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Wolfgang Kühl, Andreas Lampert u.a.: Coaching als Führungskompetenz

Cover Wolfgang Kühl, Andreas Lampert, Erich Schäfer: Coaching als Führungskompetenz. Konzeptionelle Überlegungen und Modelle. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 279 Seiten. ISBN 978-3-525-45280-6. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

Ein Kompass für Führungskräfte. Was benötigen Führungskräfte in dieser Welt? So könnte die Frage lauten, auf die dieses Buch eine mögliche Antwort und zudem fundierte Ansätze bietet.

Autoren

Den drei Autoren ist ihre jahrelange sowohl wissenschaftliche als auch lehrende Auseinandersetzung mit dem Thema Coaching deutlich anzumerken. Und so scheint es angemessen und vor allem zeitlich passend, dass die Professoren Kühl, Lambert und Schäfer ihre Erkenntnisse gesammelt und pointiert in diesem Buch weitergeben.

Aufbau und Inhalt

Das Buch in seiner hohen Wissens- und Informationsdichte geht von empirischen Studien und der Fachliteratur über den aktuellen Stand des Coachings durch Führungskräfte aus und zeigt die Dimension des eigentlichen Führungshandelns und dessen Entwicklung als Steuerungsmodelle auf. Dabei konstatieren die Autoren, dass die jüngsten Führungsentscheidungen, beispielsweise in der „VW-Dieselaffäre“ ein „Symptom der Entscheidungsschwäche“ sind und eine Scheu vor einer „individuellen Entscheidungscourage“ bei Führungskräften zu erkennen ist (vgl. S. 32). Statt einer Fehlerkultur entsteht eine Angstkultur. Somit sind die bestehenden Führungsmodelle samt Führungshaltungen kein Abbild der Führungsrealität in der sogenannten VUKA-Welt. Eine Welt die sich durch Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität auszeichnet.

Mit dem Blick auf die konzeptionellen Entwicklungen von Führungs- und Organisationsmodellen wird deutlich, dass sich die Anforderungen an Führung verändern und sich ein Kulturwandel vollzieht, der den MEGA-Trends von Beschleunigung, Digitalisierung und Globalisierung folgt. So scheint sich die Lage der Führungskräfte im beständigen Wandel zu zuspitzen. Die Autoren weisen zudem auf eine „zunehmende Notwendigkeit von Reflexionskultur“ hin, in der Fach- und Führungskräfte sich „gleichzeitig auf der individuellen, kooperativen und organisationalen Ebene mit vielfältigen Transformationsanforderungen auseinandersetzen, diese zukunftsorientiert bewältigen und ihr professionelles Handeln auf den verschiedenen Organisationsebenen und letztlich die Organisation insgesamt möglichst zukunftsfähig ausrichten“ (vgl. S. 57).

TRANSFLEXING wird von den drei Autoren als Ausdruck für den Zusammenhang von Reflexion und Transformation und zugleich als neue Führungsaufgabe eingeführt. Eine Wort- und Modellschöpfung, die auf der Salutogenese von Aaron Antonovsky, der Selbstbestimmungstheorie der Motivation von Edward Deci und Richard Ryan und auf dem Konzept der wertschätzenden Organisationsentwicklung von Olaf-Axel Burow beruht. Mit dieser Schöpfung sollen zum einen die Dimension der „beziehungsorientierten Haltungen in der Begegnung zwischen coachender Führungskraft und Mitarbeiter im Beratungskontext“ sowie die „Notwendigkeit einer individuellen kunden- und mitarbeiterbezogenen, team-, organisations- und umweltbezogenen Zusammenschau und zu koordinierenden Transformationsgestaltung“ verdeutlicht werden (vgl. S. 59).

Transflexing ist eine Weiterführung der bestehenden Führungs- und Organisationsmodelle im Sinne einer Führungskompetenz. Auf die coachenden Führungskräfte kommen im Rahmen von Transflexing neue Rollenanforderungen je nach Reflexions- und Transformationsbedarf zu. Die Führungskräfte werden im Sinne einer „Ermöglichungsorientierung“ daran gemessen werden, ob es ihnen gelingt, dass „die Mitarbeitenden ihre kreativen Kräfte, Teams ihre Schwarmintelligenz und Netzwerke ihre Selbstorganisationsdynamiken entfalten können“ (vgl. S. 65). Diese „Ermöglichungsorientierung“ wird mit E.H. Schein ergänzt, ob es „Führungskräfte und Manager lernen können, ihren Untergebenen als vorurteilslose Berater und Helfer zur Seite stehen“ (…), denn wirkliches Lernen entwickelt sich aus einer Beziehung (vgl. S. 65).

An diese neue Aufgabe der coachenden Führungskräfte anknüpfend und nach der ausführlichen Konzeptvorstellung folgt die Auseinandersetzung mit der ethischen Reflexionsanforderung an die Führungskraft als Coach, die sich im Spannungsfeld zwischen professioneller Beratung, Organisation und gesellschaftlichem Umfeld befinden. Dass Institutionen verhaltenslenkend wirken, bedarf einer reflektierten Führungskraft, die fortwährend in Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden, der Organisation und sich selbst steht.

Ein entscheidender Faktor zur Verantwortungsübernahme und Verantwortungsbewusstsein liegt für die Autoren in der Kompetenz der Führungskräfte. Coaching wird zur Führungskräftekompetenz.
Mit Verweis auf C.O. Scharmer, für den der Erfolg einer Intervention von der inneren Verfasstheit des Intervenierenden abhängt, schlagen die Autoren den Bogen zur Haltung der Führungskraft in seiner Rolle als Coach. „Die innere Verfasstheit ist der Quellort von Handlungen und kann als innere Haltung verstanden werden“ (vgl. S. 111). Die Autoren zeigen deutlich den Zusammenhang von Haltung und professionellen Kompetenzen. Sie bieten die von M. Erpenbeck entwickelten Leitlinien aus den Wurzeln von systemischer Coachinghaltung basierend auf den vier ethischen Grundpositionen von v. Schlippe und Schweitzer als erste Orientierung in der Haltungsfrage der coachenden Führungskraft. Die Autoren ergänzen diese um das „NOW-Coaching-Grundhaltungsmodell“ nach Hock, Hock und Mosel und den Dialogbegriff und seine Qualitäten nach W. Isaacs.

Die erforderliche Haltung der coachenden Führungskraft entstammt den systemischen und lösungsorientierten Elementen des Coachings. Diese Ansätze werden als Grundelemente erläutert, um anschließend das Setting und die Gelingensbedingungen eines Coachings durch die Führungskraft zu beschreiben. Die Modellbeschreibung für Coachings durch die Führungskraft und deren methodische Ausgestaltung ermöglicht Schritt für Schritt die Realisierung und Nachvollziehbarkeit durch Fallbeispiele. So bildet das „GROW-Modell“ von J. Whitmore eine gute Ausgangsbasis und ein Erprobungsfeld. Coaching im Rahmen der Organisationsentwicklung und Change Management weisen sich durch die „Theorie U“ Scharmes aus und werden durch Beispiele verdeutlicht. Nach der Betrachtung der Mitarbeitenden und der Organisation wenden die Autoren den Fokus auf die Förderung des kollegialen und individuellen Transflexings mit den Möglichkeiten der Intervisionsgruppen und des Selbstcoachings.

Diskussion

Was bleibt als Antwort auf die Frage, was heutige und zukünftige Führungskräfte benötigen? Führungskräfte benötigen innere Verfasstheit, eine Haltung und Coachingkompetenzen, um sich als „Ermöglicher“, „Diener“, „Visionär“ und „Demokrat“ verstehen zu können und entsprechend das Potenzial ihrer Mitarbeitenden zur Entfaltung zu bringen. „Die Aufgabe von Führungskräften wird künftig darin bestehen, eine Organisationskultur zu schaffen und zu pflegen, die Räume für Selbstreflexion und Peer-Coaching ermöglicht“ (vgl. S. 250) für eine nachhaltige Lern- und Entwicklungskultur.

So bleibt zu erwähnen, dass diese Einblicke, sowie die eigene Führungskraftentwicklung im Rahmen eines Masterstudienganges an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena unter Begleitung der drei Professoren möglich und erfahrbar sind.

Fazit

Und so sind Führungskräfte eingeladen sich als verantwortungsvolle Gestalter der Organisation und damit auch der Gesellschaft zu verstehen. Transflexing als Möglichkeit in der VUKA-Welt achtsam und zukunftssicher zu agieren und zu navigieren. Ein Buch wie ein Kompass, welches verständlich die Theorien und Modelle des Coachings, Change-Managements und der Organisationsentwicklung vereint und zur Grundlage einer Führungshaltung werden lässt. Ein Buch, dass Erkenntnisse liefert und Räume zur eigenen Entfaltung eröffnet.


Rezensentin
Anne Fanenbruck
Geschäftsführerin AESOP-Consulting GmbH Entwicklungsberatung, Systemische Organisationsberaterin und Coach (DGfC
Homepage www.aesop-consulting.de
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Zitiervorschlag
Anne Fanenbruck. Rezension vom 13.09.2018 zu: Wolfgang Kühl, Andreas Lampert, Erich Schäfer: Coaching als Führungskompetenz. Konzeptionelle Überlegungen und Modelle. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-45280-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24800.php, Datum des Zugriffs 15.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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