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Arne Schäfer, Theo Schneid u.a.: Gewalt in Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit

Cover Arne Schäfer, Theo Schneid, Renate Möller: Gewalt in Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Empirische Ergebnisse – Theoretische Reflexionen – Handlungsempfehlungen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2018. 139 Seiten. ISBN 978-3-7344-0658-4. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Ausgangspunkt und Fragestellungen des Projektes werden in der Einleitung skizziert. Die ForscherInnen wollen mit ihrer quantitativen empirischen Arbeit klären, an welchen Orten (Familie, Schule, Straße und Jugendzentrum) Besucher der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) Gewalt ausüben und ob Jugendzentren (JZ) eine geringere oder höhere Gewaltbelastung als andere Aufenthaltsorte aufweisen. Darüber hinaus wollen sie prüfen, ob die Atmosphäre in diesen Einrichtungen einen Einfluss auf Gewalteinstellungen und -handlungen ihrer Jugendlichen ausübt (vgl. 12).

Autoren und Autorin

  • Dr. Arne Schäfer ist Professor für Soziale Arbeit in Bildungs-, Entwicklungs- und Sozialisationsprozessen an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden,
  • Theo Schneid ist diplomierter Sozialwissenschaftler und Sozialarbeiter.
  • Dr. Renate Möller arbeitet als Akademische Oberrätin an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld.

Entstehungshintergrund

Das Buch dokumentiert das von den AutorInnen durchgeführte und vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfahlen geförderte Forschungsprojekt zur Gewalt in Einrichtungen der OKJA.

Aufbau

Neben einem Vorwort, einer Einleitung und einem Literaturverzeichnis finden wir in diesem Werk acht Kapitel vor:

  • Gewalt in der Jugendarbeit – ein Problemaufriss
  • Untersuchungsanlage
  • Soziodemografischer Hintergrund
  • Das Jugendzentrum aus Sicht der Nutzer/innen
  • Gewalt in Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit
  • Die Bedeutung der Atmosphäre in Einrichtungen der OKJA
  • Diskussion der Ergebnisse
  • Fazit und weiterführende Überlegungen.

Im Anhang des Buches wird der Fragebogen der Untersuchung vorgestellt.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Im ersten Kapitel versuchen die AutorInnen einen Problemaufriss des Themenkreises anhand ausgewählter Quellen. Um eine „richtige“ (!) Einordnung ihrer erhobenen Daten vornehmen zu können, skizzieren sie anschließend kriminologische Ansätze und Erkenntnisse. Zusammenfassende Schlussfolgerungen schließen dieses Kapitel ab.

Das zweite Kapitel ist der Darlegung des methodischen Vorgehens der Studie gewidmet. Erhebungsinstrument sowie Methodik der Datenanalyse (deskriptive und hypothesentestende Statistik) werden angemessen verständlich dargestellt. Ein Anspruch auf Repräsentativität wollen die VerfasserInnen nicht erheben, da über die Grundgesamtheit bislang keine belastbaren Zahlen zur Verfügung stünden.

Im dritten Kapitel finden wir die Darstellung des soziodemografischen Hintergrundes der befragten Jugendlichen. Geschlechtszugehörigkeit, Alter, Migrationshintergrund, Religionszugehörigkeit, Familiensituation sowie Berufs- und Bildungshintergrund, aber auch Erfahrungen mit Polizei und Justiz (vgl. 44) werden dargelegt.

Das vierte Kapitel präsentiert die erhobenen Daten zu den Sichtweisen und Erfahrungen der befragten Jugendlichen in Bezug auf Einrichtungen der OKJA.

In ihrem fünften Kapitel bestimmen die ForscherInnen in einem ersten Schritt ihren handlungsleitenden Gewaltbegriff und unterscheiden zwischen physischer (z.B. Schlägerei) und verbaler (z.B. Streit, Beleidigungen) Gewalt sowie Sachbeschädigung. Sexuelle Gewalt wird aus ethischen und erhebungstechnischen Gründen nicht erfasst.

Des Weiteren präsentieren sie ihre Ergebnisse zu den Untersuchungsbereichen Gewalthandlungen, Gewalterfahrungen und Gewaltakzeptanz und zeigen auf, wie oft und in welchen sozialen Situationen (Schule, Familie, Straße, Jugendzentrum) Gewalt erlebt oder ausgeübt wird.

Vor den Hintergrund der einleuchtenden Tatsache, dass der jeweilige Kontext und die mit ihm korrespondierende Atmosphäre verhaltensprägend wirken, diskutieren die AutorInnen im sechsten Kapitel die Ergebnisse ihrer regressionsanalytischen Operationen und heben die Bedeutung der Atmosphäre in Einrichtungen der OKJA in Bezug auf Gewalteinstellungen und Gewaltverhalten hervor.

