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Peter R. Wellhöfer: Gruppendynamik und soziales Lernen

Cover Peter R. Wellhöfer: Gruppendynamik und soziales Lernen. Theorie und Praxis der Arbeit mit Gruppen. UTB (Stuttgart) 2018. 5., bearbeitete Auflage. 237 Seiten. ISBN 978-3-8252-5064-5.

Reihe: UTB - UTB-Nr. 2192.
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Thema

Heute werden Gruppendynamik, Gruppenarbeit, lebendiges Lernen, Interaktions- und Kommunikationstraining („neben anderen modernen Begriffen“) im Zusammenhang mit unterschiedlichsten Aktivitäten im Bildungsbereich „ausgiebig diskutiert“, schrieb Peter R. Wellhöfer schon 1992 in seinem Vorwort zum vorliegenden Buch. Und er fuhr fort: „Dies zeigt, wie stark Dozenten, Lehrer, Verhaltenstrainer, Gesprächsmoderatoren und Gruppenleiter bei ihrer Arbeit mit unterschiedlichen Gruppen Problemen konfrontiert und häufig verunsichert werden, da sie meist nur auf ‚individuelles‘, ‚vernünftiges‘ Verhalten vorbereitet sind. Menschen, die mit Gruppen arbeiten, haben oft ein subjektives Gefühl für die Phänomene im ‚sozialen Kraftfeld‘ entwickelt, wissen aber häufig nicht, wie sie dieses ‚Gespür‘ methodisch und pädagogisch sinnvoll einsetzen können“ (S. 6).

So beginnt „der Wellhöfer“ auch in der vorliegenden 5. Auflage, im Vorwort immer noch unverändert seit 1995. Wellhöfers Lehrbuch zur Gruppendynamik und Gruppenarbeit gilt vielen, die mit Gruppen arbeiten seit 1992 als das Werk- und Arbeitsbuch für die didaktisch-reflektierte und methodisch-abgestützte Gestaltung sozialen Lernens in Gruppenprozessen.

Autor

Peter Wellhöfer (verstorben im August 2012) war Dipl.-Psychologie und Professor für Psychologie und Sozialwissenschaftliche Methoden und Arbeitsweisen an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg.

Aufbau und Inhalt

Peter Wellhöfer hat die vierte Auflage seines Werkes noch vor seinem Tod 2012 in überarbeiteter Fassung vorgelegt. 2018 hat sich der Verlag „entschlossen, diesen Band in einem größeren Format neu aufzulegen“ (S. 5). Die Ziele sind seit der ersten Auflage 1992 unverändert: „Der Wellhöfer“ möchte der Leser*innenschaft „die zentralen Ergebnisse der Gruppenpsychologie vermitteln“, durch Spiele und Übungen erlebbar machen, „ein Konzept für die aktive Arbeit und der Inhalte in Gruppen vorstellen“ und „praktische Hinweise für die Planung von Gruppenarbeit liefern“ (S. 6).

Die Struktur des Bandes ergibt sich aus diesem Anspruch; auch die 5. Auflage folgt in Aufbau und Darstellung im Kern der Erstauflage, ist aber sowohl sprachlich wie grafisch moderner geworden:

  • Unter der Überschrift „Das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gruppe“ führt der Verfasser im ersten Kapitel (S. 13 – 20) unter anderem – sehr kurz – in die Feldtheorie Kurt Lewins ein, auf die sich er sich im Folgenden immer wieder indirekt und direkt bezieht.
  • Das zweite Kapitel (S. 21 – 33) behandelt die Entwicklungspsychologie der Gruppe, die Phasen der Gruppenentwicklung, Rollenverhalten und Rollentheorie.
  • Im dritten Kapitel 3 – „Interaktion und Kommunikation“ (S. 35 – 64) – nimmt Wellhöfer unter anderen die Kommunikationstheorie der Palo-Alto-Schule (Gregory Bateson, Paul Watzlawick u.a.) in Bezug auf die Gruppenentwicklung in den Blick.
  • Das vierte Kapitel (S. 65 – 117) nimmt spezielle Aspekte der Gruppendynamik in den Blick und greift dabei insbesondere den Einfluss der Gruppenleitung auf das Gruppengeschehen, Konflikt und Konfliktmanagement auf.
  • Unter der Überschrift „Lernprozesse in Gruppen“ werden im fünften Kapitel auch die Lernprinzipien in sozialen Gruppen behandelt (S. 119 – 134), z.B. das klassische Konditionieren, das operante Konditionieren oder sozial-kognitive Lernprozesse.
  • Im sechsten Kapitel (S. 135 – 142) werden – nach meinem Geschmack zu kurz – die Eckpunkte der Themenzentrierten Interaktion (TZI) behandelt – zu kurz, weil damit die Relevanz des Konzepts für vielfältige Gruppenprozesse und Formen der Arbeit mit sozialen Gruppen meines Erachtens ausgeblendet bleiben (vgl. dazu z.B. Langmaack 2009).
  • Das siebte Kapitel – „Planung und Moderation von Gruppenaktivitäten“ (S. 143 – 178) – kann als das zentrale Kapitel des vorliegenden Bandes betrachtet werden. Peter Wellhöfer diskutiert hier, welche Punkte bei der Planung von Gruppenaktivitäten zu berücksichtigen sind, welche Moderationstechniken für die Gruppenarbeit sich anbieten und welche Methoden für die Gruppenarbeit sich als sinnvoll erweisen. Er schrieb dazu, das hier die Aspekte dargestellt werden, „die bei der Planung von Gruppenveranstaltung zu berücksichtigen sind, damit unerwartete Überraschungen vermieden werden können“ (S. 143).
  • „Gruppendynamik als angewandte Sozialpsychologie“ ist der Gegenstand der achten Kapitels (S. 179 – 202). Hier behandelt der Autor schließlich einige Beispiele aus praktischen Gruppenkontexten, so z. B aus der kollegialen Beratung oder einem sozialen Kompetenztraining. In der letzten von ihm persönlich editierten Ausgabe konnte er bereits auf Aspekte virtueller Gruppenkommunikation Bezug nehmen und Momente des blended learnings einbeziehen.
  • Das abschließende neunte Kapitel enthält Materialien zu einzelnen Übungen zum Thema Kommunikation, zur Kooperation, zu Denkspielen und Material zum Basisseminar „Gesprächsführung“, präsentiert zum, Teil in Form von kopierfähigen Vorlagen, zum, Teil als Lösungsvarianten für im Text eingebrachte Aufgaben (S. 203 – 220).

Ein Literaturverzeichnis über zehn Seiten sowie ein Personen- und ein (hilfreiches) Sachverzeichnis vervollständigen den Band. Einschränkend muss aber festgestellt werden, dass sich das Literaturverzeichnis auf einen Stand überwiegend bis zur Jahrtausendwende beschränkt, ergänzt nur um eine übersichtliche Zahl von Veröffentlichungen bis in das Jahr 2011.

Diskussion

Insgesamt ist die Literatur zur Gruppenarbeit, insbesondere zur Sozialen Gruppenarbeit als Methode der Sozialen Arbeit, recht übersichtlich. In den vergangenen fünf Jahren sind nur wenige neue und insbesondere einführende und relevante Zusammenhänge erklärende Titel erschienen (z.B. Edding/​Schattenhofer 2009 und 2015, Behnisch/Lotz/Maierhofer 2013, Freigang 2018, Simon/​Wendt 2019). Insofern bleibt „der Wellhöfer“ auch weiter für die praktische Gruppenarbeit unverzichtbar. Die Anregungen zu Spielen und Übungen sind eben nicht in die Jahre gekommen. Das hilft zugleich auch, sich der Herkunft und den Traditionen, denen sich die (Sozialer) Gruppenarbeit verpflichtet weiß, wieder einmal bewusst zu machen.

Jedes Kapitel wird mit einem kurzen Text eingeführt. Zahlreiche und sehr unterschiedliche Schaubilder veranschaulichen den Text, z.B. zum Lebensraum in Kurt Lewins Feldtheorie (S. 16), ein Beobachtungsschema qualitativer Interaktionen zwischen Gruppenmitgliedern (S. 36), ein Beispiel für ein Soziogramm des Beziehungsgeflechts in einer Gruppe (S. 103) oder eine Mindmap über das Mindmapping (S. 161). Dazu stellt Wellhöfer erklärende Tabellen (z.B. die Soziomatrix einer Arbeitsgruppe [S. 101] oder die Phasen und einschlägigen Methoden der Gruppenmoderation [S. 153]) und andere Materialien (z.B. einen Fragebogen zur [individuellen] Konfliktanalyse [S. 90] oder differenzierte Anweisungen zur Wahrnehmung der Rollen in der Kollegialen Beratung [S. 187 – 190]) bereit. Auch Seminarbeispiele (z.B. zur Gesprächsführung und Motivation [S. 179 – 184]) oder Übungsvorschläge (z.B. zu Kooperation und Konflikt in Gruppen und Teams [S. 76 f.], das „lebendige Soziogramm“ [S. 107] oder zum „Vermeidungslernen“ [S. 121]) unterstreichen den unmittelbaren Anwendungscharakter des Bandes.

Dabei wirken einzelne grafische Darstellungen (z.B. die Tabellen auf den S. 172 f.) – vordergründig – in ihrem Schreibmaschinenstil altbacken, ohne es substanziell zu sein: Perfektes Design reflektiert eben nicht zwangsläufig niveauvollen Inhalt – oder umgekehrt: Gute Inhalte („der Wellhöfer“) braucht nicht zwingend glänzende Verpackung.

Fazit

Auch künftig bleibt „der Wellhöfer“ als „Klassiker“ der Gruppendynamik und Gruppenpädagogik unverzichtbar für alle, die mit sozialen Gruppen arbeiten – beruflich wie in außerberuflichen Zusammenhängen.

Literatur

Behnisch, M./Lotz, W./Maierhof, G.: Soziale Gruppenarbeit mit Kindern und Jugendlichen, Weinheim und Basel 2013

Edding, C., und Schattenhofer, K. (Hg.), Handbuch Alles über Gruppen, Weinheim und Basel 2009

Edding, C./Schattenhofer, K.: Einführung in die Teamarbeit, 2. Aufl. Heidelberg 2015

Freigang, W./Bräutigam, B./Müller, M.: Gruppenpädagogik, Weinheim/​Basel 2018

Langmaack, B.: Einführung in die Themenzentrierte Interaktion TZI, Wiesbaden 2001 und 2009

Schmidt-Grunert, M.: Soziale Arbeit mit Gruppen, 3. Aufl. Freiburg/Brsg. 2009

Simon, T., und Wendt, P.-U.: Lehrbuch Soziale Gruppenarbeit, Weinheim und Basel 2019


Rezension von
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 20.02.2020 zu: Peter R. Wellhöfer: Gruppendynamik und soziales Lernen. Theorie und Praxis der Arbeit mit Gruppen. UTB (Stuttgart) 2018. 5., bearbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-5064-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24824.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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