socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Björn Migge: Handbuch Coaching und Beratung

Cover Björn Migge: Handbuch Coaching und Beratung. Wirkungsvolle Modelle, kommentierte Falldarstellungen, zahlreiche Übungen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. 4. Auflage. 737 Seiten. ISBN 978-3-407-36664-1. D: 68,00 EUR, A: 70,00 EUR, CH: 87,60 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autor

Dr. Björn Migge ist Arzt und Verhaltenswissenschaftler und Senior Coach im Deutschen Bundesverband für Coaching (DBVC).

Aufbau

Das Buch umfasst neun Kapitel und einen Anhang mit Hinweis zum Downloadbereich. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Kapitel 1 hat das Coaching und die Ausbildung zum Thema. Es geht um die Frage, was Coaching im engeren Sinne ist und wo es sich von der Therapie unterscheidet.
Coaching ist „eine gleichberechtigte, partnerschaftliche Zusammenarbeit eines Prozessberaters mit einem gesunden Klienten.“ (S. 30) Ziel der Zusammenarbeit ist das Entwickeln von Problemlösungs- und Entwicklungsstrategien und der Aufbau von Kompetenzen. Die Lebensqualität des Klienten soll erhöht werden.

Darüber hinaus befasst sich der Autor mit verschiedenen Ausbildungsinstitutionen und gibt der/dem Leser*in Hinweise, wie man die Qualität der Institute prüfen kann. Er zeichnet die Kernkompetenzen eines Coaches im Detail nach und fragt, was einen guten Coach ausmacht.

Das zweite Kapitel widmet sich der praktischen Kommunikation für einen Coach. Hier werden verschiedenen Kommunikationsschulen und deren Grundgedanken kurz vorgestellt. Es wird u.a. auf das aktive Zuhören (Rogers), die gewaltfreie Kommunikation (Rosenberg), die Beziehungsaspekte in der Kommunikation (Watzlawick) und das innere Team (Schulz von Thun) eingegangen. Dazu gibt es Hinweise, wie man sich vor destruktiver Kommunikation schützt.

In einem eigenen Abschnitt geht der Autor intensiver auf Imagination und Hypno-Coaching ein. Dabei setzt er sich intensiv mit den Vorbehalten und mit der Geschichte imaginärer Methoden auseinander. Er beschreibt die wesentlichen Elemente eines Hypno-Coachings und deren Wirkung. Sie weist über die kognitive und emotionale Verarbeitungsebne von Problemen hinaus.

Auch die sog. Klopfmethode wird vorgestellt, mit der vor allem bei der Bewältigung von Traumaerfahrungen gearbeitet wird und die auf Elementen der Kinesiologie und der Akkupunktur zurückgreift. Am Ende dieses Kapitels steht ein Abschnitt, der die sog. „Schema-Therapie“ nach Young vorstellt. Dabei handelt es sich um „einen sehr komplexen Ansatz, der … die Kompetenzen verschiedener größerer Verfahren bündelt und kombiniert.“ (S. 251) Young versteht unter einem Schema „Denk-, fühl- und Assoziationsweisen, die … auf Erfahrungen in der Kindheit zurückgehen und auch in Situationen des Erwachsenenlebens immer wieder aktiviert werden.“ (S. 254) Diese werden als sog. Modi (elterliche oder kindliche) aktiviert. Der Autor zeigt auf, wie man im Coachingprozess mit den Schemas arbeiten kann.

Für die Anwendung aller dargestellter Methoden (Hpno-Coaching, Klopfmethode, Schema-Coaching) weist Migge darauf hin, dass sie nur mit einer intensiven Ausbildung eingesetzt werden sollen. „Doch … ist es so, dass nicht das Repertoire an Interventionsmethoden wirkt, sondern die tragende, inspirierende und vertrauensvolle Begegnung zwischen Klient und Coach, das A und O ist.“ (S. 256)

Das dritte Kapitel befasst sich mit Zielen und Visionen des Coachings. Ausgangspunkt dafür ist eine Analyse, was ein Problem des Klienten ist und welche Implikationen damit einhergehen. Daher lernt der Leser in diesem Kapitel zahlreiche Fragen kennen, die ihm als Coach ermöglichen, die Probleme, Ziele und Ressourcen des Klienten zu hinterfragen. Diese Fragen „sind die Kernarbeit des Coachings“. (S. 267)

Bei der Problemklärung helfen Fragen auf unterschiedlichen Problemebenen weiter:
Fragen zum Symptom, Fragen zur Geschichte, Fragen zur Auswirkung, Fragen zu den Auslösern, Fragen zu den Alternativen.