Im siebenten Kapitel interpretiert das Forscherteam die Resultate der Studie in einem sozialwissenschaftlichen Kontext und leiten Konsequenzen für fachliches Handeln ab. Dabei weisen sie u.a. auf die zentrale Bedeutung der Beziehungsarbeit und dialogischen Gesprächsführung, die Gewährleistung von Sicherheit sowie den konsequenten Umgang mit Regelverletzungen hin.

Im achten Kapitel formulieren Schäfer, Schneid und Möller ein Fazit und machen auf weiterführende Theorie- und Forschungsperspektiven aufmerksam.

Diskussion

Die AutorInnen gehen in ihrer Studie von einem weiten Gewaltbegriff aus, unterstellen eine Schädigungsabsicht und begrenzen den Fokus auf direkte und personelle Formen. Als Orte der Gewalt werden physisch relativ eindeutig zu definierende soziale Situationen ausgewählt. Da jugendliche Lebenswelten nicht unwesentlich durch virtuelle Inhalte bestimmt werden, hätte der Ausschluss virtueller „Orte“ (die s.g. sozialen Medien) zumindest einer Erwähnung bedurft.

Die in der Studie berücksichtigten Lokalitäten unterscheiden sich u.a. durch eine unterschiedliche Dichte sozialer Kontrolle und Bindungen. Die hieraus resultierenden Effekte auf Gewaltverhalten, sowie auch auf die Befragung selbst, dürften das Ergebnis dieser Studie mit beeinflusst haben, werden aber nicht angemessen reflektiert.

Das Sprayen ist für die AutorInnen keine Gewalt gegen Sachen, denn es würde vielen jungen Sprayern ja nicht um eine absichtliche Schädigung gehen, sondern vielmehr um eine ästhetische Umgestaltung (vgl. 68). Diese Sichtweise ist erstaunlich naiv!

Anderseits interessieren sich die AutorInnen aber für Sachbeschädigungen in der Familie und bezeichnen diese gar als „Delikte“ (vgl. 74). Abgesehen davon, dass der Wahrheitsgehalt von Antworten in Bezug auf Gewalt in der Familie mit Vorsicht zu behandeln ist, frage ich mich, was hier eigentlich gemeint sein kann. Dass ein Jugendlicher aus Wut gegen seinen Vater eine Teetasse gegen die Wand geschmettert hat? Zählt ein solcher Vorfall gegenüber z.B. der Zerstörung eines Wartehäuschens gleich?

Bewusst angefangenen Streit allerdings verstehen die AutorInnen als Gewalt. Das ist für mich überzogen! Streit ist typisch alltäglich und ubiquitär (welcher Jungendliche hat noch nie einen Streit vom Zaun gebrochen?). Folglich ist zu fragen, ob diese empirische Definition die Erfassung von Gewaltverhalten nicht erheblich verzerrt, wenn nicht gar ungültig macht, weil alltägliche Reibereien als Gewalt zählen müssten und nicht nur herausgehobene aggressive Ereignisse. Unterstützt diese Lesart nicht vielmehr den populistischen Trend zur Dramatisierung?

Ähnlich verhält es sich mit den Beschimpfungen. Um die Schädigungsabsicht und damit den Gewaltcharakter von Beschimpfungen zu erfassen, erfragt das Forscherteam bei den Jugendlichen, ob diese „im Ernst oder bewusst“ (Hervorhebung im Original) (67) erfolgt seien. Einzig mittels derartiger Fragen den Gewaltcharakter isolieren zu wollen, ist m.E. fragwürdig.

Aus pragmatischen Gründen (Zeitaufwand der Befragung) kümmert sich das Forscherteam nicht um Begründungen gewaltförmigen Verhaltens (vgl. 69). Mit der Frage aber, ob im Ernst oder bewusst beschimpft oder Streit angefangen wurde, erfragen sie eine (schädigende) Intention. Diese als Definiens zu verwenden, ist nicht ganz unproblematisch: Zum einen kann auch nicht ernst Gemeintes gewaltvoll wirken, zum anderen ist es schnell möglich, inakzeptables Verhalten schön zu reden.

