socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Leonie Wagner, Ronald Lutz u.a. (Hrsg.): Handbuch internationale soziale Arbeit

Cover Leonie Wagner, Ronald Lutz, Christine Rehklau, Friso Ross (Hrsg.): Handbuch internationale soziale Arbeit. Dimensionen - Konflikte - Positionen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 368 Seiten. ISBN 978-3-7799-3137-9. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Bei der Herausbildung der Sozialen Arbeit als Praxis, Profession und Wissenschaft hat der Austausch über nationale Grenzen hinweg keine geringe Rolle gespielt, legendär geradezu das Wirken von Alice Salomon und Jane Adams. Die Verbindungen zwischen der Settlement-Bewegung und der Gemeinwesenarbeit sind bekannt. Seither, bis heute, haben die europäisch-nordamerikanischen Konzepte auch die Soziale Arbeit im Süden dominiert. Was kann in diesem Zusammenhang „Indigenisierung“ bedeuten?

Die Globalisierung, eine sich rasant vervielfältigende Ausweitung und Verdichtung von Medien, Märkten, Mobilität, hat die Lebensverhältnisse weltweit dramatisch verändert, den traditionell nationalstaatlichen Handlungsrahmen entgrenzt, was auch die Aufgaben und Möglichkeiten der Sozialen Arbeit nicht unberührt lässt. Was sind nun transnationale Räume?

Herausgeberinnen und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Leonie Wagner ist Professorin an der Hochschule Holzminden, Ronald Lutz und Christine Rehklau lehren an der FH Erfurt, Friso Ross ist von dort an die Hochschule Kempten gewechselt.

Die Beiträge stammen von insgesamt 25 Autorinnen und Autoren, die als Hochschullehrer/innen oder wissenschaftliche Mitarbeiter/innen an deutschen Hochschulen oder auch im Ausland tätig sind oder waren, einige etliche Jahre in Ländern des globalen Südens. Mit Ndangwa Noyoo ist auch ein gebürtiger Afrikaner beteiligt. Zwei Angestellte des Internationalen Sozialdienstes stellen ihre Institution vor.

Aufbau

Auf die umfassende Einleitung von Wagner/Lutz folgen 23 Beiträge, davon 3 in englischer Sprache. Die Beiträge sind auf drei Kapitel aufgeteilt, nämlich

  1. „Gegenstandsbereich und Geschichte“ (5)
  2. „Themen und Brennpunkte“ (11)
  3. „Theorien, Postionen, Recht“ (7).

Ausgewählte Inhalte

Ute Straub und Elke Kruse konzentrieren sich auf den „Professional Exchange“, wie er seit Jahrzehnten insbesondere unter dem Dach der International Association of Schools of Social Work und der International Federation of Socialworkers gepflegt wird. Dabei sind die asiatisch-pazifischen Mitglieder über-, die afrikanischen und lateinamerikanischen extrem unterrepräsentiert. Social Work, so ist es auch in der Einleitung und weiteren Beiträgen formuliert, müsse sich auf Theorien, Sozialwissenschaften und eben auch indigenes Wissen stützen. Es steht eine Reflexion des kolonialen Erbes und eine kraftvolle Indigenisierung der Sozialen Arbeit aus.

Imkje Sachau sieht einige Verbindungen zwischen dem „Peacebuilding“, das auf Galtung und die UN-Agenda for Peace zurückgeht, einerseits, Sozialer Arbeit andererseits. Zur Verfügung stehen dabei Konzepte der zivilen Konfliktbearbeitung, wenngleich die „westlichen psychosozialen Modelle der Versöhnung“ nicht weltweit gleich tauglich erscheinen; beachtlich wären doch auch die Versöhnungsrituale aus Hawaii, die dort anerkanntermaßen Familien heilen und befreien.

Ronald Lutz gibt einen umfassenden Überblick über die „Ungleichheiten im globalen Maßstab“, den Skandal von Armut, Hunger, Krankheit, Kindersterblichkeit. Er schließt sich den Formulierungen von Lessenich an: Der Norden lebt über die Verhältnisse anderer. Wichtig sind dabei aber auch die Machtverhältnisse in den einzelnen Ländern: Etwa 80 % der indigenen Bevölkerung Mexikos leben in Armut. Internationale Soziale Arbeit muss sich als Akteur sozialen Wandels verstehen, politisch positionieren und auf die Seite der Indigenen, der Benachteiligten und Bedrohten stellen.

Wie in vielen seiner Arbeiten plädiert Manfred Liebel dafür, die „Straßenkinder“ nicht an behüteten Mittelschichtkinder zu messen, sondern als arbeitende und/oder auch sich selbst organisierende Kinder zu würdigen.

Hagemann-White geht auf die Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ein, die der Strafverfolgung oft entkommen, weil Frauen nicht gegen den Gewalttäter aussagen. Bei Menschenhandel ist das Problem, dass der Schutz der Frauen nach dem Strafverfahren, etwa nach Rückkehr ins Herkunftsland, nicht gewährleistet werden kann; Italien ist hier weiter und bietet aussagewilligen Gewaltopfern einen Aufenthaltstitel. Die Autorin schließt mit dem Hinweis auf das vorbildliche Wegweisungsrecht in Österreich.

