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Felix Rauner, Philipp Grollmann: Handbuch Berufsbildungs­forschung

Cover Felix Rauner, Philipp Grollmann: Handbuch Berufsbildungsforschung. wbv Media (Bielefeld) 2018. 3. aktual. u. erweiterte Auflage. 1135 Seiten. ISBN 978-3-8252-5078-2. D: 79,00 EUR, A: 81,30 EUR, CH: 100,00 sFr.
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Thema

Die zunehmende Gewichtung von Forschung spiegelt sich längst, wenn auch in sehr unterschiedlichen und zugleich oftmals recht unübersichtlich erscheinenden Ausprägungen in der Landschaft von Berufsbildung. In öffentlichen Verlautbarungen werden gern Vokabeln wie „Erfolgsmodell“ und „Exportschlager“ verwendet. Im Hintergrund stehen strategische Justierungen zwischen Politik und Wissenschaft, „zwischen Staat und Markt“ (DGfE), die eine anhaltende Expansion tragen. Längst erstreckt sich Berufsbildung, anlehnend an Beck, als „Modernisierungsgewinnerin“ nicht nur in Deutschland auch auf Aufgabenfelder, die traditionell stärker anderen Pädagogiken und erziehungswissenschaftlichen Bereichen zugeordnet waren. Hierbei kommen der Berufsbildungsforschung grundlegende Aufgaben moderner Formen der Standortsicherung zu. Analytisch-konstruktiv sind Herausforderungen von Modernisierungsprozessen durch Herstellung von Anschlussfähigkeit und Teilhabe an Leitentwicklungen zu bewältigen, wie dies besonders im Leitkonzept des Gestaltens (Rauner) fokussiert wird. Ein Verstehen und ein Mitgestalten setzen Übersichten und Orientierungen in den hoch dynamischen Prozessen der Expansion und Ausdifferenzierung in der Berufsbildungsforschung voraus.

Der sehr anspruchsvollen Aufgabe einer Kartographie der Berufsbildungsforschung haben sich Felix Rauner und Philipp Grollmann als Herausgeber gestellt und hierfür 125 Beiträge von 119 fachlich ausgewiesenen Verfasserinnen und Verfassern in einer klaren Rahmensetzung koordiniert, die leichte Zugriffe auf die Fachdiskussionen um zentrale Themen-, Frage- und Problemstellungen ermöglicht.

Herausgeber

Felix Rauner (seit 1978 Universität Bremen) wirkt seit Jahrzehnten formend in Diskussionen der Berufsbildung. Seine Linienführung hat die Architektur moderner Berufsbildungsforschung stark geprägt. Viele seiner Werke sind längst Grundlagenliteratur und werden über Fachkreise der Berufsbildung hinaus rezipiert.

Philipp Grollmann ist Mitarbeiter des BiBB und in Bereichen internationaler Berufsbildung, Forschung und Monitoring ausgewiesen.

Entstehungshintergrund

Das Interesse an den fundierten und klar strukturierten Übersichten des Handbuchs für Berufsbildungsforschung ist so groß, dass bereits ein halbes Jahr nach Erscheinen der Erstauflage (2006) eine zweite, weitgehend unveränderte Ausgabe folgte. Seitdem ist mehr als eine Dekade verstrichen, in denen auch Ausgaben des Handbuchs in englischer (2008) und in chinesischer (2014) Sprache folgten. Die nunmehr 3. und erweiterte Auflage bietet Aktualisierungen und fokussiert besonders auf Internationalisierung, den Alltag von Industrie 4.0 sowie auf Zusammenhänge zwischen technisch-ökologischem Wandel und der Bildung und Qualifizierung beruflicher Fachkräfte.

Aufbau

Die Einleitung bietet Navigationsmarken zur Bedeutung von Berufsbildungsprozessen in aktuellen, global verorteten Modernisierungsprozessen und erste disziplinspezifische Näherungen an Gegenstand, Forschungsfelder und Methodenspektrum.

