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Gernot Böhme: Philosophieren. Für meine Enkelkinder

Cover Gernot Böhme: Philosophieren. Für meine Enkelkinder. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2018. 140 Seiten. ISBN 978-3-8260-6599-6. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Philosophische Autobiographie

Das Bedürfnis, auf der länger werdenden Zeitachse des Lebens den Fragen „Wer bin ich?“ und „Wie bin ich geworden, was ich bin?“ nachzuspüren und sie im Familien-, Freundeskreis und in öffentlichen Foren nachzuerzählen, gehört wohl zu den intellektuellen Herausforderungen und zur Erinnerungskultur. Wenn der frankophone, marokkanische Schriftsteller und Psychotherapeut Tahar Ben Jelloun in mehreren Büchern seine Kinder fragen lässt: „Papa, was ist…?“ und ihnen darauf in verständlichen Worten und mit seiner professionellen Kompetenz antwortet, entsteht ein Dialog von einer Generation zur nächsten. Spannen wir die Lebensleiste vom Opa zum Enkel weiter, kann sich das Gespräch intergenerationell entwickeln. So können Diskussionen entstehen, die auf beruflichen und lebensweltlichen Erfahrungen des Älteren gründen und auf die Wissbegier und das Interesse des Jüngeren stoßen. Im familialen und schulischen Bildungs- und Erziehungsprozess kann die Neugier – „Papa, was machst du eigentlich in deinem Beruf?“, und „Opa, was hast du gearbeitet?“ – zur eigenen Lebens- und Zukunftshilfe werden; etwa bei Betriebspraktika, wenn Schülerinnen und Schüler für einige Tage und Wochen in die Arbeitswelt der Erwachsenen hineinschnuppern können. Es kann aber auch sein, dass der Opa (oder natürlich auch die Oma) von sich aus interessiert und angeregt sind, ihren Nachkommen von ihren beruflichen Tätigkeiten zu erzählen. Ein Blick auf die Internet-Angebote „Opa, was ist…?“ zeigt, dass dieses Bedürfnis auch weiterhin vorhanden ist und genutzt wird.

Entstehungshintergrund und Autor

Die traditionellen, ehemals selbstverständlichen und nur selten in Frage gestellten Automatismen und sozialen Gewohnheiten, dass dem Vater Schmied der Sohn als Schmied nachfolge, sind natürlich längst vorbei. Damit sind auch die generationsübergreifenden Kenntnisse der Kinder über die beruflichen Tätigkeiten der Eltern und Großeltern nicht mehr selbstverständlich; und es gewinnt an Bedeutung die Entwicklung einer Erinnerungskultur, die möglicherweise zur Identitätsfindung und -entwicklung beitragen kann. Diese individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Herausforderungen bedürfen angesichts der bedenklichen Zeiten des Momentanismus und Sofortismus eine neue Aufmerksamkeit. Sie ist nicht nur notwendig, wenn es um Kenntnisse und Informationen von traditionellen, möglicherweise überholten und vom Aussterben bedrohten beruflichen Tätigkeiten geht, erst recht nicht von neuen Berufen, sondern auch von Professionen und Kompetenzen, die gewissermaßen „nicht auf der Straße liegen“. Einer dieser Herausforderungen ist das Philosophieren als institutionalisierte, wissenschaftliche Tätigkeit. „Was ist ein Philosoph?“, diese Frage wird philosophisch und alltäglich unterschiedlich beantwortet. Die Aussagen reichen von dem selbstbewussten „Jeder Mensch ist ein Philosoph“, wenn er in der Lage ist zu fragen und sich auseinanderzusetzen mit dem „Wer bin ich?“ (vgl. dazu z.B.: Jos Schnurer, „Wer philosophiert – lebt“, 28. 1. 2014, www.socialnet.de/materialien/174.php), bis hin zu der Berufs- und Aufgabenbeschreibung eines akademischen Philosophen im universitären Betrieb. Wenn wir bei der Annotation bleiben, dass die Fähigkeit, philosophieren zu können, als Lebenslehre, als Suche nach einem guten, gelingenden Leben und nach Wahrhaftigkeit zu verstehen ist, sind wir beim Bildungs- und Erziehungsdenken schon beim Curriculum und der Forderung, Philosophieren als eine allgemeinbildende, beständige und unverzichtbare humane Anforderung an die Heranwachsenden zu vermitteln (Barbara Brüning, Philosophieren mit Kindern. Eine Einführung in Theorie und Praxis 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18378.php).

Nun machen wir aber einen Sprung und fragen, was der emeritierte, 82jährige, ehemalige Philosoph von der Universität Darmstadt, Gernot Böhme, seinen Enkelkindern auf die Frage „Opa was machst Du eigentlich?“ antwortet. Das scheint einfach und doch kompliziert zu sein; denn ein seit Jahren in Ruhestand befindlicher Philosoph kann ganz einfach sagen, dass er als akademischer, professioneller Wissenschaftler seinen Studentinnen und Studenten das Philosophieren beibrachte. Wenn er aber betont, dass er auch weiterhin philosophiert, obwohl er nicht mehr beruflich tätig ist, kommen zwei Bedenkungen ins Spiel: Einerseits die durchaus nicht seltene und ungewöhnliche Erfahrung, dass „ein Schreiner immer Schreiner, ein Lehrer immer Lehrer… bleibt“; und die andere, dass Philosophieren mehr sein könnte als Weitergabe von Wissen. Hier sind wir dann tatsächlich bei der Feststellung: Wenn Philosophie Liebe zur Weisheit und Wahrheit ist, ist jeder Mensch aufgefordert zu philosophieren!

Aufbau und Inhalt

Eine Erzählung für Kinder muss anschaulich und kindgerecht sein. Das ist nicht ganz einfach, weil allzu einfache Sprache möglicherweise dem Gegenstand nicht gerecht werden und ihn sogar verfälschen kann. Denn Philosophie ist eine Jahrtausendealte Wissenschaft, die bereits von den antiken, griechischen Philosophen zu Höchstformen entwickelt wurde und bis heute nicht an Bedeutung verloren hat. Dabei ist es wichtig und zielführend, sich bewusst zu machen, dass es Hier und Heute notwendig ist, die Ursprünge des menschlichen Philosophierens nicht als Ordre du Mufti zu begreifen, sondern es auf den Grundgedanken zurückzuführen: Der Anthropos strebt danach, ein gutes Leben führen zu können ( vgl. dazu auch: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, 640 S. ).

Böhme rät seinen Enkelkindern: Bemüht euch, gut Mensch zu sein. Er setzt seine Erzählung fort mit der Schilderung: „Meine Entwicklung als Philosoph“. Er geht ein auf die „Conditio humana“ und zeigt auf, wie die Lebensbedingungen der Menschen auf der Erde gestaltet werden sollten. Mit dem Begriff „Da sein“ setzt er sich auseinander mit der Diskrepanz, dass Sollen und Wollen im alltäglichen Dasein nicht immer ins Gleichgewicht gebracht werden können. Mit der Metapher „Praxis“ will er zum Ausdruck bringen, dass der „Aufenthalt“ des Menschen auf der Erde endlich ist und er herausgefordert ist, seine Lebenszeit verantwortungsbewusst und selbstsicher zu begreifen: „Dies ist meine Zeit“. Der Dichter Erich Fried hat das in seinem wunderbaren Gedicht „Alles hat seine Zeit“ zum Ausdruck gebracht.

Mit „Selbstsorge“ greift Böhme den Gedanken auf, dass der Mensch lernen muss, selbst zu denken und sein Verhalten, seine Einstellungen und sein Konsumieren nicht von anderen Mächten, Ideologien und Versuchungen diktieren zu lassen. „Gut Mensch sein“, als weitere Staffel des Philosophierens heißt ja nichts anderes, als zu lieben, sich seiner selbst sicher zu sein und im anderen Menschen einen gleichberechtigten Partner zu erkennen, wie dies in der Gedichtstrophe deutlich wird: „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“. Die Unterscheidung „Philosophie als Beruf“ auszuüben und „Philosophie als Lebenslehre“ zu verstehen, darf nicht als das Trennende, voneinander Unabhängige verstanden werden. Es ergibt nur dann Sinn und ermöglicht das Tun, wenn es gelingt, Philosophie als Lebenspraxis zu begreifen (was Böhme mit der Gründung des „Instituts für Praxis der Philosophie“ vollzog). Weil aber Philosophieren nicht allein bedeuten kann, sich mit den wesentlichen Fragen einer guten Lebensführung zu beschäftigen und dabei möglicherweise wie Diogenes, die realen Wirklichkeiten nicht wahrnimmt – und in den Brunnen stürzt, ist Philosophieren auch kritische Einstellung: „Philosophie als Kritik“. Philosophische Bildung ist kulturelle Bildung, ist moralische Bildung, ist Lebensbildung. Die „Leibphilosophie“ als praktische Anthropologie (vgl.: Ursula Reitemeyer, Praktische Anthropologie oder die Wissenschaft vom Menschen zwischen Metaphysik Ethik und Pädagogik, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25256.php ) sollte uns davor bewahren, die Scham als Regulator und Grenzzieher von Unmenschlichkeit zu vergessen.

Fazit

Philosophieren kann man einüben, wie es auch möglich und notwendig ist, „gut Mensch sein“ zu leben und dies ehrlich und überzeugend zu praktizieren. Rechnet man zusammen, in welchem Alter Böhmes Enkelkinder sind, die er mit seinem Buch „Philosophieren für meine Enkelkinder“ ansprechen will, so wird man darauf kommen können, dass es sich nicht mehr um Kleinkinder handelt, sondern um eher erwachsene junge Menschen. Denn obwohl sich der Autor bemüht, alle ansonsten wissenschaftlich notwendigen Anmerkungen und Quellenhinweise wegzulassen, bleibt doch die Sprache ziemlich abgehoben und für kleinere Kinder eher unverständlich. So drängt sich der Eindruck auf, dass des Autors Bemühen, eine komplexe und schwierige Frage kindgerecht zu beantworten, möglicherweise eher durch werbebedingte Aufmerksamkeitserhaschung durch den Verlag, als durch konkrete Praxis durch den Autor erfolgt ist. Diese Bedenken freilich schmälern nicht das Bemühen des Autors, Philosophieren als Anforderungen für „gut Mensch sein“ alltagsverständlich zu vermitteln.

So kann man getrost Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Buch in die Hand drücken und hoffen, dass sie es nicht zurückgezogen im stillen Kämmerlein lesen, sondern im Dialog in der Gruppe von Gleichaltrigen, oder auch mit schulischen und außerschulischen Lernenden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.03.2019 zu: Gernot Böhme: Philosophieren. Für meine Enkelkinder. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2018. ISBN 978-3-8260-6599-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24790.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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