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Lisa Vollmer: Strategien gegen Gentrifizierung

Cover Lisa Vollmer: Strategien gegen Gentrifizierung. Schmetterling Verlag GmbH (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-89657-688-0. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR.
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Thema

In dem Buch werden Gentrifizierungstheorien, konkrete Beispiele und Strategien gegen Gentrifizierung dargestellt.

Autorin

Lisa Vollmer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Urbanistik der Bauhaus-Universität Weimar.

Aufbau

Das Buch besteht aus zehn inhaltlichen Kapiteln, einem Vorwort, einem Fazit und einem Literaturverzeichnis.

Inhalte

Im Vorwort wird das Ziel formuliert: Nach etlichen Publikationen zum Thema Gentrifizierung soll jetzt ein aktueller Überblick über das Phänomen und über Formen des Protests in Deutschland gegeben werden. Die ersten beiden Kapitel liefern Grundlagenwissen, in den darauf folgenden Kapiteln werden beispielhaft Vorgehensweisen gegen Gentrifizierung geschildert.

Im ersten Kapitel wird Gentrifizierung definiert. Die Autorin bezieht sich dabei insbesondere auf die Arbeiten von Andrej Holm. Der Begriff leitet sich vom englischen „gentry“ ab. Gentrifizierung ist das Zusammenspiel der Aufwertung der baulichen Infrastruktur und der Verdrängung einkommensschwächerer durch wohlhabendere Bevölkerungsgruppen. Die Interessen ärmerer Leute und der Immobilienwirtschaft stoßen hier aufeinander. Die Folgen sind die Verdrängung der ansässigen Bevölkerung und verbunden damit eine sich vertiefende soziale Segregation, dem räumlichen Niederschlag sozialer Ungleichheit. Eingefügt werden Exkurse zum Begriff „Bezahlbarkeit“ und „Finanzialisierung des Wohnens“. Wie Gentrifizierung definiert wird, hat Einfluss darauf, wie darüber diskutiert wird und welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden. Unterschieden und erläutert werden der negierende, der verharmlosende, der positive und der kriminalisierende Diskurs.

Im zweiten Kapitel geht es um Erklärungen und Arten von Gentrifizierung. Unterschieden wird zwischen nachfrage- und angebotsseitigen Erklärungsansätzen. Nachfrageseitige Ansätze sehen die veränderte Nachfrage von Mittelschichthaushalten nach innerstädtischen Wohnstandorten als die Ursache von Gentrifizierungsprozessen an, angebotsseitige Ansätze führen sie auf die Struktur von Bodenmärkten, Investoren und das Investitionsverhalten der Immobilienwirtschaft zurück. Erst die Integration beider Ansätze ergibt ein vollständiges Bild. Städte sind einer zunehmenden Konkurrenz ausgesetzt. In diesem Zusammenhang untersucht Vollmer die Rolle des Staates bei der Gentrifizierung. Subkulturelle Orte wie z.B. die Rote Flora in Hamburg werden für eine kulturelle Aufwertung des Stadtviertels genutzt. Auf diese Weise werden durch Stadtpolitik Gentrifizierungsprozesse in Gang gesetzt und unterstützt, wie die Autorin mit Beispielen wie dem Gebiet Ostend in Frankfurt am Main belegt. Gentrifizierung manifestiert sich in unterschiedlichen Formen. Neben die klassische gründerzeitliche Altbauviertel- ist eine Neubau-Gentrifizierung getreten, bei der es keine Pionierphase mit kultureller Avantgarde gibt. Durch Neubauten im oberen Preissegment steigt der Verwertungsdruck im umliegenden Viertel. Vollmer führt als Beispiel die in Frankfurt am Main nördlich des Gallus Viertels errichtete Europa City an. Eine weitere Form ist die Gewerbe-Gentrifizierung. Hier sind es hohe Gewerbemieten, welche die ansässigen Geschäfte verdrängen. Damit hängt eine „Touristifizierung“ zusammen: die Nutzung des städtischen Raums durch Touristen und die Veränderungen in der Wohn- und Gewerbestruktur zugunsten dieser Gruppe. In einem Exkurs stellt die Autorin die Ferienwohnungsplattform AirBnB und die Diskussion darüber dar.

Im dritten Kapitel wird konstatiert, dass es von politischen Entscheidungen abhängt, ob Aufwertung mit Verdrängung einhergeht. So spielt für den Aufbau eines gemeinnützigen Wohnungssektors die Bodenpolitik eine wesentliche Rolle. Anhand konkreter Beispiele zeigt die Autorin, dass es möglich ist, Wohnungspolitik auch gegen den Markt zu betreiben. Entscheidend ist die Begrenzung von Verwertungsinteressen.

