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Samuel Thoma: Common Sense und Verrücktheit im sozialen Raum

Cover Samuel Thoma: Common Sense und Verrücktheit im sozialen Raum. Entwurf einer phänomenologischen Sozialpsychiatrie. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2018. 318 Seiten. ISBN 978-3-88414-928-7. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.

Reihe: Anthropologische Psychiatrie - Band 3. Vorwort von Thomas Bock (Reihenherausgeber).
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Thema

Das Buch will den „Entwurf einer phänomenologischen Sozialpsychiatrie“ schaffen, also die gesellschaftliche und die individuell-verstehende Perspektive versöhnen. Der Autor weist zu Recht darauf hin, dass viele leidenschaftliche Diskussionsbeiträge von Protagonisten des einen wie des anderen Zugangs den Blick darauf zu verstellen drohen, dass die Trennung dieser Aspekte letztlich eine künstlich-ideologische ist. Während dies in der Praxis ohne weiteres einleuchtet und umgesetzt wird, stellt doch eine theoretisch-wissenschaftliche Zusammenführung der philosophischen und erkenntnistheoretischen Begründungs-zusammenhänge in der vorliegenden Tiefe im deutschen Sprachraum ein Novum dar.

Autor

Der Autor des Buches ist Samuel Thoma, promovierter Philosoph und Arzt in Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie. Das Buch ist die überarbeitete Fassung seiner philosophischen Dissertation.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach Herausgeber- und Autorenvorwort in zehn Kapitel:

  • Die Kapitel 2 bis 7 befassen sich mit dem „Sensus communis“ in der philosophischen Theorie,
  • die Kapitel 8 bis 10 thematisieren den „Sensus communis“ im „Sozialen Raum“.
  • Kapitel 11 liefert „Rückblick und Ausblick“ und enthält eine Art Schlussplädoyer.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu Kapitel 1

Hier liefert der Autor eine ideengeschichtliche Einordnung: die subjektiv „verstehende“, phänomenologische Psychiatrie der 50er Jahre („Von wem wird Wirklichkeit wie erfahren?“, „Psychiater müssen sich durch Einfühlung in das subjektive Erleben des Patienten einfühlen“, „Daseinsanalyse“ sensu Binswanger) war die „Reform vor der Reform“.

Die bundesrepublikanische institutionelle Psychiatriereform, Stichwort „Psychiatrie-Enquête“, griff dies durchaus als legitime Perspektive auf. Einige Autoren bemängelten aber die Gefahr einer mangelnden sozialen und politischen Einordnung. Problematischer noch sei die potentielle Gefahr, bei ausgeprägter „Abweichung“ von „Normalen“ den „Wahnsinn“ als Infragestellung des Menschseins zu verstehen.

Vor diesem Hintergrund formuliert Thoma vier Thesen, die im Folgenden weiter begründet werden:

  1. „Wahnsinn“ ist konstitutive Möglichkeit des Menschseins und stellt dieses keinesfalls in Frage.
  2. Eine ethisch-praktische Verständigungshaltung braucht Offenheit für „Verrücktheit“
  3. Dies ist nicht nur eine objektivierende Setzung der Professionellen, sondern soll einem Prozess gemeinsamer Verständigung entspringen
  4. Die dialogische Perspektive der Verständigung in der Dyade muss den jeweiligen sozialen Rahmen und die Strukturen der Lebenswelt einbeziehen.

Zu Kapitel 2 und 3

Kapitel 2 enthält zunächst Definitionen und Ausführungen zum „Lebenswelt“-Begriff. Gerade für anspruchsvollere theoretische Diskussionen um die derzeit inflationär gebrauchte Vokabel weit jenseits sozialpsychiatrischer Fragen wäre manchem Akteur die Lektüre zu empfehlen.

Zum anderen wird der Kernbegriff der Arbeit, der „Sensus communis“, ideengeschichtlich und wissenschaftshistorisch abgeleitet. Dies bildet den Schwerpunkt von Kapitel 3. Das aristotelische Verständnis (koinē aisthēsis) meint zunächst eher die Einheit sinnlicher Empfindungen verschiedener sensorischer Kanäle und damit als Voraussetzung für das Vermögen zur sinnhaften Eigen- und Weltwahrnehmung.

Später traten die Facetten der moralischen, auf die Gemeinschaft gerichteten Wahrnehmung (sensus communis z.B. bei Cicero) und zuletzt des „common sense“ im Sinne des „gesunden/ungestörten“, auf das folgerichtige Denken fokussierten Menschenverstandes hinzu.

Für Thoma haben alle drei Aspekte eine Berechtigung und Bedeutung; er begründet dann die verwendete Begrifflichkeit des „Sensus communis“.

Zu Kapitel 4 bis 7

Kapitel 4 thematisiert den „Gemeinsinn“ als Empfindung von Selbst und Umwelt und Grundlage der Regeln des sozialen Miteinanders, Kapitel 5 den „sozialen Sinn“ und Kapitel 5 den „common sense“ im Sinne eines spezifischen, z.B. axiomgeleiteten Denkens. Begriffe wie „frontale“ (Beziehung zum unmittelbaren Gegenüber) und „laterale“ Sozialität (z.B. bei der „Joint attention“) werden eingeführt.

Hier kommt es zu einer aus Sicht des Rezensenten fragwürdigen psychiatrischen Einordnung: den „schizophrenen Autismus“ einer Patientin mit „hebephrener Schizophrenie“ äquivalent zum Asperger-Syndrom von Temple Grandin zu thematisieren, weil beiden das spontane Erfassen impliziter sozialer Konventionen schwer falle, (S. 120), wird gerade dem phänomenologischen Zugang nicht gerecht. Bedeutet das erste eine „Verlusterfahrung“, ein nicht-mehr-Beherrschen des prämorbid „Gekonnten“, ist das zweite ein primär qualitativ Anderes mit jeweils anderen Kompensationsstrategien.

Kapitel 7 rekapituliert die Kernaussagen der Kapitel 4 bis 6 und fasst das Verhältnis von „Sensus communis“ und „Verrücktheit“ zusammen.

Zu Kapitel 8 bis 10

Diese Kapitel bilden den Brückenschlag zur Sozialpsychiatrie. Die Dimensionen des „Sensus communis“ werden auf den Sozialen Raum (u.a. auch den krankheitsbedingten Verlust von dessen Selbstverständlichkeit) angewandt. Kapitel 9 definiert „soziale Teilräume“. Gerade der „private Raum“ in seiner Funktion als für Dritte unverfügbarem, von der öffentlichen Wahrnehmung verschonter Schutzraum wird detailliert besprochen. Dem gegenüber wird der „öffentliche Raum“ gestellt. Interessant ist auch der Exkurs zu virtuellen Räumen mit ihrer „reduzierten intermodalen Interaktion“.

Kapitel 10 ist mit „Verlust und Therapie des Sozialen Raumes“ betitelt und enthält u.a. Kasuistiken und Darstellungen von exemplarischen institutionellen Ansätzen. Der Verlust des Sozialen Raumes, das „an den Rand rücken“ als wichtiger Teilaspekt der „Verrücktheit“ wird schlüssig dargestellt. Der Autor nennt Soteria und „Home Treatment“ als darauf eingehende Konzepte, plädiert zudem für das Schaffen von Nischen und „Räumen der Resonanz“ (die ja sowohl phänomenologisch-indviduellen wie sozialpsychiatrischen Desideraten entsprechen) und skizziert Forschungsperspektiven.

Diskussion

Das Buch trägt unverkennbar den Charakter einer philosophischen Dissertationsschrift, die sprachlich und intellektuell anspruchsvoll verfasst ist.

Nicht jedes Kapitel gerade des philosophischen und ideengeschichtlichen Teils (Kapitel 2 bis 7 des Buches) ist deshalb leicht lesbar; der Autor vereinfacht aber den Zugang etwa für die z.B. pädagogisch, psychologisch oder medizinisch sozialisierte Leserschaft durch gut formulierte Zusammenfassungen und Ausblicke an den jeweiligen Kapitelenden und häufige Rekapitulationen. Diese erweitern den Umfang des Buches und bringen wenig genuin Neues; angesichts der Komplexität des Stoffes und der Gedankenführung sind sie aber hilfreich. Der Autor ist sich dieser „Schwere“ der Argumentationsgänge für Nichtphilosophen bewusst, bezeichnet sie mit feiner Selbstironie als „Tiefbohrungen“ und weist darauf hin, dass man diesen Teil auch überspringen könne, wenn man vor allem am zweiten Teil, der sich mit dem „sozialen Raum“ im Kontext psychischer Erkrankung befasst, interessiert sei.

Das Literaturverzeichnis umfasst eine weite Spanne von von philosophischen Klassikern bis zu sozialpsychiatrischen und psychiatrierechtlichen Aktualitäten.

Fazit

Das Buch enthält aus praktisch-psychiatrischer Perspektive ein überzeugendes Plädoyer dafür, Sozialpsychiatrie im Sinne einer gesellschaftspolitischen Einbettung und z.B. gemeindepsychiatrischen Praxisorientierung nicht gegen den „phänomenologischen“, d.h. primär individuell verstehenden Zugang zum Denken, Erleben und Verhalten einzelnen Patienten auszuspielen, dem ja gelegentlich eine zu „individualisierende“ Perspektive vorgeworfen wird, anders herum den phänomenologisch-verstehenden Zugang nicht im individuellen und ansonsten luftleeren (also etwa vom Sozialen und Systemischen abstrahierenden) Raum zu belassen. Der Quintessenz des Autors: („Erst)…wenn der phänomenologischen Psychiatrie der Blick auf soziale Kontexte gelingt, geht sie mit der Sozialpsychiatrie, der es prinzipiell um Subjektivität und sozialen Rahmen geht, eine notwendige Verbindung ein“, kann nur uneingeschränkt zugestimmt werden.

Es geht dem Autor aber nicht nur um das Psychiatrisch-Psychopathologische und die theoretischen Diskussionen um den Charakter und die Begründung der Sozialpsychiatrie. Die gesamte Reihe „Anthropologische Psychiatrie“, in der das Buch erschienen ist, fasst das So-Sein des psychisch kranken Menschen ja zu allererst als eine Spielart des allgemein und sogar zutiefst Menschlichen auf.

Hier sind die philosophischen Ausführungen, deren Inhalte und Autoren aus einer Zeit weit vor der Kodifizierung einer ICD stammen, gewinnbringend.

Von großem Interesse ist etwa die ideengeschichtliche Ableitung des „common sense“, dessen Beeinträchtigung bzw. Nichtverfügbarkeit generell mit schizophrenen und wahnhaften Realitätsbezugsstörungen assoziiert wird. Die Perspektive ist für das Verständnis von Teilhabe- und Stigmatisierungs-, aber auch Selbststigmatisierungsprozessen hilfreich.

Insgesamt kann das Buch dem Fachpublikum, das an der geisteswissenschaftlichen Perspektive in der Psychiatrie interessiert ist, aber auch ganz grundsätzlich als Erweiterung des Horizonts ans Herz gelegt werden. Es wird auch theorie- und literaturaffine psychiatrieerfahrene Menschen geben, die von der Lektüre profitieren können, da sie Zugänge zu einer tieferen Reflexion des eigenen Erlebens ermöglicht. Das Buch ist ein schönes Beispiel dafür, dass „Bildung“ im Sinne des Humboldtschen Ideals, also des intellektuellen Begehens unvertrauter Pfade jenseits der unmittelbaren Anwendungs-perspektive, attraktiv und wertvoll sein kann.


Rezensent
Prof. Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers
Politikwissenschaftler (M.A.) und Mediziner (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Öffentliches Gesundheitswesen, Umweltmedizin), Lehrgebiet Gesundheitswissenschaft und Sozialmedizin, Leiter des Masterstudiengangs Therapie, Förderung, Betreuung (Clinical Casework) - Psychosoziale Hilfen für gesundheitlich gefährdete, erkrankte und behinderte Menschen, Fachbereich Sozialwesen, Fachhochschule Münster.
Mitglied der „Drafting Group for the elaboration of the Additional Protocol on the protection of human rights and dignity of persons with mental disorders with regard to involuntary placement and treatment“ des Europarats zur Ovideo-Konvention.
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Zitiervorschlag
Hanns Rüdiger Röttgers. Rezension vom 11.10.2018 zu: Samuel Thoma: Common Sense und Verrücktheit im sozialen Raum. Entwurf einer phänomenologischen Sozialpsychiatrie. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2018. ISBN 978-3-88414-928-7. Reihe: Anthropologische Psychiatrie - Band 3. Vorwort von Thomas Bock (Reihenherausgeber). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24763.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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