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Julia Reif, Erika Spieß u.a.: Effektiver Umgang mit Stress

Cover Julia Reif, Erika Spieß, Peter Stadler: Effektiver Umgang mit Stress. Gesundheitsmanagement im Beruf. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. 176 Seiten. ISBN 978-3-662-55680-1. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 26,53 sFr.

Reihe: Die Wirtschaftspsychologie.
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Thema

Dieses Buch orientiert sich an aktuellen Erkenntnissen aus Wissenschaft und Praxis, die aufzeigen, was beruflicher Stress bewirkt und Vorschläge entwickeln, wie Menschen besser mit Stress umgehen können. Die Autor*innen führen klassische und aktuelle Erkenntnisse aus der psychologischen Stressforschung zusammen und verdeutlichen, was Stress ist und das damit verbundene komplexe Ursachengefüge anhand eines eigenen praxisrelevanten Models. Sie zeigen auf, wie positiv sich gefährdungsfreies Arbeiten auf das Wohlbefinden und die Motivation der Mitarbeiter*innen auswirkt und wie es Unternehmen und Führungskräften gelingen kann, eine humanere Arbeitswelt zu gestalten.

Sie bieten zahlreiche Fall- und Praxisbeispiele, Checklisten, Fragebögen, Ansätze zur Gestaltung sowie Tipps und Tricks, wie eine Arbeitsatmosphäre geschaffen werden kann, in der Menschen ohne gesundheitliche Schädigung und psychische Gefährdungen arbeiten können.

Zielgruppen sind alle, für die ein effektiver Umgang mit Stress von Bedeutung ist, d.h. Führungskräfte, Betriebsrät*innen, Arbeitsschutzakteur*innen, Mitarbeiter*innen, betriebliche Expert*innen und Studierende.

Autorinnen und Autor

Julia Reif Dr. phil. ist Mitarbeiterin am Lehrstuhl Wirtschafts- und Organisationspsychologie, Department Psychologie, Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie forscht und lehrt zu Verhandlungen und Verhandlungsinitiierung, Prozessannahmen von Mitarbeitern, Adaptivität von Teams, sowie zu sozialen Beziehungsorientierungen und ökonomischen Entscheidungen.

Erika Spieß ist apl. Prof., Dr. phil., habil., Dipl. -Psychologin und Akademische Rätin am Lehrstuhl Wirtschafts- und Organisationspsychologie, Department Psychologie, Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie publiziert u.a. zu den Themen Gesundheit in Organisationen, interkulturelles Handeln in wirtschaftsnahen Kontexten und kooperatives Handeln in Organisationen.

Peter Stadler, Dr. phil., ist Dipl.-Psycholog und tätig am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und in der Organisationsberatung. Er forscht und veröffentlicht zu psychischen Faktoren in der Arbeitswelt und zu gesundheitsbezogenen Themen. 

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 12 Kapitel:

  1. Stress verstehen
  2. Quellen von Stressoren
  3. Psychologische Modelle zu Stressoren und stressenden Situationen
  4. Wahrnehmung und Bewertung von Stressoren
  5. Ressourcen als Puffer
  6. Psychologische Modelle zu Anforderungen und Ressourcen
  7. Reaktionen auf Stress – Stress als Reaktion
  8. Stress bewältigen
  9. Erholung
  10. Stressoren identifizieren – die Gefährdungsbeurteilung
  11. Praxisbeispiele: betriebliche Maßnahmen zur Stress- und Belastungsreduktion
  12. Zusammenfassung und Ausblick.

Die Autor*innen definieren im Kapitel 1 zunächst ihr Konzept von Stress. Auch wenn Stress grundsätzlich in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen entstehen kann, wird Arbeit in Deutschland als häufigster Stressfaktor genannt, auf Platz zwei folgen die Ansprüche, die Menschen an sich selbst stellen, an dritter Selle zu viele Termine und Verpflichtungen in der Freizeit (2). Anliegen der Autor*innen ist es, anhand zahlreicher praktischer Beispiele ebenso wie wissenschaftlicher Erkenntnisse das Phänomen des Stresses zu beschreiben, Ursachen zu finden und vor allem auch Maßnahmen vorzuschlagen, wie ein konstruktiver Umgang mit Stress aussehen kann. Dabei orientieren sie sich an einem übergreifenden Stressmodell. Sie definieren dabei Stress wie folgt: „Stress ist ein Zustand des Organismus, bei dem als Ergebnis einer inneren oder äußeren Bedrohung das Wohlbefinden als gefährdet wahrgenommen wird. In der Arbeitspsychologie wird zwischen Belastung und Beanspruchung unterschieden … Unter Belastungen werden von außen auf die Menschen einwirkende Größen verstanden, während Beanspruchungen die subjektiven Folgen der Belastungen für den Einzelnen bedeuten (6). Stress bedeutet also eine unangenehme Anspannung, weil man befürchtet, dass eine aktuelle oder bald eintretende Situation, die lange andauert, einen Widerwillen hervorruft und man diese Situation nicht komplett kontrollieren und beseitigen kann, obwohl man es gerne vermeiden möchte“ (9).

Kapitel 2 zeigt auf, dass Stressoren sich aus vielen unterschiedlichen Quellen speisen können, zum Beispiel aus der Person oder aus der sozialen Umwelt. Sie arbeiten heraus, dass an der Schnittstelle zwischen Person und sozialem Umfeld Rollenstressoren entstehen können; es gilt jedoch auch Stressoren aus der physikalisch-technologischen Umwelt zu berücksichtigen, wie Hitze oder Lärm. Eine Schnittmenge zwischen sozialer Umwelt und physikalisch technischer Umwelt stellt der sogenannte Verhaltensraum dar, in dem Stressoren wie zum Beispiel das Crowding entstehen können, weil sich etwa viele Menschen an einem Platz befinden. Für das Individuum können sich Stressoren aus einer Arbeitsaufgabe ergeben und zu Unter- oder Überforderung führen. Organisationen befinden sich in einer Schnittstelle zwischen Person, sozialer und physikalisch-technologischer Umwelt. Relevante Stressoren hier können Umstrukturierungen oder andere Veränderungsprozesse darstellen.

Kapitel 3 präsentiert verschiedene empirische psychologische Erklärungsmodelle für die Wirkweise von Stressoren auf Motivation, Gesundheit und Wohlergehen von Beschäftigten wie zum Beispiel das Personen-Environment-FIT-Modell aus den frühen 70er Jahren von French und anderen, das Job-Demand-Modell, das von Karasek Ende der 70er Jahre entwickelt wurde, und das Modell der beruflichen Gratifikationskrisen, das Johannes Siegrist Ende der 90er Jahre vorlegte.

Kapitel 4 widmet sich dem Phänomen, dass Individuen unterschiedlich auf verschiedene Stressoren reagieren, denn die Entstehung von Stress hängt von der subjektiven Wahrnehmung und Bewertung von Stressoren ab. Die Autor*innen beziehen sich in diesem Kontext auf das Transaktionale Modell und das Kybernetikmodell. Insbesondere das Transaktionale Stressmodell von Lazarus und Volkmann aus dem Jahre 1984 ist für sie von besonderer Bedeutung, welches Stress als Ungleichgewicht zwischen Person und Umwelt sieht. Es beruht auf der Annahme, dass wenn ein Stressor aus der Umwelt als bedrohlich wahrgenommen wird, sich die Frage ergibt, ob die Person über die notwendigen Ressourcen verfügt, um stressbedingten Befindens- und Gesundheitsbeeinträchtigung vorzubeugen. Dabei unter anderem auch der kulturelle Hintergrund aller Personen eine besondere Bedeutung. Die Autor*innen nehmen hier u.a. Bezug auf die klassische Unterscheidung in der Kollektivistische und individualistische kulturelle Gruppen (51).

Kapitel 5 stellt die Beschäftigung mit Ressourcen in den Mittelpunkt. Es wird besondere der Blick darauf gelenkt, aus welchen Quellen die Ressourcen stammen, die geeignet sein könnten, die negativen Auswirkungen von Stress auf Körper, Denken, Fühlen und Verhalten abzupuffern bzw. transformieren zu können. Solche Ressourcen können zum Beispiel aus der Person selbst stammen (zum Beispiel Kohärenzerleben oder Selbstwirksamkeit), aus der sozialen Umwelt (zum Beispiel soziale Unterstützung, gesundheitsförderliche Führung) oder aus der Arbeitsaufgabe (zum Beispiel Vollständigkeit). Ressourcen können aber auch aus dem Behavioural Setting stammen (68), zum Beispiel gut organisierte Teamarbeit oder aus der Organisation, zum Beispiel in Gestalt unterstützender passgenauer Weiterbildungsangebote.

Kapitel 6 präsentiert verschiedene psychologische Modelle zu Ressourcen, wie das Job-Demand-Modell und die Theorie des Ressourcenerhalts. Dieses geht auf Hobfoll (2001) zurück und geht davon aus, dass Menschen grundsätzlich danach streben, behandele Ressourcen zu schützen und neue aufzubauen. Diese Ressourcen tragen direkt oder indirekt dazu bei, das Leben zu sichern und Stress entsteht dadurch, dass ein Verlust dieser Ressourcen droht, vorhandene Ressourcen tatsächlich verloren gehen oder es einer Person nicht gelingt, nach einem Einsatz vorhandene Ressourcen wieder aufzubauen (78).

Kapitel 7 erläutert verschiedene Reaktionen auf Stress und stellt ein Modell zur Stressreaktion vor. Hier spielt das Thema kritische Lebensereignisse als Ursache für Stress eine besondere Rolle. Sie nehmen hier unter anderem Bezug auf Holmes und Rahe (1967): „Diese hatten eine Liste von Lebensereignissen entwickelt, die bei jedem Menschen Stress auslösen können, wenn sie gehäuft auftreten. Basierend auf empirischen Daten ermittelten sie für jedes dieser kritischen Lebensereignisse ein Stressausmaß (Stresspunkte). Die individuellen Anpassungsmöglichkeiten werden überschritten, wenn man innerhalb eines Jahres über 300 Stresspunkte erreicht.“ (86). Diesen Ergebnissen stellen sie die Ergebnisse von Scully und anderen gegenüber, die 30 Jahre später erneut das Stressausmaß kritischer Lebensereignisse ermittelte und einige deutliche Unterschiede feststellten (86). Burnout wird als ein Beispiel einer längerfristigen Stressfolgen (auf der Basis der Annahmen von Hans Selye) ausführlicher beschrieben. Außerdem werden die Konsequenzen von Stress für alle Organisationen erläutert.

Kapitel 8 präsentiert Strategien die gleichermaßen wissenschaftlich fundiert und handlungsorientiert sind, wie sich Stress vermeiden lässt, wie vorhandener Stress abgebaut werden kann und welche Optionen es gibt, mit negativen Folgen von Stress umzugehen. Die Autorinnen verweilen dabei nicht nur auf der individuellen Ebene, sondern beziehen dabei auch den Arbeitskontext ein.

Kapitel 9 widmet sich dem Thema Erholung. Erholung wird dabei verstanden als: „derjenige Prozess, der den Stressprozess (d.h. den Auswirkungen von Stress auf die Person) entgegenwirkt. Durch Erholung werden die negativen Auswirkungen von Stressoren wieder rückgängig gemacht oder zumindest abgemildert. Eine erfolgreiche Erholung führt dazu, dass unsere ‚Batterien‘ wieder aufgeladen werden und so unser Wohlbefinden und auch unsere Leistungsfähigkeit wiederhergestellt werden.“ (132).

Kapitel 10 stellt die Gefährdungsbeurteilung und in diesem Zusammenhang die Identifikation von Stressoren in den Mittelpunkt der Betrachtungen. dabei werden sowohl rechtliche Aspekte einbezogen als auch konkrete Vorschläge für die Ermittlung und Prävention von Stress im Arbeitskontext unterbreitet. Ein detailliertes Konzept für eine Gefährdungsbeurteilung in Bezug auf Stress im beruflichen Kontext mit konkreten Vorschlägen für einen Ablauf und Tools wird präsentiert.

Kapitel 11 präsentiert Praxisbeispiele dafür wie konkret betriebliche Maßnahmen zur Stress- und Belastungsreduktion in Unternehmen unterschiedlicher Größe, von kleinen über mittlere bis zum hin zu Großunternehmen, gestaltet werden können. Beispielhaft wird unter anderem ein Beispiel aus der stationären Altenpflege eingebracht, aber auch aus Dienstleistungsorganisationen.

Kapitel 12 liefert eine knappe übersichtliche Zusammenfassung der elf vorangegangenen Kapitel und einen Ausblick.

Diskussion und Fazit

Das Buch bietet – wie es der Titel verspricht – wichtige Hintergrundinformationen zum Thema effektiver Umgang mit Stress. Es verbindet in angemessener und spannender Weise theoretische Erkenntnisse und Anwendungs- und Handlungsorientierung. Stets werden auch sowohl die individuelle wie auch die organisationale Ebene im Blick behalten.

Sehr positiv hervorzuheben ist auch zumindest das Bemühen der Autor*innen, konsequent auch die kulturelle Dimension zu berücksichtigen (28 f.) und in ihre Betrachtungen einzubeziehen, dass bestimmte Phänomene auch kulturellen Prägungen unterworfen sind. Etwas problematisch ist aber in diesem Zusammenhang schon, dass sie dabei zum Teil auf Konzepte Bezug nehmen, die zwischenzeitlich als überholt oder als zumindest umstritten gelten, wie das Konzept der kulturellen Distanz aus den 80er Jahren (28) oder die Unterscheidung zwischen kollektivistischen oder individualistischen Kulturen (51).

Ebenfalls positiv hervorzuheben ist das Bemühen der Autor*innen, durchgängig die individuelle und die organisationale Perspektive beizubehalten, auch im Hinblick auf konkrete Umsetzungsvorschläge, Übungen, Checklisten, Praxisbeispeile etc.

Die zahlreichen Schaubilder und Fotos sind einige gute und inspirierende Ergänzung.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 19.02.2019 zu: Julia Reif, Erika Spieß, Peter Stadler: Effektiver Umgang mit Stress. Gesundheitsmanagement im Beruf. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. ISBN 978-3-662-55680-1. Reihe: Die Wirtschaftspsychologie.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24820.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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