socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Monika Burmester, Norbert Wohlfahrt: Wozu die Wirkung Sozialer Arbeit messen?

Cover Monika Burmester, Norbert Wohlfahrt: Wozu die Wirkung Sozialer Arbeit messen? Eine Spurensicherung von Monika Burmester und Norbert Wohlfahrt. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. 64 Seiten. ISBN 978-3-7841-3077-4. D: 7,50 EUR, A: 7,80 EUR.

Reihe: Soziale Arbeit kontrovers - 18.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Mit der Diskussion um die Wirkunge(en) Sozialer Arbeit und sozialer Dienstleistungen widmet sich die vorliegende Publikation einem hochaktuellen und darüber hinaus durchaus kontrovers diskutierten Thema in Wissenschaft und Praxis.

Das Buch ist als Band 18 in der Reihe „Soziale Arbeit Kontrovers“ erschienen. Ziel dieser Publikationen, die vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. herausgegebenen werden, ist es, in knapper, handlicher Form Orientierungshilfen zur Verfügung zu stellen, die sich mit aktuellen Fragen der Sozialen Arbeit beschäftigen. Beiden Ansprüchen, dies sei vorweg angemerkt, sind die Autoren_innen in vorbildlicher Weise gerecht geworden.

Natürlich kann eine Publikation, welche den Anspruch hat einen komplexen Sachverhalt übersichtlich und kompakt darzustellen, nicht alle Schattierungen und Facetten dieses Diskurses berücksichtigen. Eine erste Spurensicherung ist indes hinlänglich gelungen.

Autorin und Autor

  • Prof. Dr. Monika Burmeister, Dipl. Volkswirtin, lehrt Ökonomie des Sozial- und Gesundheitswesens an der Ev. Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Bochum.
  • Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt, Dipl. Sozialarbeiter, lehrte Sozialmanagement an der Ev. Hochschule Rheinkland-Westfalen-Lippe, Bochum.

Entstehungshintergrund

Spätestens mit der Neukonfiguration des bundesdeutschen Sozialstaats der 1990er Jahre, einhergehend mit einem neuen Sozialstaatsverständnis, rückten Fragen der Qualität und der Wirksamkeit sozialer Dienstleistungen in den Fokus gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen und sozialpolitischer Steuerungspolitik. Legitimationsforderungen, den volkswirtschaftlichen „Mehrwert“ Sozialer Arbeit zu benennen, löste eine zuvor am Bedarf für in Not geratene Menschen orientierte Sozialpolitik ab. Dies hatte und hat Folgen für alle am Dienstleistungsprozess Sozialer Arbeit beteiligten Akteure. Die Investition in die Zukunft wird so zu einem bedeutsamen Bezugspunkt sozial- und gesellschaftspolitscher Handlungsmaxime. Dieses Verständnis einer Kausalität zwischen Input (Investition) und Outcome (gewünschter Wirkung) widerspricht indes an vielen Stellen der Logik sozialer Dienstleistungsproduktion und wissenschaftlicher Grundlegung. So weisen die Autor_innen in der Einleitung deutlich darauf hin, dass die Diskussion um Wirkungen in der Sozialen Arbeit grundsätzlich keine neue ist; die Verbindung des Nachweises von Wirksamkeit als Bedingung der Finanzierung sozialer Dienstleistungen allerdings hochaktuell und brisant.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch „Wozu die Wirkung Sozialer Arbeit messen?“ ist in sechs Kapitel unterteilt. Es beginnt mit einer Einleitung und schließt mit einem kritischen Fazit. Hervorzuheben sind die kompakte aber zielführende Struktur der Publikation sowie die gut ausgewählten Abbildungen, die es den Lesenden ermöglichen auch komplexere Sachverhalte nachvollziehen zu können. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In der gut strukturierten Einleitung verstehen es die Autor_innen gut, in die komplexe Diskussion und die Hintergründe der Wirkungsdebatte einzuführen. Schon hier zeigt sich der überwiegend kritische Blick auf aktuelle Entwicklungen.

