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Andreas Gold: Lernschwierigkeiten

Cover Andreas Gold: Lernschwierigkeiten. Ursachen, Diagnostik, Intervention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. 343 Seiten. ISBN 978-3-17-032277-6. 39,00 EUR.

Reihe: Kohlhammer Standards Psychologie hrsg. von Marcus Hasselhorn, Wilfried Kunde und Silvia Schneider.
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Thema

Jedes zehnte Kind hat mit größeren Schwierigkeiten im Lesen, Schreiben oder Rechnen zu kämpfen. Ursachen und Fördermöglichkeiten werden ausführlich behandelt.

Autor

Professor Dr. Andreas Gold ist Professor für Pädagogische Psychologie am Institut für Psychologie der Goethe-Universität Frankfurt und stellvertretender Leiter des Forschungszentrums für Individuelle Entwicklung und Lernförderung (IDeA).

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung – die wie vom Autor empfohlen, unbedingt gelesen werden sollte – definiert Andreas Gold Lernschwierigkeiten, erläutert Ausmaß und Auswirkungen (eins von 14 Kindern wird sonderpädagogisch gefördert, eins von 36 Kindern im Förderschwerpunkt Lernen) und geht kurz auf Ursachen, Prävention und Intervention ein.

Es folgen sieben inhaltliche Kapitel.

In Kapitel 1 wird herausgearbeitet, wie Kinder lernen. Es werden Grundlagen wie Informationsverarbeitung, Gedächtnis, Bedeutung von Übung diskutiert, Lernen als kumulativer Lernprozess beschrieben, individuelle Entwicklungsvoraussetzungen und -veränderungen (wie Aufmerksamkeit, Motivation, etc.) thematisiert. Ausführlich wird der Lernkontext Familie (Bindung, Sprache, Lernbegleitung) und die Lernumwelt Schule (mit Qualitätsdimensionen guten Unterrichts) behandelt.

Im zweiten Kapitel sind Bildungserfolg und ungleiche Lernergebnisse Thema. Nachdem zuerst Indikatoren für Bildungserfolg formuliert werden, werden diese im Hinblick auf Ungleichheiten ausführlicher analysiert (auch hinsichtlich schriftsprachlicher und mathematischer Kompetenzen). Ein wichtiger Abschnitt dieses Kapitels beschäftigt sich mit Bildungsgerechtigkeit.

Das dritte Kapitel (Ursachen von Lernschwierigkeiten) geht noch mal kurz auf individuelle Voraussetzungen (mit einem anschaulichen Schaubild) ein und stellt die normative Entwicklung des Lesens, des Rechtschreibens und des Rechnens und die jeweiligen Ursachen für Schwierigkeiten sowie domänenübergreifende Ursachen (Motivation, Arbeitsgedächtnis, etc.) dar. Anschließend werden einzelne Lernschwierigkeiten bei verschiedenen genetischen Syndromen und umschriebenen Entwicklungsstörungen sowie die Auswirkungen ungünstiger familiärer (auch Migrationshintergrund und Mehrsprachigkeit) und schulischer Lernkontexte besprochen.

Im vierten Kapitel (Diagnostik) setzt sich der Autor mit Fragen der Diagnostik auseinander. Lernschwierigkeiten sollten möglichst frühzeitig erkannt werden, denn eine sorgfältige und zuverlässige Diagnose ist Voraussetzung für Fördermaßnahmen. Es werden Testverfahren zur Erfassung der Fähigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens und ihrer Vorläuferfertigkeiten und der schon in den vorherigen besprochenen individuellen Voraussetzungen beschrieben. Wichtig ist auch eine Lernverlaufsdiagnostik.

Was lässt sich tun? Damit beschäftigen sich die beiden folgenden Kapitel. Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit den vielen Facetten der Prävention. Es werden unterschiedliche Formen der Prävention herausgearbeitet und riskante Situationen und Risikokinder benannt. Umfangreich werden Formen der vorschulischen Lernförderung (phonologische Bewusstheit, mathematische Kompetenzen, aber auch sozial-emotionale Kompetenzen) besprochen, wobei auch die Bedeutung der Betreuungsqualität thematisiert wird. Ein eigenes Unterkapital erhält die Sprachförderung. Als sehr bedeutsam erweist sich die Gestaltung von Übergängen (Kindergarten – Grundschule, Grundschule – Sekundarstufe) als potentiell riskante Situationen.

Das sechste Kapitel (Intervention) beginnt mit der Darstellung spezifischer Fördermaßnahmen bei Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwierigkeiten, wobei unterschiedliche Aspekte (z.B. beim Lesen auf Wortebene, Leseflüssigkeit, Lesestrategien) berücksichtigt werden, und der Förderung der individuellen Lernvoraussetzungen. Kritisch und konstruktiv setzt sich Andreas Gold mit den Formen der unterrichtlichen Adaptivität (Anpassung von Lernzielen und Lehrmethoden) auseinander.

Im siebten Kapitel stellt Andreas Gold die Frage „Inklusiv oder nicht – wo Kinder am besten lernen“. In diesem Kapitel geht es vor allem um Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) im Förderschwerpunkt Lernen (also Kinder nicht nur mit einer Lernschwäche und Lernschwierigkeiten), nur am Rande auch um Kinder mit einem anderen Förderschwerpunkt. Es wird die momentane Situation dargestellt, Folgerungen für einen inklusiven Unterricht gezogen (mit der Darstellung von RTI Response to Intervention), Vor- und Nachteile von Inklusion (negativ für das Selbstkonzept der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf) und die Einstellungen und Erwartungen von Eltern und Lehrern diskutiert. Befürchtungen, dass Inklusion nachteilig für leistungsstärkere Kinder sei, konnten zerstreut werden.

Abschließend wird die Rolle von Lernschwierigkeiten in der Lehrerbildung erläutert und notwendige Kompetenzen bei den Lehrern heraus gearbeitet. Es besteht noch großer Bedarf für einschlägige Forschung und ihre Umsetzung in anwendbare Praxis. Es werden Folgerungen für Fort- und Weiterbildung gezogen.

Diskussion

Das Lehrbuch gibt einen umfassenden Überblick über das Thema Lernschwierigkeiten, vor allem in den Kernkompetenzen Lesen, Rechtschreibung und Mathematik. Diagnostik, Prävention und Interventionen werden klar und übersichtlich dargestellt, wichtige Aspekte sind dabei die individuellen Lernvoraussetzungen sowie die Lernkontexte Familie und Schule.

Der klare Aufbau der Kapitel fördert die Aufmerksamkeit des Lesers. Hilfreich ist dabei, dass relevante Studien, wichtige Begriffe und relevante umfangreichere Beispiele in separaten Kästen dargestellt werden, ebenso die Orientierungsfragen am Anfang und die Zusammenfassung am Ende jedes Kapitels.

Ausgewogen und informativ ist das neue Kapitel zur Inklusion, das herausstreicht: „Nur wenn die notwendigen Randbedingungen erfolgreicher Inklusion gegeben sind, sind Kinder und Jugendliche mit SPF an den Regelschulen tatsächlich genauso gut oder besser aufgehoben“ (S. 286).

Zielgruppen

(Angehende) Lehrerinnen und Lehrer, Studierende der Psychologie und der Erziehungswissenschaft sowie alle, die (beruflich) mit Kindern und Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten zu tun haben.

Fazit

Das Lehrbuch gibt einen umfassenden und aktuellen Überblick über das Thema Lernschwierigkeiten, beginnend mit den Grundlagenkapiteln zum Lernen allgemein und zum Bildungserfolg. Es folgen Kapitel zu Ursachen, Diagnostik, Prävention und Intervention, ein eigenes Kapitel erhält das Themengebiet inklusiver Unterricht. Folgerungen für Lehrer-Aus- und- Fortbildung und Praxisforschung ergänzen den Inhalt. Die klar strukturierten Inhalte erleichtern den Gebrauch als Lehrbuch. Empfehlenswert.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 09.04.2019 zu: Andreas Gold: Lernschwierigkeiten. Ursachen, Diagnostik, Intervention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-17-032277-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24805.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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