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Filomena Sabatella, Agnes von Wyl (Hrsg.): Jugendliche im Übergang zwischen Schule und Beruf

Cover Filomena Sabatella, Agnes von Wyl (Hrsg.): Jugendliche im Übergang zwischen Schule und Beruf. Psychische Belastungen und Ressourcen. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. 144 Seiten. ISBN 978-3-662-55732-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 26,00 sFr.
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Thema

Der vorliegende Band versammelt acht Beiträge, in denen unterschiedliche Forschungsprojekte zu Aspekten psychischer Gesundheit junger Menschen im Übergangsgeschehen von der Schule in eine berufliche Tätigkeit vorgestellt werden. Dieser thematische Fokus erfolgt vor dem Hintergrund der maßgeblichen Bedeutung, die einer erfolgreich absolvierten Berufsausbildung und – daran anschließend – einem gelingenden Übergang in Erwerbsarbeit zur sozialen Integration junger Menschen zugeschrieben wird. Ein entsprechender Zugang zur Arbeitswelt bleibt jedoch vielen jungen Leuten verwehrt. Eine damit einhergehende Ausbildungs- bzw. Erwerbsarbeitslosigkeit kann das psychische Wohlbefinden sozial und arbeitsmarktlich benachteiligter junger Menschen negativ beeinflussen. Zudem haben die Unsicherheiten, Brüche und vielfältigen Herausforderungen in der identitätsstiftenden Phase des Erwachsenwerdens zwischen Schule und Beruf einen verstärkenden Anteil an dem für die Adoleszenzphase als erhöht geltendem Risiko zur Entwicklung psychischer Störungen.

Die Forschungsprojekte stammen aus der Schweiz. Gleichwohl richtet sich das Buch trotz der Unterschiede in den jeweiligen Bildungs- und Sozialsystemen in der Schweiz, Österreich und Deutschland an alle Berufsgruppen aus dem deutschsprachigen Raum, die junge Menschen im Übergang von der Schule in die Arbeitswelt begleiten und beraten. Auch interessierte Familienangehörige sind als Zielgruppe angedacht.

Herausgeberinnen und Autor*innen

Die beiden Herausgeberinnen sind am Department Angewandte Psychologie an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) tätig. Prof. Dr. Agnes von Wyl leitet dort die Fachgruppe Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie, Dr. Filomena Sabatella ist wissenschaftliche Mitarbeiterin. Beide haben auch an Beiträgen als Autorinnen mitgewirkt. Die übrigen 20 Autor*innen setzen sich aus Vertreter*innen aus der ZHAW und Praxisfeldern (z.B. Psychiatrie, Psychotherapie, schulpsychologischer Dienst) zusammen.

Aufbau und Inhalt

Der 144seitige Sammelband wird mit einem Vorwort der beiden Herausgeberinnen eingeleitet. Es folgen ein Inhalts- und Autor*innenverzeichnis sowie die acht Kapitel mit je eigenem Literaturverzeichnis. Die Kapitel sind zweigeteilt: zuerst werden Forschungsprojekte und ihre zentralen Ergebnisse vorgestellt, anschließend werden diese von „Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen“ kommentiert (S. V). Abgerundet wird der Band durch einen knapp gehaltenen Serviceteil, der auf je einer Seite Beratungsstellen in der Schweiz und Deutschland sowie ein zweiseitiges Stichwortverzeichnis enthält. Zu den acht Kapiteln im Einzelnen:

  • Kap. 1 stellt zwei Studien vor, die sich mit der Situation von Jugendlichen in der Endphase ihrer allgemeinbildenden Schulzeit befassen, in der diese sich verstärkt mit ihrer zukünftigen Berufsbiografie auseinandersetzen (müssen). Die beiden Herausgeberinnen sowie Danielle Zollinger und Belinda Berweger stellen die Frage Reif für den Beruf? und referieren Schwierigkeiten und Ressourcen von Jugendlichen im Berufswahlprozess. Die erste Studie befasst sich damit, inwieweit die Jugendlichen selbst, aber auch Personen aus ihrem sozialen Umfeld (Lehrer*innen und Eltern) psychische Belastungen erkennen. In der zweiten Studie wird nach dem Zusammenhang der Ausprägung von Berufswahlbereitschaft und der Zusage eines Ausbildungsplatzes unter Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren gefragt.
  • Chronischer Stress gilt als Risikofaktor im Zusammenhang mit einer Beeinträchtigung des psychischen und physischen Wohlbefindens. Auszubildende gelten hinsichtlich „Stress und psychischer Gesundheit“ als Risikogruppe (S. 26). In Kap. 2 richten Sabrina Hösli-Leu, Laura Wade-Bohleber und Agnes von Wyl daher ihren Blick auf das Stresserleben von Auszubildenden am Beginn ihrer Berufsausbildung in verschiedenen Ausbildungsberufen: Stress und soziale Unterstützung im ersten Jahr einer Berufsausbildung. In ihrer Stichprobe fanden sie zwar kein erhöhtes Stresserleben gegenüber Vergleichsstudien, es zeigte sich jedoch ein Zusammenhang zwischen sozialer Unterstützung und dem Erleben von Stress. Innerhalb der Stichprobe wiesen Auszubildende, die aus einem nicht-deutschsprachigen Herkunftsland stammten, ein erhöhtes Stresserleben auf. Diese wünschten sich auch vermehrt soziale Unterstützung. Bei Auszubildenden in Berufen, die das niedrigste Anforderungsprofil aufwiesen, trat chronischer Stress häufiger auf.
  • Internetfähige Mobiltelefone bzw. Smartphones sind aus dem Alltag junger Menschen nicht mehr wegzudenken. Daher wird angenommen, dass digitalisierte Angebote zur präventiven Gesundheitsförderung für Jugendliche attraktiv sein müssten, mit denen sie sich informieren und im Sinne sozialer Unterstützung durch Peers vernetzen können. Daher wird in Kap. 3 die Frage gestellt: Ist eine App der richtige Weg, um die Gesundheit von Jugendlichen zu fördern? Laura Wade-Bohleber, Aureliano Crameri und Agnes von Wyl schildern dazu Erfahrungen aus dem Companion-App-Projekt, in dem eine digitale Anwendung entwickelt und ihre Nutzung untersucht wurde. Es zeigte sich jedoch, dass die App kaum von den Jugendlichen genutzt wurde, sodass sie nun auf der Grundlage kritischer Rückmeldungen der interviewten jungen Leute weiterentwickelt wird.
  • Kap. 4 ist dem Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und psychische(r) Belastung gewidmet. Filomena Sabatella und Angelina Mirer haben dazu zwei Gruppen junger Leute (arbeitslos und erwerbstätig) zu Verhaltensauffälligkeiten und deren Zusammenhang mit Geschlecht und Migrationshintergrund verglichen. Zusätzlich wurden 199 arbeitslose Jugendliche mit einem Erhebungsinstrument zur Erfassung psychischer Störungen befragt. Die Autorinnen zeigen, dass in der Gruppe arbeitsloser junger Menschen deutlich mehr Verhaltensauffälligkeiten vorlagen. Ein Zusammenhang mit Geschlecht und Migrationshintergrund wurde nicht gefunden. In der Stichprobe der 199 untersuchten arbeitslosen jungen Menschen erfüllten 70 % die diagnostischen Kriterien mindestens einer psychischen Störung nach ICD-10, z.B. durch den Gebrauch psychotroper Substanzen (insbesondere Cannabisprodukte und Alkohol). Ca. ein Drittel zeigte Anzeichen einer affektiven Störung, die Hälfte wies neurotische (vor allem Ängste), Belastungs- und insbesondere somatoforme Störungen auf. Bei den 70 % der als belastet geltenden Jugendlichen fanden sich bei ca. der Hälfte Hinweise auf Komorbidität bzw. Mehrfachbelastung.
