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Sebastian Roché, Mike Hough (Hrsg.): Minority Youth and Social Integration

Cover Sebastian Roché, Mike Hough (Hrsg.): Minority Youth and Social Integration. The ISRD-3 Study in Europe and the US. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2018. 248 Seiten. ISBN 978-3-319-89461-4. 123,04 EUR.
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Thema

Die Integration in ein sozial unterstützendes, gesellschaftlich akzeptierte Normen und Lebensweisen förderndes Umfeld, in eine Gruppe, in welcher man sich akzeptiert, geschätzt und unterstützt fühlt, wie vor allem die Herkunftsfamilie, später dann in Schul- und Jugendgruppen bis hin zu Berufs- und Erwachsenenverbänden, spielt für die menschliche Entwicklung eine zentrale Rolle. Vor allem das Aufwachsen in einer guten Familie, legt, wie etwa Siegmund Freud vor über einhundert Jahren zurecht betonte, die in der Regel entscheidenden Grundsteine für die weitere Entwicklung, so vor allem auch hinsichtlich sozial-auffälligem, straffälligem Verhalten, aber auch von psychischen Krankheiten bzw. Verhaltensstörungen.

Gerade erheblich straffällig gewordene Menschen, wie Inhaftierte, haben in aller Regel eine (schwer) gestörte Sozialisation hinter sich, wurden etwa von den Eltern vernachlässigt oder körperlich misshandelt, oft haben die Erziehungspersonen Alkohol- bzw. Drogenprobleme, was zu schwer auffälligem Verhalten der Kinder, zu denen keine verlässlichen und förderlichen Bindungen hergestellt werden können, beitragen kann. Handelt es sich bei den Familien etwa um ethnische oder religiöse Minoritäten, wie sie in den westlichen Industrieländern, so etwa auch Deutschland, aufgrund der in den letzten Jahren gestiegenen Flüchtlingszahlen aus außereuropäischen Ländern deutlich gestiegen sind, kann sich die Problematik noch zusätzlich verschärfen, eine soziale Integration weiteren Hindernissen ausgesetzt sein.

Hier setzt der von S. Roché und M. Hough herausgegebene Sammelband zu der Thematik „Minority Youth and Social Integration“ an, wobei in den einzelnen Beiträgen empirische Ergebnisse zu der Thematik aus der dritten Welle der „International Self-Report Delinquency Study“ (ISRD-3) und dem Projekt „Understanding and Preventing Youth Crime“ (UPYC) dargestellt werden. S. Roché ist am National Centre of Scientific Research an der Universität in Grenoble, M. Hough an der Birkbeck-Universität in London.

Autoren

Die 14 Autoren einschließlich der Herausgeber, die zu Beginn des Bandes stichwortartig vorgestellt werden (S. IXff.), kommen vor allem aus den Ländern, die an den empirischen Studien wesentlich beteiligt waren, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und den USA.

Aufbau und Überblick

Der Band umfasst neben einer Einleitung der Herausgeber insgesamt acht Beiträge, die in zwei Kapitel unterteilt sind. Die Verlagsseite bietet einen Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Die Autoren der einzelnen Beiträge diskutieren auf der Basis der Ergebnisse aus den empirischen Untersuchungen wesentliche Themen einer sozialen Integration junger Menschen, etwa den Einfluss einer Eingebundenheit in förderliche Institutionen, von sozialen Bindungen, gerade etwa bei ethnisch-religiösen Minderheiten, wieweit es gemeinsame moralische Vorstellungen Jugendlicher in den berücksichtigten Ländern gibt. Die Auswirkungen von elterlicher Gewalt bzw. des Schulsystems werden angesprochen.

Im Vordergrund steht die Bedeutung der Einstellung zu staatlichen Institutionen, gerade auch im Zusammenhang mit religiösen Überzeugungen, wie etwa zu Polizei und Justiz und der Akzeptanz geltender gesetzlicher Vorgaben. Gerade bei Flüchtlingen aus Ländern mit anderen religiösen Vorgaben und gesetzlichen Bestimmungen können diese erhebliche Hindernisse bei einer Integration in westliche Gesellschaften darstellen, wie immer wieder diskutierte Probleme, etwa zu Bekleidungsvorschriften bzw. religiösen Praktiken zeigen.