Mit Blick auf die pädagogischen Handlungsempfehlungen, welche die VerfasserInnen aus ihren empirischen Ergebnissen ableiten, möchte ich vor einer unkritischen und undifferenzierten Affirmation der Beziehungsorientierung und vor einer unreflektierten Hypostasierung jenes pädagogischen Aushandlungsgeschehens warnen. Auch in der Jugendarbeit ist eine sozialpädagogisch kontraproduktive Beziehungsgestaltung seitens der Professionellen (zu geringe Distanz, Überidentifikation) nicht ausgeschlossen – und wie nun jenes Aushandlungsgeschehen genau aussieht und pädagogisch wirkt, wissen wir nicht genau.

Mit Sicherheit sind Gespräche in der Jugendarbeit pädagogisch bedeutend (vgl.107), aber bei Weitem nicht allein! Die nicht ausschließlich sich im Medium der Sprache vollziehende Beziehung zwischen PädagogInnen und dem jungen BesucherInnen gedeiht immer in engem Kontext mit dem gesamten sozialpädagogischen Arrangement der Einrichtung und der korrespondierenden Peer-Culture. Daher vermisse ich schmerzlich, dass die AutorInnen in ihren pädagogischen Exkursen (und auch in ihrer empirischen Konstruktion) u.a. Aspekte der Gruppenpädagogik, der Peer-Culture, der Freizeitpädagogik und sozial-kulturellen Arbeit nicht berücksichtigen.

Und wie sieht es mit der Konfrontativen Pädagogik aus, die sich ja gerade in Zusammenhang mit dem Bereich Jugendgewalt exponiert? Eine weiterführende Beschäftigung mit ihr finden wir in dieser Studie nicht, wohl aber verstreut einige Seitenhiebe gegen sie. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie aber machen es m.E. geradezu erforderlich, die Konfrontative Pädagogik nicht wie einen Paria zu behandeln, sondern eine konstruktive Auseinandersetzung mit ihr zu suchen.

Ob die ForscherInnen immer sorgsam bei der Auswahl ihrer Quellen vorgegangen sind, steht dahin. Sie beginnen ihren Problemaufriss mit einem legendären Rockerprojekt in Hamburg (vgl. Kraußlach u.a. 1976) aus den späten sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts (vgl.15). In selber Stadt aber existierte schon seit den fünfziger Jahre eine behördlich getragene Einrichtung Offener Kinder- und Jugendarbeit am Rande der Amüsiermeile Reeperbahn (Lorenz 1967, Gasterstaedt (Hrsg.) 1995), welche sehr erfolgreich genau den pädagogischen Ansatz verfolgte, für den sich das Forscherteam ausspricht. Diese sozialpädagogische Einrichtung, die fachlich viel bedeutender ist, findet aber keine Erwähnung.

Fazit

Trotz dieser Kritikpunkte meine ich, dass dieses Buch besonders aus drei Gründen ein absolut notwendiges und begrüßenswertes Werk ist:

  1. Seine Inhalte unterstreichen die Relevanz offener sozialpädagogischer Angebote für Kinder und Jugendliche als ein unverzichtbares, nicht zuletzt primärpräventives Angebot für junge Menschen besonders aus belasteten und unterprivilegierten sozialen Kontexten. Damit setzen sie einen notwendigen Kontrapunkt zu der fachlich zweifelhaften „Bedeutungsausdehnung“ der Schule.
  2. Positiv ist zudem, dass es sich um eine quantitative und hypothesenprüfende Untersuchung handelt. Sie ist daher eine notwendige und sinnvolle Ergänzung qualitativer Studien, die in der Sozialpädagogik / Sozialen Arbeit zu überwiegen scheinen.
  3. Als interessant und weiterführend bewerte ich, dass die ForscherInnen die zentrale Bedeutung der Atmosphäre einer pädagogischen Einrichtung erkennen und hervorheben. Für weiterführende Forschungen lassen sich viele Ansatzpunkte finden – auch für die Schule.

Das Werk eignet sich daher u.a. gut für Fach- und Kommunalpolitiker sowie die wissenschaftliche Szene, welche vielleicht auf „neue“ (alte) Gedanken kommen. Für die Seminararbeit ist dieses Buch in inhaltlicher und forschungsmethodischer Hinsicht interessant, und ForscherInnen können aus ihm neue Ideen für sinnvolle Anschlussuntersuchungen schöpfen. Besonders aber auch für die in der offenen Arbeit tätigen PädagogInnen ist dieses Werk wichtig: Können sie sich doch endlich wissenschaftlich bestätigt und anerkannt sehen!


Rezensent
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 08.02.2019 zu: Arne Schäfer, Theo Schneid, Renate Möller: Gewalt in Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Empirische Ergebnisse – Theoretische Reflexionen – Handlungsempfehlungen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2018. ISBN 978-3-7344-0658-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24758.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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