In Kapitel Zwei werden zentrale Begriffe des Wirksamkeitsdiskurses vorgestellt und definiert. Insbesondere die, spätestens mit der Einführung des New Public Managements (NPM) an Bedeutung gewonnenen Begriffe, wie Input, Output, Outcome und Impact, werden von den Autor_innen im Kontext des Qualitätsdiskurses vorgestellt und analysiert. Sie kritisieren darüber hinaus ein weit verbreitetes Wirkungsverständnis, welches ein kausales Verhältnis von Input (Intervention) und Outcome (Wirkung) unterstellt und mittels Wirkungsketten zu erfassen versucht. Diese Operationalisierung wird der Komplexität sozialer Dienstleistungserbringung nicht gerecht.

Kapitel Drei skizziert folgerichtig die einzelnen Etappen der Wirkungsdebatte und verweist auf die frühen 1970er und 1980er Jahre, in denen es insbesondere um Fragen der Professionalisierung Sozialer Arbeit im Kontext der These eines „Technologiedefizits“ (Luhman/Schorr 1982) ging und die Vorstellung überwog, dass sich die Ergebnisse sozialer Interaktionen nicht so eindeutig vorherbestimmen lassen. Dieses Verständnis sozialer Dienstleistungserbringung im Sinne einer „Koproduktion“ wurde spätestens in den 1990er Jahren durch den Paradigmenwechsel sozialstaatlicher Steuerungspolitik abgelöst. Im Vordergrund einer, an ökonomischen Gesichtspunkten ausgerichteten Sozial- und Gesellschaftspolitik, mussten sich soziale Organisationen zunehmend einem initiierten Wettbewerb stellen und Nachweise von Qualität und Wirksamkeit antreten. Ziel dieser neoliberalen Sozialpolitik verorten die beiden Autor_innen in dem Wunsch des Staats mittels Wirkungsüberprüfungen eine bessere Kostenkontrolle und Effizienz herbeizuführen. Im weiteren Verlauf des Kapitels nehmen die Autor_innen ebenfalls kritisch Stellung zu den Entwicklungen einer, an der medizinischen Forschung orientierten, evidenzbasierten Praxis (EBP) und Evidence based policy, die sich stärker quantitativer Methoden sogenannter randomisierender Kontrollstudien bedient. Dies widerspricht allerdings dem lebensorientierten und als Menschenrechtsprofession formulierten Professionsverständnis Sozialer Arbeit (S. 29). Sehr kritisch erfolgt ebenfalls die Diskussion um aktuelle Tendenzen sogenannter „Pay-for-Success“ Konzepte, also der „erfolgsabhängigen Bezahlung“ Sozialer Arbeit und sozialer Dienstleistungserbringung.

Im vierten und fünften Kapitel stellen die Autor_innen nun zwei aktuelle Konzepte der Sozialwirtschaft vor, die sich – allerdings mit unterschiedlichen Zielrichtungen und Erwartungshaltungen – mit den Wirkungen sozialer Dienstleistungserbringung auseinandersetzen:

  1. Der Social Impact Bond zielt grundsätzlich auf die Akquise zusätzlicher Finanzmittel für die Sozialwirtschaft ab und ermutigt private Kapitalgeber intendierte Wirkungen für spezifische Bedarfsgruppen durch den Einsatz finanzieller Ressourcen zu erreichen.
  2. Der Social Return on Investment (SROI) wird als Methode genutzt, um die Wirkung sozialer Investitionen zu messen. Hier liegt der Fokus stärker auf der Darstellung des sozioökonomischen Mehrwerts sozialer Dienstleistungserbringung.

Das Kapitel Sechs liefert eine kurze Zusammenfassung und fasst die wesentlichen Aspekte der Analyse kurz zusammen.

