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Hermann Krobath: Werte. Elemente einer philosophischen Systematik

Cover Hermann Krobath: Werte. Elemente einer philosophischen Systematik. Königshausen & Neumann (Würzburg) 2018. 596 Seiten. ISBN 978-3-8260-6543-9. D: 86,00 EUR, A: 88,50 EUR.
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Wertphilosophie: Wertmaßstab und -urteil

Der anthrôpos, das mit Vernunft ausgestattete, zwischen den Werten Gut und Böse unterscheidungsfähige, ein gutes Leben anstrebende menschliche Lebewesen, ist im allgemeinen darum bemüht und für den Vollzug einer humanen Existenz darauf angewiesen, nach Idealzuständen und -bedingungen zu streben. Es sind die Wertvorstellungen, wie sie seit der Antike immer wieder – und zunehmend dringlicher in den Zeiten von Wertewandel, -relativierungen, -umdeutungen und -antinomien – als lebensphilosophische Bestätigungs- und Warnrufe aufkommen (vgl.: Jürgen Ritsert, Wert. Warum uns etwas lieb und teuer ist, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15972.php). Unverzichtbar bei dieser Auseinandersetzung ist die Vergewisserung, was ein humaner Wert ist, wie er zustande kommt und im lebensweltlichen, individuellen und kollektiven, lokalen und globalen Dasein der Menschen wirksam wird, sich verändert, nützt und schadet (siehe dazu auch: Eberhard Straub, Zur Tyrannei der Werte, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10807.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Prämissen und Anhaltspunkte haben sich in der Philosophiegeschichte als ethischer, moralischer, allgemeinverbindlicher und nicht relativierbarer Kanon entwickelt, wie sie als „globale Ethik“ in der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ zum Ausdruck kommen. Es sind Fragen nach der Axiologie als subjektive Wahrnehmung von Werten und dem objektiven Aufweis als Werttheorie, wie sie im Neukantianismus, in der Lebensphilosophie Nietzsches, in der Phänomenologie Husserls und Max Schelers, und in den wert philosophischen Auseinandersetzungen mit den ökonomischen und ökologischen Entwicklungen Hier und Heute deutlich werden (vgl. auch: Jos Schnurer, Werte? Werte!, 18.4.2014, www.sozial.de/werte-werte!.html).

Der langjährige, produktive Leiter des Wiener IPG-Instituts für philosophische Grundfragen, Hermann T. Krobath, gilt als ausgewiesener Experte, Kenner und Kreator zum philosophischen Wertediskurs. Der Autor legt mit der umfassenden Darstellung gewissermaßen die Ergebnisse seines Nachdenkens über wertphilosophische Begrifflichkeiten, Themenstellungen und Strukturierungen vor, und er will damit Wege aufzeigen, wie eine künftige, bisher nicht vorliegende systematische und umfassende Axiologie, aussehen könnte. Er leistet damit eine sowohl dokumentarische, als auch eine vorausschauende Arbeit, wie eine „Wertlehre“ sich im Rahmen der disziplinären und interdisziplinären, wissenschaftlichen Diskurses positionieren könnte.

Aufbau und Inhalt

„Das Begriffsfeld ‚Wert‘ ist multidimensional“. Eine systematische Auseinandersetzung mit den differenzierten, wissenschaftlichen, theoretischen und praktischen Aspekten und Fragestellungen erfordert zuallererst eine Festlegung auf Begriffsverwendungen und -einordnungen in die wertphilosophischen Zusammenhänge.

Auf der Ebene der Ebene der Meta-Axiologie leistet dies der Autor mit der „Übersicht Axiologie“ im ersten Kapitel.

Im zweiten Abschnitt werden die Begrifflichkeiten geklärt und in den historischen und aktuellen Werte-Diskurs eingebunden. Diese Auseinandersetzung ist nicht nur für theoretische Zugänge und Interessen bedeutsam, sondern leistet auch für die subjektiven, sprachlichen, emotionalen und lebensweltlichen Fragen Aha-Erlebnisse. Die Heranziehung von Definitionen, Begründungen und Theoriebildungen, wie sie sich seit der Antike herausbilden, bieten für die Leser gleichsam ein Who-is-who der Wertlehre.

Im dritten Kapitel werden die „Hauptbegriffe der Wertphilosophie“ aufgewiesen und als Formen von Gleichbedeutung und Gegensatz (be-)greifbar. Es sind die der Philosophie immanent vorliegenden Begriffspaare, wie intrinsisch vs. extrinsisch, final vs. instrumentell, real / ideal, objektiv / subjektiv, absolut – relativ, substanzial – relational, u.a.

Im vierten Abschnitt werden „Taxonomien von Werten“ behandelt. Es sind logische, ästhetische, mystische, ethische, erotische und weltanschauliche Prämissen, die Fragen danach stellen lassen, von wem, in welchen historischen oder aktuellen Zusammenhängen, macht-, kulturellen und Ordnungssystemen sie entstehen und wirksam werden.

Das fünfte Kapitel weist „Taxonomien normativer Wertphilosophien“ aus. Die Diskussion über und die Konfrontation mit den verschiedenen, im philosophischen Wertediskurs formulierten historischen und gegenwärtigen Wert-Theorien weisen ohne Zweifel hilfreiche Zugangswege zum wertphilosophischen Denken und Handeln auf.

Im sechsten Kapitel geht es um „Taxonomien der Meta-Axiologie“, und damit auch um die Einbeziehung von ethischen Aspekten. Dabei ist zum einen das Nachdenken und Reden über Axiologien „an sich“ bedeutsam, wie gleichzeitig darüber, was ein Wert ist und wie er sich im situativen und existentiellen Leben der Menschen äußert und wirksam wird. Es sind dogmatische und wertrelativierende, reduktionistische wie naturalistische Axiome, institutionelle, normorientierte und gesellschaftspolitische Pro- und Contra-Argumentationen, bei denen Kritik an den etablierten und die Meinungsmacht beanpruchenden Theoriebildungen, wie auch Ansätze zum Neudenken als nonkonformistische Zugänge aufgewiesen werden.

Die alten permanenten, immer wieder neu zu formulierenden Zusammenhänge von Wert und Sollen werden mit dem siebten Abschnitt als „Normativität von Werten“ aufgeschlüsselt. Das Wert-Sollens-Problem kreist dabei um die Diskrepanz zwischen den Werturteilen als moralische und nicht-moralische, persönliche und kollektive ethische Vorstellungen.

Diese Unterscheidungen und Positionen werden Im achten Kapitel mit dem „Fact-value-Problem“ differenziert: „Sind Werte Fakten?“, und: „Haben Werturteile den Status von Tatsachenurteilen?“. Es ist der Wertrelativismus, der die Fragen nach den Faktischen so begrenzend wie wissend macht. Der Leser, der im Aufweis der meta-theoretischen Diskussion nach dem „aktuellen Gebrauchswert“ sucht, wird zwangsläufig auf die irritierenden, lokalen und globalen Entwicklungen verwiesen, wie sie sich als „postfaktisch“ und „Fake News“ darstellen.

Im neunten Abschnitt geht es um die Zusammenhänge von „Wert – Motivation – Verhalten“. Es sind Werte, die sich als Werthaltungen ausdrücken: „Werthaltungen bilden demnach einen Bereich der Persönlichkeit… Werte realisieren sich im Verhalten durch die Bewertungen von Qualitäten von Objekten…“. Die Imponderabilien von moralischen Werten und moralischem Verhalten chargieren im philosophischen Diskurs zwischen Motivations- und Kommunikationstheorien, und um die Frage, ob es einen Wertekanon gibt, der globale, anthropologische Geltung beansprucht. Der US-amerikanisch-israelische Sozialpsychologe und interkulturelle Forscher Shalom H. Schwartz hat die Motivationstheorie entwickelt, indem er 56 spezifische, in kulturellen und transkulturellen Geltungsbereichen praktizierten Werte, in 10 Wertarten zusammenfasst: Conservation – Self-Enhancement – Self-Transcendence – Openness to Chance, und diese wiederum in zehn Wertdimensionen differenziert: Tradition – Security – Power – Achievement – Hedonism – Stimulation -. Self–Direction – Benevolence – Universalism.

Im zehnten Abschnitt werden „Begründungen von Werten“ thematisiert. Es sind Wertorientierungen, die orientiert sind auf „die Gerichtetheit bzw. Bezogenheit auf Werte als wesentliche, ordnungsverleihende und richtungsgebende Elemente des menschlichen Erlebens, Handelns und Denkens“. Es ist das Eintauchen in das philosophische, theoretische und praktische Bemühen, das sich in den drei grundlegenden Fragestellungen ausdrücken und eine Ja- oder Nein-Begründung erfordern: Liegt eine für Wertorientierung relevante Frage oder Situation vor? – Kann einem Wertanspruch entsprochen werden? – Soll einem Wertanspruch entsprochen werden?

Im elften Abschnitt wird nach „Wertvergleichen, Wert-Rangordnungen und Wert-Hierarchien“ gefragt. Die möglichen Antworten darauf finden sich in den historisch-klassischen Darstellungen und in den aktuellen, modernen Auffassungen. Die Fundgruben und Vergleichsversuche der ausgewählten Quellenmaterialien zeigen die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Wertträger und Wertobjekte. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Autor auf die Frage: „Können Werte miteinander verglichen werden“ antworten (muss!): „In gewisser Weise ja, in anderer Weise nein“.

Es bedarf also der Betrachtung der Zusammenhänge und Unterschiede zwischen Werten und Präferenzen, im zwölften Abschnitt wird die Pro- und Contra-Diskussion darüber aufgenommen, ob, wenn ja wie, wenn nein, warum nicht Wertbegründungen durch Präferenzen möglich, aussagekräftig und wirksam sind.

Im dreizehnten Kapitel werden die „Wertkonflikte“ aufgezeigt: „Wertkonflikte sind praktische Konflikte“; es ist deshalb notwendig zu fragen, wie es zu Wertkonflikten kommt, welche Arten von Wertkonflikten es gibt, und welche Lösungen von Wertkonflikten möglich sind. Beim Umgang mit Wertkonflikten kommt es darauf an, dass diese, wie B. Williams ausführt, kein e pathologischen Erscheinungen sind: „Man muss mit ihnen leben – überwunden werden müssen sie nicht aus Gründen der Logik oder Rationalität, sondern aus Gründen des historisch gegebenen Zusammenlebens von Menschen“.

Im 14. Kapitel der Studie geht es um „Unwerte“, als „negative Ausgezeichnetheit eines Wertobjekts, eines Wertträgers“. Die unterschiedlichen Definitionen und Zuschreibungen darüber, was als Übel, minder-, unwertig oder wertlos betrachtet wird, verdeutlichen die vielfältig zu beachtenden Bedenknisse. Unwerttaxonomien und Rangskalen verweisen auf deren intrinsische und extrinsische Bedeutung.

Im 15., letzten Kapitel richtet Krobath schließlich seine Aufmerksamkeit auf die Kritik an der Wertphilosophie. Es sind die vielfältigen Einwürfe, dass Werte Tyrannen, Potemkinsche Dörfer, Götzen, Träume, mangelnde Orientierungsleistungen, schwammige Gebilde, Gefängnisse, Ideologien seien.

Fazit

Die umfangreichen Zitationen, Argumentationen und Vergleiche mit den historischen und modernen Auseinandersetzungen zu wertphilosophischen Fragestellungen, Theorien und Konzepten werden nicht zuletzt deutlich im 31seitigen, rund 500 Literaturbelege umfassenden Literaturverzeichnis. Die Absicht des Autors, aus dieser Bestandsaufnahme eine systematische Theorie der Axiologie vorzubereiten, ist nicht nur anzuerkennen, sondern auch zu begrüßen. Denn: Gleich zu Beginn seiner Arbeit weist Krobath darauf hin: „Das Begriffsfeld ‚Wert‘ ist multidimensional“. Es bedarf einer interdisziplinären Auseinandersetzung über Wertsetzungen, -ordnungen, -veränderungen und eine kritische Betrachtung von Werten und Normen, im Sinne der kantischen Aufforderung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und zu fragen: Was kann ich wissen? – Was soll ich tun? – Was darf ich hoffen? – als ein nach dem guten, gelingenden Leben strebendes Individuum und auf eine humane Gemeinschaft mit den Mitmenschen und der Mitwelt angewiesenes, humanes Lebewesen.

Die Studie von Hermann T. Krobath stellt einen gewichtigen, umfassenden Baustein dar, um der gewaltigen Zielsetzung näher zu kommen, eine wertephilosophische Systematik zu entwickeln. Der Preis des Buches lässt nicht erwarten, dass die Studie auf den Schreibtischen von werdenden und etablierten Philosophen, Soziologen, Psychologen und Pädagogen liegt; es ist aber unverzichtbar, sie in universitären und öffentlichen Bibliotheken bereit zu halten. Das elfseitige Personenverzeichnis mit den jeweiligen Seitenverweisen ist hilfreich, um es auch als Handbuch zu benutzen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.10.2018 zu: Hermann Krobath: Werte. Elemente einer philosophischen Systematik. Königshausen & Neumann (Würzburg) 2018. ISBN 978-3-8260-6543-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24791.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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