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Chris Clarke, Emma Wolverson (Hrsg.): Positive Demenzpflege

Cover Chris Clarke, Emma Wolverson (Hrsg.): Positive Demenzpflege. Fähigkeitenorientierte Ansätze Positiver Psychologie für Menschen mit Demenz. Ressourcen– und Fähigkeitenorientierte Ansätze der Versorgung von Menschen mit Demenz. Hogrefe (Bern) 2019. 276 Seiten. ISBN 978-3-456-85801-2. 34,95 EUR, CH: 45,50 sFr.
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Thema

Die „Positive Psychologie“ kann als ein Produkt der so genannten „Humanistischen Psychologie“ verstanden werden, einer Denkrichtung, die nicht wissenschaftlich und damit empirisch im Sinne der Erkenntnisgewinnung ausgerichtet ist. Sie lässt sich eher in die Rubrik Weltauffassung oder Ideologie mit der Zielorientierung einordnen, die „Potenziale“ und schöpferischen Fähigkeiten der Menschen fördern zu wollen. „Wachstum“ und „Selbstverwirklichung“ sind zentrale Begriffe und Orientierungswerte in diesem Ideengebilde. Doch nicht das biologische Wachsen und Reifen ist damit gemeint, sondern die geistige Weiterentwicklung („mental growth“). Als einige Hauptvertreter dieser Denkrichtung können u.a. Abraham Maslow, Carl Rogers, Erich Fromm und auch Erik Erikson bezeichnet werden, die teils auch als US-amerikanische Neo-Freudianer gelten. Aus diesem Umfeld ist besonders die so genannte „Bedürfnispyramide“ von Maslow bekannt geworden, in der die „Selbstverwirklichung“ als höchstes Ziel menschlichen Strebens propagiert wird.

In der vorliegenden Publikation setzen sich Vertreter dieser Weltanschauung mit dem Themenfeld Demenz in Theorie und Praxis auseinander.

Herausgeber und Autoren

Dr. Chris Clarke und Dr. Emma Wolverson, Psychologen, als Dozenten an der der Universität Hull in Großbritannien tätig, sind Herausgeber und Autoren der Publikation. Weitere Autoren sind: Elspeth Stirling, Professor Esme Moniz-Cook, Dr. Alison Phinney, Dr. Helen Irwin, Phyllis Braudy Harris, Dr. Kirsty Patterson, John Killick, Andrew Norris, Professor Bob Woods, Dr. Tony Ryan, Professor Mike Nolan, Dr. Chatherine Quinn, Elisabeth Brock, Jürgen Georg (deutscher Herausgeber), Charlotte Stoner und Aimee Spector.Die Autoren sind überwiegend an Universitäten in Großbritannien tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in dreizehn Kapitel nebst Geleitwort und Einführung unterteilt:

  1. Altern, Gesundheit und Positive Psychologie
  2. Der Ansatz der Positiven Psychologie bei Demenz
  3. Wohlbefinden bei Demenz
  4. Hoffnung und Demenz
  5. Humor und Demenz
  6. Resilienz und ein gutes Leben mit Demenz
  7. Wachstum
  8. Kreativität und Demenz
  9. Spiritualität und Weisheit
  10. Positive Psychologie und beziehungsorientierte Betreuung bei Demenz
  11. Positive Erfahrungen in der Demenzbetreuung
  12. Wege zu einer Positiven Psychologie bei Demenz – ein Gesamtüberblick
  13. Positive, fähigkeitsorientierte Pflege von Menschen mit Demenz

Es bedarf des Hinweises, dass die 2016 in England veröffentlichte Publikation nur aus zwölf Kapiteln besteht. Bei dem 13. Kapitel (Seite 241 – 260) handelt es sich um einen Aufsatz des deutschen Herausgebers Jürgen Georg als nachträgliche Einfügung.

Inhalt

Zu Beginn werden allgemeine Aussagen zu den wesentlichen Inhalten der „Positiven Psychologie“ bezüglich der verschiedenen Vorgehensweisen („Schlüsselmodelle“) und der Einstellung zum Altern gemacht, wobei bezogen auf den Erhalt des Wohlbefindens im Alter die psychischen Gegebenheiten Resilienz, Optimismus und positive Erwartungshaltung sowie Selbstwirksamkeit angeführt werden. Es folgen Ausführungen über Demenzen aus der Sicht der „Positiven Psychologie“, demnach Demenz „kein klassifizierbares, krankheitsbasiertes Phänomen ist“ (Seite 48). Begründet wird diese Einschätzung mit dem Sachverhalt, dass sowohl bei geistig Gesunden als auch bei Demenzkranken die gleichen neurodegenerativen Prozesse (u.a. neuronale Plaques) festgestellt wurden. Gemäß dieser Sichtweise verliert die Demenz ihren Krankheitscharakter und wird dementsprechend als eine Form des Alterungsprozesses klassifiziert: Demenz wird als ein „bio-psycho-sozialer Zustand“ definiert, bei dem „biophysische, psychische und soziokulturellen Faktoren“ zur Wirkung gelangen. Man tendiert dahingehend, von einer reinen „Krankheitsideologie“ wegzukommen und zu einem „positiven psychologischen Ansatz“ zu gelangen. Dies geschieht u.a. mittels einer „person-zentrierten Perspektive“ mit dem Kernelement „Personsein“ gemäß Kitwood (Seite 48f). Die zentralen Wirkweisen bei dieser Sichtweise sind u.a. die Stärkung des Wohlbefindens, die Identität und das Wachstum.

In den folgenden Kapiteln 3 bis 9 (Seite 67 – 184) werden die für die „Positive Psychologie“ grundlegenden Befindlichkeiten und Einstellungen in der Bewältigung des Lebens sehr detailliert dargestellt und anhand von Studien aus dem Umfeld dieser Weltanschauung begründet. In jedem Kapitel wird kurz auf die Demenz dergestalt verwiesen, dass diese Aspekte wie z.B. Humor, Kreativität und Weisheit auch für Demenzkranke gelten würden. In diesem Zusammenhang werden u.a.Formen eines „persönlichen Wachstum“ bei Demenzkranken konstatiert. Diese „positiven Veränderungen“ äußerten sich u.a. laut Kitwood in einem „stärkeren Durchsetzungsvermögen, mehr Herzlichkeit und Warmherzlichkeit, … mehr Vertrauen, mehr Spontaneität und die Überwindung von Depression und Scham.“ (Seite 146).

Erst im 10. Kapitel (Seite 185 – 200) werden konkrete Formen der Betreuung und Unterstützung Demenzkranker im Rahmen der „Positiven Psychologie“ thematisiert. Anknüpfend an Kitwood geht es hierbei vorrangig um eine „positive Arbeit an der Person“, um das verlorengegangene „Personsein“ wiederherstellen zu können. Dies geschieht u.a. durch den Aufbau „authentischer Partnerschaften“ mit Demenzkranken. Als konkretes Modell wird in diesem Zusammenhang u.a. der Ansatz des „Senses Framework“ oder des „Gefühlsgerüst“ mit dem Kernelement einer „angereicherten Umgebung“ angeführt, in dem alle Beteiligten sechs „Gefühle“ erfahren können: Sicherheit, Kontinuität, Zugehörigkeit, Zielgerichtetheit, Erreichbarkeit und Bedeutsamkeit.

Das 11. Kapitel (Seite 201 – 216) beinhaltet die verschiedenen Dimensionen der positiven Erfahrungen bei der Demenzbetreuung. Zu Beginn wird auf das Entstehen „positiver Emotionen“ bei schwierigen Lebenslagen verwiesen. Diese Fähigkeit, Widrigkeiten in etwas Positives zu verändern, wird als „posttraumatisches Wachstum“ bezeichnet (Seite 203). Bezüglich des Umgangs mit Demenzkranken werden „positive Betreuungsaspekte“ definiert: die Qualität der Alltagsbeziehung zwischen den Beteiligten, „die Sinnfindung in der Betreuungsrolle und das Gefühl der Betreuungsperson, etwas erreicht zu haben.“ (Seite 210).

Im 12. Kapitel (Seite 217 – 239) werden Zweifel geäußert, ob der Ansatz der „Positiven Psychologie“ bei der Demenz angebracht ist: „Wir wissen noch nicht, wie >Flourishing< (blühend) im Sinne von Wachstum und Gedeihen im Kontext eines Lebens mit Demenz wirklich zu verstehen und optimal zu messen ist.“ Und: „Die Positive Psychologie ist nicht dafür gedacht, das Wissen über Leid und Krankheit zu ersetzen, sondern dazu, dieses Wissen zu ergänzen,“ (Seite 219). In diesem Kontext wird eingestanden, dass die bisherigen Bemühungen der „Positiven Psychologie“ sich bisher nur auf die Gruppe der Demenzkranken im frühen Stadium beschränkten. Hieran anschließend wird von Überlegungen berichtet, auf der Grundlage der „Positiven Psychologie“ ein „Gegenmodell“ zur „bio-medizinischen Perspektive von Verlust und Defizit“ zu entwickeln (Seite 220). Als Kernelemente werden diesbezüglich u.a. „positive persönliche Eigenschaften, ein positives soziales Umfeld und positive psychosoziale Prozesse“ angeführt (Seite 222). Konkret werden in diesem Rahmen u.a. auch körperliche Bewegungen für „das Empfinden von Flow“, die „Humortherapie“ und die „Hoffnungstherapie“ empfohlen (Seite 232). 

Das 13. Kapitel (Seite 241 – 260) enthält den Entwurf einer Konzeption „positive fähigkeitenorientierter Pflege“ für Demenzkranke, der besonders die Tugenden, Stärken und Entwicklungspotenziale dieser Personengruppe herausarbeitet. Bei diesem Modell werden die menschlichen Grundfähigkeiten (u.a. Leben, körperliche Gesundheit, Wahrnehmung, Vorstellung und Denken, Emotionen, Verbundenheit und Kontrolle) als Orientierungsrahmen skizziert. Es folgt die Aufzählung der Tugenden und menschlichen Stärken (u.a. Weisheit, Mut, Gerechtigkeit, Liebe und Spiritualität) im Rahmen der „Positiven Psychologie“. Mittels dieses Rahmenmodells erhofft sich der Autor u.a. die Gewährleistung eines guten Lebens auch bei Demenzkranken.