Diskussion

Das Buch bietet einen sehr guten Überblick über die Hintergründe und aktuellen Entwicklungen des Wirksamkeitsdiskurses in der Sozialen Arbeit. Die beiden Autor_innen verstehen es außerordentlich gut, trotz des begrenzten Seitenumfangs der Publikation, in die wesentlichen Begriffe und sozialpolitischen Spannungsfelder der Wirkungsdebatte einzuführen.

Sehr hervorzuheben ist die durchweg kritische Reflexion sozialpolitischer Entwicklungen und Interessenpolitik. Auch die analytische Trennung der im Qualitäts- und Wirksamkeitsdiskurs anzutreffenden Begriffsdefinitionen ist gut gelungen und Voraussetzung für das weitere Verständnis einschlägig benannter Spannungsfelder und kritischer Auseinandersetzung. Auch wenn das Format der vorliegenden Reihe „Soziale Arbeit kontrovers“ bewusst einen knappen und handlichen Zugang zu aktuellen Diskursen ermöglichen will, wäre insbesondere bei der vorliegenden Thematik ein stärkerer Bezug zu internationalen Entwicklungen der Wirkungsdebatte wünschenswert gewesen, nicht zuletzt um deutlich zu machen, dass es sich bei der Auseinandersetzung mit Fragen der Wirksamkeit sozialer Dienstleitungen um weit mehr als ein national verortetes, nur die Profession der Sozialen Arbeit betreffendes Phänomen handelt.

Auch wird, bei aller nachvollziehbaren Kritik an den Entwicklungen der Wirkungsdebatte, ein weiterer Diskussionspunkt vermisst. So ist durchaus die Frage berechtigt, ob nicht die von außen an die Soziale Arbeit herangetragene Qualitäts- und Wirksamkeitsdebatte, mit ihren zahlreichen Legitimationsanforderungen, zu einer Professionalisierung derselben beigetragen hat.

Unumstritten bleibt natürlich der Kritikpunkt, dass mit der reinen Fokussierung auf die Dienstleistungsfunktion Sozialer Arbeit, der Blick für gesellschaftliche strukturelle Ungleichheiten als Ursache für soziale Probleme und Bedarfe aus dem Fokus gerät. Strukturelle Ungleichheiten zu thematisieren und aktiv zu verändern ist indes inhärentes Merkmal des Professionsverständnisses Sozialer Arbeit. Und so weisen die Autor_innen denn auch zurecht darauf hin, dass „[d]er Diskurs um soziale Wirkungsmessung und ihre Folgen […] deshalb sozialpolitisch geführt werden [muss]“ (58).

Fazit

Das Buch ist ein „Muss“ für alle Praktiker_innen der Sozialen Arbeit, unabhängig davon in welchem Feld Sozialer Arbeit diese tätig sind. Ebenso erlaubt es Studierenden und Lehrenden sich einen kompakten Überblick über die Wirkungsdebatte zu verschaffen und die einschlägigen Bezugspunkte und Spannungsfelder der Diskussion kennenzulernen. Der durchweg kritisch-reflexive Duktus der vorliegenden Publikation regt zu eigenem Nachdenken an und fordert die Profession dazu auf, aktuelle Entwicklungen kritisch zu überprüfen und sich klar zu positionieren.

Literatur

Luhmann, Niklas/Schorr, Eberhard (Hrsg.) (1982): Zwischen Technologie und Selbstreferenz. Fragen an die Pädagogik. Frankfurt a. M.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Boecker
Lehrgebiete: Sozialmanagement und Wirkungsorientierung der Sozialen Arbeit, Teilhabe von Menschen mit Behinderungen an der Fachhochschule Dortmund am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 3 Rezensionen von Michael Boecker anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michael Boecker. Rezension vom 29.11.2018 zu: Monika Burmester, Norbert Wohlfahrt: Wozu die Wirkung Sozialer Arbeit messen? Eine Spurensicherung von Monika Burmester und Norbert Wohlfahrt. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. ISBN 978-3-7841-3077-4. Reihe: Soziale Arbeit kontrovers - 18. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24760.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung