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Hans Michael Straßburg, Winfried Dacheneder u.a.: Entwicklungsstörungen bei Kindern

Cover Hans Michael Straßburg, Winfried Dacheneder, Wolfram Kreß: Entwicklungsstörungen bei Kindern. Praxisleitfaden für die interdisziplinäre Betreuung. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2018. 6. Auflage. 415 Seiten. ISBN 978-3-437-22224-5. D: 64,99 EUR, A: 66,90 EUR.
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Thema

Bei Kindern, die chronisch erkrankt sind, verhindert – aus psychischer und/oder somatischer Sicht – die Erkrankung häufig eine normale Entwicklung. Die komplett aktualisierte und überarbeitete Auflage zu den wichtigsten dieser Entwicklungsverzögerungen und Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen deckt für dieses Thema prägnant, sehr gut strukturiert und übersichtlich die wichtigsten Themen der Entwicklungsneurologie, der Neuropädiatrie, Humangenetik, Psychologie, Physiotherapie, Logopädie, Heilpädagogik und weiterer alternativer Therapiemethoden ab. Die Beschäftigung mit Entwicklungsstörungen ist in diesem Buch ganzheitlich und interdisziplinär angelegt, sodass über die originäre Zielgruppe der Pädiater auch andere Berufsgruppen angesprochen werden.

Autoren

Prof. i.R. Dr. med. Hans Michael Straßburg war bis 2011 Professor für Kinder- und Jugendmedizin mit dem Schwerpunkt Neuropädiatrie an der Universitätskinderklinik Würzburg sowie Gründer und ärztlicher Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums „Frühdiagnosezentrum“ in Würzburg. Seit 2012 ist er stellvertretender Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

Winfried Dacheneder war bis 2016 im Zentrum für Körperbehinderte in Würzburg-Heuchelhof im Psychologischen Fachdienst und im Beratungs- und Kompetenzzentrum tätig.

Dr. rer. nat. Wolfram Kreß ist seit 2007 Akademischer Direktor am Institut für Humangenetik der Universität Würzburg. 

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 19 Kapitel.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In der Einführung (1) wird zuerst ein kurzer geschichtlicher Überblick über das Schicksal und die Betreuungskonzepte für Kinder mit Behinderung seit Hippokrates dargestellt. Grundbegriffe von normaler Entwicklung, von zielgerichteter Reifung im Rahmen der körperlichen und der geistig-seelischen Entwicklung werden dargelegt. Die sozialen und gesellschaftlichen Faktoren von Relevanz folgen. Auf diesem Überbau werden Entwicklungsstörungen, -auffälligkeiten, Intelligenzminderung und Behinderung definiert und sich dem Schwerpunkt des Buches genähert. Gesellschaftliche Betreuungsmöglichkeiten, Präventionsangebote und -konzepte, mit einem Exkurs zum sozialpädiatrischen Zentrum „Frühdiagnose-Zentrum“ Würzburg, welches ein Autor mit aufgebaut hat, sowie primäre, sekundäre und tertiäre Präventionsprogramme folgen. Die meisten Entwicklungsstörungen eines Funktionssystems sind mit unterschiedlich ausgeprägten Störungen anderer Bereiche verbunden, sodass die Frage der Mehrfachbehinderung und zu welchen Verarbeitungsmöglichkeiten und -strategien Patienten und deren Angehörigen zurückgreifen, folgend in den Fokus rückt.

Im Kapitel Die biologischen Grundlagen der Entwicklung (2) wird in Grundzügen die intrauterinere Gesamtentwicklung, die Entwicklung des Nervensystems, Grundfunktion der Nervenzelle, Rezeptoren und Neurotransmitter, die anatomischen Grundlagen der Hirnfunktionen, das motorische System, die Großhirnfunktionen sowie die Änderungen im Umgebungsmilieu nach der Geburt samt Apgar-Score dargestellt.

Im dritten Kapitel Beurteilung der normalen Entwicklung (3) nimmt die Darstellung der Entwicklung im 1. Lebensjahr mit der Spontanmotorik, der Interaktionsfähigkeit, mit Reflexen und Reaktionen einen großen Teil des Kapitels ein. Grenzsteine der Entwicklung, Elternfragebögen und die kinderärztliche Untersuchung werden bspw. dargestellt. Im zweiten Lebensjahr stehen die „Alarmsymptome“ in der kindlichen Entwicklung im Mittelpunkt. Kurz wird die Entwicklung von 4.-6. Lebensjahr, das Schulkindalter sowie das Jugendalter beschrieben. Die genaue Anamnese bei komplexen Fragestellungen, bei denen auf objektive, apparative Diagnostik nicht verzichtet werden kann, wird im vierten Kapitel „Apparative Zusatzuntersuchungen bei Kindern mit Entwicklungsauffälligkeiten“ erläutert. Dargestellt werden die Ultraschalldiagnostik, Elektroenzephalografie (EEG), Kernspintomograie (MRT), neurophysiologische Methoden sowie weitere Methoden, wie Röntgenuntersuchungen und Biopsien.

Das fünfte Kapitel, Entwicklungsauffälligkeiten im 1. Lebensjahr, stellt sehr kurz vier Beispiele des „neurologischen Durchgangssyndroms beim Säugling“ (S. 87) dar, weil in dieser Zeit eine Überdiagnostik für motorische Auffälligkeiten um das 5- bis 20-fache besteht, die zu Verunsicherungen bei Eltern, Ärzte und Therapeuten führen können. Da die Verfolgung des Körperwachstums einer der wichtigsten Parameter für die Beurteilung der Entwicklung und des Gesundheitszustandes eines Kindes darstellt, werden im sechsten Kapitel Störungen des Wachstums, Kleinwuchs, Mangelernährung, Großwuchs, Adipositas und Störungen der Geschlechtsentwicklung, insbesondere mit beschleunigter oder verzögerter Pubertätsentwicklung dargestellt.

Die „überwiegend motorischen Entwicklungsstörungen“ (7) stellen die infantile Zerebralparese (zerebrale Kinderlähmung), das Spina-bifida-Syndrom sowie Krankheiten mit Muskelhypotonien, insbesondere die wichtigste angeborene Muskelerkrankung Duchenne-Muskeldystrophie, vor.

Das Kapitel „Ursachen und Forme mentaler Entwicklungsstörungen und Mehrfachbehinderungen“ (8) stellt mit einem Umfang von fast 50 Seiten eines der längeren Kapitel dar. Aus medizinischer Sicht werden die wichtigsten Gruppen von Anlagestörungen und Krankheiten, die zu einer intellektuellen Entwicklungsstörung führen können, besprochen. Chromosomenanomalien, andere genetisch bedingte Syndrome und Stoffwechselstörungen werden genauso wie Hirnfehlanlagen, Hirnschäden (prä-, peri- und postnatal), Hormonstörungen, Epilepsien oder auch die Autismus-Spektrum-Störungen, umschriebene Entwicklungs- und Teilleistungsstörungen sowie Hochbegabung beschrieben.

Darauf folgend werden verschiedene Erkrankungen und Probleme, die mit den Entwicklungsstörungen im Zusammenhang stehen (9) dargestellt. Dazu zählen u.a. verschiedene Diagnosen aus der F-Region des ICD10, wie Enuresis, Enkopresis und ADHS. Auch organische Erkrankungen, wie Seh- oder Hörstörungen, finden Eingang, aber auch gesellschaftliche Thematiken wie Kindesmisshandlung. Da bei bis zu 50 % aller Entwicklungsstörungen im Kindesalter genetische Faktoren vorliegen, wie chromosomale Anomalien und monogen bedingte Erkrankungen, werden aktuelle Möglichkeiten der humangenetischen Diagnostik, zytogenetische und molekulargenetische Methoden in der Differenzialdiagnostik (10), im nächsten Kapitel dargestellt.

Das elfte Kapitel, Grundsätzliche Therapiemaßnahmen bei Entwicklungsstörungen, weist kurz auf ausgewogenes Essen, Impfungen und Körperbewegungen hin.

Das größte Kapitel des Buches stellt das 12. Kapitel, Psychologische Beurteilung und Grundsätze der Betreuung, dar. Vorgestellt werden wichtige entwicklungspsychologische Konzepte – von Piaget über neuropsychologische Ansätze mit verschiedenen Intelligenzmodellen. Der Fremd- und Eigenanamnese, Möglichkeiten der Beobachtung und Instrumenten der Verhaltensbeobachtung samt Testdiagnostik (und Testtheorie) wird Beachtung beigemessen. Die Diagnostik wird verfeinert in die Darstellung von Möglichkeiten von Entwicklungsdiagnostik, aber auch von Intelligenztests, Sprachentwicklungstests, Motoriktests, Schultests, neuropsychologischen Tests und projektiven Verfahren. Die Gesprächsführung bei der Diagnosemitteilung wird erörtert. Teilleistungsstörungen und umschriebene Entwicklungsstörungen wie Lese-Rechtschreib-Schwäche und die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsschwäche werden beschrieben. Einige Entwicklungsstörungen wie die Muskeldystrophie Duchenne oder auch die Trisomie 21 werden in Bezug auf o.g. Bereiche detaillierter beschrieben. Kurz werden die verschiedenen Therapieformen – Psychotherapie, Verhaltenstherapie und Familientherapie erklärt. Aufgaben, Tests, Förderung sowie verschiedene Konzepte werden im 13. Kapitel, Ergotherapie, vorgestellt.

Das 14. Kapitel, Logopädie, behandelt die Bedeutung der Sprachentwicklung, logopädische Nomenklatur und Diagnostik, Störungen des Sprechens, der Sprache und der Mundmotorik sowie verschiedene Therapieformen.

Ähnlich ist das Kapitel über Ergotherapie (15) aufgebaut: Nach Aufgaben selbiger werden verschiedene Konzepte und Krankheitsbilder dargestellt.

Grundlagen und Aufgaben der Heilpädagogik (16), der Beurteilung und Betreuung sowie verschiedene pädagogische Konzepte stehen dem folgend im Fokus.

Neben diesen Konzepten werden einige alternative Therapiemethoden (17) wie auch physikalische Therapiemethoden, und globale Behandlungskonzepte und Behandlungsmethoden dargestellt.

Viele Eltern von Kindern mit Entwicklungsstörungen benötigen kompetente Rechts- und Sozialberatung (18). Eine Übersicht über die Struktur des Krankenversicherungs- und Versorgungssystems, der Pflegeversicherung, der Betreuungsmöglichkeiten für Kinder mit Entwicklungsstörungen wie auch der Erziehungshilfen erfolgt.

Im Kapitel 19, Ethische und rechtliche Probleme, werden die Grenzen ärztlichen Handelns, die ärztliche Pflicht zur Aufklärung und gutachterliche Probleme aufgezeigt.

Im Anhang findet sich noch eine Beschreibung von sozialpädiatrischen Zentren, Adressen wichtiger Selbsthilfegruppen und Kontaktstellen sowie wissenschaftlicher Gesellschaften, Literatur zu den wichtigsten Themenbereichen sowie ein Register.

Diskussion

Das Buch stellt komprimiert das ganze Spektrum der Diagnostik und Therapie von kindlichen Entwicklungsstörungen ab. Von besonderem Interesse sind die eingearbeiteten Beispiele, z.B. bei der Humangenetischen Beratung sowie auch sehr gute und aktuelle Grafiken. Es ist ein zumeist sehr praktisch medizinisch und psychologisch orientiertes Buch; ein Spiegelbild dessen, dass es sich eher an Mediziner, Psychologen, und Sozialpädagogen richtet.

Fazit

Das in sechster Auflage unter neuropädiatrischer Führung entstandene Buch beleuchtet kindliche Entwicklungsstörungen, jeweils von medizinischer, psychologischer und humangenetischer Seite. Das Spektrum reicht von biologischen Grundlagen über aktuelle Diagnoseverfahren, zytogenetische Untersuchungen oder psychologische Testbatterien bis hin zu Alternativtherapien und Pflegeversicherung. Es bietet eine übersichtliche Darstellung von Gesamtzusammenhängen und Ursachen an. Für alle, die sich beruflich mit den Aspekten von Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungsstörungen beschäftigen, ist dies ein gutes Einstiegs- und Nachschlagewerk.


Rezensentin
Dr. Sandra Lentzen
Kinder- und Jugendpsychotherapeutin
Homepage www.psychotherapiepraxis-lentzen.de
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Zitiervorschlag
Sandra Lentzen. Rezension vom 04.03.2019 zu: Hans Michael Straßburg, Winfried Dacheneder, Wolfram Kreß: Entwicklungsstörungen bei Kindern. Praxisleitfaden für die interdisziplinäre Betreuung. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2018. 6. Auflage. ISBN 978-3-437-22224-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24813.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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