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Jeanne-Marie Sindani: Gestrandet im „Paradies“

Cover Jeanne-Marie Sindani: Gestrandet im „Paradies“. Erfahrungen aus der Caritas-Asylberatung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. 145 Seiten. ISBN 978-3-7841-3058-3. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Menschen, denen es gelungen ist, nach Deutschland zu flüchten, müssen erkennen, dass sie keineswegs im „Paradies“ angekommen sind, sondern mit bürokratischen Anforderungen und Unsicherheit, mit Leerlauf, Langeweile und Gettoisierung zu tun haben.

In dieser Situation ist die Beratung in Erstaufnahmeeinrichtungen von zentraler Bedeutung. In der Asylberatung der Caritas werden individuelle Schicksale, aber auch die Fluchtursachen weltweit deutlich.

Autorin

Jeanne-Marie Sindani MA stammt aus dem Kongo. Sie hat in in Kinshasa, Frankfurt und Quebec studiert, dort und in Montreal nach dem Masterabschluss als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich der Internationalen Beziehungen geforscht. Sie ist nunmehr in der Asyl- und Migrationsberatung des Caritas-Verbandes in Fürstenfeldbruck und publizistisch tätig.

Entstehungshintergrund

Die Autorin engagiert sich für die Menschenrechte und die friedliche Entwicklung in ihrem Heimatland, will aber auch Menschen zu Wort kommen lassen oder deren Schicksale vorstellen, mit denen sie in ihrer Beratungstätigkeit vertraut wurde.

Aufbau

Von etlichen Vor-, Gruß und Dankesworten abgesehen, umfasst der Band zehn Kapitel, mit den (nicht immer klar abgrenzbaren) Themen:

  • Fluchtwege
  • Aufnahme in Deutschland, Beratungspraxis
  • Fluchtgründe, exemplarisch Kongo
  • Menschenhandel und Sklaverei, Zwangsarbeit
  • Korruption und Ausbeutung natürlicher Ressourcen
  • internationale Bewegungen und Zivilgesellschaft
  • aktuelle Positionen der katholischen Kirche (Gastbeitrag von Adelheid Utters-Adam).

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Die Fluchtwege nach Europa sind lebensgefährlich. Zwar hat „Lampedusa“ traurige Berühmtheit erlangt, sind Tausende Menschen, die im Mittelmeer ertrunken sind, nicht ganz vergessen. Aber die überlasteten Boote werden immer noch losgeschickt. Die mörderische Praxis in Libyen oder im Sinai, wo Flüchtlinge von Schleusern und Kidnappern solange drangsaliert und gefoltert werden, bis Verwandte Lösegeld überweisen, ist nicht gestoppt.

Diejenigen, die in den deutschen Aufnahmeeinrichtungen ankommen, sind Überlebende! Menschen, die Unvorstellbares durchgemacht haben und körperliche und seelische Schmerzen in sich tragen. Wenn die Unterbringung Ruhe und Sicherheit vermittelt, ist das ein erster Schritt, aber noch lange nicht die Hilfe, die z.B. Verwandte leisten könnten, Familienzusammenführung ist kein unwichtiger Auftrag der Beratungsstellen.

Ob die Kinder mit Familienmitgliedern angekommen sind oder als Jugendliche unbegleitet, sie wollen in die Schule gehen. Sie verstehen nicht, dass sie die erste Zeit nicht nutzen dürfen. Wenn die Herkunft (Eritrea, Iran, Irak,Syrien, Somalia) eine gewisse „Bleibeperspektive“ und die Möglichkeit, eine Regelschule zu besuchen, eröffnet, ist das gut – aber jedes Kind hat doch das gleiche Recht auf Bildung, Förderung,Teilhabe!

Wer über Flüchtlinge populistisch drauf los redet, sollte sich das Elend vergegenwärtigen, dem sie entkommen wollten. Man denke nur an die Jesidinnen im Irak, die von sog. IS-Kämpfern gekidnappt und zur Belohnung als Sexsklavinnen an gute Kämpfer verteilt wurden. Die Autorin berichtet von jungen Männern aus Eritrea, die sie in einem Beratungsgespräch kennenlernte. Sie hatten versucht, der Zwangsarbeit zu entkommen, je 700 $ an einem Schlepper bezahlt – als sie wieder bei Bewusstsein waren, mussten sie schmerzhaft erkennen, dass jedem von ihnen eine Niere entnommen worden war. Neben dem Organhandel blüht auch der Menschenhandel, insbesondere die Zwangsprostitution, etwa in Nigeria – übrigens in Frauenhand (Madame).

Ausführlich schildert Sindani die Situation im Kongo, wo Millionen im Land und außerhalb des Landes auf der Flucht sind. Zwei Kongolesen, die sich in der Beratungsstelle richtig willkommen fühlten, berichteten, wie das Regime willkürlich Leute ins Gefängnis stecke, auf engstem Raum in Zellen, zusammen mit Kranken und Toten. Der Kongo ist ja überaus reich, reich an Pflanzen und Bodenschätzen. Meist sind es Kinder und Jugendliche, die in den Minen arbeiten müssen, etwa um Gold oder Tantal (Coltan für Smartphones) zu fördern. Die Kontrolle über die Minen liegt bei Besatzern (Milizen aus Ruanda oder Uganda). Die Kriege der letzten zwanzig Jahre haben vermutlich 8 Millionen Menschen das Leben gekostet.

Fluchtursachen bekämpfen? Afrika könnte sich selbst ernähren, wenn es denn über seine Ressourcen verfügen könnte. Was die korrupten (inländischen) Regime an Milliarden in sog. Steueroasen transferieren, muss den Ländern zurückgegeben werden. Der Handel mit z.B. Palmöl darf nicht länger auf Kosten des Tropenwalds florieren. Die USA haben mit dem Dodd-Frank-Gesetz 2010 einen ersten Schritt getan, nämlich verlangt, „Konfliktmineralien“ zurückzuverfolgen und aus dem Verkehr zu ziehen, wenn sich damit die Kriegsparteien im Kongo finanzieren könnten.

Die von Utters-Adam dokumentierten kirchlichen Stellungnahmen sind bemerkenswert, Kritisiert wird u.a., dass vielen Jugendlichen die Möglichkeiten der Berufsausbildung vorenthalten werden, nur weil ihr Status nicht gesichert sei oder die Ausbildungsbetriebe mit bürokratischen Zumutungen abgeschreckt werden. Unverständlich ist auch, weshalb den Flüchtlingen mit subsidiären Schutz der Familiennachzug verwehrt wird, wenn doch die Union Ehe und Familie stets als Wert hochhielt.

Diskussion

Jeanne-Marie Sindani verspricht, „Erfahrungen aus der Caritas-Asylberatung“ zu schildern. Die tut dies dezent und einfühlsam. Auch ohne einige Farbfotos, die verstümmelte Frauen zeigen, gingen die Geschichten unter die Haut.

Aber Frau Sindani tut noch mehr: Sie gibt, auch anhand zahlreicher Quellen und Belege, eine Sicht auf die Gefahren, auf und nach der Flucht, denen sich Menschen aussetzen, ja aussetzen müssen. Insbesondere führt sie uns wieder einmal vor Augen, welches Elend in vielen Ländern weltweit herrscht. Nun ist der Kongo nicht das Land, aus dem eine größere Zahl von Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Aber die sog. Demokratische Republik Congo steht exemplarisch für diese unsägliche und verdammt gut funktionierende Kombination aus Gewalt, Korruption Geldgier, mit der Menschen andere Menschen ins Unglück stürzen oder schier unmerklich dazu beitragen.

Jeanne-Marie Sindani hat eine wiederum aufrüttelnde Reportage geliefert, die persönliches Engagement belegt, zeigt und fordert.

Fazit

In der Caritas-Beratungsstelle kommen Erfahrungen zur Sprache, die Menschen vor und auf ihrer Flucht machen mussten und überlebten. Jeanne-Marie Sindani verbindet diese Erzählungen mit der Suche nach den Ursachen, wie sie insbesondere in Afrika gegeben sind, also historisch gewachsen und von Menschen gemacht.

Kaum ein Leser/eine Leserin wird sich diesen Herausforderungen entziehen, jetzt ist Engagement gefragt.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 01.11.2018 zu: Jeanne-Marie Sindani: Gestrandet im „Paradies“. Erfahrungen aus der Caritas-Asylberatung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. ISBN 978-3-7841-3058-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24766.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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