  • Aufgrund der in Kapitel 3 dargestellten Zusammenhänge von Arbeits- bzw. Ausbildungslosigkeit und psychischer Belastung ist kritisch zu bewerten, dass in der deutschsprachigen Schweiz ca. ein Viertel aller Schulabgänger*innen in sogenannten Brückenangeboten landen, weil sie keinen Ausbildungsplatz erhalten (S. 77). Eine vergleichbare Situation gilt auch für Deutschland. Die Deutschschweizer Brückenangebote umfassen ein Spektrum maximal einjähriger berufsorientierender und -vorbereitender Angebote, die es in ähnlicher Form auch in Deutschland (Stichwort Übergangssektor) und Österreich gibt. In Kap. 5 fragen Vanessa Barth und Sandra Angst: Sind Schüler in Brückenangeboten psychisch belastet? Um diese Frage zu beantworten, haben sie eine Explorative Untersuchung zum Bedarf von unterstützenden Maßnahmen in Brückenangeboten durchgeführt, bei der 133 Betreuungspersonen in solchen Angeboten online befragt wurden.
  • Während im vorausgehenden Kapitel Expert*innen quantitativ befragt wurden, stellt Romana Kühnis in Kap. 6 zentrale Ergebnisse ihrer qualitativen Studie zur Psychische(n) Gesundheit von jugendlichen Arbeitslosen in Motivationssemestern vor, in der sie fünf junge Teilnehmer*innen und zwei Leiterinnen dieser spezifischen Brückenangebote interviewt hat. In den Ergebnissen werden in den Selbstschilderungen der jungen Leute u.a. deren psychische Nöte sowie Beschämungs- und Ausgrenzungserfahrungen erkennbar. In den beiden Expertinneninterviews dokumentiert sich ein Dilemma der arbeitsmarktpolitischen Motivationssemester, die einerseits auf Vermittlung in Ausbildung und Erwerbsarbeit ausgerichtet sind. Anderseits seien jedoch viele junge Teilnehmer*innen aufgrund verschiedentlicher psychisch bedingter Verhaltensauffälligkeiten nicht vermittelbar.
  • Angesichts der psychischen Belastungen bis hin zur Entwicklung psychischer Störungen bei jungen Menschen in riskanten Übergängen von der Schule in die Arbeitswelt stellt sich die Frage nach der Früherkennung psychisch auffälliger Jugendlicher in der Beratung, um ihnen angemessene Präventions- und Interventionsangebote ermöglichen zu können. Verena Wüthrich und Filomena Sabatella haben dazu eine Vorstudie bei institutionellen Anlaufstellen durchgeführt, deren Ergebnisse sie in Kap. 7 vorstellen und diskutieren. Sie zeigen, dass Beratende die psychischen Probleme junger Menschen durchaus – wenn auch eher intuitiv – erkennen, dies jedoch selten zur Sprache bringen aus Sorge, das auf Freiwilligkeit beruhende Arbeitsbündnis mit den Jugendlichen zu gefährden.
  • Das abschließende Kap. 8 enthält Ergebnisse aus der Evaluation eines Motivationssemesters für die Zielgruppe sozial benachteiligter junger Frauen: 10 Jahre IFBB: zur beruflichen und persönlichen Entwicklung der Programmteilnehmerinnen. Agnes von Wyl, Michaela Hoffet Stastny und Barbara Zimmermann weisen darin u.a. auf die psychisch stabilisierende Funktion des Angebots bei psychosozial besonders belasteten Teilnehmerinnen hin, auch wenn für diese Teilgruppe keine verbesserten Übergangschancen in die Arbeitswelt erreicht werden konnten.

Diskussion

Der Sammelband verfolgt mit der Darstellung empirischer Studien zum einen das Ziel, „darauf aufmerksam zu machen, welch große Bedeutung die psychische Gesundheit und die Arbeit“ im Leben junger Menschen haben (S. V). Zum anderen richtet er sich in erster Linie nicht an ein wissenschaftliches Publikum, sondern an Akteur*innen aus der Praxis und interessierte Familienangehörige. Beiden Ansprüchen wird das Buch nach meiner Ansicht gerecht. Die kompakt gehaltenen Kapitel sind lesefreundlich gegliedert, die Sprache ist gut verständlich, Fachbegriffe und die außerhalb der Schweiz nicht geläufigen Bezeichnungen berufsvorbereitender Angebote werden definiert und erklärt. Spannend finde ich zudem den Versuch, einen Dialog zwischen Forschung und Praxis herzustellen, indem jedes Einzelkapitel mit einem Praxiskommentar beendet wird.

Neben diesen formalen Vorzügen hat mich der Sammelband auch inhaltlich angeregt, denn seine Einzelbeiträge weisen in ihrer Gesamtheit zum ersten überdeutlich auf die missliche Lage und psychischen Nöte vieler junger Leute ohne Ausbildungs- oder Erwerbsarbeitsverhältnis hin. Zum zweiten wird die Notwendigkeit von sowohl fachlich als auch institutionell angemessenen und abgestimmten Unterstützungsmöglichkeiten erkennbar. Auf der fachlichen Seite lässt sich z.B. der Umgang mit betroffenen jungen Menschen als äußerst anspruchsvoller Balanceakt herauslesen, einerseits psychosoziale Leidenserfahrungen wahrzunehmen und taktvoll mit den Jugendlichen zu thematisieren, ohne sie anderseits den Gefahren von Pathologisierung, Stigmatisierung und Beschämung auszusetzen. Ein solches fachliches Selbstverständnis von Lehrer*innen, Psycholog*innen, Sozialpädagog*innen, Ausbilder*innen, Berufsberater*innen, Coachs, etc., die die jungen Menschen in ihren individuellen Überganssituationen begleiten, setzt jedoch ermöglichende institutionelle Rahmenbedingungen voraus. Diese können allerdings – wie in einzelnen Beiträgen des Buches gezeigt wird – in ihrer primär vermittlungsorientierten Förderlogik, zeitlichen Begrenzung und Unkoordiniertheit als eher hemmend bewertet werden.

Fazit

Der Sammelband gibt in acht kompakten und lesefreundlichen Beiträgen empirische Einblicke zum Themenkomplex psychischer Gesundheit junger Menschen im Übergangsgeschehen zwischen Schule und Beruf in der Deutschschweiz. Dabei werden u.a. Möglichkeiten und Grenzen zur Unterstützung psychisch belasteter Jugendlicher – etwa in Angeboten zur Berufsvorbereitung – dargestellt und Handlungsempfehlungen für die Praxis gegeben. Ich empfehle das Buch daher vor allem den vielen unterschiedlichen Akteur*innen, die beruflich mit jungen Leuten auf ihren Wegen in die Arbeitswelt in Berührung kommen. Die vorgestellten Forschungsprojekte stammen zwar aus der Deutschschweiz, sind jedoch auch an Fachdiskussionen in Deutschland und Österreich anschlussfähig. Ich kann mir ebenfalls gut vorstellen, das Buch in der Lehre einzusetzen. Hier birgt die Gestaltung der Kapitel, in denen die Darstellung der Forschungsergebnisse jeweils von Vertreter*innen der untersuchten Praxis kommentiert werden, genügend spannendes Ausgangsmaterial zur Diskussion und kritischen Reflexion.


Rezensent
Michael Fehlau
M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Forschung-Lehre-Praxis-Transfer, Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Michael Fehlau. Rezension vom 08.04.2019 zu: Filomena Sabatella, Agnes von Wyl (Hrsg.): Jugendliche im Übergang zwischen Schule und Beruf. Psychische Belastungen und Ressourcen. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. ISBN 978-3-662-55732-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24826.php, Datum des Zugriffs 20.11.2019.


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