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Julia Böcker: Emotionsfokussierte Therapie

Cover Julia Böcker: Emotionsfokussierte Therapie. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2018. 176 Seiten. ISBN 978-3-95571-731-5. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR.

Reihe: therapeutische Skills kompakt - Band 15.
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Thema

Das Buch vermittelt eine praxisnahe Einführung in die Emotionsfokussierte Therapie (EFT). Für die EFT sind Emotionen der zentrale Bezugspunkt. Eingebettet in die therapeutische Beziehung werden Klient*innen unterstützt, sich seinem schmerzhaften emotionalen Erleben bewusst und akzeptierend zuzuwenden und dieses auszudrücken und zu reflektieren. Der Band vermittelt für das praktische Handeln relevante Grundlagen und Konzepte. Fallbeispiele und Praxistipps erleichtern das Verständnis der zentralen Interventionsprinzipien.

Autorin

Julia Böcker ist als Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis in Wuppertal und als Ausbilderin am Institut für Emotionsfokussierte Therapie in München tätig.

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint in der Reihe Therapeutische Skills kompakt im Junfermann Verlag. Gestärkt werden soll die Verbreitung der Emotionsfokussierten Therapie.

Aufbau

Nach einem Vorwort von Lars Auszra und Imke Hermann und einer Einleitung werden im ersten Teil des Buchs die Wurzeln der EFT, neuroaffektive Grundlagen, die Bedeutung der Emotionen im Therapieprozess, das Verständnis von Dysfunktionen aus der Perspektive der EFT, Emotionstypen und zentrale Prinzipien der therapeutischen Handelns beschrieben. Im zweiten Teil werden Interventionen, die in der EFT als Aufgaben bezeichnet werden, anhand von theoretischen und praktischen Hinweisen und kleinen Beispielen vorgestellt. Im Mittelpunkt des Buches stehen die Thematisierung des therapeutischen Prozesses, die Vorstellung dialogischer Interventionen und die Arbeit mit Stuhl-Dialogen. Das Buch schließt mit kurzen Anmerkungen über Indikation und Kontraindikation, Hinweisen zur Forschung und einem Index. Die Kapitel beginnen jeweils mit einem Zitat und schließen jeweils mit einer Zusammenfassung.

Inhalt

Das 176-seitige Buch gliedert sich in 14 meist kleinere Kapitel. Nach der Einleitung werden im ersten Kapitel in sehr kurzen Kapiteln die Wurzeln und Grundkonzepte der EFT vorgestellt. Hierzu gehören die humanistischen Psychotherapien, die Gesprächstherapie, dass Focussing, und die Gestalttherapie.

Im zweiten Kapitel wird kurz auf neuroaffektive Grundlagen dieser Therapieform eingegangen

Im dritten Kapitel (Theorie über die menschliche Funktionsweise) werden verschiedene theoretische Hintergründe zusammengetragen. Emotionen werden in der EFT als grundsätzlich adaptiv angesehen, diese helfen Menschen komplexe Situationen schnell und automatisch zu verarbeiten, geben Hinweise auf Bedürfnisse, motivieren das Handeln und beeinflussen nachfolgende kognitive Verarbeitungsprozesse. Bestandteil dieses Konzeptes sind somatische Marker. Angenommen wird, dass dysfunktionale emotionale Schemata durch inkonsistentes Einfühlungsvermögen primärer Bezugspersonen, übertriebene Gefühlsbekundungen und wiederholte Traumata entstehen.

Um diese Funktionen zu beschreiben vertritt die EFT einen phänomenologischen und prozessorientierten Ansatz, in dem von einem Mangel an emotionalem Gewahrsein ausgegangen wird. Dies verhindere adaptive Verhaltensweisen und führe zu einer Entfremdung von sich selbst. Über entsprechende Konstruktionen könne dies zu Dysfunktionen führen. Schwierigkeiten bei der Bedeutungskonstruktion könnten entstehen, wenn nicht über wichtige Lebensereignisse gesprochen würde oder diese in ihrer Bedeutung für das eigene Leben nicht verstanden und eingeordnet werden. Dysfunktionen entstehen weiterhin durch Störungen der Emotionsregulation.

Im vierten Kapitel beschäftigt die Autorin sich mit verschiedenen Emotionstypen und dem passenden therapeutischen Umgang. Unterteilt werden folgende Emotionstypen: primär adaptive (erste spontane Reaktionen auf Situationen, die uns ermöglichen adäquat auf diese zu reagieren), primär maladaptive (diese basieren auf problematischen Lernerfahrungen und waren in der Vergangenheit Überlebensstrategie, heute seien sie belastend und problematisch), sekundärreaktive Emotionen (diese seien eine Reaktion auf primäres emotionales Erleben und überdecken dieses. Die Klienten würden jammernd, klagend, resigniert hoffnungslos oder sarkastisch erscheinen) und instrumentelle Emotionen („Instrumentelle Emotionen müssen bewusst gemacht und ihre Funktion herausgearbeitet werden. Klienten sollen sich hierüber ihrer 'eigentlichen' Ziele und Bedürfnisse in Beziehungen klar werden, um diese auf authentische Weise zeigen zu können.“ S. 48) Die Unterscheidung dieser Emotionstypen wird nicht literaturbasiert hergeleitet.

Anschließend werden im fünfen Kapitel verschiedene emotionale Verarbeitungsprozesse der Klienten thematisiert. Beispielsweise wird ausgeführt, (S. 58) dass das Ziel der EFT sei, dass die Klienten ihr Gefühlserleben als zu ihrer Persönlichkeit gehörend akzeptieren.

Im sechsten Kapitel werden therapeutische Fertigkeiten und Prinzipien zusammengefasst. Diese umfassen die Kompetenz, die in Klienten ablaufenden emotionalen Prozesse wahrzunehmen und in ihrer Güte für den Verarbeitungs- und Veränderungsprozess einzuschätzen. Zum therapeutischen Handeln gehört die Beachtung para- und nonverbaler Zeichen des emotionalen Ausdrucks, der Körperhaltung, Mimik und oder der Qualität der Stimme.

Im siebten Kapitel über die therapeutische Allianz betont die Autorin die Präsenz der Therapeut*in als zentrale Voraussetzung um eine starke veränderungsförderliche Beziehung zur Klientin aufzubauen. Thematisiert wird weiterhin die Bedeutung der Selbstöffnung des Therapeuten gegenüber den Klient*innen.

Nachdem im achten Kapitel nochmals eine Zusammenfassung erfolgt beginnt das neunte Kapitel („Der therapeutische Prozess“) mit der Vorstellung der praktischen Grundlagen. Der therapeutische Prozess gliedert sich in drei Phasen therapeutischen Handelns: erstens dem Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung und Förderung des emotionalen Bewusstseins, zweitens einem Aktivieren emotionalen Erlebens und Zugänglichmachen zentraler emotionaler Schemata und drittens der Transformation maladaptiver emotionaler Schemata und der Konstruktion eines neuen Selbst-Narrativs.

Im umfangreichen zehnten Kapitel werden verschiedene dialogische Interventionen und deren Konzeptionierung vorgestellt. Erneut wird die Bedeutung der Empathie betont.

Im elften Kapitel wird anhand von beispielhaften Fallskizzen und Dialogen ausführlich die Methode des Zwei-Stuhl-Dialogs vorgestellt. Erwähnt wird, dass der Zwei-Stuhl-Dialog in der Arbeit mit Täterintrojekten kontraindiziert sei. Allerdings wird nicht näher ausgeführt, wie ein Umgang hiermit im Kontext der TFT möglich sein könnte.

