socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Marco Bonacker, Gunter Geiger (Hrsg.): Menschenrechte in der Pflege

Cover Marco Bonacker, Gunter Geiger (Hrsg.): Menschenrechte in der Pflege. Ein interdisziplinärer Diskurs zwischen Freiheit und Sicherheit. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 292 Seiten. ISBN 978-3-8474-2182-5. D: 29,90 EUR, A: 25,60 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

In der Soziologie und Psychologie des Alterns, aber auch in den Medien und in der Werbung wurde lange Zeit der aktive und gesunde Ältere in den Vordergrund gestellt und dabei wurden die multi-morbiden Älteren vernachlässigt. Das scheint sich in den letzten Jahren etwas geändert zu haben. Um die Rechte dieser älteren kranken Menschen geht es in diesem Band.

In der medizinischen Behandlung und Pflege älterer Menschen und Sterbender sind unterschiedliche Trends zu beobachten In der Palliativmedizin wird das Selbstbestimmungsrecht der Patientinnen und Patienten besonders betont (vgl. zum Beispiel Borasio 2014, de Ridder 2017) Der Patient bzw. die Patientin soll das Recht haben, zu entscheiden, ob eine Behandlung begonnen oder abgebrochen wird, auch wenn diese Entscheidung aus medizinischer Sicht unvernünftig sein mag. Thöns (2016) ist der Auffassung, dass durch Übertherapie am Lebensende ein Geschäft gemacht werde und dabei der Patientenwille öfters ignoriert werde. Das Vertrauen in die moralische Integrität einiger Ärzte wäre damit berührt. Giger-Bütler (2018) fordert ein Recht auf Suizid nicht nur für Palliativpatienten, sondern auch für depressive und für ältere Menschen. Zum Pflegebereich wird diskutiert, ob vor dem Hintergrund des in einigen Bereichen bereits bestehenden Pflegenotstand noch ein menschenwürdiges Leben von Pflegebedürftigen möglich ist. (vgl. Rieger 2017) Es stellt sich die Frage nach der Lebensqualität, die die Betroffenen noch akzeptieren, um weiter leben zu wollen. Vor diesem Hintergrund hat die Frage der Menschenrechte von Pflegebedürftigen eine besondere Bedeutung.

Herausgeber

Marco Bonacker ist Referent für Erwachsenenbildung im Bistum Fulda. Er studierte katholische Theologie und promovierte im Bereich Moraltheologie. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Sozialethik, Moraltheologie sowie Medizin- und Pflegeethik.

Gunter Geiger studierte Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften. Er ist Diplomvolkswirt und Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Fulda

Aufbau und Einleitung

Nach einer kurze Einleitung folgen 15 Beiträge, die vier Themenbereichen zugeordnet werden.

Eingeleitet wird der Band mit einem kurzen Beitrag der beiden Herausgeber. Sie sehen die Thematik im Spannungsfeld von Freiheit und Sicherheit und den Trend „immer mehr die Option der Freiheit der Option der Sicherheit“ ( S. 9) vorzuziehen. Freiheitsentziehenden Maßnahmen seien zum Beispiel enge rechtliche Grenzen gesetzt. Der Rezensent würde dieser Bewertung nicht zustimmen. Nach seinem Eindruck sind einige Bereiche der Praxis immer noch geprägt durch eine paternalistische Haltung.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu I. Ethische Grundlagen der Pflege