Vor dem Hintergrund des Umstandes, dass die Zahl der Immigranten aus afrikanischen Ländern mit deutlich anderen gesellschaftlichen Hintergründen gerade etwa in Deutschland in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist, von politischer und wissenschaftlicher Seite auch darauf hingewiesen wird, dass die deutsche Industrie aufgrund gesellschaftlicher Veränderungsprozesse in Zukunft auch deutlich auf diese zusätzlichen Arbeitskräfte angewiesen sein wird, steht die Frage einer konstruktiven Integration der „Neubürger“ deutlich im Raum und die Politik muss sich aufgefordert fühlen, weiterführende Schritte einzuleiten. Während sich die drei Beiträge des ersten Kapitels mit dem Thema „Moral, Bindung und Familie als Quellen eines sozialen Zusammenhaltes“ beschäftigen, werden die fünf Texte des zweiten Kapitels unter dem Stichwort „Institutionen und sozialer Zusammenhalt: Die Rolle von Politikfeldern und Schulen“ zusammengefasst.

Zur Einleitung

Die Herausgeber gehen in ihrem einleitenden Beitrag (S. 1 ff.) der Frage nach, wie Beziehungen zu Institutionen die Integration Jugendlicher beeinflussen, diskutieren vor allem die Bedeutung ethno-religiöser Minoritäten, nationaler Kontexte und sozialer Bindungen. Die Sozialisation der Kinder präge deren Sicht auf die Gesellschaft, Normen und Werte, die eigene Identität als Teil einer ethnisch-religiösen Gruppe. Die wachsende Migration und Durchmischung religiöser Gruppen habe insbesondere in Europa zu einer Diskussion über die Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und etwa auch die Kriminalitätsentwicklung geführt. In einer Gesellschaft mit guten Bindungen über soziale, ethnische und religiöse Gruppen hinweg würden von allen geteilte Moralvorstellungen gefördert, was auch eine Reduzierung der Kriminalitätsbelastung bewirke.

Ziel des Bandes sei, die Bedingungen und Gestaltung von Zusammenhalt in verschiedenen Gesellschaften auf der Basis von Daten aus den empirischen Projekten UPYC und ISRD-3 zu untersuchen. Betont wird der weitgehende Mangel an international vergleichenden Untersuchungen zu der Thematik. Bindungen entstehen in Primärgruppen wie Familie und Freunden, aber auch in Kontakten mit staatlichen Einrichtungen wie Schule und Polizei. Wesentliche Ergebnisse aus den internationalen Studien werden dargestellt, es wird dabei auch auf methodische Probleme internationaler Kriminalitätsvergleiche hingewiesen.

Bemerkenswert sind in allen Ländern die geringen Anzeigequoten bei einer Viktimisierung: Etwa 7 von 10 Straftaten, einschließlich Raub und körperliche Angriffe, werden von den Jugendlichen nicht angezeigt. Das weist auf ein enormes Dunkelfeld auch bei schwereren Straftaten hin. Klar zeige sich, dass die Eltern den deutlichsten Einfluss auf moralische Einstellungen ihrer Kinder haben, deutlich mehr als Lehrer und Freunde. Schule und Polizei spielen in allen modernen Staaten auch hinsichtlich der Integration, gerade auch von Flüchtlingen, eine wesentliche Rolle. Vertrauen in die Polizei und die Bewertung deren Arbeit beeinflusse die Wahrscheinlichkeit zur Begehung von Straftaten bei Jugendlichen. Die Akzeptanz von Gewalt werde auch durch die Religion der Jugendlichen beeinflusst. Die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in ihrem Umfeld hätten zusätzlich einen erheblichen Einfluss auf deren Verhalten, die Zurückweisung etwa der Polizei sei in unterprivilegierten Nachbarschaften deutlich intensiver ausgeprägt.

Zu I. Moral, Bindung und Familie als Quellen sozialen Zusammenhangs

Kapitel I beinhaltet drei Beiträge zu der Thematik Moral, Bindung und Familie als Quelle sozialen Zusammenhangs.

