arbeitsgebiet Psychosomatik auch durch seine Beschäftigung mit Persönlichkeitsstörungen bekannt geworden.

Aufbau 

Das Buch gliedert sich in drei Teile:

  1. Theorie der psychosomatischen Verarbeitungsstruktur
  2. Die Therapie der psychosomatischen Verarbeitungsstruktur (mit einem Transkript einer Therapiesitzung)
  3. Untersuchung zur Effektivität Klärungsorientierter Psychotherapie bei Klienten mit psychosomatischer Verarbeitungsstruktur

Im Anhang befindet sich ein ausführliches Literaturverzeichnis.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Zu Beginn betont der Autor, dass die beiden Störungen, auf die er sich in diesem Buch konzentriert: Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, multiple Ursachenfaktoren aufweisen: neben besonderen psychologischen Verarbeitungsprozessen auch genetische Dispositionen und psychosoziale Probleme. Er arbeitet dann das Modell der psychosomatischen Verarbeitungsstruktur heraus. Dieses enthält die folgenden Variablen:

  1. Hohe Erwartungsorientierung
  2. Hohe Konfliktvermeidung
  3. Schlechte Abgrenzung
  4. Niedrige Autonomie
  5. Alienation (Entfremdung vom eigenen Motiv-System ) und
  6. Ignorierung eigener Belastungsgrenzen.

Diese sechs Faktoren werden dann im Anschluss gut verständlich und genau beschrieben. Da Menschen mit psychosomatischen Störungen bei einer Fragebogen-Diagnostik nur begrenzt valide Auskünfte geben, schlägt der Autor ein Rating System vor, bei dem drei 10-Minuten-Ausschnitte (Tonaufzeichnungen) von Therapiestunden durch geschulte Rater ausgewertet werden.

Rainer Sachse betont, dass Klienten eine psychosomatische Verarbeitungsstruktur aufweisen können, ohne eine manifestierte psychosomatische Erkrankung entwickelt zu haben.

Der nun folgende Therapieteil ist sehr konkret: Er behandelt den therapeutischen Umgang mit typischen Eingangsschwierigkeiten, thematisiert dann die Informationsvermittlung an die Klienten und setzt sich ausführlich mit den Vermeidungsstrategien der Klienten auseinander. Zu Beginn sind Klienten mit einer psychosomatischen Erkrankung meist sehr skeptisch, oft haben sie ein medizinisches Krankheitsmodell entwickelt, fühlen sich von ihren Ärzten abgeschoben und bezweifeln die Möglichkeit, in einer Psychotherapie ihr Problem verbessern zu können, befürchten sogar, dass sich ihre Erkrankung verschlimmern könnte. So sollte der Therapeut diese Skepsis wahrnehmen und verstehen und den Klienten selber prüfen lassen, ob er die Skepsis aufgeben will oder nicht. Zunächst ist es ein realistisches Ziel, den Klienten auf die Therapie neugierig zu machen und zwar so weit, dass er sich probeweise einlässt. Im weiteren Verlauf geht es um eine beharrlich stringente Arbeit an unklaren Punkten. Der Therapeut entwickelt immer wieder Fragestellungen, folgt Spuren und regt an, Gefühle ernst zu nehmen. Hierbei sei es wichtig, dass der Therapeut bei der Prozesssteuerung fordere, aber nicht überfordere. Das Buch enthält ganz konkrete Formulierungshilfen, wenn Patienten beispielsweise mit „ich weiß nicht“ antworten, ausweichen, generalisieren, bagatellisieren oder euphemistische Problemdefinitionen anbieten. Auch ein Wechsel auf die Meta-Ebene kann vom Klienten dazu genutzt werden, die Bearbeitung des ursprünglichen Themas zu verlassen und „Nebenschauplätze“ aufzumachen. Eine prozessdirektive Antwort hierauf wäre z.B.: …mir wird sehr deutlich, „dass das Problem sehr belastend für Sie ist. Deshalb sollten wir uns dieses Problem nochmals genau ansehen …“. Zur therapeutischen Bearbeitung der Alienation schlägt Rainer Sachse auch Hausaufgaben vor, bei denen der Klient seinen Alltag nicht automatisiert ablaufen lässt, sondern sich Zeit nimmt für genaue Wahrnehmung und Selbstbesinnung.

Ein Kapitel ist einem Transkript einer vierten Therapiesitzung mit einer 31jährigen Bankkauffrau gewidmet, die an Colitis ulcerosa leidet.

Im abschließenden dritten Teil wird eine empirische Evaluation von Klärungsorientierter Psychotherapie bei 40 PatientInnen vorgestellt.

Diskussion

Das Buch ist sehr gut geschrieben und macht den therapeutischen Prozess der Klärungsorientierten Psychotherapie mithilfe von ganz konkreten therapeutischen Interventionen deutlich. Bei der Kommentierung des Transkriptes wäre es noch etwas übersichtlicher gewesen, wenn die Kommentierungen direkt neben dem Text platziert worden wären. Bei der Evaluation finden sich mehr Zahlenangaben als man ohne Detailkenntnisse der verwendeten Tests einordnen kann, zumal die Testergebnisse nicht kritisch reflektiert werden, denn zu Beginn des Buches wurde ja betont, dass Testantworten bei der Zielgruppe verfälscht sein könnten. Dennoch macht die Evaluation glaubhaft, dass es sich nicht nur um ein klinisch plausibles Therapieverfahren, sondern auch um ein empirisch überprüftes Vorgehen handelt. 

Fazit

Das Buch bietet ein überzeugendes Modell der psychosomatischen Verarbeitungsstruktur und stellt ausführlich und sehr praxisnah Strategien der Klärungsorientierten Psychotherapie vor. Es fokussiert besonders Klienten mit entzündlichen Darmerkrankungen, betont jedoch, dass eine psychosomatische Verarbeitungsstruktur auch ohne manifeste psychosomatische Erkrankung vorliegen kann und dass andererseits Ursachen für psychosomatische Erkrankungen auch auf anderen Ebenen – wie z.B. genetischen Belastungen und psychosozialen Problemlagen – liegen können. Die therapeutischen Strategien der Klärungsorientierten Psychotherapie sind zugleich stringent, beharrlich und wertschätzend.

Dieses Buch richtet sich in erster Linie an TherapeutInnen und Studierende.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 22.01.2019 zu: Rainer Sachse: Klärungsorientierte Psychotherapie psychosomatischer Störungen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-8017-2918-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24753.php, Datum des Zugriffs 20.07.2019.


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