Menschenrechte in der Pflege werden von Claudia Mahler im ersten Beitrag aus juristischer Perspektive behandelt. Eingegangen wird u.a. auf ein mögliches Recht auf Pflege, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Freiheit der Person, soziale Teilhabe, Recht auf Palliativpflege, Rechte der Pflegenden und das Recht auf Beschwerde und Wiedergutmachung. Ein stärkerer Bezug zum Pflegealltag und Pflegesystem wäre nach Ansicht des Rezensenten sinnvoll gewesen. Wenig realistisch ist zum Beispiel in diesem System das Recht älterer Menschen auf ein Pflegeheim ihrer Wahl (S. 16), da dies von der Höhe der Zuzahlung abhängig ist. Palliative-Care ist in stationären Hospizen und auf Palliativstationen gewährleistet, aber in vielen Pflegeheimen nicht [1]. Die Möglichkeit, Menschenrechte zu einem Qualitätskriterium in der Pflege zu machen (S. 27), sieht daher der Rezensent skeptisch. Die Begriffe sind dafür zu unbestimmt. Lässt sich etwa der Anspruch eines Pflegeheimbewohners auf ein eigenes Zimmer aus den Menschenrechten ableiten? Große Bereiche der Pflege sind beeinflusst durch betriebswirtschaftliche Kriterien und Ziele, um Gewinne zu erwirtschaften oder um die Organisation zu stärken (vgl. Rieger 2017).

Es folgt ein Beitrag von Marco Bonacker zu Menschenrechten und Ethik in der Pflege. Die Geschichte der Menschenrechte wird zunächst behandelt, wobei auf die Konfliktgeschichte zwischen Kirche und Menschenrechten eingegangen wird. Dargestellt wird, dass die Menschenrechte zwar im christlichen Kulturkontext entstanden sind, dass sie aber universell und nicht auf ein bestimmtes religiöses oder kulturelles Erbe beschränkt sind. Es folgt ein Unterabschnitt zur Freiheit als Grundrecht des Menschen. Der Autor stellt fest, dass die Pflegekultur in den letzten Jahrzehnten stärker die Freiheit des Gepflegten und weniger den Sicherheitsaspekt betone und verweist auf die Pflege-Charta der Bundesregierung. Der Rezensent fragt sich, inwieweit diese Entwicklung sich nicht eher auf der Ebene theoretischer Diskurse in Politik, Pflege und Ethik vollzieht. Inwieweit dies die Vollzugswirklichkeit der Pflege vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen prägt, ist eine offene Frage. [2] Die kontinentaleuropäische Tradition von Freiheit (u.a. Kant) wird mit einer angelsächsischen und individualistischen Tradition ( John Locke) verglichen. Die Verantwortung von Angehörigen im Pflegeprozess wird im dritten Unterkapitel behandelt, wobei es u.a. um ethische Überforderung geht. Aufgrund seiner Erfahrungen mit Pflegeheimen hat der Rezensent den Eindruck, dass einige Abschnitte etwas idealisierend sind. Ob zum Beispiel der Beziehungsaspekt in der Pflegepraxis im Vordergrund steht (S. 37/38), kann man auch bezweifeln.

Es folgt ein philosophischer Beitrag von Hans-Martin Rieger zum leibgebundenen Verständnis von Person und Würde. Personen mit fortgeschrittener Demenz würden radikalen Anfragen aufwerfen: „Es mag sich der Eindruck aufdrängen, gar keine Person mehr vor sich zu haben, sondern nur noch ein lebender Körper, ein Leib. Das Gegenüber dann nicht mehr als Subjekt zu respektieren, sondern lediglich als Objekt zu behandeln scheint dann naheliegend.“(S. 50). Eingegangen wird auf unterschiedliche Bedeutungen von Würde.

Der Beitrag von Elmar Nass behandelt die ethische Bewertung des Technikeinsatzes im Gesundheitswesen. „Komplex zu bewerten sind zahlreiche Settings des Technikeinsatzes im Gesundheitswesen, in denen auf Menschen bezogene ethische Aspekte von Freiheit, Verantwortung, Privatheit, Heimatgefühl, Sozialität u.a. miteinander in Konkurrenz geraten können“ ( S. 87) Behandelt wird u.a. der „MEESTAR-Tool“ zur Bewertung von Technikeinsatz. Der Autor stellt dazu als Alternative einen christlichen Ansatz und dessen Anwendung auf Dilemmata vor. Ein Problem kann nach Ansicht des Rezensenten die Allgemeingültigkeit werden. Der Ansatz gilt zunächst für die Mitglieder einer Konfession. Unsere Kultur ist zwar christlich geprägt, welche Glaubessätze heute aber noch allgemein geteilt werden, ist eine offene Frage.