Im vierten Kapitel werden verschiedene kollektive Aktionsformen aufgezeigt. Vollmer schildert konkrete Beispiele einer Kollektivierung insbesondere in Hamburg und Berlin.

Im fünften Kapitel werden verschiedene Initiativen darunter die Mietergemeinschaft Kotti & Co in Berlin vorgestellt, welche die Bedeutung gemeinsamen Handelns zum Ausdruck bringen. Vollmer weist darauf hin, dass „Regieren über Gemeinschaft bzw. Nachbarschaft“ (S. 105) durch das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ eingeführt wurde. Das Ziel dieses Programms sei gewesen, soziale Kohäsion herzustellen. Es ist die Konstruktion von Gemeinschaft „von oben“. Auf der anderen Seite ist Gemeinschaft ein Mittel des Widerstands.

Im sechsten Kapitel wird der Begriff „soziale Mischung“ aufs Korn genommen. Das politische Ziel, das Sozialgefüge zu verbessern, wird kritisch hinterfragt.

Das siebte Kapitel hat den Titel „Kreative Stadt – kreativer Protest“. Es wird Bezug genommen auf Richard Florida, der in der kreativen Klasse, die neue Ideen und Technologien entwickelt, den Motor von Innovationen und ökonomischem Wachstum sieht. Im Gentrifierungsprozess werden indessen die Kreativen selbst zu Opfern, welche die steigenden Mieten nicht mehr aufbringen können. Als konkretes Beispiel für einen kreativen Protest wird das Gängeviertel in Hamburg angeführt, in dem Protestaktionen bewirkt haben, dass das Viertel unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Das achte Kapitel befasst sich mit dem Thema Partizipation. Problematisch ist, dass es gar nicht so leicht ist festzustellen, wer überhaupt von einer Entscheidung betroffen ist und sich dementsprechend beteiligen sollte. Sind es nur die direkten dort Wohnenden oder ist es die ganze Stadt? Ein weiteres Problem ist, dass Beteiligung nur scheinbar demokratisch ist, insbesondere wenn Beteiligungsverfahren bereits getroffene politische Entscheidungen legitimieren. Die Autorin schildert in diesem Zusammenhang den Konflikt um die Entwicklung des ehemaligen Uni-Campus im Stadtteil Bockenheim in Frankfurt am Main. Hinweise auf Sachzwänge sowie die Zielvorgabe, ein Leuchtturmprojekt zu realisieren, das die Stadt als kreative Stadt ins Bild setzt, lassen Beteiligungsverfahren ins Leere laufen.

Im neunten Kapitel geht es darum, einer Top down eine Bottom up Wohnungspolitik entgegen zu setzen. Konkrete Beispiele werden geschildert, darunter die Berliner Mietenvolksentscheidinitiative und die Hausprojektszene in Leipzig, der es gelungen ist, zahlreiche Immobilien zu dekommodifizieren und bezahlbaren Wohnraum zu erhalten.

Im zehnten Kapitel wird das Thema „Selbermachen“ fortgesetzt. Vollmer ist davon überzeugt, dass die Repräsentation der Interessen von breiten Schichten der Bevölkerung durch staatliche Institutionen nicht funktioniert. Wie es stattdessen sein könnte, beschreibt die Autorin anhand von Initiativen in Frankfurt am Main, Hamburg und Berlin. Der Anspruch ist: Elemente der Selbstverwaltung sollen nicht nur Wohnungsbaugesellschaften sondern auch Planungsprozesse auszeichnen. Dass die Durchsetzung dieses Anspruchs schwierig ist, zeigt die Autorin am Beispiel Gängeviertel in Hamburg. Am Schluss des Kapitels formuliert Vollmer als Ziel, „Demokratie und Partizipation zu radikalisieren und so der neoliberalen Hegemonie und dem Rechtspopulismus eine Alternative entgegen zusetzen“ (S. 147).

Im abschließenden kurz gehaltenen Fazit „Gentrifizierung verstehen, Gentrifizierung bekämpfen“ wird bereits Gesagtes wiederholt: Es geht um ein Verständnis von Gentrifizierung, das statt eines Ohnmachtsgefühls politische Handlungsfähigkeit erzeugt. Zugleich wird klar formuliert, dass es schwierig ist, Gentrifizierung zu bekämpfen.

Diskussion

Die Autorin liefert in den beiden ersten Kapiteln aktuelles Grundlagenwissen zum Phänomen der Gentrifizierung. In den darauf folgenden acht Kapiteln geht es um Fragen, wie man vorgehen kann, um Gentrifizierungsprozessen entgegen zu wirken. In den zahlreichen Beispielen, die Vollmer anführt, werden Immobilienwirtschaft und Politik als Kontrahenten der ärmeren Bevölkerungsgruppen dargestellt. Dieser Perspektive folgend werden Maßnahmen, wie sie das Bund-Länder-Programm „Die soziale Stadt“ vorsieht, als „Einhegung“ und Bevormundung interpretiert.

Der Blickwinkel der Autorin ist in mehrfacher Hinsicht zu eng:

  1. Von den drei Dimensionen der Nachhaltigkeit, die bei politischen Entscheidungen zu berücksichtigen sind, wird allein die soziale Dimension berücksichtigt. Sofern die ökonomische Dimension in Gestalt von Wohnungsunternehmen und Immobilienwirtschaft thematisiert wird, werden diese zu einem zu bekämpfenden Feindbild.
  2. Ein weiterer Kritikpunkt ist das Stehenbleiben auf der Stadtteil-Ebene. Die Politik muss die gesamte Stadt und deren Entwicklung im Blick haben, sie kann nicht nur einen Stadtteil und dessen Status quo im Blickfeld haben. Die Beispiele der Autorin beziehen sich immer nur auf kleine räumliche Einheiten.
  3. Ein dritter Punkt, der nicht ausreichend reflektiert wird, betrifft die Beteiligung der Bewohner. Dass Partizipation nur scheinbar demokratisch ist, wird zwar formuliert, aber nur im Hinblick darauf, dass Beteiligungsverfahren politische Entscheidungen legitimieren, nicht indessen hinsichtlich der Tatsache, dass bei der Bewohnerbeteiligung nicht alle wirklich beteiligt sind, sondern nur eine nicht unbedingt repräsentative Stichprobe der an Beteiligung Interessierten sowie in dieser vor allem die opinion leader, die bestimmen, wie zu verfahren ist.
  4. Ein vierter Punkt ist ein innerer Widerspruch, der im fünften Kapitel zutage tritt, in dem es um das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ und das damit verbundene Quartiersmanagement geht. Dort heißt es „Die sogenannten benachteiligten Quartiere werden als sozial dysfunktional konstruiert. … Die Konstruktion vom ‚Problemquartier‘ entwertet die vielen Strategien, die ärmere und marginalisierte Haushalte bereits haben, mit ihrer prekären Situation umzugehen …“ (S. 106 f.). Auf der einen Seite wird hier von einer Konstruktion gesprochen, auf der anderen Seite von Haushalten in prekären Lebenslagen, was offensichtlich keine Konstruktion sondern Realität ist.
  5. Als fünftes ist zu vermerken, dass sich die von der Autorin angeführten Beispiele allesamt auf Großstädte vor allem auf Hamburg, Berlin und Frankfurt am Main beziehen. Es entsteht so der Eindruck, dass Gentrifizierung ein großstadtspezifisches Phänomen ist. Es bliebt offen, inwieweit das der Fall ist.

Im zehnten Kapitel wird das bis dahin informative Sachbuch zu einem Pamphlet, wie aus der Formulierung hervor geht, dass Demokratie und Partizipation radikalisiert werden sollten, um der neoliberalen Hegemonie und dem Rechtspopulismus eine Alternative entgegen zusetzen. Inwieweit man auf diese Weise Gentrifizierungsprozesse verhindern oder eindämmen kann, ist fraglich.

Fazit

Das Buch setzt sich mit einem aktuellen Problem der Stadtentwicklung auseinander: der Aufwertung von Wohngebieten und Stadtteilen, die infolge steigender Mieten zur Verdrängung der weniger zahlungskräftigen Bewohner führt. Die ersten beiden Kapitel, in denen erläutert wird, was Gentrifizierung beinhaltet und in welchen Formen sie sich manifestiert, liefern eine informative Analyse. Die weiteren Kapitel präsentieren Beispiele, wie sich betroffene Bewohner gegen Mieterhöhungen und Verdrängung zur Wehr setzen können. Das Buch, ein Mix aus informativem Sachbuch und Ratgeber, wie man vorgehen kann, ist demzufolge sowohl für diejenigen Leser zu empfehlen, die sich für aktuelle gesellschaftliche Fragen interessieren, als auch für die von Gentrifizierung Betroffenen und Lobbyisten.

Summary

The book deals with a current problem of urban development: the upgrading of residential areas and neighborhoods, which, as a result of rising rents, leads to a replacement of the less wealthy inhabitants. The first two chapters, which explain what gentrification entails and in which forms it appears, provide an informative analysis. The other chapters present examples of how tenants can defend themselves against rent increases and replacement. The book, a mix of informative non-fiction book and guide on how to defend against gentrification, is therefore recommended for readers interested in current social issues as well as residents affected by gentrification and lobbyists.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 02.11.2018 zu: Lisa Vollmer: Strategien gegen Gentrifizierung. Schmetterling Verlag GmbH (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-89657-688-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24762.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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