Der eigentliche Aufbau folgt der antiken rhetorischen Figur des linearen Fünfsatzes, was ein leicht nachvollziehbares Begreifen von Berufsbildungsforschung durch Charakterisierungen ihrer Finger ermöglicht. Anzumerken bleibt schon jetzt, dass jeder dieser Stränge sonst gewohnt zumeist in eigenen Publikationsformaten und über jeweils eigene, enger geschnittene Handbücher abgebildet wird, hier jedoch trotz Komplexität über das Design und die Qualität der Beiträge leichte Zugänge zu Kontextualitäten eröffnet werden. Es gibt fünf Kapitel:

  1. „Genese der Berufsbildungsforschung“ bietet einen orientierenden Abriss zur professionsgeschichtlichen Entwicklung. In vier Einzelbeiträgen führen Konturierungen von ersten Anfängen im Kaiserreich über Wegmarken professioneller Profilierung und Spezifika deutscher Berufspädagogik in die Internationalisierung.
  2. „Berufsbildungsforschung im Spannungsfeld zwischen Berufsbildungspolitik, Berufsbildungsplanung und Berufsbildungspraxis“ informiert mit einer eigenen Einleitung und sieben Einzelbeiträgen über das Zusammenwirken zentraler Akteure, ihre Kommunikation, ihre Strategien und ihre Wirkungsfelder vor dem Hintergrund professioneller Expansion.
  3. „Felder der Berufsbildungsforschung“ weist 56 (sic!) Beitragsbausteine auf und erstreckt sich vorrangig auf Forschung zum inneren curricularen Kern etablierter Berufsbildung, zu strukturellen Setzungen und zur Ausgestaltung. Binnenzuordnungen erfolgen durch Untergliederungen zu Berufsforschung und Berufsbildungsforschung, Berufswissenschaftliche Forschung in den beruflichen Fachrichtungen, Berufsbildungssystem, Berufsbildungsplanung und -entwicklung, Berufsarbeit und Kompetenzentwicklung, Didaktik beruflicher Bildung, Ökonomische Aspekte der Berufsbildung sowie Gestaltung von Arbeit und Technik.
  4. „Fallbeispiele Berufsbildungsforschung“ weist nach einer Einführung zehn ausgewählte exemplarische Konkretisierungen aus. Diese Referenzprojekte, so etwa die „Maschinenschlosserstudie“ (Beitrag von Georg Spöttl) und „Aus Komet wird Comet“ (Beitrag von Felix Rauner und Zhiqun Zhao), stehen modellhaft für Berufsbildungsforschung, wobei die Einordnungshilfen und Standortbestimmungen zum jeweiligen Forschungsstand zugleich selber die Entwicklung von Forschung dokumentieren und resümieren.
  5. „Forschungsmethoden“ ordnet die Einzelbeiträge den drei Themenfeldern „Methodologische Grundprobleme der Berufsbildungsforschung“, „Forschungsmethoden: Befragen, Beobachten und Experimentieren“ sowie „Evaluation und Qualitätssicherung“ zu. Sehr klar tritt hervor, dass traditionelle Disziplingrenzen, so etwa zu Ökonomie, Soziologie und Psychologie längst überschritten sind und in welchem Maß Berufsbildungsforschung heute Standards für „belastbare“ Forschung mit formuliert.

Ausgewählte Inhalte

Da schon der Umfang bei einem Eingehen auf Einzelbeiträge zu erheblichen Verzerrungen führen würde, wird nachfolgend konkretisierend kurz nach dem Prinzip der Stichprobe ein Beitrag in Form eines Steckbriefs vorgestellt. Das zufällige Aufschlagen führt auf Seite 752.

Der gefundene Beitrag wurde von Bernd Haasler (Professor an der PH Weingarten) erstellt, trägt den Titel „Kompetenzen erfassen – Berufliche Entwicklungsaufgaben“ und beginnt auf S. 751 mit Ortsbestimmungen zum „Verständnis des Kompetenzbegriffs“ in Fachdiskussionen mit Fokussierungen auf Relevanzen für Berufsbildung. Es folgen Blicke auf „Forschungsprogramme zur Kompetenzentwicklung/Kompetenzerfassung und ihre bildungspolitische Bedeutung“ bevor dann „Kompetenzerfassung und Methoden“ vor dem Hintergrund einer deutlichen Skepsis gegenüber der Aussagefähigkeit gegenwärtig dominanter Prüfungskonstrukte thematisiert werden. Als mögliche Gegenmodelle werden dann das „Kasseler-Kompetenz-Raster“ sowie das Verfahren „Arbeitsproben und situative Fragen“ vorgestellt und in ihrer Reichweite einschätzend verhandelt. Der Beitrag endet mit Aussagen über „Berufliche Entwicklungsaufgaben“. Zentriert um Konkretisierungen, die mit Zeichnungen aus der Praxis unterlegt sind, münden die Ausführungen mit Verweisen auf Grenzen und anhaltend offene Fragen.

Das Handbuch beinhaltet zudem einen umfangreichen und sorgfältig erstellten Registerapparat mit Verzeichnissen zu Literatur, Personen, Sachworten sowie Autorinnen und Autoren.

Diskussion

Das vorliegende Handbuch steht für qualitative Standards wissenschaftlicher Forschung, bei denen Verständlichkeit nicht „vergessen“ wird und der „Gebrauchswert“ im Professionsalltag grundlegend ist. Die einzeln und gemeinsam erbrachten Leistungen beeindrucken. Die Darstellung einer Leistungsbilanz der Berufsbildungsforschung ist selber zugleich auch eine wirkungsvoll und ansprechend aufbereitete Leistungsbilanz aller Mitwirkenden.

Trotzdem bleibt, und dies sei einem Rezensenten nachgesehen, ein gewisses Unbehagen. Gespeist wird dies jedoch nicht durch die Publikation sondern durch eine persönliche Skepsis gegenüber dem Optimismus neo-liberaler Rahmensetzungen, gegenüber Hybriden aus Global-Playern und Wissenschaft sowie Deutungsmustern einer Meritokratie (Lutz) angesichts sozialer Disparitäten, Demokratiedefiziten und Umweltdegradationen.

Im Handbuch Berufsbildungsforschung werden Herausforderungen und Risiken benannt, so beispielsweise Transitionsprozesse oder mögliche utilitaristische Engführungen. Somit tritt auch aus dem Blickwinkel einer Fortschrittskritik eine weitere Qualität der Publikation hervor – Grundlegungshilfen für diskursive Aushandlungsprozesse um differente Einschätzungen und Gewichtungen von Entwicklungen im komplexen Beziehungsgefüge zwischen Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Wie sich allerdings hier zentrale Linien der Berufsbildungsforschung heute positionieren, wirft Fragen auf – auch weil Zuordnungen gegenwärtig wohl deutlich schwerer zu erkennen und zu treffen sind als beispielsweise vor einigen Dekaden bei Blankertz.

Fazit

Das Handbuch Berufsbildungsforschung ist Standard und setzt zugleich Standards auf hohem Niveau in Sachen Verständlichkeit trotz thematischer Komplexität. Sorgfalt, vielschichtige Fundierung und Benutzerfreundlichkeit überzeugen. In kompakter Form werden sehr hohe Anforderungen eingelöst. Die klare Rahmensetzung mit ihren Bezügen zum Konzept der Gestaltung dürfte vor allem denen helfen, die mit Entwicklungs- und Steuerungsprozessen im Bildungswesen wenig vertraut sind. Das Design der Publikation ermöglicht unterschiedliche Lesewege. Neben dem, für Handbücher wohl zumeist „klassischen“ Zugriff auf Einzelbeiträge sei besonders auf die verdichteten Gewinne einer Lektüre „im Stück“ verwiesen. Wünschenswert für eine wohl ohnehin bald anstehende Neuauflage dieses Publikationsprojektes wäre eventuell noch ein straff gehaltener, fokussierender und die Vielschichtigkeit zentrierender Ausblick auf zentrale Entwicklungsaufgaben in der Gestaltung von Berufsbildungsforschung.


Rezensent
Prof. Dr. Dirk Plickat
Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel Fachbereich Fakultät Handel und Soziale Arbeit. Nach langjähriger eigener pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
Homepage www.fh-wolfenbuettel.de/cms/de/fbs/not_in_menu/pers ...
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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 09.07.2019 zu: Felix Rauner, Philipp Grollmann: Handbuch Berufsbildungsforschung. wbv Media (Bielefeld) 2018. 3. aktual. u. erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8252-5078-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24787.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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