Zu II. Rechtliche Perspektiven im Pflegeprozess

Der Abschnitt beginnt mit einem Beitrag von Gisela Zenz zum Gewaltschutz für Ältere. Eingegangen wird auf Gewaltrisiken, die in der Öffentlichkeit unterschätzt würden. Zu den Risikofaktoren zählten Überforderung von Pflegenden, manchmal in Verbindung mit problematischen Formen der Bewältigung der Überforderung. Anschließend werden rechtliche Regelungen zum Gewaltschutz behandelt. Hierzu gehören präventiv wirkende Möglichkeiten der Förderung und Beratung Pflegender, Kontrollen, Interventionen und Sanktionen. Kontrollen im Rahmen der Heimaufsicht oder zur Kontrolle der häuslichen Pflege werden kritisch diskutiert. Es entsteht der Eindruck, dass diese kaum wirksam vor Gewalt schützen können. Dies gilt wohl auch für Interventionen und Sanktionen im Bereich der häuslichen Pflege. [3] Die Autorin kritisiert: „Der Gesetzgeber schweigt“ (S 116) und diskutiert einige Reformanstöße. Im Vordergrund stehen dabei helfende Interventionen, die nicht straforientiert sind. Hingewiesen wird auch auf die Möglichkeit von Gastfamilie für Ältere.

Der Beitrag von Axel Bauer zur Gewaltprävention, Freiheitsermöglichung und freiheitsentziehenden Maßnahmen aus juristischer Sicht ist ausführlich, differenziert und informativ. Für den Rezensenten ergeben sich daraus einige ethische Fragen. So stellt sich die Frage, welche freiheitsentziehende Maßnahmen überhaupt geeignet sind, die prognostizierte Gefahr abzuwenden oder zu verringern (vgl. dazu auch den Beitrag von Krampen in diesem Band). Neuroleptika können negative Nebenwirkungen und Spätfolgen haben. Wer trägt dafür die Verantwortung, wenn der Patient nicht einwilligt oder nicht einwilligungsfähig ist? Den bestellten Betreuern wird eine hohe Verantwortung zugeschrieben. Sind sie aber auch entsprechend qualifiziert und können sie diese Verantwortung tragen? Ist Freiheitsentzug gerechtfertigt, wenn die Suizidalität eines Patienten nicht nur vorübergehend ist (vgl. Giger-Bütler 2018)? [4] Im Anhang wird der Frankfurter Fragebogen zur Vermeidung freiheitsentziehender Maßnahmen dargestellt.

Helga Steen-Helms behandelt in ihrem fünfseitigen Beitrag das „hessische Curriculum zur Vermeidung erzieherischer Maßnahme“. Nach Ansicht des Rezensenten ist der Beitrag zu komprimiert und daher nicht informativ genug. Hingewiesen wird auf eine Evaluation, die zu dem Ergebnis gekommen sei, dass die freiheitsentziehenden Maßnahmen reduziert wurden, was aber nicht belegt wird. Die Autorin bleibt auf der Ebene eines Schulungskonzepts. Ob dieses Konzept die Vollzugswirklichkeit tatsächlich verändert, bleibt offen und wäre zu evaluieren.

Die Situation in der häuslichen Pflege und die Sicherung von Menschenrechte aus rechtlicher Perspektive wird in dem Beitrag von Anna Schwedler behandelt. Die rechtliche Situation wird in Kapitel 2 behandelt. Eingegangen wird auf die Frage, inwieweit Ehegatten und Kinder zur Pflege verpflichtet sind. Praktisch wird dies nur schwer durchsetzbar sein, da der Gesundheitszustand der potentiell Pflegenden, ihre mögliche Berufstätigkeit, Pflichten gegenüber eigenen Kindern, der Wohnort und Wohnungsgröße bedeutsam werden. Weitere Themen sind die Bestellung eines Betreuers, die stationäre Unterbringung des Pflegebedürftigen, Leistungen der Pflegeversicherung und Qualitätskontrollen. Auf die Gewährleistung einer würdevollen Pflege wird in Kapitel 3 kurz eingegangen. Die zitierten Studien basieren auf Befragungen. Dies hat nach Ansicht des Rezensenten den Nachteil, dass sie von der Handlungssituation und der Beziehung abstrahieren. Wenn sich zum Beispiel Eheleuten manchmal anschreien, muss dies kein Indiz für eine menschenunwürdige Behandlung sein. Wichtiger ist die Beziehungsqualität vor dem Hintergrund der Beziehungsgeschichte bzw. Familiendynamik. [5] Um diese zu erfassen, ist ein anderes methodisches Vorgehen erforderlich. Die Frage, ob und wie menschenwürdige häusliche Pflege gesichert werden kann, bleibt offen.

Zu III. Medizinische Perspektive in der Pflegepraxis

Die Patientenverfügung und Probleme bei der Deutung des Patientenwillens und der Umsetzung werden in dem Beitrag von Jens Kleffmann behandelt (zu dieser Thematik vgl. auch de Ridder 2017). Eingegangen wird zum Beispiel vorformulierte Patientenverfügungen, auf das Verhältnis von Patientenverfügung und Organspendeerklärung und mögliche Interessen von Angehörigen, die vom Patientenwillen abweichen können. Für den Rezensenten stellt sich vor dem Hintergrund der Kritik des Palliativarztes Matthias Thöns (2016) auch die Frage nach den Interessen einiger Ärzte. Insbesondere bei fraglichen Indikationen können finanzielle Interessen einer Klinik oder Praxis bedeutsam werden.

Es folgt der Beitrag von Christoph Lenz zu ärztlichen Gutachten im Pflegeprozess und die Sicherung der Menschenwürde. Auf die rechtliche Situation und auf die Erstellung von ärztlichen Gutachten, auf Begutachten zu Menschen mit Pflegebedarf, Wohnfähigkeit und zu Unterbringung ( u.a. freiheitsentziehende Maßnahmen) wird ausführlicher eingegangen. Der Bezug zu den Menschenrechten (u.a. Kapitel 5, S. 195/196) könnte nach Ansicht des Rezensenten dagegen etwas ausführlicher und konkreter sein. [6]

Psychosoziale Belastungen von Angehörigen in der Pflege werden in dem Beitrag von Klaus Pfeiffer behandelt. Eingegangen wird u.a. auf Pflegemotivationen, auf Belastungen wie Stresserleben, Schuldgefühle, Ängste, Verlusterlebnisse und depressive Symptome, wobei auf zahlreiche Befragungen und Untersuchungen Bezug genommen wird. Behandelt werden ferner Ressourcen der Pflegenden wie Problemlösungsfertigkeiten und Coping oder die Unterstützung durch Familienangehörige. Weitere Themen sind Misshandlung und Vernachlässigung in der Pflege (primär als Reaktionen auf Überlastungssituationen) und Faktoren, die damit im Zusammenhang stehen sowie auf Beratung und Unterstützung. Nach Ansicht des Rezensenten hätte man noch mehr auf bestimme Beziehungsgeschichten (Ehepartner, Eltern- Kind-Beziehungen, nicht pflegende Geschwister) [7] sowie auf unterschiedliche Krankheiten (z.B. Palliativpatienten, Patienten nach einem Schlaganfall) eingehen können.