Über „Xenophobia and social welfare in South Africa“ berichtet Ndangwa Noyoou. Seit den 1990er Jahren, besonders seit 2008 werden „Fremde“, das sind in aller Regel schwarze Einwanderer, etwa aus Mosambik, angegriffen, verletzt, getötet. Darauf hat sich das eigentlich gut entwickelte System der Sozialen Arbeit noch zu wenig eingestellt. Noch zu stärken ist das Prinzip Ubuntu, die traditionelle Sorge für das Wohlergehen der Mitmenschen.

Ruth Seifert geht davon aus, dass „Military Social Work“ eines der größten Arbeitsfelder in der US-amerikanischen Sozialen Arbeit ausmacht. Damit sind weniger, aber auch, die Social Worker gemeint, die im Irak oder Afghanistan in die kämpfende Truppe „embedded“ waren, sondern vor allem jene, die sich um deren Belange danach, Arbeitsplätze, psychiatrische Behandlung kümmern. Es müsste viel mehr darum gehen, Feindbilder und Ängste abzubauen, insbesondere aber auch zu vermeiden, dass Traumata individualisiert oder als Belastungsstörung abgetan werden.

Ursula Rölke/Marc Bauer stellen den Internationalen Sozialdienst vor, der seit 1924 existiert und sich auf der Basis völkerrechtlicher Konventionen, einschließlich z.B. der Haager Kindesentführungsübereinkunft, der bei weitem noch nicht alle Staaten beigetreten sind, mit den Fragen befasst, die sich aus der Mobilität und unterschiedlichen Aufenthaltsländern und Staatsangehörigkeiten von Vätern, Müttern und Kindern ergeben. Diese beratende und vermittelnde Tätigkeit soll im Interesse der Kinder den Klärungsbedarf ordnen und die Verfahren verkürzen, da sonst durch „Kindesmitnahme“ über die Zeit neue Fakten geschaffen werden.

Migration und Flucht stellen, so Rehklau/Lutz, „bleibende Herausforderungen einer internationalen Sozialen Arbeit“ dar. Sie beziehen sich dabei vor allem auf Flüchtlingslager in den Aufnahmestaaten, und das sind in erster Linie die im Süden. Die Grundversorgung müsste der UNHCR sicherstellen, der jedoch unterfinanziert ist. Die Menschen, die nach langer Flucht in einem Lager ankommen, sind absolut arm, brauchen Hilfe und Handlungsressourcen, um die Kontrolle über ihr Leben wiederzugewinnen. Zugleich ist es essentiell, Fluchtursachen in den Herkunftsländern zu verhindern.

Was es mit der Indigenisierung auf sich hat, ist das Thema von Johannes Kniffki. Dazu werden zwei Episoden vorgestellt. Die erste handelt von einem Gefängnis im mexikanischen Bundesstaat Chihuahua, das nur der indigenen Bevölkerung „offensteht“, die so vor Ungerechtigkeiten beschützt wird und ihre kulturellen Traditionen weiter pflegen kann. Die zweite Episode betrifft ein Dorf im Süden Mexikos, das mit Beschluss der Dorfversammlung die Ansiedlung Evangelikaler Sekten abgelehnt hat, weil die Gemeinschaft katholisch geprägt ist und immer nur eine Zusammengehörigkeit binden kann. Dem westlichen Denken mag dies nicht gefallen, aber daraus wachsen nun mal die Kräfte, die nötig sind, um sich z.B. gegen die Ausbeutung der Bodenschätze durch ausländische Unternehmen zu wehren.

Die Soziale Arbeit ist in die Soziale Entwicklung einzubinden, sie „will und muss… eigene und selbsttragende Lösungen finden“ (Lutz/Stauss), woraufhin die Autoren ironischerweise an Community Work und Incoming Generating Projects erinnern. Letztere, in Form der Kleinkredite nach Yunus, werden aber auch als individualisierend kritisiert. Philipp Kumria diskutiert heftig die „Perspektiven der tansanischen Kleinbauern“, die sich freilich in den Fängen der Saatgut-Industrie verfangen haben, aus denen sich, so sein Fazit, kaum Fachleute der Agrarökonomie, geschweige denn Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen befreien können. Die Soziale Arbeit des Südens ist so Teil der komplexen Fragen von nachhaltiger Entwicklung, Entwicklungszusammenarbeit, mithin allein überfordert.

