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Erhard Knauer (Hrsg.): Leben in Haus 5 (Bewahrungshaus in Düren)

Cover Erhard Knauer (Hrsg.): Leben in Haus 5. Die Geschichte des Bewahrungshauses in Düren. Zeitzeugen berichten 1950-1986. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2018. 160 Seiten. ISBN 978-3-88414-945-4. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Haus 5 ist ein Symbol für die Geschichte der forensischen Psychiatrie. Diese besondere Disziplin der Psychiatrie befasst sich mit den Menschen, die infolge einer psychiatrischen Erkrankung straffällig geworden sind.

Das Haus 5 wurde als „Pavillon für 48 irre Verbrecher“ 1900 fertiggestellt. Eine hohe Backsteinmauer und vergitterte Fenster vermitteln den heutigen Besuchern eine fast kerkerhafte Anmutung. Und in der Tat lügt dieser Eindruck nicht, da die Geschichte der Psychiatrie weitgehend eine Geschichte der Ausgrenzung, Asylierung und Diskriminierung ist. In der Nazi-Zeit, aber auch schon vorher ist die Psychiatrie-Geschichte auch im Haus 5 eine Geschichte der Vernichtung.

Als noch Anfang der 70er Jahre in der deutschen Anstaltspsychiatrie die Lage der „Insassen“ als elendig und menschenunwürdig bezeichnet wurde, ist das Haus 5 mit fast 100 Patienten überbelegt. Kritische Ereignisse und schwere Zwischenfälle mehren sich. 1986 wurde dann das forensische Dorf in Düren eingerichtet, sodass das Haus 5 zum Symbol und Erinnerungsort gemacht werden konnte.

Herausgeber, Autoren

Dr. med. Erhard Knauer hat das Buch im Namen des Psychiatriegeschichtlichen Dokumentationszentrum (PDZ) Düren herausgegeben. Er war von 1988–2010 Ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken Düren.

Weitere Autoren:

  • Thomas Hax-Schappenhorst
  • Stefan Jünger
  • Dr. Ralf Seidel
  • Dr. Horst Wallraff.

Alle Autoren werden in einer Kurzbiographie vorgestellt.

Ulrike Lubek hat als Direktorin des Landschaftsverbandes Rheinland eine kurze, aber lesenswerte Einleitung geschrieben.

Entstehungshintergrund

Diese Publikation wurde anlässlich der Ausstellung „Leben in Haus 5“ veröffentlicht.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zum ersten Teil

Der erste Teil der Publikation beschäftigt sich auf knapp 80 Seiten mit der Geschichte der Psychiatrie und der geschichtlichen Zusammenhänge, um dem Leser eine verständnisvolle Einordnung des Lebens im Hause 5 zu erleichtern.

Ralf Seidel beschreibt zunächst den „Aufbruch der Psychiatrie in die Moderne“. Durch die zunehmend schneller werdende Industrialisierung wächst der Andrang in die Großkliniken, zumal das abweichende Verhalten vieler Menschen, die den neuen Anforderungen nicht gewachsen waren, mit einer Psychiatrisierung dieser Verschiedenheiten begegnet wurde.

Das „No-Restraint-Systems“ von John Conolly brachte aus England zum Ausgang des 19. Jahrhunderts eine Liberalisierung der Behandlung in der Anstaltspsychiatrie. Neue Architekturformen und die Individualisierung der Behandlung fanden Aufmerksamkeit.

Die Hochschulpsychiatrie gewann durch den Berliner Ordinarius Wilhelm Griesinger (1817-1868) und Emil Kraeplin (1856-1926) an Einfluss und etablierte die Psychiatrie als medizinische Teildisziplin.

Was die unmittelbare Behandlung der Kranken in dieser Zeit angeht, wurde bei erregten Psychosen u.a. Bettruhe, das Fernhalten äußerer Reize, warme und kalte Bäder, Abreibungen verordnet. Die pharmakologischen Therapien waren unspezifisch. Opiumkaloide und Morphium wurden zur Depressionsbehandlung verabreicht, Chloralhydrat, Veronal und Bromsalze bei Schlafstörungen und als Beruhigungsmittel. Suggestivtherapie, Arbeitstherapie, Kunsttherapie sind weitere Stichworte, auf die eingegangen wird. Auch die Auswirkungen des Kriegsgeschehens auf die Behandlung und den Wandel der Psychiatrie werden beschrieben.

Thomas Hax-Schoppenhorst thematisiert in einem zweiten Abschnitt die „Geschichte der Forensischen Psychiatrie“. Die Entwicklung des Umgangs „mit gemeingefährlichen Geisteskranken“ und die damit auftauchenden Probleme werden zum besseren Verständnis in die Gesamtsituation der Versorgung psychisch Kranker gestellt.

Es wird in den Ausführungen auch auf das Selbstverständnis der Ärzte hingewiesen, die sich in den Bewahrhäusern nicht primär als Anwälte der Patienten verstanden, sondern als Vertreter des Staates und der öffentlichen Ordnung.

Mit der Psychiatrie-Reform (1980-1985) wurde auch in Haus 5 die Behandlung psychisch kranker Straftäter den modernen Standards angepasst.

Der dritte Abschnitt thematisiert „Das Bewahrungshaus in Düren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Erhard Knauer weist in seinem Beitrag darauf hin, dass das Bewahrungshaus als besonders gesicherte Einrichtung Ausdruck einer weitreichenden Liberalisierung der Psychiatrie war. Die Absonderung der „gefährlichen Irren“ eröffnete die Möglichkeit, eine offene Psychiatrie zu wagen.

Da viele ehemalige Gefangene im Bewahrungshaus untergebracht wurden, kam es täglich zu Auseinandersetzungen und Ausbrüchen. 1901 wurde es notwendig, das Haus nachzurüsten und auch mehr Personal einzustellen. Nun begann die therapeutische Arbeit.

Im Jahre 1923 wurden aufgrund besonderer Umstände die letzten Kranken des Hauses 5 verlegt. Das freigewordene Haus wurde mit anderen Patienten unter offenen Bedingungen belegt.

Von 1927 bis 1935 wurden dann im Haus 5 über 200 Fürsorgezöglinge betreut („aufsässige und gewalttätige Mädchen“).

Seit 1935 wurden dann wieder Patienten betreut, die auf richterlichen Beschluss in die Anstalt eingewiesen waren. Die kurze Beschreibung der Krankheitsakten ist aufschlussreich und führt direkt in die NS-Praxis der Vernichtung als krank oder schädlich definierter Menschen.

Im November 1944 wurden die letzten Patienten nach Brauweiler verlegt. Das Dürener Bewahrhaus stand leer.

Horst Wallraff hat „Sicherheitsaspekte und Sensationsstreben“ zum Gegenstand des vierten Abschnittes gemacht. „Das Haus 5 in der Dürener Presselandschaft von der Jahrhundertwende bis heute“, so der einleitende Abschnitt. Hier wird die Berichterstattung über das Haus 5 in Düren mit den Ergebnissen der Pionierarbeit des deutschen Psychiaters Dr. Rittershaus verglichen. Dieser hatte 1913 in seiner Arbeit „Irrsinn und Presse“ nachgewiesen, wie stigmatisierend die Medien über die Psychiatrie und die psychisch Kranken berichteten. Diese mediale Voreingenommenheit scheint bis heute zu bestehen und Einfluss auf die Öffentlichkeit zu haben.

Ich nenne die Überschriften der weiteren Punkte. Sie geben genug Auskunft, um das Interesse zu wecken:

  • Gemeingefährlich oder geisteskrank? Geistesgestörte kriminelle Menschen in Geschichte und Gesellschaft
  • Mörder hinter hohen Mauern? Das Haus 5 von seiner Entstehung bis zur Schließung (1900-1986)
  • Zeitgeist in der Zeitung? Wandel und Wandlungen der Presseberichterstattung von 1900 bis heute
  • Eine bigotte Beziehung? Psychiatrie in Presse, Funk und Fernsehen

Zum zweiten Teil

Im zweiten Teil stehen die Berichte von Zeitzeugen im Mittelpunkt. Acht pflegerische Mitarbeiter und ein Patient waren im Frühjahr 2016 dazu bereit, an einer Befragung zur jüngeren Geschichte des Bewahrungshauses teilzunehmen. Die Ergebnisse der Befragungen werden in Form einer Sequenzfolge mit Aussagen der Befragten und mit aussagekräftigen Bildern dokumentiert. Hier die Sequenzfolgen:

  • Die Pforte – hier kommt keiner vorbei!
  • Arzt, Pfleger, Hausarbeiter – Hierarchie im Hause 5
  • Alltag im Hause 5 - Leben am Nullpunkt
  • Eskalation im Ecksaal – Polizei im Hause 5
  • Suchtpatienten im Hause 5 - eine Fehlentscheidung
  • Schluckerzelle – Patienten in Not
  • Elektroschock – Behandlung bei vollem Bewusstsein
  • Bärenzelle – die Zelle in der Zelle
  • Reformdruck – Aussonderung der Entarteten
  • Brand – die Toten von Düren
  • Frauen im Hause 5 - Die neue Forensik

Die kenntnisreichen und knappen Ausführungen von Stefan Jünger über die forensische Pflege im Wechsel der Zeiten, über die totale Institution Forensik, über Macht, Abhängigkeit und Überlegenheit, über das Leben in der forensischen Psychiatrie, über das Suchtpotenzial, über Regression und Verzweiflung, über den Blitzschlag ins Gehirn (EKT-Behandlung) und über grundlegende Veränderungen in der forensischen Landschaft sind allemal lesenswert.

Diskussion

Bei historischen Aufarbeitungen besteht immer die Gefahr eines unvermittelten Vergleiches mit der Gegenwart. Eine Variante besteht darin, die Vergangenheit an der Gegenwart zu messen und schnell zu verteufeln. Eine andere Variante besteht darin, die Gegenwart zu befragen, inwieweit sie vergangene Irrungen und Fehler nicht in neuer Gestalt wiederholt oder inwieweit sie selbst neue Abirrungen produziert. Wer solchen Fragen nachgeht, wird vorsichtig werden, der Gegenwart in jeder Beziehung Fortschrittlichkeit und Moral zuzusprechen und der Vergangenheit die Gegenteile. Der Gang der Geschichte und der Psychiatrie verlaufen jedenfalls nicht gradlinig und eindimensional.

Fazit

Ein überaus interessantes und lesenswertes Buch, das Einblick in die Geschichte der Psychiatrie und besonders der vergangenen Dürener Forensik gibt. Herauszuheben sind das Bildmaterial und die sorgfältige Gestaltung sowie die sachkundigen Beiträge und die Aufarbeitung der Befragungen. Aus allem lässt sich viel für die Gegenwart lernen.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 07.12.2018 zu: Erhard Knauer (Hrsg.): Leben in Haus 5. Die Geschichte des Bewahrungshauses in Düren. Zeitzeugen berichten 1950-1986. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2018. ISBN 978-3-88414-945-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24764.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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