Das Kapitel beginnt mit einem Text von I. H. Marshall und C.E. Marshall (S. 29 ff.) aus den USA zu der Frage, wieweit sich Moral bei Jugendlichen zwischen Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, USA und Deutschland unterscheidet. Es werde allgemein angenommen, dass geteilte Einstellungen über Gut und Böse, Recht oder Unrecht Mitglieder einer Gesellschaft binde und Gemeinsamkeit fördere. Die Globalisierung mit internationalen Wanderungsbewegungen habe inhomogenere Gesellschaften mit weniger sozialer Integration geschaffen. In den USA etwa seien Schwarze bei Tätern als auch Opfern von Straftaten deutlich überrepräsentiert, vor allem auch in Gefängnissen. Während in den USA die Rassenzugehörigkeit eine große Rolle spiele, sei das in den europäischen Vergleichsländern nicht der Fall. Gesellschaften hätten eine große Zahl von Normen, etwa bezogen auf das Verhalten gegenüber Fremden, der Bekleidung, dem Verhalten in der Familie oder gegenüber Gott. Die eigene Untersuchung bezieht sich auf rechtliche Vorschriften, moralische Werte und soziale Konventionen, untersucht an Jugendlichen. Jugendliche würden moralisch sozialisiert durch die Religion, Familie, Freunde und Schule. Die Autoren berichten international vergleichende Ergebnisse zur sozialen Einstellung Jugendlicher, gehen auch kritisch auf methodische Probleme der Vergleichbarkeit zwischen einzelnen Ländern ein. Es zeigen sich teilweise deutliche Unterschiede zwischen den berücksichtigten Ländern, vor allem in Bezug auf schwere Vergehen. In Deutschland und den USA ist die Quote der Ablehnung dieser Verhaltensweisen deutlich höher als etwa in den Niederlanden oder Frankreich (S. 42). Was die Religionszugehörigkeit betrifft lehnen Christen schwerere Vergehen mehr ab als etwa Angehörige des Islam, eine Ausnahme bildet ethnische Verfolgung. Was den Migrationsstatus betrifft zeigen Angehörige der zweiten Generation die deutlichste Ablehnung ethnischer und rassistischer Verfolgung.

M. Steketee und C. Aussems aus den Niederlanden gehen in ihrem Beitrag der Frage nach (S. 61 ff.): „Weniger soziale Bindungen – Mehr Probleme?“ und berücksichtigen dabei vor allem Ergebnisse zu jugendlichen Migranten. Bisherige Ergebnisse würden darauf hinweisen, dass jugendliche Migranten sich weniger mit ihrem sozialen Umfeld und den öffentlichen Einrichtungen verbunden fühlen. Ihre gesellschaftlich vielfach marginale Stellung, das Leben in unterprivilegierten Nachbarschaften, die Schwächung sozialer Bindungen, trage zu erhöhten Verhaltensauffälligkeiten, etwa Kriminalität, Drogenmissbrauch oder Schulproblemen bei. Junge Migranten würden sich oft nicht als individuelle Person, sondern als Mitglied einer abgelehnten Gruppe erleben. Wachsen Jugendliche in unterprivilegierten Großstadtvierteln auf, könnten die Eltern, selbst in Lebensprobleme verstrickt, oft kaum Werte vermitteln. Eine „Mauer des Misstrauens“ könne dazu beitragen, dass jugendliche Migranten die Normen der Gastgesellschaft zurückweisen (S. 64). Religiöse Einstellungen könnten ebenfalls zu einer Zurückweisung von Migranten führen. Die eigenen Berechnungen zeigen, dass Migranten weniger Bindungen an die Familie, Schule und Freunde haben. Intensivere Bindungen an Schule, Familie und Lehrer reduziere die Wahrscheinlichkeit straffälligen Verhaltens. Bindungen an Freunde stelle dagegen ein Risikofaktor dar. Zwischen den Ländern ergeben sich deutliche Unterschiede. Als wesentlichen Einflussfaktor auf abweichendes Verhalten sehen die Autoren den sozialen Status der Eltern, deren Einkommensverhältnisse.