Diskussion

Eine recht umfängliche Publikation zum Themenfeld Demenzpflege wird hier zur Lektüre angeboten. Kritisch gilt es jedoch hier vorab anzuführen, dass der Titel „Positive Demenzpflege“ irreführend ist, da nur in dem eingefügten Beitrag von Jürgen Georg die Pflege Demenzkranker in recht abstrakter Form thematisiert wird. In der englischen Orginalpublikation mit dem Titel „Positive Psychology Approaches to Dementia“ (Positive psychologische Ansätze zur Demenz) wird die Begrifflichkeit einer „positiven Demenzpflege“ hingegen nicht verwendet.

Inhaltlich berufen sich die Autoren überwiegend auf die Publikationen von Tom Kitwood („person-zentrierte Perspektive“ mit dem Kernelement „Personsein“), dessen Einschätzungen als Orientierungsrahmen und damit auch zur Fundierung der dargestellten Modellansätze verwendet werden. Zu kritisieren ist hier, dass der Forschungsstand und die wesentlichen Grundlagen der Demenz nicht angemessen aufgearbeitet wurden. Dieser Sachverhalt wird anhand der folgenden Ausführungen aufgezeigt:

Bei der Begründung der „Entpathologisierung“ der Demenz aufgrund des Nachweises von neurodegenerativen Abbauprozessen auch bei nicht demenziell Erkrankten (Seite 48) wird nicht das seit Jahrzehnten bekannte Faktum der kognitiven Reservekapazität als Erklärungsansatz angeführt (Alexander et al. 1997). Demenzkrank sind Personen erst dann, wenn sie die klinischen Symptome gemäß den internationalen Diagnosekriterien zeigen.

Die von Kitwood festgestellten „positiven Veränderungen“ des Verhaltens im Sinne eines „persönlichen Wachstums“ (u.a. Warmherzigkeit, Vertrauen und Überwindung der Scham) sind typische Krankheitssymptome des schweren Stadiums (krankhafte Verkindlichung bzw. Naivität entsprechend der Altersstufe zwei- bis vierjähriger Kinder) (Reisberg et al. 1999). Damit werden neurodegenerativ verursachte Abbauphänomene (u.a. kognitive Minderleistungen) in positive Entwicklungsprozesse umgewandelt. In diesem Zusammenhang kann angeführt werden, dass nach Kitwood auch bei Demenz eine „Nervenregeneration“ möglich ist: „Gegenwärtig sind wir also gerade dabei, den Verlauf der Alzheimer-Krankheit und anderer neurodegenerativer Erkrankungen zu ändern.“ (Kitwood 2000: 150).

Der Wissensstand der Autoren ist hinsichtlich des Verlaufs der Demenz recht rudimentär, wenn z.B. angeführt wird: „In der Regel beginnt sie allmählich und verläuft unvorhersehbar. Auch ist nicht bekannt, wann Einschränkungen auftreten und wie wahrscheinlich der Tod ist.“ (Seite 195). So konnte auch hier der Stand der Forschung, dass der neurodegenerative Abbau als Rückentwicklungsprozess gemäß der Hirnreifung verläuft (Braak-Stadien u.a.), noch keine Berücksichtigung finden (Braak et al. 1991, Thal 2018).

Fazit

Die vorliegende Publikation „Positive Demenzpflege“ wird seitens des Verlags als Fachbuch im Bereich Demenzpflege propagiert. Diesem Anspruch wird das Buch aus Sicht des Rezensenten jedoch nicht gerecht, denn es fehlen einerseits die entsprechenden Inhalte und andererseits ein Mindestmaß an Fachlichkeit bezogen auf die Grundlagen der Demenzen als neurodegenerative Erkrankungen.

Literatur

Alexander, G. E. et al. (1997) Association of premorbid intellectual function with cerebral metabolism in Alzheimer's disease: implications for the cognitive reserve hypothesis. American Journal of Psychiatry, Vol. 154 (2): 165–172

Braak, H. et al. (1991) Neuropathological staging of Alzheimer-related changes. Acta Neuropathologica, 82: 239–259

Kitwood, T. (2000) Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Bern: Verlag Hans Huber

Reisberg et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International psychogeriatrics, 11 (1): 7–23

Thal, D. R. (2018) Neuropathologie und molekulare Mechanismen. In: Jessen, F. (Hrsg.): Handbuch Alzheimer-Krankheit. Berlin: Verlag De Gruyter (35 – 51)


Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.svenlind.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 15.05.2020 zu: Chris Clarke, Emma Wolverson (Hrsg.): Positive Demenzpflege. Fähigkeitenorientierte Ansätze Positiver Psychologie für Menschen mit Demenz. Ressourcen– und Fähigkeitenorientierte Ansätze der Versorgung von Menschen mit Demenz. Hogrefe (Bern) 2019. ISBN 978-3-456-85801-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24799.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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