Graßhoff/Homfeldt/Schröer bauen schließlich mit ihrem Beitrag zum Thema „Transnationale Soziale Arbeit“ hohe Erwartungen auf. Zunächst ist für sie Soziale Arbeit keineswegs nur „Anwalt der Opfer …und Verlierer der Globalisierung“, sondern eine Akteurin der Globalisierung, über die Grenzen hinweg, wenn sie Unterstützung und Hilfe in der alltäglichen Lebensbewältigung organisiert. Welche Realität haben die Autoren da im Sinn? Die meisten Probleme, so räumen sie ein, werden immer noch in einem nationalen Kontext definiert. Dem „methodologischem Nationalismus“ entkommen sie auch dann nicht, wenn sie Transnationalisierung mit Faist als dichte, intensive und „grenzüberschreitende“ Beziehungen zwischen Personen und Gruppen vorgeben: Grenzen, die man überschreitet, bleiben nun mal Grenzen.

Friso Ross und Matthias Knecht schließen den Band mit zwei Übersichten ab, nämlich über alle Dokumente, die Menschenrechte, speziell die Rechte von Kindern konstituieren (sollen). Die Kontroversen dazu, etwa die Kritik an individualistischen respektive kollektivistischen Werten, und die Beweggründe der Staaten, die die Konventionen nicht unterzeichnet haben, werden kurz angesprochen, führen unmittelbar zur Indigenisierung zurück. Tatsächlich finden sich im Handbuch nur der knappe Artikel von Kniffki und einzelne Hinweise auf den kulturellen Faktor in anderen Beiträgen, darunter auch auf „Witwenverbrennung“. Welche Chance hat Soziale Arbeit in solchen Konflikten?

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Diskussion

Was als Handbuch firmiert, sollte sich nicht nur durch Umfang und Zahl der Beiträge, sondern durch Systematik auszeichnen. Das ist hier nicht ganz gelungen. Die Angaben zu den Autorinnen und Autoren sind teils karg, teils üppig. Die drei Gliederungspunkte sind recht allgemein gehalten, nichtssagend. Weshalb welche Beiträge dorthin und wie zustande kamen, erfahren wir nicht.

Unbestritten gehört zur Sozialen Arbeit der internationale Vergleich als quasi-experimentelle, wissenschaftliche Methode und Einladung zur kollegialen Reflexion. In diesem Band finden sich dazu jedoch neben der Einleitung nur wenige Hinweise, allenfalls abstrakte Überlegungen, sodass das Potenzial des Vergleichs weitgehend ungenutzt bleibt. Man denke nur an die Muster-Fälle (Case Vignettes. z.B bei Hetherington):ein typischer Fall aus der Kinder- und Jugendhilfe oder von „Domestic Violance“ wird für verschiedene (nationale, lokale) Systeme „durchgespielt“, und diese werden danach bewertet, wie wirksam sie sind und inwieweit Adaptionen strukturell und kulturell passen würden.

Das Schwergewicht dieses Bandes liegt in der Würdigung dessen, was als „transnationale Räume“ bezeichnet wird. Es geht nicht nur um die Mobilität und Migration, die Kommunikation über Staatsgrenzen hinweg, speziell die Netzwerke von Clans mit temporären Standorten in verschiedenen Ländern, sondern um die Lebensbedingungen, die weltweit herrschen und den Menschen im globalen Süden die Lebenschancen rauben. Diese Bedingungen werden in diesem Band breit, recht allgemein dargestellt: Armut, HIV, Klimakatastrophe, religiöser Fundamentalismus, Unterernährung, Gewalt… Der apodiktische Satz von Rehklau/Lutz „es müssen Ausbeutung, Armut und Hunger verringert werden“ zeigt das ganze Dilemma: Wer? Von wem? Was hat Soziale Arbeit dazu beizutragen? Wieso müssen „wir“ den Menschen im Süden sagen, was sie müssen? Verlangen diese globalen Probleme nicht mehr politische, wirtschaftliche, ökologische Expertise, allenfalls zivilgesellschaftliche und soziale Bewegungen, nicht so sehr soziale Dienste?

Fazit

Der vorliegende Band ist kein Handbuch, das die (!?) Soziale Arbeit in internationalen Beziehungen, in transnationalen Räumen, im globalen Süden speziell, systematisiert. Wie könnte dies auch sein, angesichts der engen und überaus komplexen Verflechtung mit den politischen Bedingungen der Globalisierung, der Marktbeherrschung der Konzerne, den Relikten der kulturellen Kolonialisierung? Die Autoren und Autorinnen unterstellen die Wirksamkeit der Profession. Das ist richtig. Es fehlen jedoch, von Hinweisen auf die Pädagogik der Unterdrückten und die Befreiungstheologie abgesehen, die Beispiele, die Fallstudien, die Erfolgsgeschichten. Wer könnte sie erzählen, wenn nicht die Aktiven der sozialen Bewegungen und die bürgerschaftlich engagierten Protagonisten des globalen Südens?


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.25492


Alle 121 Rezensionen von Wolfgang Berg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 11.12.2018 zu: Leonie Wagner, Ronald Lutz, Christine Rehklau, Friso Ross (Hrsg.): Handbuch internationale soziale Arbeit. Dimensionen - Konflikte - Positionen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3137-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24809.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung