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Karin Lahoda: Arbeitsalltag in Werkstätten für behinderte Menschen

Cover Karin Lahoda: Arbeitsalltag in Werkstätten für behinderte Menschen. Zur Bedeutung von Arbeit, sozialen Interaktionen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. 403 Seiten. ISBN 978-3-8309-3329-8. 44,90 EUR.

Reihe: Regensburger Schriften zur Volkskunde - vergleichenden Kulturwissenschaft - Band 33.
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Thema

In der andauernden Diskussion um die sicher verbesserte – aber keinesfalls vollständig abgeschlossene – Selbstbestimmung, Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderungen in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen stehen insbesondere die etwa 700 anerkannten Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) in Deutschland durchaus – und seit vielen Jahren – in der fachlichen und medialen Kritik:

  • Mit dem Titel: „Ausgenutzt statt ausgebildet“ überschreibt z.B. Jana Anzlinger für die taz einen kurzen Bericht zu den wenig integrierenden Arbeitsbedingungen von Menschen mit Behinderung (http://www.taz.de).
  • Rainer Brandes thematisiert für den Deutschlandfunk die Frage: „Woran Inklusion scheitern kann“ und betont: „Experten sind sich einig, dass bisher die größte Diskriminierung behinderter Menschen am Arbeitsmarkt besteht.“ www.deutschlandfunk.de
  • Miriam Hoffmeyer schreibt für die Süddeutsche Zeitung zu den Arbeitsbedingungen der Menschen mit Behinderung in WfbM's: „Diese Form der Leiharbeit steht … in der Kritik: zum einen als Ausbeutung, weil Werkstattbeschäftigte als ‚Rehabilitanden‘ nur ein Taschengeld erhalten. Zum anderen, weil nur jedem hundertsten der Sprung auf eine reguläre Stelle gelingt. Wer erst einmal in einer Behindertenwerkstatt angefangen hat, bleibt normalerweise sein Leben lang dort“ www.sueddeutsche.de).
  • Online Petitionen forderten gar die komplette Abschaffung der Werkstätten mit Behinderung, verbunden mit der Verpflichtung, dass alle Beschäftigten, die aktuell in Werkstätten arbeiten, spätestens nach drei Jahren in den ersten Arbeitsmarkt überführt werden müssen (www.openpetition.de).

Ungeachtet der Tatsache, dass die o.g. Zitate die vielfach vielschichtige, bedarfsorientierte und zielgerichtete Arbeit von Werkstätten für Behinderte Menschen im Bereich der beruflichen Rehabilitation sicherlich einseitig verkürzt und unverkennbar zugespitzt zusammenfassen, zeigen diese exemplarischen Beiträge zur Diskussion sicherlich, dass der Zugang zur Erwerbsarbeit nicht für alle Gesellschaftsmitglieder barrierefrei möglich ist bzw. gleichermaßen nachhaltig gelingt; dies wiederum – und so greift es auch Karin Lahoda in ihrem vorliegenden Text einleitend auf – wirft entsprechend Fragen nach der grundsätzlichen Bedeutung von Arbeit für Menschen mit Behinderung im Kontext von Gerechtigkeit und Gleichberechtigung auf (S. 11); die Verfasserin möchte in ihrer Untersuchung diese komplexen, und wechselwirkenden Themenfelder vor allen aus der Perspektive der Vergleichenden Kulturwissenschaft erforschen und bewerten.

Autorin

Dr. Karin Lahoda studierte an der Universität Regensburg die beiden Hauptfächer Vergleichende Kulturwissenschaft und Amerikanistik; sie absolvierte u.a. Kurse und Weiterbildungen in Internationaler Handlungskompetenz, Betriebswirtschaftslehre oder Deutsch als Fremdsprachenphilologie; seit 2010 ist sie Lehrkraft für besondere Aufgaben am Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft der Universität Regensburg (aktuell beurlaubt); im Jahr 2015 promovierte die Autorin in Vergleichender Kulturwissenschaft; ihre Doktorarbeit: Vom Recht auf einen Arbeitsalltag. Werkstätten für behinderte Menschen in Zeiten der Inklusionsdebatte bildet die Grundlage der vorliegenden Publikation (vgl. zur Vita: www.uni-regensburg.de).

Karin Lahoda forscht und publiziert vielfältig, u.a. zur Kulturwissenschaftlichen Arbeitsforschung (Arbeitswelten des zweiten Arbeitsmarktes / Funktionen und Bedeutung von Arbeit im Alltag / Normierungen im Arbeitsumfeld), Interkulturellem Austausch und transkulturellen Konzepte (Multi- und Interkulturalität / Hybridität und Transkulturalität / nationale Stereotypvorstellungen / Internationale Arbeitswelten) oder Kulturellen Orientierungsmustern (Aushandlung von personalen und kollektiven Identitäten/Identitätszuschreibungen / Normierungen und Standardisierungen im Alltag / Dichotomien kultureller Ordnungen: Norm und Abweichung, Konstruktionen des Eigenen und des Anderen).

Aufbau und Inhalt

Die im Folgenden rezensierte Promotion von Karin Lahoda erscheint als Band 33 in der Reihe der Regensburger Schriften zur Volkskunde / Vergleichenden Kulturwissenschaft.

Im einführenden Kapitel: Vom Recht auf einen Arbeitsalltag skizziert die Autorin zunächst kurz die soziale Heterogenität in der Arbeitswelt, sowohl allgemein als auch speziell im Umfeld der Werkstätten für behinderte Menschen; im Spannungsfeld zwischen rechtlichen Normvorgaben und gelebtem Arbeitsalltag der Werkstattbeschäftigten werden die zentralen Fragen an das Forschungsfeld / das Forschungsprojekt verdeutlicht sowie die forscherische Verortung des Thema’s – im wechselwirkenden Zusammenspiel von Arbeit, Recht und Behinderung oder im Hinblick auf interdisziplinäre Perspektiven im Forschungsfeld Behinderung – definiert; kurz widmet sich die Verfasserin der begrifflich-definitorischen Darlegung von Arbeit (z.B. als jegliches zweckgebundenes Tun); Behinderung (z.B. als Beeinträchtigung, sozial konstruiertes Modell) und Norm oder Normalität (z.B. in ihrer Funktion zur Verortung der eigenen Person oder Gruppe im Gesamtsystem einer Gesellschaft).

Im folgenden zweiten Kapitel verdeutlicht Karin Lahoda die Quellenbasis und methodische Herangehensweise ihrer Forschungsarbeit; zentrales Element ist eine Feldforschung in zwei Werkstätten für behinderte Menschen und die hier genutzten Erhebungsmethoden: teilnehmende Beobachtung / Gespräche und Interviews; neben einer kurzen theoretischen Fundierung der Vorgehensweise beschreibt die Autorin auch den Ablauf der Feldphase, die Materialerhebung durch direkte Kommunikation, die Auswertung textbasierter Materialien (wie Gesetzestexte) und schließlich die Techniken der Datenaufbereitung, Analyse und Reflexion; insgesamt entsteht so ein nachvollziehbares Bild des Forschungsdesigns.

Das dritte Kapitel beschreibt Rechtliche Basis und Forschungsfeld; als zentrale juristische Perspektiven sind nachvollziehbarerweise die UN-Behindertenrechtskonvention, das SGB IX und die Werkstättenverordnung sowie spezifisch institutionell entwickelte Werkstattverträge oder Werkstattordnungen thematisiert; da die Feldforschung in zwei Einrichtungen eines kirchlich-diakonischen Trägers stattfindet, ist der kurze historische Abriss über die geschichtliche Entwicklung von Werkstätten für behinderte Menschen durch entsprechende Ausführungen zum christlichen Hintergrund und der Entstehungsgeschichte / Weiterentwicklung der „Rummelsberger Dienste für Menschen mit Behinderung gGmbH“ ergänzt; als ausgewählte Untersuchungsorte dieses Trägers werden die – sogenannten – „Binshausener Werkstätten“ und die „Mittenbacher Werkstatt“ dargestellt; die beiden Einrichtungen sind in der vorliegenden Arbeit ebenso anonymisiert, wie die Namen von Mitarbeitenden und Beschäftigen die befragt und/oder beobachtet werden (etwas erstaunlich wird der Träger der beiden Werkstätten aber – wie dargestellt – nicht verfremdet, sodass eine kurze Internetrecherche durchaus ermöglicht, die beiden untersuchten Standorte zu identifizieren).

Im zentralen, äußerst umfangreichen, vierten Kapitel: Vom Recht auf einen Arbeitsalltag: Zwischen rechtlichen Normierungen und gelebtem Arbeitsalltag in Werksstätten für behinderte Menschen werden die zwei zentralen Aspekte des Forschungsprojektes – teils sehr differenziert – beschrieben:

  • Zum einen steht die Betrachtung der konkreten Arbeitsorte, Arbeitsgebiete und Arbeitsausführungen – also der Umgang mit Arbeit in seinen alltäglichen Ausformungen (Kapitel 4.1) – im Mittelpunkt der Ausführungen.
  • Zum anderen werden ausgewählte, kulturwissenschaftlich relevante Themenfelder, wie Eigen- oder Fremdwahrnehmung, inklusive, soziale Positionierungen; Zeitstrukturen und Wertigkeiten von Anerkennung oder Entlohnung – als der Arbeitsalltag neben der Arbeit: Soziale Interaktionen und Aspekte des Arbeitsumfeldes (Kapitel 4.2) – dargestellt.

Karin Lahoda skizziert im ersten Teil dieses Hauptkapitels kurz wesentliche rechtliche Rahmenbedingungen, die den Handlungsvollzug und die Zielperspektiven von Werkstätten beeinflussen; sie erläutert, wo Arbeit stattfindet und verknüpft dies mit knappen kulturwissenschaftlichen Anmerkungen zur räumlichen Perspektive von Arbeit; im Kontext dieser thematischen Einführung erfolgt eine jeweils detaillierte Beschreibung des Arbeitsortes „Binshausener Werkstatt“ (mit seinen etwa 300 Beschäftigten mit überwiegend geistiger Behinderung) und des Arbeitsortes „Mittenbacher Werkstatt“ (mit seinen knapp 70 primär körperlich behinderten Beschäftigten); trotz unterschiedlicher Struktur und Zielperspektiven der exemplarisch ausgewählten Einrichtungen wird – so die Verfasserin – als verbindendes Element deutlich, dass beide Werkstätten die wichtige Funktion erfüllen, dass die betreuten Menschen überhaupt die Möglichkeit zur Teilhabe am Arbeitsleben erhalten (vgl. S. 101); belegt / unterstützt durch zahlreiche Auszüge aus Gesprächen mit Beschäftigten (Menschen mit Behinderung) und Mitarbeitenden (Leitung, pädagogisches Personal etc.)werden – durchaus kritisch und ambivalent – Fragen zu Identität und Normalität im spezifischen Kontext einer Werkstatt aufgegriffen; der schwierige Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ist ebenso Thema wie die konkrete Arbeit innerhalb der entsprechenden Werkgruppen; die Autorin beschreibt Arbeitsgebiete (wie Montage oder Wäscherei; Mailing oder Mikroverfilmung); verknüpft sind diese Schilderungen – wiederholt – mit den entsprechenden juristischen Perspektiven, aktuellen Fragen der Ökonomisierung und/oder bestehenden Spannungsfelder zwischen (pädagogischer) Vielfalt und wirtschaftlichen Perspektiven in Werkstätten für behinderte Menschen; Karin Lahoda untersucht u.a. Stärken und Schwächen, Präferenzen und Abneigungen der Werkstattbeschäftigten; sie thematisiert die dynamischen Umbrüche organisatorischer Strukturen (z.B. die Tendenz zur Einrichtung ausgelagerter Arbeitsplätze), es werden Bedeutung und Veränderung pädagogischer Interventionen in Einzelförderungen oder Teamprozessen skizziert (um nur einige wenige der Stichworte aufzugreifen, die aufgegriffen / beschrieben / diskutiert werden).

Zusammenfassend stellt die Autorin am Ende von Kapitel 4.1 fest, dass der gesetzliche Auftrag und die gesellschaftliche Verortung der Werkstätten für behinderte Menschen durchaus Ambivalenzen erzeugen, denn „Einerseits kann so den vielfältigen Bedürfnissen der Beschäftigten besser begegnet werden, andererseits stellt es weiterhin ein Mittel der Ausgrenzung dar“ (S. 230).

Ausgehend von der These, dass ein elementarer Bestandteil des Arbeitsalltages die soziale Interaktion ist (S. 231) wendet sich Karin Lahoda ihrem zweiten thematischen Schwerpunkt des 4. Kapitels zu; hier rückt der Umgang der Werkstattbeschäftigen untereinander und/oder mit den betreuenden, begleitenden, assistierenden Mitarbeitenden in den Mittelpunkt des Untersuchungsinteresses; verdeutlicht werden – unverändert detail- und facettenreich – Aspekte wie Selbstverständnis, Rollenzuschreibungen oder Aushandlungsprozesse im komplexen, vielfältigen sozialen Gefüge der Werkstätten; erneut erfolgen kurze Betrachtungen juristischer Perspektiven (z.B. zur Frage wer eigentlich als behindert gilt / zu gelten hat) und eine Verknüpfung mit kulturwissenschaftlichen Überlegungen (hier nun zur sozialen Perspektive von Arbeit); dem Träger geschuldet wird ein sinnvoller Exkurs zum kirchlichen Verständnis im Arbeitsalltag eingebunden; herausgearbeitet sind unter anderem die Unterschiede zwischen Mitarbeitenden und Beschäftigten mit Behinderung im Zusammenhang mit systemimmanenten Prozessen der Selbst- und Fremdwahrnehmung oder spezifischen Rollenzuschreibungen; die Autorin erkennt die besondere Relevanz der Kommunikation am Arbeitsplatz und dokumentiert Gruppenzugehörigkeiten, soziale (auch rein private) Beziehungen oder Aspekte der Mitwirkung und des Engagements der Beschäftigen (z.B. im Bereich des Werkstattrates als Interessensvertretung der Menschen mit Behinderung); ein weiteres Forschungsinteresse von Karin Lahoda gilt im Weiteren den zeitlichen Strukturen (im Kontext von Beschäftigungszeit, Arbeitspausen oder urlaubs- oder krankheitsbedingten Abwesenheiten); schließlich sind Messbarkeit von Leistung und eine entsprechende Entlohnung als Motivationsfaktoren von und bei der Arbeit ebenso Thema, wie Essen, Feste und Feiern als elementare Komponenten des Arbeitsalltages (auch hier sind nur einige wenige der Stichworte erwähnt, die im Rahmen der teilnehmende Beobachtung und/oder Befragung erfasst werden).

Zusammenfassend hält die Verfasserin am Ende des Kapitels 4.2 fest, dass ein soziales Gefüge – wie das einer Werkstatt für behinderte Menschen – nicht ohne Übereinkünfte und Regeln funktioniert und dass eine reine Abschaffung von Kategorien wie „Behinderung“ oder „Werkstatt für behinderte Menschen“ die gesellschaftspolitische Forderung nach Inklusion eben nicht alleine löst; vielmehr ist elementar, dass – aus den Strukturen der Werkstätten heraus – Anschlussmöglichkeiten zu anderen Gruppen geschaffen werden (vgl. S. 368 f.).

Die – wie aufgezeigt – äußerst umfangreichen und umfassenden Darstellungen der qualitativen Forschungsergebnisse und der entsprechenden Analysen münden konsequenterweise in ein abschließendes, vergleichsweise kurzes – und schlicht mit Synthesen - überschriebenes 5. Kapitel; gebündelt skizziert Karin Lahoda hier (noch einmal) zentrale Gedanken und Erkenntnisse

  • zum Umgang mit vorgegebenen, organisatorischen und juristischen Rahmenbedingungen der Werkstätten,
  • zur Ausgestaltung von Rollenzuweisungen und Rollenmuster,
  • zur solidarischen Verantwortung gegenüber Menschen mit Behinderung,
  • zum Strukturwandel der Werkstätten in Zeiten der Inklusionsfrage

Erfreulicherweise stellt die Verfasserin fest, dass Werkstätten für behinderte Menschen – trotz gerechtfertigter Kritikpunkte und Spannungsfelder – durchaus Vorteile bieten und resümiert: „Eine reine Umschichtung der Menschen mit Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt würde zu einer Verschärfung sozialer Ungleichheit führen, die in erhöhtem Konkurrenzdruck, Skepsis und Abgrenzung münden würde. Erst wenn Inklusion nicht mehr als Last, sondern als Bereicherung verstanden wird, macht Inklusion tatsächlich Sinn“ (S. 382).

Diskussion

Arbeit – so zitiert und erweitert Karin Lahodas den deutschen Volkskundler Utz Jeggle – „… bestimmt den Alltag nicht nur als Last und Mühe, sondern auch als Strukturierung in dem empathischen Sinn von tätiger Aneignung der Umwelt“ (S. 29) und „Damit unterliegt Arbeit jeweils der Ausdeutung der Akteure, ob sie etwas als Arbeit empfinden und wahrnehmen oder nicht“ (S. 30).

