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Sophie Kotanyi: Einführung in die französische Ethnopsychiatrie

Cover Sophie Kotanyi: Einführung in die französische Ethnopsychiatrie. Die therapeutische Behandlung von Migrantenfamilien am Centre Georges Devereux und im Krankenhaus Avicenne. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. 186 Seiten. ISBN 978-3-8379-2792-4. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Es handelt sich um eine Einführung in die französische Ethnopsychiatrie und Grundfragen des therapeutischen Umgangs mit geflüchteten Menschen und Migranten. Die transkulturellen Ansätze bilden auch eine Herausforderung, sich nicht nur mit den individuellen, sondern auch den sozialen und kulturellen Einflüssen auf Krankheit und Gesundheit zu beschäftigen und die herkömmlichen Konzepte der Psychiatrie und Psychotherapie zu überdenken.

Autorin

Sophie Kotanyi studierte Ethnologie, Religionswissenschaften und Psychologie an der Freien Universität Berlin, sowie Filmregie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Seit 1976 dokumentierte sie ihre ethnologischen Forschungen zum Teil in Filmen. Sie lehrt Visuelle und Medizinethnologie an den Universitäten in Heidelberg, Tübingen und an der FU Berlin.

Entstehungshintergrund

Die Wirksamkeit herkömmlicher psychotherapeutischer Methoden erwies sich bei Migranten aus außereuropäischen Ländern als ungeeignet und führte zu Veränderungen im Behandlungsrahmen und der Methodik, um der kulturellen Realität der Geflüchteten und Migranten gerecht zu werden. Ethnopsychoanalyse und Ethnopsychotherapie beinhalten einen transkulturellen Ansatz, der sich vor allem bemüht, sich den Menschen in ihren sozialen und kulturellen Bezügen verständnisvoll anzunähern und ihre überlieferten Ressourcen für den Verständigungs- und Heilungsprozess fruchtbar zu machen.

Aufbau

Die Behandlungsorte, das Setting und die Methoden der Ethnopsychiatrie werden vorgestellt. Es folgen zwei Fallbeispiele und Überlegungen zu den theoretischen Grundannahmen und kritischen Stimmen im Kontext der Debatte um kulturelle Hybridität und Nathans Ethnopsychiatrie. Nach dem Schlusswort und der Zusammenfassung befasst sich Stephan Becker mit der Situation in Deutschland.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Einleitung (7 Seiten). Die therapeutische Praxis der ethnopsychiatrischen Behandlung von Migrantenfamilienunter in Frankreich wird unter Anwendung ethnologischer Erkenntnisse vorgestellt, die Perspektive auf ihre Ursprungskultur – und gleichzeitig auf die eigene französische – (Perspektivismus). Es handelt sich um ein interdisziplinäres Verfahren, die Perspektive der Menschen einzunehmen, die untersucht werden. Flüchtlinge und Migranten sind auch eine positive Herausforderung, offen für kulturelle Unterschiede, aber auch für die Grenzen der eigenen Perspektive zu sein. Die Forderung nach einer schnellen Integration kann dazu führen, dass neue Traumatisierungen (Keilson 1998) zu den bereits bestehenden hinzugefügt werden. Transkulturelle Psychologie beinhaltet eine Differenzierung von Individualität und Kollektivität. Sie gründet auf der Analyse von kulturspezifisch differenten Gruppen und diskutiert die Psychologie indigener Völker zum Kontrast zu westlichen und fördert die differenzierte Wahrnehmung des kulturell beeinflussten Denkens, Fühlens und Handelns. Die Autorin hat im Centre Georges Devereux an der Universität Paris VIII und im Krankenhaus Avicenne hospitiert und ist selbst ein geflüchtetes Kind. Sie beschreibt den historischen Kontext der Ethnologie und Psychoanalyse, stellt Behandlungen vor und diskutiert die theoretischen Grundlagen der Ethnopsychiatrie.

1 Die Behandlungsorte und der Behandlungsrahmen (11 Seiten).

1.1 Centre Georges Devereux (CGD). Die Ziele des Zentrums unter der Leitung von Tobie Nathan sind eine spezifische und wirksame Behandlung von Migrantenfamilien, ambulante Betreuung und soziale Dienste anzubieten und neben klinischer und anthropologischer Forschung die Aus- und Fortbildung von Mitarbeitern in der Ethnopsychiatrie. Jeden Tag finden ein oder zwei Familientherapien in einem Mehrpersonensetting (da sich die Klienten stark über ihre Beziehungen zu anderen definieren) und parallel dazu Einzeltherapien statt. Die Anbindung an die Universität ermöglichte eine Verbindung von klinischer Praxis, Forschung und Ausbildung. 1994 wurden 338 Gruppenbehandlungen (141 Familien), 290 Einzelbehandlungen, 26 Hausbesuche und 51 technische Gespräche durchgeführt (Klienten kamen aus dem Maghreb (52), Schwarzafrika (57), karibische Inseln (16), aus Europa (7), dem Nahen Osten (2) und Südamerika (1) mit insgesamt 35 verschiedenen Muttersprachen). Mitarbeiter waren Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Heiler, Priester und Gurus. Forschungsaufgaben waren die Theorie und Technik der Ethnopsychiatrie und eine anthropologische Feldforschung zur Ätiologie und Behandlung von psychischen Störungen bei Migranten. Fortbildungen und Ausbildung fanden an der Universität, die von muttersprachlichen Mediateuren im CGD statt.

1.2 Im Krankenhaus Avicenne/Bobigny finden zweimal in der Woche ethnopsychiatrische Behandlungen durch die Kinderpsychiaterin Marie Rose Moro, eine zeitweilige Mitarbeiterin von Tobie Nathan, statt. Das Setting ist gleich, aber die Anzahl der Teilnehmer n einer Gruppensitzung kleiner. Störungen bei Kindern werden unter besonderer Berücksichtigung der Mutter-Kind-Beziehung zusammen mit einer Familientherapie behandelt.

1.3 Das Setting muss den spezifischen kulturellen Gegebenheiten und den universellen psychischen gerecht werden. Es geht darum sich auf die Perspektive der Klienten einzulassen (Perspektivismus). Theorien der Psychoanalyse und der Ethnologie werden genutzt. Deshalb finden die Behandlung kulturspezifisch in einem Mehrpersonensetting (Haupt- und Co-Therapeut, Klient einschließlich Eltern und Verwandte, ein muttersprachlicher Médiateur, ein Sozialarbeiter) statt. Methodisch wird nach Träumen und Entwicklungen in der Familie gefragt, das Erzählte wird von den Therapeuten gespiegelt durch Hinweise und Deutungsvorschläge, die von den Klienten überprüft – bestätigt oder abgelehnt – werden, eine Zusammenfassung folgt am Schluss. Weitere Sitzungen finden in der Regel nach 6 – 8 Wochen statt. Einzelbehandlungen, Hausbesuche und Kontakt mit Ämtern und der Justiz können die Therapie ergänzen. Auch ist es wichtig den sozialen Kontakt mit dem Ursprungsland und der Familie wieder aufzunehmen.

1.4 Kotanyi hat an vier Sitzungen teilgenommen und stellt zwei ausgewählte Fallbeispiele vor.

2 Kontext und Methoden der Ethnopsychiatrie (17 Seiten).

2.1 Nathan (1988) differenziert Ethnopsychoanalyse (Theorie und Methoden) und Ethnopsychiatrie (klinische Erfahrung), letztere ein Feld der Mediation zwischen der Therapie, die Migranten mitbringen und den Settings in Frankreich. Kontanyi hingegen bezieht sich unter dem Begriff Ethnopsychoanalyse auf Arbeiten von Morgenthaler, Parin, Parin-Matthéy, Weiss, Erdheim, Nadig und auf Devereux, den Begründer dieser Disziplin. Die Psychoanalyse ermögliche die Erforschung individueller Prozesse, die Ethnoanalyse den sozialen und kulturellen Kontext.

2.2 Historisch gehen die Anfänge auf ‚Totem und Tabu‘ (Freud 1912) zurück. Die teilnehmende Beobachtung geht auf Malinowski (1971) zurück. Devereux (1973) entwickelte die Ethnopsychoanalyse zu einer eigenständigen Disziplin. Analytische Beziehungen zwischen unbewusster Übertragung und Gegenübertragung, in Supervisionen analysiert, fanden Paul Parin u.a. seit 1991. Die ethnologische Erforschung fremder Kulturen zielt auf Handeln, Beziehungen und das Unbewusste. Tobie Nathan bezog in der Behandlung von Migrantenfamilien auf Devereux (1977): Psyche und Kultur (Psychoanalyse und Ethnologie) seien komplementär. 1979–1987 gründete er das ethnopsychiatrische Behandlungszentrum im Krankenhaus Avicenne und 1993 das Centre Georges Devereux an der Universität VIII und entwickelte einen dialogisch komplementären therapeutischen Ansatz orientiert an Heilungsmethoden der traditionellen Ursprungskultur (verkörperte Metaphern wie Wahrsagen, Trance und Rituale).

2.3 Ethnologie ist insofern Bestandteil der Ethnopsychiatrie als sie kulturelle Systeme, deren inneren Logik und Wirksamkeit erforscht. Nathan will Menschen in ihrem kulturellen Kontext verstehen, unter dem Aspekt von Zugehörigkeiten und Inklusion von Vielfalt (‚Gegenwart der Gruppe im Individuum‘). Nicht die Magie des Bewusstwerdens heile, sondern die konkrete Respektierung von Vielfalt und Differenz. Die kulturelle ‚Hülle‘ als Matrix wirke auf die Psyche und deren universelle Funktionsweise ein.

2.4 Kultur und Psyche werden als zwei homologe Systeme gesehen, die zusammen ein psycho-soziologisches ergeben mit spezifischen Vorstellungen über die Person, Natur der Guten und des Bösen. Kultur sei nicht nur ein Universum von äußeren Regeln, sondern mit dem inneren Universum verbunden. Die Gruppe diene dazu, diese ‚Hülle‘ zu sichern, ihre gemeinsame Sprache sei wie eine ‚Umzäunung‘. Die psychische Struktur bestehe aus Trieben, Fantasien und Abwehrmechanismen. Das Unbewusste habe einen kulturellen und komplementären individuellen Anteil (Winnicott 1971). Kultur und Psyche stehen in Verbindung, bestimmen sich gegenseitig, bedienen sich der gleichen Mechanismen wie Verdichtung, Verschiebung, Spaltung und Fragmentierung.

2.5 Frankreich hat im Gegensatz zu Deutschland ein koloniales Erbe, das mit dem Schlagwort Assimilation eine zentralistische Migrationspolitik entwickelt, die nur geringen Raum für kulturelle Vielfalt gebe.

2.6 Im dezentralisierten Deutschland hingegen sei die Ethnopsychiatrie bislang wenig rezipiert worden.

3 Fallbeispiele

3.1 Fallbeispiel aus der Behandlung im Centre G. Devereux: Wem gehört das Kind? Zur Familie gehört die 2j. Lea (auf dem Schoß der Erzieherin), der Vater Marc Riato, seine Schwester Cora Riato (beide aus Zaire/Afrika), Claire die Mutter von Lea und die Großmutter m. Frau Orial (von den Antillen). Es handelt sich um die 5. Sitzung nach einem Jahr. Teilnehmer sind noch der Therapeut und Co-Therapeut, darunter ein Heiler aus Kamerun anstelle der abwesenden Mediateurin. Cora hat die Erziehung des damals 9j. Bruders (der Vater) übernommen, Claire (Mutter) ist psychotisch und hat ihr Kind Cora vor die Füsse geworfen; die Grossmutter Orial beschuldigt ihren Mann der Hexerei, die Erzieherin ist amtlich, die Betreuerin pflegerisch für Lea zuständig. Cora ist gläubig und wird von Frau Orial der Hexerei beschuldigt. Der Vater möchte, dass das Kind zu seiner Schwester kommt, die Großmutter m. hat ein Besuchsrecht im Kinderheim beantragt, das der Vater nicht möchte; er will mit seiner Frau Schluss machen. Die Mutter will wissen, wem das Kind gehört. Die mütterliche Familie betreibt Hexerei. Der Mediateur, Heiler aus Mali, schlägt als ‚Verschreibung‘ (Ritual) vor, dass Marc drei Kokosnüsse, 2 weisse und 1 rote, in Milch tut, die Cora an drei Tagen der Woche morgens trinkt und dann in einen Teil der Nuss beißt; das endet an einem Freitagmorgen, der anschließende Traum bringt die Lösung, was man tun muss. Mediateur: Milch und Kolanüsse bezieen sich auf die Ursprünge und symbolisieren Verhandlungen zwischen Menschen; damit wird in Zaire der Schutzengel aktiviert, der gegen Hexerei schützt und sie entmachtet. So kommt man aus dem Teufelskreis von Beschuldigung und Verfolgung heraus. Mit der Verordnung und der rituellen Handlung werden die schützenden Ahnengeister mobilisiert. Die nächste Sitzung wird zeigen, ob die Spannungen zwischen den Beteiligten zurückgegangen sind. Rituelle Objekte werden therapeutisch, auch in ihrer Übertragungsfunktion (als Ahnengeister) eingesetzt und bewirken Veränderungen.

In der westafrikanischen Kultur ist nach Moro das Neugeborene eine fremdes Wesen (ohne Namen), das humanisiert werden muss. Der richtige Name hängt von den Träumen der Mutter und naher Verwandter während der Schwangerschaft ab und von der Verknüpfung mit Wesenszügen von Ahnen während der ersten drei Lebensjahre und wesentlichen Charakterzügen. Namensgebung spielt eine wichtige Rolle bei der Bestimmung des Wesens des Kindes (schützende Ahnen im Körper des Kindes). Identität bedeutet in diesem Fall nicht Einheit sondern Vielfalt unter Einbeziehung der psychischen ‚Hülle‘ (eine Grenze zwischen innen Raum und äußeren und inneren Objekten und der Außenwelt). Das Kind, der Mensch als kulturelles Produkt, verinnerlicht die Strukturen der elterlichen Kultur, wodurch bei Emigranten Konflikte – zwischen zwei Kulturen – spätestens in der zweiten Generation entstehen (plurale Zugehörigkeit). Mischlinge müssen eindeutig zu einer Gruppe gehören (im geschilderten Fall zur kranken Mutter oder zum Vater), um schmerzhafte erzwungene (ambivalente) Angleichungen zu vermeiden. Die ‚Technik‘ sei eine Kraft von logischer Natur i.S. einer pragmatischer hermeneutischen Handlung in einem gegebenen Umfeld.

3.2 Fallbeispiel aus der Behandlung in Bobiny: »Das Ahnenkind« – oder das Kind, das auf einem Faden läuft, oder das Kind, das entscheidet. Der 4j. Junge musste kurz nach der Geburt von der depressiven Mutter getrennt werden und ist psychotisch und spricht in einer unverständlichen Sprache. Von der Mutter gezwungen zu essen, erbrach es. Der Vater lebt in Kamerun. Ahnenkinder sind überaus empfindliche Kinder mit starken Emotionen, die mit Gewalt konfrontiert schwer krank werden oder sterben. Der wieder sehr ausführliche Behandlungsbericht ist im Buch nachzulesen.

4 Theoretische Grundannahmen der vorgestellten Ethnopsychiatrie (28 Seiten).

4.1 Sinn und Ursache der Krankheit. Krankheiten als soziale Konstruktion stellen die gesellschaftliche Ordnung (Beziehungen zu Menschen, Ahnen, Geistern) infrage, sind somit sozial verortet. Traditionelle Heilverfahren zeigen ebenfalls eine Kulturgebundenheit, müssen aber anderen Kulturen angepasst werden können..

4.2 Die Therapeutische Wirksamkeit. Das psychoanalytische Ritual (Vermeidung der Berührung, des Blicks, ritualisierte Sprache) findet sich vor allem in Übergangssituationen (Geburt, Adoleszenz, Heirat, Tod) auch in Afrika beim Übergang vom Profanen zum Heiligen unter Einbeziehung übernatürlicher Wesen und der Knüpfung von Beziehungen, z.B. zu den Ahnen oder Geistern. Die Therapie muss dem Rechnung tragen und zwischen den Kulturen vermitteln. Unterscheidungen zwischen Innen und Außen, der Welt der Menschen und der der Ahnen, müssen getroffen werden; das Heilritual überschreitet jedoch diese Grenzen, wenn traditionelle Elemente (Milch und Kolanüsse) benutzt werden.

4.3 Metakulturelle Klassifikation therapeutischer Techniken. Klassifikation aus Senegal werden beschrieben und der therapeutische Umgang mit traditionellen Ätiologieen. Nach Nathan bedürfen auch diese eine Diagnose und spezifische Mittel, wie z.B. das Orakel (das Leiden wird anerkannt), Besessenheit und Schamamismus (es geht rituell z.B. um die Wiedergabe der Seele durch eine rituelle Reise in die Welt der Geister durch Benutzung von Illusionen, Substanzen, Träume und deren Inszenierung): Der Patient bleibt passiv, der Schamane ist aktiv. Wichtig in der Behandlung ist die jeweilige Ursprungskultur des Klienten.

4.4 Ansätze einer Theorie über Migration in der Ethnopsychiatrie. Die eigenen herkömmliche kulturelle ‚Hülle‘ muss verlassen und eine neue geschaffen werden, ein Prozess, der sich auch über Generationen erstrecken und zu einer vorübergehenden Destabilisierung führen kann. Die Ursprungskultur existiert mit der neuen weiter, wenn auch in veränderter Form. Oft sind es auslösende Vorfälle – Arbeits- oder Autounfall –, die Anlass zu einer ethnopsychiatrischen Konsultation sind. Da Kinder schneller lernen als Erwachsene übernehmen sie oft Elternfunktionen für ihre Eltern. Sie erleben auch eine kulturelle Grenze an der Haustür. Unvereinbares führt leicht zu einer Spaltung im Ich.

Traumatisierungen laufen oft nach dem Konzept der ‚sequentiellen Traumatisierung‘ (Keilson 1998) ab, bevorzug in der Schwangerschaft, Kindheit und Pubertät. Die Verletzlichkeit zeigt sich besonders bei Kindern. Der Bruch des äußeren Rahmen hat auch Auswirkungen nach innen. Nicht alle Migration ist zwangsläufig traumatisch, aber doch potentiell. Wenn Reize nicht verarbeitet werden können lösen sie Ängste aus. Auch widersprüchliche Botschaften können traumatisieren (Bateson 1984) und auch wenn der verinnerlichte kulturelle Rahmen die äußere Realität nicht mehr entziffern kann. Besonders verletzbar sind Migrantenkinder (‚das ausgesetzte Kind‘), das in einem fremden Universum aufwächst. Die ‚Hülle‘ (Worte, Töne, Gerüche, Empfindungen aller Art) geht durch die Emigration verloren oder wird beschädigt, sodass die Mütter auch ihren Kindern keine zuverlässigen Behälter mehr anbieten können. In der Behandlung geht es meist um eine Wiederherstellung (s. Fallbericht).

5 Kritische Bemerkungen

5.1 Kritische Stimmen in Frankreich. Vorwürfe gegen das Konzept von Nathan beinhalten ‚Neo-Rassismus‘ und radikalen ‚Kulturalismus‘. Muss ethnische Identität induziert werden, um Heilung zu erzielen? Benslama (1997) spricht von der Übergangssituation als Trauma im Exil, das aber durch Zwang verstärkt werden kann. Kotanyi geht auf die Vorwürfe ein: es gehe nicht um induzierte ‚ethnische Identität‘, vielmehr werde diese benutzt, um an die Gefühle heranzukommen und eine Mischung der Zugehörigkeiten zu generieren. Die sehr lebhafte Auseinandersetzung mit Benslama geht noch einmal grundsätzlich auf Fragen der Behandlungsmethodik ein unter dem Aspekt der Parallelität von psychischem Universalismus und kulturspezifischem Partikularismus.

Auch Policar (1997) unterstellt Nathan ein Übermaß an Kulturalismus, Rechtman (1995) spricht sogar von Rassismus, obgleich es Nathan gerade um die Anerkennung der emotionalen Kraft von Muttersprache, Gerüchen und Orten geht, um Wissen und Erfahrungen, die die Migranten geprägt haben und mitbringen. Der Arzt und Ethnologe Fassin (1999) vertritt eine ‚kritische Ethnologie‘, die soziokulturelle und inklusive Ansätze ablehnt. Die Diskussion wird oft sehr leidenschaftlich moralisierend, besserwisserisch und auch polemisch geführt, zeigt jedoch, dass der Umgang mit Migranten auch in den aufnehmenden Ländern heftige unterschiedliche Emotionen hervorruft, eine ‚fremde Kultur‘ im eigenen Land. Es werden noch die Positionen von Bruno Latour und Isabelle Stengers (1997) vorgestellt: Emigranten müssten schrittweise alte Gewohnheiten aufgeben, um sich integrieren zu können, das setze Verhandlungsbereitschaft auf beiden Seiten voraus.

5.2 Die Ethnopsychiatrie im Kontext der Debatte um kulturspezifische Hybridität. Die Hybriditätstheorie geht davon aus, dass Identität fortlaufend verhandelt wird (Bhabha 1994) und die Ergebnisse immer ‚hybrid‘, d.h. vermischt sind. Es handelt sich um lebendige Prozesse. Das Problem ist, dass die Hybriditätstheoretiker das kulturell Partikulare auf Fundamentalismus reduzieren. Zwar gibt es keine ‚reinen‘ Kulturen, aber dennoch Spezifitäten und Partikularitäten in einer sich globalisierenden Welt (Werbner 1997). Friedman (1997) diskutiert, ob die Hybriditätstheorie für bestimmte Eliten stimmig sei, aber die Realität der Unterschicht und ihre Überlebensprobleme nicht widerspiegele. Die ‚Hülle‘ und der geschlossene Raum bedeuten Halt gebende, aber keine unveränderbaren kulturellen Eigenschaften. Psychoanalytisch sind Spaltungstendenzen in der Debatte zu beobachten; diese sind in der kindlichen Entwicklung zeitweise nötig, um ein Gefühl für das eigene Selbst aufzubauen. Ein Bruch der Traditionen kann diesen Prozess behindern, während die Brückenfunktion der Ethnopsychiatrie die Entwicklung eines kohärenten und selbstbewussten Selbst unterstützt. Ist die Hybriditätstheorie deshalb steril? so die Meinung von Kontanyi, oder ist auch darin wieder ein Dualismus/Spaltung enthalten?

5.3 Kritische Anmerkungen zu Nathans Ethnopsychatrie. Der von Nathan verwendete Begriff ‚traditionell‘ verweist auf Vergangenes und Überliefertes (Träume, Initiation), dem mit Vorwürfen wie ‚Nostalgie‘ mitunter begegnet wird, obgleich zu erkennen ist, dass es sich bei den Behandlungen um aktuelle und gegenwärtige Probleme handelt. Der konkrete Bezug ist die Stärke der Ethnopsychiatrie, auch wenn die theoretische Darstellung mitunter zu wünschen übrig lässt. Ein Therapeut und Mediateur muss sich die direkte metaphorische Kommunikationsform der Klienten aneignen, um mit ihnen arbeiten zu können. Dazu gehören auch Rituale, die bei einem wissenschaftlichen Verständnis schwer zu verdauen sind. Eine Zusammenarbeit zwischen Therapieeinrichtungen und Universität zum Zweck einer Behandlungsforschung könnte die Entwicklung komplexer multidisziplinärer theoretischer Modelle begünstigen, die das Kulturelle weder mystifizieren, noch das ‚Magische‘ exkommunizieren.

6 Schlussfolgerungen und Zusammenfassung (5 Seiten).

Die Anerkennung von Vielfalt und multikultureller Toleranz ist für das Zusammenleben in einer globalisierten Welt unerlässlich. Ein intensiver und voreiliger Integrationsdruck kann traumatisieren, – aber auch eine unempathische Einstellung zur eigenen Bevölkerung (!) – zu Zerrissenheit zwischen Bewahrung und Veränderung führen. Der Weg über die Aufwertung der bisherigen und gewohnten Kultur ist ein Versuch das Alte und Neue zu integrieren. Pragmatisch ist Nathan diesen Weg gegangen und hat die Methode der Ethnopsychiatrie mit anderen weiter entwickelt unter Anwendung von Psychoanalyse, Familientherapie und Erkenntnissen aus der Ethnologie. Die Anbindung des CGD an die Universität ging nach der Emeritierung von Nathan verloren, gleichzeitig nahm der äußere Druck zu. Dennoch ist der Weg richtig, die Wahrnehmung und Interpretation des Patienten als einen konstruktiven Beitrag zur Therapie zu sehen und als einen Bestandteil jeder Psychotherapie, die nicht auf autoritäre Verschreibungen setzt. In Deutschland, noch wenig bekannt, finden sich im Buch von Wohlfahrt und Zaumseil (2006) zwei Aufsätze zur transkulturellen Psychiatrie und einer interkulturellen Psychotherapie.

Nachwort. Das Mehrpersonensetting in der Behandlung von Migranten (Stephen Becker, 7 Seiten). Die Ethnopsychiatrie stelle die radikalste Synthese von klinischer Psychoanalyse und Kulturanalyse dar. Auch bei Freud gehe es um die Konstruktion eines sozialen, und nicht narzisstischen Ich. Individuelle Bedürfnisse und soziale Anforderungen müssten im Lauf der Entwicklung integriert werden. Neben Psychoanalytikern, Psychiatern und Ethnologen brauche die Ethnopsychiatrie auch Sprach- und Kulturvermittler, die als Mediatoren übersetzen. Technisch habe Nathan einen ‚Behälter‘ für dieses Neue geschaffen. Das Mehrpersonensetting ermögliche eine Vielfalt von Perspektiven, die auch inzwischen von Psychoanalytikern in der Familientherapie und in der Pädagogik genutzt werden. Speziell sei aber die Mischung von Behandlung und Supervision. Anstelle klassischer Übertragungsdeutungen gehe es um Einstellungen. Die Richtlinienpsychotherapie im Deutschland, von den Krankenkassen bezahlt, verfüge noch nicht über ein geeignetes Setting. Die Themen, wie z.B. Magie und Hexerei, hätten die gleiche Funktion wie Märchen und Kritzelspiele (Winnicott), nämlich Emotionen zu wecken und soziale Konflikte darzustellen. Nach Paolo Freire müsse die Aneignung der eigenen Kultur dem Erlernen einer anderen vorausgehen. Die Schwierigkeiten der deutschen Psychoanalyse im Umgang mit Patienten aus anderen Kulturen ergäben sich aus ihrer Entwicklungsgeschichte (Betonung der Ich-Psychologie). Die Konzepte von Paul Parin und Wolfgang Loch seien flexibler. In Frankreich habe sich der Kinder- und Jugendpsychiater Serge Lebovici bereits für einen Mehrpersonensetting in der psychoanalytischen Behandlung von Kindern und Familien eingesetzt (rezipiert auch in Tübingen von Reinhart Lempp und in Ulm von Samir Stephanos). Das Buch sei als Auftakt zu ähnlichen Initiativen in Deutschland zu verstehen.

Diskussion

Dieses Buch enthält mehr als nur eine Beschreibung der in Frankreich angewandten Ethnopsychiatrie im Umgang mit psychischen Problemen von Migranten. Auch wenn der Rahmen, das äußere Setting, nicht einfach übertragbar sind, so doch die Grundgedanken, dass, insbesondere bei Migranten, die Konflikte zwischen unterschiedlichen Kulturen unvermeidbar sind. Sie können sequentiell traumatisierend wirken, wenn sie nicht erkannt und bearbeitet werden. In der Verbindung der Methoden von Psychoanalyse/Psychotherapie und Ethnologie wird ein Modell in einem Mehrpersonensetting vorgestellt, das in Frankreich nicht unwidersprochen ist, aber eine sehr lebendige und für den Leser des Buches auch spannende Diskussion beschreibt: eine Herausforderung für das eigene Denken. In der Darstellung des Inhalts ist praktisch nur ein Bruchteil der vielfältige Facetten enthalten – zum Glück geben Literaturhinweise weitere Hinweise –, aber auch die enthalten ein ungemein anregendes Potenzial, nicht nur seine eigenen Einstellungen zur Arbeit mit Menschen aus fremden Kulturen zu überprüfen, sondern auch – und da wird das Buch ganz aktuell – über Fremdes in der eigenen Gesellschaft nachzudenken (und in einem selbst). Dieses begegnet einem positive z.B. in der schon lange gepflegten und als Bereicherung erlebten sozialen und sprachlichen Vernetzung von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Kulturkreisen und negativ in dem Widerstand gegen das Eindringen fremder Kulturen bei Menschen, die damit nicht nur nicht vertraut sind, sondern sich auch in ihrer herkömmlichen kulturellen Identität und in ihrer Angst um einen Arbeitsplatz und soziale Sicherheit bedroht fühlen. Gerade die ausführlich dargestellte kontroverse Diskussion in Frankreich zeigt eine lebendige Diskussionskultur, die Perspektiven mitunter überpointiert formuliert, und deshalb auch kritikanfällig ist, aber in einem demokratischen, mitunter auch polemischen Diskurs (denn es geht natürlich auch da um Politik) gehört und beantwortet wird.

So steht es auch dem Leser frei, auszuwählen, mit welcher Perspektive er sich ganz oder teilweise identifiziert bei einer, so ist zu hoffen, grundsätzlichen Bereitschaft und positiven Neugier und Interesse am Blick des anderen. Dabei entdeckt man, dass auch in anderen und fremden Sprachen und Kulturen universale individuelle und sozialen Konflikte mitunter so eskalieren, dass es nur um Rechthaberei, Sieg oder Niederlage, der einen oder anderen Partei geht, und dabei die Sache, das knstruktiv wesentliche und lösungsorientierte Aushandeln von Widersprüchen aus dem Blick gerät. Gerade die Fallgeschichte zeigt, dass es dem Wohl des Kindes dient, wenn eine einvernehmliche konstruktive Lösung erzielt wird.

Fazit

Ein wichtiges, nicht immer leicht lesbares Buch, dass auch keine einfachen Rezepte, aber dafür eine Fülle von Anregungen zum Nachdenken und praktischen Umgang mit dem Fremden (auch in der eigenen Gesellschaft!) anregt. Ich kann es nur jedem, der sich nachdenklich mit der eigenen und fremden Kulturen beschäftigt, empfehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 15.10.2018 zu: Sophie Kotanyi: Einführung in die französische Ethnopsychiatrie. Die therapeutische Behandlung von Migrantenfamilien am Centre Georges Devereux und im Krankenhaus Avicenne. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. ISBN 978-3-8379-2792-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24797.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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