Enzmann und I. Kammigan von der Universität in Hamburg diskutieren die Thematik elterliche Gewalt, Deprivation und Migrationshintergrund (S. 81 ff.). Viele Kinder erlebten die ersten Gewalterfahrungen durch ihre Eltern, obwohl Gewalt in der Erziehung zurückgehe, allerdings nicht in allen Gesellschaften. Körperliche Gewalt in der Erziehung habe empirisch nachgewiesene negative Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung, etwa hinsichtlich Kompetenz für Konfliktlösungen, Einstellung zu Gewalt, emotionale Stabilität, Gesundheit, Risikoverhalten und auch Kriminalität. Die Autoren untersuchen den Zusammenhang zwischen elterlicher Erziehungsgewalt und Armutsniveau in 27 Ländern unter Einbeziehung des Human Development Index (HDI). Theoretische Erklärungen für die Zusammenhänge werden stichwortartig dargestellt. Migranten kommen oft aus Ländern, in denen körperliche Gewalt in der Erziehung noch akzeptiert ist, weiterhin leben sie vielfach in ungünstigeren Lebensbedingungen mit mehr Stress. Die Ergebnisse der Analysen zeigen deutliche Unterschiede im Gebrauch (schwerer) körperlicher Gewalt zwischen den Ländern. Was den Zusammenhang zwischen Armut und körperlicher Erziehungsgewalt betrifft gibt es keine einheitlichen Zusammenhänge. Innerhalb der Länder zeigen Migranten ein größeres Vorkommen körperlicher Gewalt, ihr Erziehungsverhalten nähere sich allerdings über die Zeit der heimischen Bevölkerung an. Die Ausprägung im HDI-Wert beeinflusst deutlich das Gewaltverhalten, je besser die Lebensbedingungen sind, umso mehr nimmt Gewalt in der Erziehung ab. Die Autoren können auf ihrer Datenbasis zeigen, dass die höhere Prävalenzrate von elterlicher Gewalt in Familien mit Migrationshintergrund in den westeuropäischen Ländern weitgehend auch auf die mitgebrachten Erziehungspraktiken aus den Heimatländern zurückzuführen ist. Hierbei ist allerdings zu beachten, dass die meisten Migranten aus schlechten Lebensbedingungen kommen, was eine Herausarbeitung der Zusammenhänge erschwert.

Zu II. Institutionen und Sozialer Zusammenhalt, polizeiliches Vorgehen und Schule

Kapitel II umfasst fünf Beiträge zu der Thematik Institutionen und Sozialer Zusammenhalt, die Rolle polizeilichen Vorgehens und der Schule.

S. Roché und S. Astor beschäftigen sich im ersten Beitrag mit der Rolle von Religion und Einstellungen zu staatlichen Organisationen am Beispiel der Schulen (S. 105 ff.). Schulen spielten hinsichtlich der Sozialisation Jugendlicher und deren Einbindung in die Gesellschaft neben der Familie eine wesentliche Rolle. Untersucht wird der Einfluss von Religion auf die Einbindung in Schulen in verschiedenen Ländern, eine bisher wenig erforschte Fragestellung. Die Ergebnisse zeigen, dass die Bindung der Schüler an ihre Schulen in den USA deutlich ausgeprägter ist als in den 4 berücksichtigten westeuropäischen Ländern, wobei es auch hier deutliche Unterschiede gibt. Europa stelle sich im Gegensatz zu den USA als sehr säkularisiert dar, die Bindung an Religion sei hier bei den Muslimen deutlich größer als bei Christen. Muslime würden der Religion hinsichtlich ihres täglichen Lebens eine wichtigere Rolle zuschreiben als Christen. Deutlich werden die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern die darauf hinweisen, dass religiöse Einstellungen keinen generellen Effekt auf die Bindung an Schulen haben. Auch die Stellung der Schule, ob staatlich oder privat, zeige einen signifikanten Einfluss auf die Bindung der Schüler an die Institution. Teilweise, so auch in Deutschland, führe eine höhere Konzentration von Muslimen in den Schulen insgesamt zu einer Reduzierung der Bindung der Schüler an die Institution. Die multivariaten Analysen würden zeigen, dass die Bindung an Schulen vor allem höher ist bei Mädchen, jüngeren Schülern, bei einer Herkunft aus besser gestellten Familien, bei Einheimischen und solchen mit ausgeprägterer religiöser Ausrichtung. Junge Muslime schätzten die Religion als viel wichtiger ein als andere Religionsgruppen.