Die vorliegende Untersuchung versucht eine Annäherung an die unterschiedlichen Ausdeutungen von Arbeit speziell durch Menschen mit Behinderung im Kontext der Betreuung und Begleitung in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung; neben dieser – doch deutlich im Mittelpunkt stehenden – individuellen Perspektive betrachtet die Autorin wie angekündigt stets auch in gewissem Umfang rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen des Arbeitsalltages behinderter Menschen.

Karin Lahoda setzt sich – wie oben aufgezeigt -mit vielfältigen Themen und Fragestellungen auseinander, die die beobachteten und begleiteten Personen tangieren und/oder einbringen; es gelingen nachvollziehbare, differenzierte Einblicke in den Arbeitsalltag von Menschen mit Behinderung in den beiden exemplarisch ausgewählten Werkstätten (die sich sicher auf andere Einrichtungen übertragen lassen); deutlich erkennbar wird, dass Arbeit eben tatsächlich mehr als arbeiten ist (S. 368); dem Anspruch, den Akzent der Untersuchung bewusst auf die Lebenswelt behinderter Menschen zu legen und besonders deren subjektive Sichtweise zu erfassen und /oder zum Ausdruck zu bringen (S. 28) wird der Text gerecht.

Dieser – letztlich auch nachvollziehbar begründete – Zugang zur Forschungsarbeit lässt natürlich viele zentrale Fragestellungen offen / weniger berührt / unbearbeitet; so wäre sicherlich eine tiefergehende Diskussion heil- oder sozialpädagogischer Fachkonzepte zur beruflichen Rehabilitation interessant gewesen; auch die Perspektive der Veränderung / Optimierung von – letztlich ja langfristig gewachsenen – organisatorischer Strukturen im Zuge einer sich wandelnden Arbeitswelt (Stichwort: „Arbeit 4.0“) wird natürlich weniger betrachtet (wenn auch nicht komplett außen vor gelassen).

Hier wäre dann durchaus interessant, welche kulturwissenschaftliche Perspektive sich aus den ergebenden interdisziplinären Herausforderungen ableiten ließe.

Fazit

Karin Lahodas Publikation zum Arbeitsalltag in Werkstätten für behinderte Menschen bietet einen interessanten, vielfältigen und gut nachvollziehbaren Einblick in die strukturellen Rahmenbedingungen, kollektiven Lebenswelten und/oder individuellen Lebenslagen von Menschen mit Behinderung im Kontext der beruflichen Rehabilitation.

Der primär qualitative Fokus der Untersuchung und der spezifische kulturwissenschaftliche Blick auf die grundsätzliche Bedeutung von Arbeit für Menschen mit Behinderung bereichert – hier ist der Autorin zuzustimmen – den fachlichen Diskurs / die Inklusionsdebatte in diesem Arbeitsfeld; endgültige, zu generalisierende Antworten zur Zukunft der Werkstätten für behinderte Menschen – aber das kann sicherlich kein Anspruch für eine solchermaßen konzipierte Dissertation sein – werden nicht gegeben; es sind aber doch einige Impulse für ein weiteres Nachdenken und die weiter zu führende Diskussion gesetzt.

Der vorliegende Text kann Lehrenden, Forschenden und Studierenden, die am Thema berufliche Rehabilitation und Inklusion von Menschen mit Behinderung interessiert sind, gute qualitative Impulse von diesem Handlungsfeld vermitteln; Praktikerinnen und Praktiker im Umfeld von Werkstätten für Menschen mit Behinderung wird manches vertraut vorkommen und eigene Erfahrungen bestätigen oder ergänzen.

Literatur


Rezensent
Dipl. Soz.-Päd. Mathias Stübinger
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Coburg, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, u.a. in tätig in den Lehrgebieten: Sozialmanagement / Organisationslehre / Praxisanleitung und Soziale Arbeit für Menschen mit Behinderung
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Zitiervorschlag
Mathias Stübinger. Rezension vom 04.03.2019 zu: Karin Lahoda: Arbeitsalltag in Werkstätten für behinderte Menschen. Zur Bedeutung von Arbeit, sozialen Interaktionen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. ISBN 978-3-8309-3329-8. Reihe: Regensburger Schriften zur Volkskunde - vergleichenden Kulturwissenschaft - Band 33.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24769.php, Datum des Zugriffs 18.03.2019.


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