Die Ziele werden mit diesen Fragen konkretisiert:

  • Was ist das Ziel hinter dem Ziel?
  • Wofür ist das Ziel eigentlich gut?
  • Kann die Zielerreichung jetzt beginnen?
  • Was ist der Weg zum Ziel?
  • Wie wird sich die Zielerreichung auswirken? (S. 269)

Ressourcen ermöglichen, Ziele zu erreichen bzw. umzusetzen. Nützliche Fragen, um Stärken aufzuspüren sind:

  • Welche Ressourcen müsste ich haben, um in kleinen oder auch großen Schritten das Ziel zu erreichen?
  • Kräfte aus der Vergangenheit oder aus anderen Lebenszusammenhängen? Unterstützende Menschen?
  • Darf ich die Ressourcen überhaupt zur Zielerreichung einsetzen?
  • Was genau muss gelernt oder getan werden, damit sich in kleinen Schritten die nötigen Ressourcen aufbauen lassen?

Die Formulierung von Zielen ist ein erster Schritt. Es kommt aber auch darauf an, Schritte zur Umsetzung zu gehen. „Erst wenn Sie die Ärmel hochkrempeln, wird aus Ihrem Traum ein mögliches Ziel.“ (S. 272) Visionen entstehen aus Schöpfungskraft und aus unserer Suche und dem Streben nach Sinn, neuen Eindrücken, Betätigung, und Zugehörigkeit.

Danach stellt der Autor einige Methoden vor, die eine Sinnsuche, Zielfindung und Zielumsetzung fördern: Ideenschmiede, Disney-Sessel: Visionär, Kritiker, Realist.

Das nächste Thema ist, wie sich der Wunsch nach Stabilität und nach Veränderung in Einklang bringen lassen. Es existieren auch Einwände gegen Veränderung. Krisen sind meist Auslöser von Veränderung. Migge zeichnet daher ein Phasenmodell einer Krise, das vom ersten Schock bis zur emotionalen Akzeptanz und Umsetzung neuer Wege reicht. Er stellt die „existenziellen Faktoren“ einer Krise von Yalom dar, die hilfreich in der Arbeit mit Menschen in einer Krise sind: „zu erkennen, dass das Leben manchmal unfair und ungerecht ist; festzustellen, dass man gewissen Noten des Lebens und dem Tod nicht entgehen kann; einzusehen, dass ich, so nah ich anderen auch kommen mag, dem Leben dennoch allein gegenübertreten muss; zu der Erkenntnis kommen, dass ich mich den Grundfragen des Lebens und des Todes stellen muss und so mein Leben ehrlicher leben kann; mich weniger von Belanglosigkeiten einfangen lass; zu lernen, dass ich die letzte Verantwortung für die Art, wie ich mein Leben lebe, übernehmen muss, egal, wie viel Unterstützung ich von anderen bekomme“. (S. 284)

Ziele müssen nicht nur erkannt, sondern auch so formuliert werden, dass man damit in eine Umsetzung, ins Handeln kommen kann. Das SMART-Modell der Zielformulierung hilft hierbei. Nun geht der Autor auf die Problemlösung bei der humanistischen/systemischen Psychotherapie ein. Er verweist auf die lösungsorientierte Psychotherapie von de Shazer, die den Fokus ausschließlich auf die Lösung und die Ressourcen legt. Allerdings greift dieser Ansatz zu kurz, weil er wesentliche Aspekte des Lebens der Menschen ausspart. Migge hält daher fest: „Am weisesten wird es sein, den ganzen Menschen im Blick zu behalten: seine Defizite, sein Leid zum einen sowie seine Stärken und Möglichkeiten zum anderen.“ (S. 295)

Danach hält sich der Autor bei logischen Ebenen des Lernens und der Kommunikation auf (Batson, Dilts) und wie Wirklichkeit hierarchisiert wird. Wie setzen wir uns mit unserer Umgebung auseinander und welche unbewussten kognitiven Verzerrungen existieren? Daran schließt sich ein Überblick über die Persönlichkeitstheorien an. Besonders wird auf die Big-five-Theorie, das Eneagramm von Eysenck, die Selbstwirksamkeitstheorie, das Hemisphärenmodell des Gehirns und das Multi-Mind-Konzept eingegangen.

Am Ende dieses Kapitels widmet sich der Autor ausführlich der Logotherapie von Victor Frankl und deren Bedeutung für das Coaching.

In Kapitel vier geht es um die Aspekte von Denken, Akzeptanz und Wille. Der erste Abschnitt befasst sich mit Werten, Kognitionen und Umdeutungen. Da Werte unsere Einstellung und unsere Handlungen beeinflussen sind sie ein wichtiger Aspekt im Coaching. Sie manifestieren sich in Glaubensätzen, die gesellschaftlich meist durch die Eltern weitergeben werden. Präskriptive Glaubenssätze definieren Grenzen, deskriptive Glaubensätze schließen vom Besonderen auf das Allgemeine. Erstere werden hinterfragt mit „wer sagt das?“ zweitere mit „Ist das immer so?“. Die Glaubensätze können auch verändert werden. Dafür zeigt der Autor Modelle der kognitiven Umstrukturierung auf (Becks kognitive Triade der Depression, Rational-Emotiv Therapie von Ellis, sokratischer Selbstdialog – the Work von Katie, S.T.E.P – Gedanken sokratisch ordnen, Mentale Metaprogramme (Sorts).

Der zweite Abschnitt widmet sich dem Bereich Akzeptanz und Wille. Wie nehmen wir die Welt mit unseren fünf Sinnen in Raum und Zeit wahr? Wie verarbeiten wir die Außenwelt? „Eine Wahrnehmung ist umso wirklicher für uns, je mehr Wirkung oder je mehrt Handlung mir ihr verbunden ist“. (S. 371) Aus den Ausführungen zieht Migge die Erkenntnis, dass wir nur Reize und keine Bedeutungen austauschen können. Jede Intervention des Coaches kann auf unterschiedliche Art interpretiert werden. Daher ist es unerlässlich, dass man sich über die unterschiedlichen Bedeutungsebenen im Coachingprozess austauscht. Hilfreich dafür sind nicht nur verbale, sondern auch erlebnis- und handlungsorientierte Reflexionsmethoden oder eine konsensuelle Validierung in Gruppen.

Viele Klienten nutzen einen Großteil ihrer Energie dafür, etwas zu verhindern, was meist unbewusst geschieht. Um Verdrängungen zu thematisieren bedarf es aus Sicht des Autors vom Coach eine situative Achtsamkeit, die durch Fragen das aufdeckt, was im Moment vorhanden ist und sich zeigt.

Danach widmet sich das Buch der Bedeutung der Träume, mit denen man die unbewussten inneren Prozesse erkennen kann. Hier darf der Verweis auf Freud und Jung nicht fehlen.

Im fünften Kapitel stehen die Familie und die Paare im Fokus. In Familien werden wir hineingeboren und es werden uns als Kind ihre Werte weitergeben. Aber in vielen Familien gibt es auch Probleme. Mit diesen problematischen Anteilen lässt sich methodisch arbeiten. Es werden verschiedene, meist systemische, Interventionsmethoden vorgestellt: das Psychodrama nach Moreno, die Skulpturarbeit von Satir, die Aufstellungsarbeit von Hellinger. Danach werden die Grundannahmen der systemischen Familientherapie vorgestellt: die Bindung an die zeugende Familie, das familiäre Ordnungsgefüge, das Geben und Nehmen und die Verstrickungen in die Probleme des Familiensystems.

Anschließend widmet man sich der Liebe und den Bedingungen einer lebenslangen Liebe (ein Wir-Gefühl, ein Bewusstsein der Liebe und eine gelingende Kommunikation). Für das Coaching stellt der Band häufige Beratungsanlässe für Familien und ein Phasenmodell der Familienentwicklung vor und wie sich dies auf die Beratung im Coaching auswirken kann.