Gaag, R.S. van der und M. Steketee aus den Niederlanden gehen in Ihrem Beitrag auf schulische Einflüsse auf straffälliges Verhalten bei jugendlichen Migranten und Einheimischen ein (S. 137 ff.). Sie geben zunächst einen Überblick über bisherige Forschungsergebnisse. Unterschiedliche Schulformen könnten Unterschiede in der Gesellschaft festschreiben. In vielen Ländern seien Migranten konzentriert in weniger gut ausgestatten Schulformen. Diese hätten vielfach einen größeren Anteil an weniger motivierten Schülern mit mehr Verhaltensproblemen. Eine frühe Selektion hinsichtlich Zugang zu Schulen könne die Motivation der Schüler und deren Einstellung zur Schule negativ beeinflussen. In der eigenen Studie wird überprüft, ob unterschiedliche Schulsysteme einen Einfluss auf selbstberichtetes delinquentes Verhalten bei Einheimischen und Migranten haben. Bei stratifizierten Schulsystemen, wie etwa auch in Deutschland, spiele die Auswahl der Schüler eine große Rolle. Eine Zuweisung zu weniger gut ausgestatteten Schulen könne Misserfolge bei den Schülern begünstigen, einen Verlust an Status, eine geringere Selbsteinschätzung, antisoziale Einstellungen und weniger Bindung an Schule und Lehrer bewirken. In unterprivilegierten Schulen könne auch die Bildung von Cliquen gefördert werden. Weniger positive Bindungen begünstigten auch abweichendes Verhalten. Einheitliche Schulsysteme würden die Herausbildung von Ungleichheit reduzieren. Die Autoren entwickeln ein Modell des Zusammenhangs zwischen verschiedenen Variablen, wie Schulsystem, Bindung an die Schule bzw. die Lehrer, Motivation und Einfluss von Peers auf selbstberichtete Delinquenz. Trotz Unterschieden in einzelnen Ländern zeigen die eigenen Ergebnisse, dass in den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz mit stratifizierten Schulsystemen Migranten häufiger in weniger gut ausgestattete Schulen zugewiesen werden. Stratifizierte Schulsysteme würden die selbstberichtete Delinquenz auch bei Kontrolle von weiteren Variablen, wie Geschlecht oder Land, im Vergleich zu einheitlichen Schulsystemen erhöhen. Den größten Einfluss auf abweichendes Verhalten hätten Peers, Bindung an die Schule und Motivation. Die Ergebnisse zeigen auch deutliche Unterschiede im straffälligen Verhalten von Migranten und Einheimischen zwischen den Schulsystemen und Niveaus. In allen Ländern mit einem stratifizierten System, außer in Deutschland, ist die selbstberichtete Delinquenz bei Migranten höher als bei Einheimischen, während es für einheitliche Schulsysteme keine Unterschiede gebe. Auf Migranten hätten vor allem delinquente Peers einen hohen Einfluss auf das Verhalten und das vor allem bei schlechter ausgestatteten Schulen.

D. Farren, M. Hough, K. Murray und S. McVie berichten Ergebnisse zum Vertrauen in die Polizei von Seiten Jugendlicher (S. 167 ff.). Einstellungsuntersuchungen zu polizeilichem Verhalten hätten sich bisher weitgehend auf Erwachsene bezogen. Es geht den Autoren vor allem auch um eine Überprüfung der Procedural Justice Theory, die sich auf Zusammenhänge zwischen dem Umgang der Polizei mit Bürgern, dem öffentlichen Vertrauen in die Polizei, der Wahrnehmung der Legitimität der Polizei und der Mitarbeitsbereitschaft mit der Polizei bezieht. Die Validität der Theorie solle hinsichtlich der Einstellung Jugendlicher zur Polizei, dem Recht und Rechtsbrüchen überprüft werden. Die Legitimität, die Jugendliche der Polizei zuschreiben, wird signifikant beeinflusst von dem Vertrauen in die Polizei. Jugendliche, welche die Legitimität der Polizei höher bewerten, sind weniger geneigt, das Gesetz zu brechen. Ergebnisse aus Großbritannien zeigen, dass die Erfahrung von Straßenkontrollen durch die Polizei einen stark negativen Effekt auf das Vertrauen und die Legitimität der Polizei hat, vor allem wenn das Verhalten der Polizei als unhöflich und wenig respektvoll beurteilt wird. Wird der Polizei Legitimität zugesprochen, wird die Intention, das Gesetz zu brechen, niedriger eingestuft, die Ergebnisse sind sehr stabil über viele Länder. Ein gerechtes Vorgehen der Polizei, die Bürger respektvoll und höflich zu behandeln, ihnen zuzuhören und Erklärungen für Entscheidungen zu geben, sei kriminalpräventiv wichtig.

G. Roux behandelt in seinem Beitrag die Frage, wieweit ethnische Zugehörigkeit, eine Anbindung an den Islam, und Nachbarschaft die Fairness der Polizei gegenüber stigmatisierten Gruppen beeinflussen (S. 193 ff.). Im Gegensatz zu den USA seien solche Zusammenhänge in Europa noch recht wenig untersucht. Zugehörige zu ethnischen Minoritäten hätten in der Regel mehr Kontakte mit der Polizei und dieser gegenüber eine negativere Einstellung als Einheimische. Bewohner von Unterschichtvierteln beurteilten die Polizei meist negativer als Vergleichsgruppen. Mitglieder ethnischer Minoritäten würden mehr negative Kontakte mit der Polizei erfahren als Einheimische. Die Ergebnisse der eigenen Berechnungen zeigen, dass der Anteil ethnischer Minoritäten in den vier berücksichtigten Ländern (Frankreich, Deutschland, Niederlande und Großbritannien) sehr unterschiedlich ist. Auch der Anteil von Schülern aus auffälligen Nachbarschaften unterscheidet sich zwischen den Ländern erheblich, von 10 % in Deutschland bis 24 % in Großbritannien. Der Anteil an heruntergekommenen Stadtvierteln sei vor allem in Frankreich hoch, wo die Polizei als deutlich unfairer eingeschätzt werde als etwa in Deutschland, insbesondere von ethnischen Minoritäten. Schüler, die in heruntergekommenen Nachbarschaften lebten hätten deutlich mehr Polizeikontakte als die Vergleichsgruppe. 35 % der Schüler stimmten der Aussage zu, dass die Polizei einige Bevölkerungsgruppen schlechter behandle als andere, vor allem treffe das für ethnische Minoritäten, Muslime (insbesondere mit geringer Bindung an die Religion) und Schülern aus benachteiligten Wohnvierteln zu. Es würden sich auch deutliche Unterschiede zwischen den Ländern zeigen.

D. Farren und M. Hough berichten im letzten Kapitel des Bandes Ergebnisse zu der Frage des Einflusses des Status als Migrant und Zugehöriger zu einer ethnischen Minorität auf die Einschätzung der Jugendlichen hinsichtlich Legitimität und Bereitschaft, das Recht zu brechen (S. 219 ff.). Besonders eingegangen wird auf die Procedural Justice Theory (PJ). Gezeigt wird, dass Migranten die Polizei kritischer bewerten und möglicherweise als Ergebnis davon würden sie eine höhere Wahrscheinlichkeit, in Gewalttaten involviert zu werden, zeigen. Minoritäten würden vielfach schlechter behandelt und beurteilten dann die Polizei auch negativer. Die Ergebnisse der durchgeführten Analysen zeigen einen hochsignifikanten Zusammenhang zwischen Migrationsstatus und Misstrauen in die Polizei. Migranten haben deutlich weniger Vertrauen in die Polizei als Einheimische, sehen die Polizei als weniger legitim an, beeinflusst durch weniger Vertrauen in die Polizei. Migranten zeigen auch eine größere Prävalenz von Kriminalität. Die Daten bestätigen die PJ-Hypothese: Befragte, die der Polizei mehr misstrauen, schreiben dieser weniger Legitimität zu, gleichzeitig sind diese Jugendlichen mehr in kriminelles Verhalten verwickelt. Eine zentrale Rolle spiele die Qualität der Nachbarschaft. Einheimische Minoritäten hätten in allen Ländern die negativste Einstellung gegenüber der Polizei. Das bedeute, es sei nicht der Migrationsstatus sondern der ethnische Status, und besonders der sichtbare Status als ethnische Minorität, der die Beurteilung der Polizei und eine Einbindung in straffälliges Verhalten signifikant beeinflussten. Der Band schließt ab mit einem Stichwortverzeichnis.

Zielgruppen

Der Sammelband berichtet in den einzelnen Beiträgen eine Fülle von Ergebnissen auf der Basis der Daten aus den Projekten ISRD-3 und UPYC zu Sichtweisen und Einstellungen zur Polizei von jugendlichen Migranten und Einheimischen im Vergleich. Einflussfaktoren auf diese Einstellungen werden im Ländervergleich diskutiert. Deutlich werden die Komplexität der Zusammenhänge und die Bedeutung der Herausarbeitung von Einflussfaktoren auf die Einstellung zu Polizei und staatlichen Organen, gerade auch im Hinblick auf Kriminalprävention und eine Integration der Einwanderer in die Gesellschaft. Theoretische Modelle werden diskutiert und anhand der gewonnenen Ergebnisse beurteilt. Die Veröffentlichung ist vor allem für am Thema Polizei und Migranten/ethnische Minoritäten, Einstellungsforschung und Kriminalprävention Interessierten von Interesse.

Diskussion

Der Band mit neun Beiträgen zur Thematik jugendliche Minoritäten und deren soziale Integration weist auf wesentliche Zusammenhänge und Erklärungen von Einflussfaktoren hinsichtlich des Zusammenhalts in einer Gesellschaft und straffälligem Verhalten hin, zeigt auch deutliche Unterschiede zwischen den berücksichtigten Ländern. Die Herausarbeitung nationaler Unterschiede, des Zusammenwirkens unterschiedlicher kultureller und politischer Kontexte, ist in der empirischen Sozialforschung noch ein wenig bearbeitetes Forschungsfeld (S. 21).

Die Herausgeber betonen in ihrem einleitenden Kapitel, dass eine Untersuchung des Verständnisses nationaler Meta-Organisationen, der Prozesse der Schaffung eines Staates und deren Konsequenzen auf das soziale Leben der Bürger, deren Sozialverhalten, neue Herausforderungen für die Kriminologie darstellen (S. 21). Gerade die Integration jugendlicher Zuwanderer in eine Gesellschaft, insbesondere der zweiten Generation, stellt an die Gastländer erhebliche Anforderungen. Die differenzierten, in den einzelnen Beiträgen präsentierten Ergebnisse zu Einflussfaktoren auf die Einstellung zu staatlicher Kontrolle, vor allem polizeilichen Vorgehens, liefern eine Fülle von Informationen dazu, wie Integration gelingen, aber auch misslingen, kann. Deutlich wird auf Einschränkungen der Ergebnisse hingewiesen, etwa auf die Selektivität der Stichprobe, dass in den berücksichtigten Ländern etwa nur Daten aus ausgewählten Großstädten erhoben wurden. Unter Berücksichtigung der Komplexität der Sachverhalte und der Schwierigkeiten in der Operationalisierung der einzelnen Variablen taucht immer wieder die Frage der Verallgemeinerbarkeit der Resultate auf, was gleichzeitig auf die Bedeutung von weiteren Studien hinweist, was auch von den Autoren betont wird.

Fazit

Der Sammelband gibt eine kritische, weitgehend überzeugende Darstellung der Zusammenhänge zwischen Migrationsstatus in verschiedenen westeuropäischen Ländern einschließlich den USA und unterschiedlichen Aspekten der Sichtweise von Polizei, wie Vertrauen, Legitimität oder Anzeigeverhalten. Unterschiede zwischen Migranten und Einheimischen werden länderübergreifend klar herausgearbeitet. Deutlich wird die politische Bedeutung einer erfolgreichen Integration der Neubürger, etwa die Verhinderung eines Abrutschens in benachteiligte und stigmatisierte Unterschichtviertel in Großstädten, gerade auch hinsichtlich einer Prävention abweichenden/kriminellen Verhaltens.

Der Leser wird breit und kritisch, auch länderübergreifend überzeugend über Bedingungen und Einflussfaktoren der Bildung von Einstellungen gegenüber staatlichen Kontrollorganen, wie der Polizei, informiert. Das Gesamturteil ist vor diesem Hintergrund: Sehr empfehlenswert.


Rezensent
Prof. Dr. Helmut Kury
Universität Freiburg, Max Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht (pens.)
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Zitiervorschlag
Helmut Kury. Rezension vom 14.03.2019 zu: Sebastian Roché, Mike Hough (Hrsg.): Minority Youth and Social Integration. The ISRD-3 Study in Europe and the US. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2018. ISBN 978-3-319-89461-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24765.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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