Marianne Schneemilch, Jessica Domröse und Thomas Lichte behandeln in ihrem Beitrag die Menschenrechte pflegender Angehöriger aus der Perspektive der hausärztlichen Praxis. Begonnen wird mit Anhaltspunkten, die Hinweise für schwierige Situationen von pflegendenden Angehörigen sein können. Es folgt ein Unterkapitel zu Problemen und Überforderungen pflegender Angehöriger auf der Grundlage von Interviews mit Hausärzten. Eingegangen wird u.a. auf fehlende Zeit von Hausärzten für entsprechende Gespräche mit Angehörigen (S. 222) [8], auf die Problematik der Überweisung in Krankenhäuser und danach in Pflegeheime sowie auf die Vermittleraufgaben von Hausärzten bei Konflikten zwischen zu Pflegenden und pflegebedürftigen Angehörigen. Veranschaulicht wird dies durch Zitate aus Interviews. Es folgt ein kurzer Abschnitt zur Rollenumkehr in der Pflegesituation und der neuen Machtposition [9] Danach kommt eine Darstellung zur drohenden Dekompensation von Angehörigen und dann möglichen Einweisungen der zu Pflegenden in ein Pflegeheim. Im fünften und letzten Kapitel wird das Thema Missachtung von Menschenrechten pflegender Angehöriger und Möglichkeiten der Verbesserung ihrer Situation behandelt. Dabei geht es u.a. um Benachteiligungen pflegender Angehöriger, u.a. durch gesetzliche Regelungen. Die Ansicht der Autorinnen und des Autors, dass der deutsche Staat „seine die Menschenrechte stützende Aufgaben“ (S. 225) intensiver wahrnimmt, bezweifelt der Rezensent. Sein Eindruck ist, dass sich in den letzten Jahrzehnten die Lebenssituation Pflegebedürftiger eher verschlechtert hat. [10]

Zu IV. Pflegewissenschaftliche Perspektiven auf die Praxis

Alle drei Beiträge befassen sich mit Gewalt in der Pflege

Regine Krampen behandelt in ihrem Beitrag das Thema freiheitsentziehende Maßnahmen in stationären Pflegeeinrichtungen und die Frage, inwieweit dafür die Bezeichnung als „wohltätiger Zwang“ gerechtfertigt ist. Im Fokus steht dabei die Sturzprophylaxe in Verbindung mit der Diagnose Demenz. Nach einer Begriffsklärung geht sie auf die Charakteristika der betroffenen Personenkreise ein. Von Zwangsmaßnahmen betroffen sind überwiegend Pflegebedürftige mit kognitiven Einschränkungen. Eingegangen wird auf die Strukturen der Langzeitpflege und das professionelle Selbstverständnis der Pflegefachberufe. Zu Letzterem wird festgestellt, dass sich im Unterschied zur Medizin noch kein einheitliches Selbstverständnis entwickelt habe. Im fünften Unterabschnitt werden die freiheitsentziehenden Maßnahmen zur Sturzprophylaxe behandelt. Die Darstellung verdeutlicht, dass der Nutzen dieser Maßnahmen in vielen Fälle fragwürdig ist. „Eine nahezu regelhaft in stationären Pflegeeinrichtungen angewendete Intervention des ‚wohltätigen Zwangs‘ kann nicht nachweisen, dass sie denen, zu deren ‚Wohltat‘ sie angewendet wird, nutzt. Stattdessen liegen evidente Erkenntnisse vor dass sie den Betroffenen schadet“ (S 244) Es stellt sich daher die Frage, in wessen Interesse diese Maßnahmen sind: „Die Frage, inwieweit strukturelle Rahmenbedingungen die Anwendung von Zwangsmaßnahmen in stationären Pflegeeinrichtungen befördern, muss bedauerlicherweise bejaht werden.“ (S. 248)

