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Tanja Salem: Kooperation zwischen Kitas und Grundschulen für eine durchgängige Sprachbildung

Cover Tanja Salem: Kooperation zwischen Kitas und Grundschulen für eine durchgängige Sprachbildung. Eine qualitative Fallvergleichsstudie. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. 302 Seiten. ISBN 978-3-8309-3646-6. 34,90 EUR.

Reihe: Internationale Hochschulschriften - 637.
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Thema

Eigentlich sollte jede noch so kleine oder große Arbeit zu dem großen Problem der „Sprachförderung“ bzw. „Sprachbildung“ bei Kindern in Deutschland ihre Wertschätzung erfahren; haben wir doch hier eine wirklich große Lücke und Aufgabe im Bildungssystem, die seit Jahr und Tag diskutiert wird, aber keineswegs gelöst ist. Tausende von Kindern bleiben jedes Jahr bei der Einschulung auf der Strecke, und zwar in der Hauptsache wegen ihrer schwachen Sprachkompetenz. Der Werk von Tanja Salem verdient allein schon deshalb seine Wertschätzung, weil die junge Forscherin einen Ansatz von „Sprachbildung“ (!) vertritt, der uns hoffentlich bald wegführen wird von der falschen Annahme, man könne Kindern dadurch die erforderlichen Sprachkompetenzen vermitteln, dass man sie mit anderen sog. „schwachen Kindern“ zusammen in einer „homogenen“ Gruppe separiert und dann über vorgefertigte Programme „fördert“. Der Rezensent nennt den hier als „durchgängige Sprachbildung“ bezeichneten Weg in seiner Pädagogik „Lebensbezogene und alltagsintegrierte Sprachbildung“. Insofern gebührt der Autorin meinerseits Zustimmung und Anerkennung.

Aufbau und Inhalt

Die junge Wissenschaftlerin führte eine empirische Studie nach dem Verfahren der qualitativen Forschung an vier Fällen durch: „Zugang zum Feld …bot das Hamburger FÖRMIG-Transfer-Projekt ‚Diagnosegestützte durchgängige Sprachbildung an der Schnittstelle zwischen Elementar- und Primarbereich-FÖRMIG-Transfer Hamburg‘, das von 2010 bis 2013 durchgeführt wurde“ (S. 84) Wer je mit qualitativer Forschung zu tun hatte, weiß um die erforderliche Mühe und Akribie, die dabei an den Tag zu legen ist. Salem setzt alles daran, um den entsprechenden Erfordernissen gerecht zu werden. Allein der Erhebungszeitraum umfasste anderthalb Jahre (vgl.S. 97). Zu hoffen ist, dass die beiden Doktor-Mütter Gogolin und Neumann den Aufwand honoriert haben.

Die Autorin präsentiert Ihre Arbeit auf über 300 Seiten, mit mehr als 20 Tabellen und Abbildungen, mit Hunderten von Literaturangaben (u.a. Werke der Doktor-Mütter) in 17 Kapiteln und Unterkapiteln. Inhaltlich geht es u.a. um:

  • Grundlagen und Konzept durchgängiger Sprachbildung
  • Kooperation zwischen Kindertagestätten und Grundschulen aus ökosystemischer Sicht
  • Kooperationsformen und Kooperationsbedingungen
  • empirische Befunde zur Kooperation von Kindertageseinrichtungen und Grundschulen
  • Zielsetzung und Forschungsfragen der Studie
  • Anlage und Durchführung der Untersuchung
  • bildungsadministrativer Rahmen der Stadt Hamburg
  • Kooperation und sprachliche Bildung
  • Darstellung der vier ausgewählten Fälle
  • die Sprachbildung in diesen Fällen
  • Rahmen und Aktivitäten in den Fällen
  • hinderliche und förderliche Bedingungen der Kooperation in den Fällen
  • Fallcharakteristiken
  • Zusammenfassung.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Wie ist das Opus von Tanja Salem nun zu sehen und welchen wissenschaftlichen und praktischen Ertrag bringt es? Nicht von der Hand zu weisen ist, dass die Verfasserin eine Arbeit durchführte, die sich im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit gut sehen lassen kann. Der Vorteile, aber auch der Grenzen von qualitativer Forschung ist sich die Verfasserin durchaus bewusst. Ihr Ziel war, wie sie sagt, „die Kooperation für eine durchgängige Sprachbildung an dieser bildungsbiografischen Schnittstelle zu beschreiben und auszumachen, unter welchen institutionellen und individuell-professionellen Bedingungen die Kooperation ‚gelingt‘. Der Maßstab für das ‚Gelingen‘ … war die kindliche Sprachentwicklung.“ (S. 277) Über die Kinder selbst und deren Qualitätsstände in der Sprache erfahren wir nun allerdings in der Publikation recht wenig, dafür jedoch manches über die erwachsenen Akteure der Kooperation sowie deren „Freud und Leid“ in der Zusammenarbeit an der betreffenden durchaus heiklen Stelle des Überganges. Ob nun das generierte Wissen wesentlich über die bisher vorliegenden Erkenntnisse hinausführt, kann der aufmerksame Leser selber entscheiden. Der Rezensent würde eher von Bestätigung der bisherigen über Jahrzehnt hinweg gewonnenen Erkenntnisse sprechen.