In den abschließenden Kapiteln werden Kurzindikationen und Kontraindikationen und Anmerkungen zur Forschung angefügt. Das Buch schließt mit dem Inhaltsverzeichnis und einem Index.

Diskussion

Julia Böcker gibt in ihrem Buch eine Übersicht über die Emotionsfokussierte Therapie. Manche Themen werden nur kurz angesprochen (zum Beispiel die Gesprächspsychotherapie auf zwei Seiten, die Gestalttherapie auf 1,5 Seiten), andererseits wird die Bedeutung der Emotionen für den therapeutischen Prozess ausführlich thematisiert. Im Text wird nur selten Bezug auf Quellen genommen, viele Aussagen werden meines Erachtens gesetzt und nicht argumentativ hergeleitet begründet. Beispiel (Seite 41f): „Auf Gewalt und Missbrauch mit Angst und Ekel zu reagieren ist adaptiv. Wer freundliche Zuwendung nur dann erhielt, wenn er vorher verprügelt oder missbraucht wurde, wird die Erfahrung von Gewalt und Zuwendung miteinander verknüpfen. Im weiteren Lebensverlauf wird er abweisend, angeekelt oder ängstlich auf Freundlichkeit reagieren, egal, von wem er sie entgegengebracht bekommt.“ Solche Aussagen sind meines Erachtens zu wenig im Konjunktiv formuliert und lassen zu wenig Raum für andere Interpretationen.

Überzeugend fand ich den Überblick im siebten Kapitel über die bedeutenden therapeutischen Fertigkeiten und Prinzipien.

Nicht deutlich wird für mich, bei welchen Klient*innen und bei welchen Problemen eine Emotionsfokussierte Therapie angewendet werden sollte. Hier wird zum einen nicht ausgeführt, welcher Therapiebegriff genutzt wird. Bezieht sich dieser auf die Psychotherapie? Wenn ja, ist es sinnvoll den Schwerpunkt ausschließlich auf die Emotion zu richten? Wenn nein, ist dies erst recht ein Grund die Bedeutung insbesondere sozialer Faktoren für die Entstehung von problematischen Phänomenen zu thematisieren. Somit hätte besser deutlich werden sollen, bei welchem Klientel, bei welchen Problemen eine Fokussierung der Emotionen ausreichend ist. Die Autorin geht m.E. nicht von den Problemen der Klientinnen aus, sondern beschreibt eine Therapieform, die sicherlich für viele, aber eben längst nicht alle Klient*innen passend sein wird.

Die fehlende Beachtung sozialer Faktoren zeigt sich auch bei einem anderen Punkt: Die Autorin erwähnt zu Beginn (Seite 21), dass ein Teil der Probleme von Menschen mit denen sich die Emotionsfokussierte Therapie beschäftigt durch das Aufwachsen in der westlichen Kultur verursacht wird. Dies seien insbesondere die Probleme der Missachtung von Emotionen und der Ungeduld mit psychischem Unwohlsein. Die hier angedeutete gesellschaftskritische Perspektive greift zu kurz und wird im Buch nicht mehr aufgenommen. Auf soziale Faktoren und deren Bedeutung für die Psyche und die Emotionen wird nicht eingegangen. Somit werden mit der Bedeutung und notwendigen Betonung der Emotionalität andere bedeutsame Faktoren und Hintergründe für die Entstehung gerade dieser Probleme nicht ausreichend berücksichtigt und in den Therapieverlauf integriert.

Fazit

Den LeserInnen bietet dieses Buch einen anschaulichen und theoretisch fundierten, jedoch manchmal redundanten Überblick über die Emotionsfokussierte Therapie. Nicht vermittelt wird, wann diese Therapieform weniger geeignet ist.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 21.01.2019 zu: Julia Böcker: Emotionsfokussierte Therapie. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2018. ISBN 978-3-95571-731-5. Reihe: therapeutische Skills kompakt - Band 15.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24821.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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