Gewalt und Gewaltfreiheit in der Pflege wird in dem Beitrag von Regina Lorenz-Krause und Rita Henrichs behandelt. Ein Problem ist diesem Beitrag ist nach Ansicht des Rezensenten, dass die Gewaltbegriffe zu undifferenziert verwendet werden. So gibt es Gewaltsituationen, die legitimierbar sind, und solche, die die Würde der Betroffenen unzulässig verletzten. Wenn zum Beispiel eine demente Bewohnerin in ein fremdes Zimmer geht, kann sie hinausgedrängt werden, ansonsten wäre es Gewalt gegen die Mitbewohnerin. Mangelernährung kann ein Indiz für Gewalt sein, aber auch bedeuten, dass einige Bewohnen nicht mehr so viel essen und trinken wollen. Strukturelle Gewalt kann unvermeidlich sein ( nicht jeder Wunsch kann finanziert werden, es muss eine Arbeitsorganisation geben) oder auch unmoralisch sein. Insgesamt könnte der Beitrag stärker bezogen sein auf den Pflegealltag und die Bewohner. So geht es in den Heimen wohl weniger um „Gesundheit als Ziel“ (S. 262) als um Coping, weniger um kurative Therapie als um palliative Versorgung und um Lebensqualität trotz schwerer Krankheiten und Behinderungen.

Freiheitsentziehende Maßnahmen und andere Formen von Gewalt in der Pflege werden auch in dem Beitrag von Ralph Möhler behandelt. Am Anfang des Beitrages gibt es einige thematische Überschneidungen zum Beitrag von Regine Krampen. Darüber hinaus werden aber werden aber auch noch andere Themen behandelt wie freiheitsentziehende Maßnahmen in der Akutpflege und in der häuslichen Pflege und Versorgung. Skizziert werden Möglichkeiten und Programme der Vermeidung freiheitsentziehender Maßnahmen.

Diskussion und Fazit

Bei Sammelbänden kommt es öfters zu Redundanzen. Die Beiträge aufeinander abzustimmen, wäre sehr aufwändig. Für den Leser bzw. die Leserin können Wiederholungen aber manchmal ermüdend sein. Die 15 Beiträge sind unterschiedlich. Einige sind zum Beispiel eher philosophisch, andere stärker deskriptiv. Einige Beiträge könnten stärker anwendungsbezogen sein.

Welche finanziellen Mittel ist eine Gesellschaft bereit, für ein menschenwürdiges Leben älterer multi-morbider Menschen einzusetzen? Hier geht es um das Spannungsverhältnis zwischen finanziellem Einsatz und Menschenrechten. [11] Aber es geht nicht nur um die Höhe der Mittel, sondern auch um finanzielle Anreize für private und andere Pflegeheime. Wenn man der Argumentation von Rieger (2017) folgt, lohnen sich Einsparungen beim Personal und beim Essen. Anreize für eine aktivierende Pflege gebe es danach nicht. Diese ethische Diskussion um Menschenrechte, die Lebenssituation von Pflegebedürftigen und wirtschaftlichen bzw. betriebswirtschaftlichen Zielen, ist in diesem Band randständig. Aber die Diskussion über Menschenrechte in der Pflege bleibt ein rein akademischer Diskurs, wenn diese Aspekte nicht einbezogen werden. Ein menschenwürdiges Leben ist nicht schon dann gewährleistet, wenn die Pflegebedürftigen sauber und satt sind [12]. Es gibt auch soziale, psychische und spirituelle Bedürfnisse.

Fazit: Der Band enthält interessante und wichtige Beiträge für eine gesellschaftlich notwendige Diskussion über die Rechte pflegebedürftiger Menschen.

Literatur

  • Borasio, Gian Domenico (2014) selbst bestimmt sterben. München: C. H. Beck
  • De Ridder, Michael, (2017) Abschied vom Leben. Von der Patientenverfügung bis zur Palliativmedizin, München: Pantheon Verlag
  • Giger-Bütler, Josef (2018), Wenn Menschen sterben wollen. Mehr Verständnis für einen selbstbestimmten Weg aus dem Leben., Stuttgart
  • Maly, N. (2001), Töchter, die ihre Mütter pflegen, Münster, Lit-Verlag
  • Müller, H. (2016) Professionalisierung von Praxisfeldern der Sozialarbeit, Opladen: Verlag Barbara Budrich
  • Müller, H. (2018), Biographie, Altern und soziale Arbeit, in: www.hermannmuellerhildesheim.de
  • Rieger, Armin (2017) Der Pflegeaufstand. Ein Heimleiter entlarvt unser krankes System Würdige Altenpflege ist machbar, München: Ludwig Verlag
  • Schmid, Raimund (2017) Wehe Du bist Alt und wirst krank. Missstände in Altersmedizin und was wir dagegen tun können, Weinheim, Basel: Beltz
  • Techtmann, Gero (2015): Die Verweildauern sinken. Statistische Analysen zur zeitlichen Entwicklung der Verweildauer in stationären Pflegeeinrichtungen. Verfügbar unter: www.alters-institut.de
  • Thöns, Matthias (2016) Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende, München: Piper Verlag

[1] Ein alter, multi-morbider Mensch unterscheidet sich nicht wesentlich von einem Menschen mit einer stark lebensverkürzender Krankheit, er ist jedoch rechtlich kein Palliativpatient. Die durchschnittliche Verweildauer von männlichen Pflegeheimbewohnern beträgt zum Beispiel nur 18 Monate (vgl. Techtmann 2015) Bei Frauen sind es 36 Monate. Der Aufenthalt in einem Pflegeheim könnte lebensverkürzend sein. Der Tod gehört damit zum Alltag in Pflegeheimen.

[2] Für diese Rahmenbedingungen sind die Bundesregierungen mitverantwortlich.

[3] Nach Ansicht des Rezensenten stellt sich auch die Frage nach einer Alternative. Dass der zu Pflegende in einem Heim besser versorgt würde, kann nicht immer sicher gestellt werden.

[4] Ansonsten müßte man diesen Menschen dauerhaft einsperren und überwachen.

[5] Es kann unter anderem um die frühere Mutter-Kind-Beziehung bzw. Vater-Kind-Beziehung und die Beziehung zu nicht pflegenden Geschwistern gehen.

[6] Vgl. auch den Beitrag von Krampen in diesem Band-

[7] Vgl. Maly 2001, Müller 2016 S. 49 ff. Müller 2018. Auch können unbewusste Beziehungsaspekte bedeutsam sein.

[8] Zu dieser Problematik vgl. auch Schmid 2017

[9] Der Rezensent würde eher von Veränderung als von Umkehr sprechen. Die Mutter wird ja nicht zum Kind, aber das Kind nimmt eine andere Position zur Mutter ein.

[10] Dies gilt sowohl für die stationäre Pflege in totalen Institutionen, als auch für die Pflege von Angehörigen mit oder ohne Unterstützung von Pflegediensten. Zwar gibt es nach der Erfahrung des Rezensenten gute Pflegeheime, aber in einigen Heimen auch Mängel in der pflegerischen Versorgung und in vielen Heimen fehlt die Zeit für die Pflege und Gestaltung sozialer Beziehungen für die Bewohnerinnen und Bewohner. Nicht immer ist daher der Wechsel in ein Heim eine menschenwürdige Alternative. (vgl. auch Rieger 2017)

[11] Aus christlich-jüdischer Perspektive würde man vielleicht von einer Spannung von Ökonomie und viertem Gebot sprechen. Diese Spannung gibt es wohl immer. Aber in reichen Ländern wie Deutschland müßte die Frage anders diskutiert werden, als in armen Ländern.

[12] In einigen Heimen ist nicht einmal das gesichert.


Rezensent
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
Homepage HermannMuellerHildesheim.de
E-Mail Mailformular


Alle 19 Rezensionen von Hermann Müller anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hermann Müller. Rezension vom 14.09.2018 zu: Marco Bonacker, Gunter Geiger (Hrsg.): Menschenrechte in der Pflege. Ein interdisziplinärer Diskurs zwischen Freiheit und Sicherheit. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8474-2182-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24786.php, Datum des Zugriffs 22.09.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!