Dass Salem die Zusammenarbeit von Elementar- und Primarbereich besonders für die von ihr geforderte durchgängige Sprachbildung in dieser expliziten und engagierten Form nutzen möchte, ist neu und in dem bisherigen Kooperationsverständnis so nicht gesehen und betont werden. Die Ziele der Zusammenarbeit waren anders akzentuiert. (Man vgl. dazu neben der schier kaum noch zu überblickenden sonstigen Menge an Literatur zum Thema auch die Methodenpublikation des Rezensenten: N.Huppertz, Zusammenarbeit von Kindergarten und Grundschule. Methodische Möglichkeiten – Praxisbeispiele – Schwierigkeiten. Freiburg 1980; außerdem: die wohl erste empirische Arbeit zum Thema stammt von Elisabeth Krohmann und hat den Titel „Schule und Kindergarten im Gespräch“ vom Jahr 1968, bei der es in der Einleitung u.a. heißt, dass man bei dem Fragebogen den „Kindergärtnerinnen“ einen „Volksschullehrer die Fragen und die möglichen Antworten erläutern ließ“ (S. 10). Außerdem „fällt auf, dass unter besonders nachlässig ausgefüllten Bogen die Unterschrift fehlt“ (S. 10) Historisch ist diese kleine Studie als Heft 21 in den „Veröffentlichungen des Deutschen Instituts für wissenschaftliche Pädagogik“, wie man sieht, nicht uninteressant.) Beide Studien hätten das Literaturverzeichnis der Doktorandin noch vervollständigt.

Diskussion

Bei allem Wohlwollen gegenüber der Arbeit von Tanja Salem müssen aber noch einige Punkte genannt und befragt werden, z.B. wenn es heißt:

  • „Lebensweltlich mehrsprachige Kinder … beginnen ihren Bildungsweg in der Kindertageseinrichtung mit ‚Startnachteilen‘, die mit ihren sprachlichen Fähigkeit im Deutschen zusammenhängen.“ (S. 277) – Eine solche Aussage teilt nun die gesamte Theorie und Praxis der bilingualen Bildung heute nicht mehr. Nur nebenbei: In Freiburg gibt es zahlreich bilinguale Familien, deren Kinder beide Sprachen einwandfrei beherrschen. Einzelfälle könnte der Rezensent aus seiner nächsten familiären Umgebung zusätzlich nennen. Hinzu kommen Erfolge aus unseren eigenen großen Forschungsprojekten mit etwa 3000 Kindern, die „in der Rheinschiene“, d.h. zwischen Karlsruhe und Basel, Deutsch und Französisch gelernt haben. Das möge nur als Beispiel für eine generelle Erkenntnis verstanden werden. Der Erfolg bei Mehrsprachigkeit hängt von mehreren Faktoren ab.
  • Außerdem stimmt es so nicht, wenn die Verfasserin sagt, dass „in Deutschland die Kooperation zwischen Kindertageseinrichtungen und Grundschule als Maßnahme angesehen“ werde, „die dazu beitragen soll, allen Kindern gleiche Bildungschancen zu eröffnen“. (S. 277) Dieser kompensatorische Aspekt ist wohl sehr lobenswert, stand aber, wie bereits erwähnt, bisher kaum als Hauptgrund der Zusammenarbeit im Fokus – wie ebenso auch nicht die Kooperation als Mittel einer durchgängigen Sprachbildung. Hier scheint doch der Blick ein wenig auf Hamburger Verhältnisse und den Stadtstaat beengt zu sein. Im Übrigen sei dem Stadtstaat Hamburg empfohlen, über sein administratives System der Sprachförderung und Sprachbildung nachzudenken: Ohne die vorhandenen Anstrengungen, besonders den Vorteil der durchgängigen Sprachbildung, schmälern zu wollen – sei kritisch angemerkt: Wirksame Sprachbildung beginnt nicht erst ein Jahr vor der Einschulung in einer Vorklasse und ebenfalls nicht mit Sprachtests für Viereinhalbjährige, sondern die Sprache des Kindes und deren „Bildung“ beginnt am ersten Tag seines Lebens, wenn nicht gar vorgeburtlich (vgl. „Erziehung vor der Geburt“). (Der Rezensent erlaubt sich auf die eigene Publikation „Sprachbildung und Sprachförderung in Kindergarten und Krippe – Lebensbezogen und alltagsintegriert“, PAIS-Verlag, sowie seine Internetdarstellungen aufmerksam zu machen.)

Fazit

Was ist der Gewinn aus der wissenschaftlichen Arbeit von Tanja Salem? – Wir haben eine fundierte qualitative Studie vorliegen, gefertigt von einer klugen und akribisch vorgehenden Forscherin. Mit ihrem Anspruch bleibt sie auf dem Boden der Tatsachen. Ihrer eigenen Formulierung stimmt der Rezensent durchaus zu: „Der Gewinn der Untersuchung liegt … im tiefen Einblick in die Kooperation für eine durchgängige Sprachbildung, also im Beschreibungswissen, …das wissenschaftlich generiert wurde…“ (S. 281) Zum Glück ist die Autorin auch in der Lage „der Praxis“ zu sagen, was denn nun zu tun sei und wie das gehen müsse. Einige entsprechende Postulate, verständlich und praxisorientiert formuliert, hätte ihr Werk weiter bereichert. Den Forschenden zum Thema Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule oder Transition o.ä. empfehle ich das Buch. Nicht zuletzt deshalb, weil hier unter dem Terminus „ durchgängige Sprachbildung“ das vertreten wird, was wir im Sinne einer lebensbezogenen und alltagsintegrierten Sprachbildung unbedingt brauchen.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Huppertz
Homepage www.wibeor-baden.de/huppertz/
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Zitiervorschlag
Norbert Huppertz. Rezension vom 25.03.2019 zu: Tanja Salem: Kooperation zwischen Kitas und Grundschulen für eine durchgängige Sprachbildung. Eine qualitative Fallvergleichsstudie. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. ISBN 978-3-8309-3646-6. Reihe: Internationale Hochschulschriften - 637.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24767.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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