Um Gesundheit, Karriere und Team geht es im sechsten Kapitel. Ein Coach ist kein Arzt, darauf weist Migge gleich zu Beginn hin. Es geht nicht um Heilung und Linderung. Das bleibt den Ärzten und Heilpraktikern überlassen. Aber der Coach kann dem Klienten helfen herauszufinden, welche Ängste, Bedürfnisse, Vorstellungen und Erwartungen sie mit ihrer Krankheit verbinden. „Diese mentalen Programme zu hinterfragen kann für die Klienten schon eine erste Klärung bringen und kann Anregungen geben, sich auf eine ganz neue Weise den existenziellen Fragen nach Leben, Tod und Lebenssinn zu stellen.“ (S. 438) Themen, die hier bearbeitet werden: Umgang mit Emotionen bei schwerer Krankheit, ich will schnell wieder gesund werden, Leib-Seele-Thematik, vom Sinn der Krankheiten für die Kommunikation, geistige Muster der Erkrankung und der Gesundung, Gefühlsblindheit macht krank, Mind und Body, Salutogenese.

Nachfolgend widmet sich das Buch einem klassischen Feld des Coachings, dem Beruf und der Karriere. Hier werden Methoden vorgestellt, um Ziele zu definieren und Änderungen vorzunehmen. Es gibt sieben übergeordnete (berufliche) Ziele: Relevanz, Selbstständigkeit, Bewusstheit, Selbstwirksamkeit, Verantwortlichkeit, Stolz und Akzeptanz, Identität. Schließlich der Hinweis, dass ohne Vitamin B beruflich so gut wie nichts läuft.

Beim Teamcoaching stellt sich zunächst die Frage, was ist mein Auftrag und von wem kommt er? Es werden kurz typische Teamprobleme skizziert und sich mit der Teamentwicklung befasst. Hieran schließt sich die Gruppendynamik mit verschiedenen theoretischen Modellen an (Foulkes' Matrix-Modell, Schindlers Rangdynamik, Abwehrklima von Bion). Den Abschluss bilden Ausführungen zum Mobbing.

Das siebte Kapitel geht auf systemische Konzepte in der Beratung ein. Der Autor bezieht sich dabei auf die Einzelberatung und klammert Gruppentherapie, Gruppensupervision und Organisationsberatung weitgehend aus. (S. 496)

Auch betont er, dass es keine „Gründerpersönlichkeit“ der systemischen Beratung gibt und daher keine genaue Definition existiert. Er zeichnet deshalb eine kurze Geschichte der systemischen Beratung, in der die Ideen einiger Pioniere beschrieben werden (Batson, Watzlawick, Schulz von Thun, Palo-Alto-Gruppe, Haley, Satir, Palazzoli, Stierlin). Als weitere Beispiele werden das Familienstellen nach Hellinger und der Konstruktivismus vorgestellt. Schließlich kommt man bei Luhmann und seiner Unterteilung von beobachtbarer Handlung an: Phänomene des Körpers: gelebtes Leben, Phänomene des Geistes: erlebtes Leben und Phänomene der Kommunikation: erzähltes Leben. (S. 510ff)

Das Kapitel befasst sich auch nochmals mit den Phasen des Beratungsprozesses und der systemischen Veränderungsarbeit in Organisationen mit dem drei Phasenmodell von Schein. (S. 535)

Das wesentliche Medium der „Veränderungsarbeit ist die Sprache. In der systemischen Beratung besteht diese verbale Kommunikation größtenteils aus Fragen. Dadurch werden einerseits Informationen gewonnen, … die einen Unterschied machen. Das bedeutet: Sie ermöglichen Ihnen und dem Klienten eine Unterscheidung und Abgrenzung. Andrerseits ermöglichen genau diese Fragen eine Störung. Jede Frage kann neue Perspektiven, Bewertungen und Erklärungen ermöglichen.“ (S. 544)

Den Abschluss bildet eine ausführlichere Einführung in das Psychodrama und deren Bedeutung für ein Coaching.

Eine spannende Ansammlung von Themen bietet Kapitel acht: Glaube, Krisen und Umbrüche. Gleich zu Beginn der Hinweis, was dem Autor wichtig ist: die Synthese von rationalem Denken und der Suche nach Sinn. Er geht der Frage von Marx nach, ob „Religion Opium für das Volk“ sei? Er fragt, ob wir unser Leben frei oder unfrei gestalten im Sinne von Aristoteles. „Was in der Muße aufgeht ist frei. Was seinen Zweck und Verdienst erfüllen muss, ist unfrei.“ (S. 592) Das Paradigma der Profitmaximierung wird mit der Frage konfrontiert, was uns als Menschen ausmacht.

Es folgen zwei Fallbeispiele, in denen im Coaching spirituelle Fragestellungen aufkamen und bearbeitet wurden und die Darstellung, wie ein Klinikseelsorger Coaching in der Seelsorge nutzt.

Der nächste Abschnitt befasst sich mit einem wesentlichen Gefühl des Menschen, der Angst, die häufig seine Handlungen prägt. „Angst ist eine natürliche biologische Funktion unseres Geistes und des gesamten Organismus. Sie ist eine Aktion und eine Reaktion auf vorgestellte oder tatsächliche Situationen, die vom Individuum als bedrohlich interpretiert werden. Sie ist für das Überleben unserer Art unverzichtbar gewesen und auch für heutige Menschen noch handlungsleitend.“ (S. 607) Es gibt unterschiedliche Ausprägungen von Angst (Angst vor Selbstwerdung, Selbsthingabe, Wandlung, Notwendigkeit). Riemann formuliert vier Grundängste und zwei Gegensatzpaare: „Selbstbewahrung und Absonderung versus Selbsthingabe und Zugehörigkeit, Dauer und Sicherheit versus Wandlung und Risiko.“ (S. 611) Es werden pathologische Formen der Angst beschrieben und dargestellt, dass der „Umgang mit der Angst eine zivilisatorische Schlüsselqualifikation“ ist (Beck, S. 613).

Der letzte Abschnitt widmet sich den Krisen (akuten, latenten und sich entwickelnde). Migge stellt Einsichten vor, die sich nach Yalom in Krisen zeigen (S. 619): „zu erkennen, dass das Leben manchmal unfair und ungerecht ist, zu erkennen, dass man gewissen Nöten des Lebens und dem Tod nicht entgehen kann, zu erkennen, dass man, so nah man anderen auch kommen mag, dem Leben allein gegenübertreten muss, sich den Grundfragen seines Lebens und seines Todes zu stellen und so sein Leben ehrlicher zu leben und sich weniger von Belanglosigkeiten einfangen zu lassen, zu lernen, dass man die letzte Verantwortung für die Art, wie man sein Leben lebt, übernehmen muss, gleichgültig, wie viel Anleitung und Unterstützung man von anderen bekommt.“

Zum Schluss werden einige Krisenauslöser beleuchtet (Verlust eines Menschen, Trennung und Abschied, Abschied von Körperfunktionen und der Jugend, Tod). Trauma wird anhand von Gewalt thematisiert (in Familien, bei Gewaltverbrechen). Eine aktuelle Behandlungsmethode ist das EMDR, das vorgestellt wird.

Im neunten und letzten Kapitel dreht sich alles um Konflikte. „Sie können lästig sein durch ihre Treue und Allgegenwärtigkeit. Sie können aber auch freundlich oder lehrreich sein, indem sie uns Wahrheiten über unser Innerstes und unsere Stellung zu an- deren Menschen sagen.“ (S. 660) Vor diesem Hintergrund gilt es, sich Konflikten zu stellen und sie nicht zu negieren oder zu verdrängen. Kriterien für ein Konfliktfähigkeit sind: Neugierde, Lust auf Neues, Offenheit,)) Ergebnisoffenheit, Mut zur Angst (Selbstbewusstsein), Klärungs- und Kooperationsbereitschaft, Fehlerfreundlichkeit (S. 664). Es wird deutlich, dass gelernte Grundannahmen aus der Kindheit unser Konfliktverhalten prägen.

Anschließend wird gefragt, was hilfreich in der Arbeit mit Konflikten ist. Man unterscheidet die Bearbeitung von inneren Konflikten (annäherungs-Annäherungs-Konflikt, Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt, Vermeidungs-Vermeidungs-Konflikt) und beschäftigt sich anschließend mit Modellen für innere Konflikte (Freud’sches Strukturmodell, Adlers Individualpsychologie Jungs analytische Psychologie, Frankls Logotherapie, das Psychodrama von Moreno).

Der folgende Abschnitt ist den zwischenmenschlichen Konflikten gewidmet, deren Ursachen und Phasen einer Eskalation. Was macht den Konflikt zum Konflikt? Als Konfliktmodell wird das von Glasl (S. 689) vorgestellt, gefolgt von Ideen zur Konfliktmoderation (Harvard-Konzept). Ein weiteres Thema sind Konflikte in der Gruppe, die als Ort für Übertragungen genutzt werden kann.

Den Abschluss bilden systemische Fragen in der Konfliktarbeit. Problemkreise werden gestört, um „Neues zu lernen, … Konflikten den Nährboden“ (S. 701) zu entziehen. Folgende Interventionen sind hierbei möglich: Altes umdeuten und Ungesehenes sichtbar machen, auf bekannte Verhaltensweisen ungewohnt reagieren, neue Bedeutungen für gewohntes Verhalten eröffnen.

Diskussion

Mit dem Band hat Miggeein sehr umfangreiches Werk vorgelegt. Wie immer wenn die Seitenanzahl wächst, stellen sich der/m Leser*in zwei Fragen:

  1. Hätte man das nicht alles etwas dichter darstellen können (kürzen)?
  2. Oder: Es wurden viele Themen nur angeschnitten, hätte man das eine oder andere auch vertiefen können (noch mehr Seiten)?

In diesem Spannungsfeld hat sicher auch der Autor gestanden.

Migge hat einen Mittelweg gewählt. Viele Themen wurden nur exemplarisch dargestellt. Dafür steht am Ende eines jeden Kapitels ein Lesehinweis mit weiterführender Literatur, was sehr hilfreich ist, wenn man sich in einzelne Bereiche vertiefen will. und was man bei vielen sehr knappen Ausführungen zu einzelnen Bereichen auch muss! Einige Aspekte, wie die Logotherapie von Frankl, seine eigene Coachingform des Hypno-Coaching oder das Psychodrama werden ausführlicher beschrieben. Hier fragt man sich als Leser*in, warum genau diese und nicht andere. Vermutlich ist es wohl so, dass jeder Coach seinen eigenen Handwerkskoffer der Anamnese und der Intervention hat und hier die Stärken und Erfahrungen des Autors einfließen.

Der Band setzt sich im ersten Kapitel ausführlich mit der Ausbildung und den Kompetenzen eines Coaches auseinander. Diesen Abschnitt kann derjenige, der nach Handlungsorientierungen sucht genauso überspringen, wie Kapitel zwei, das sich mit der Kommunikation im Coachingprozess befasst. Überhaupt findet man im Buch zwar immer wieder sehr hilfreiche Reflexionsfragen zu unterschiedlichen Themenkomplexen, die eine Selbstreflexion mit einbeziehen. Der eigentliche Wert der Veröffentlichung erschließt sich einer/m Praktiker*in aber mit der E-Book und dem Hinweis zu den Downloadmaterialen. Hier findet sich wirklich eine große Auswahl von Vorlagen, die man für die tägliche Arbeit nutzen kann. Die auf dem Cover angepriesene „anwendungsorientierte Modell- und Methodensammlung“ findet man hier und weniger in der gedruckten Form.

Fazit

Insgesamt ein sehr umfänglicher Band, der sowohl an einer Ausbildung Interessierten als auch Praktiker*innen theoretische Einblicke für den Geist, Anregungen zur Selbstreflexion für die eigene Seele und praktische Hinweise für die Beratung bietet. Will man tiefer einsteigen kommt man um die angegebene weiterführende Literatur nicht herum.


Rezensent
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zu früheren Auflagen des gleichen Titels: Nr.3197 Nr.6323


Alle 33 Rezensionen von Winfried Leisgang anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 17.01.2019 zu: Björn Migge: Handbuch Coaching und Beratung. Wirkungsvolle Modelle, kommentierte Falldarstellungen, zahlreiche Übungen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. 4. Auflage. ISBN 978-3-407-36664-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24777.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung