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Eva Lindtner: Zwischen Nigeria und Europa

Cover Eva Lindtner: Zwischen Nigeria und Europa. Schicksale von Migration und Remigration. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2018. 224 Seiten. ISBN 978-3-85371-447-8. D: 20,00 EUR, A: 20,00 EUR.
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Thema

Wer die Motive, Ursachen und Schicksale von Menschen verstehen will, die – freiwillig oder gezwungen – ihre Heimat verlassen, um in der Fremde neue Lebenschancen zu finden, sollte sich selbst auf den Weg machen, oder sich zumindest ernsthaft und ehrlich anstrengen, den Blick über den eigenen Gartenzaun zu wagen. Der wissenschaftliche Diskurs darüber, wie die weltweiten Migrations- und Flüchtlingskrisen entstehen, welche Auswirkungen sie auf die Betroffenen und Beteiligten haben, wie sich Willkommens- und Abwehr-Reaktionen bilden, Solidarität und Hass entstehen, Mauern und Zäune errichtet und Mittel erdacht werden, die „Eindringlinge“ zurück zu schicken, ist in vollem Gang (vgl. dazu z.B.: www.sozial.de/deutschland-ist-ein-einwanderungsland.html). Migrationsforscherinnen und -forscher machen sich auf den Weg und versuchen auf eindrucksvolle Weise historisch (Jochen Oltmer, Migration. Geschichte und Zukunft der Gegenwart, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22491.php), dokumentarisch (Dietmar Telser, Der Zaun. Wo Europa an seine Grenzen stößt, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20636.php) oder medial (Gefährlicher Transit. Die afrikanische Wanderung nach Europa, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/3987.php) nachzuvollziehen, woher die Flüchtlinge kommen, wer ihnen geholfen hat, was sie erlebt, erduldet und gelitten haben und welche Chancen bestehen, anzukommen.

Entstehungshintergrund und Autorin

Die aktuelle, globale Flüchtlings- und Migrationskrise hat die Welt verändert; nicht hin zu einer solidarischeren, menschenwürdigeren, sondern überwiegend zu einer ab-, ein- und ausgeschlossenen, ego- und ethnozentrierten Entwicklung. Die Unfähigkeit und der Unwille derjenigen, die in ihren Gesellschaften ein gutes, gelingendes, sicheres Leben führen können, Solidarität mit den Benachteiligten und Flüchtenden auf der Erde zu üben und Teilen zu lernen, nimmt zu. In einer Untersuchung, die von der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) und der Schweizer Bank UBS durchgeführt wurde, kommt zum Ausdruck, dass die Dollar-Milliardäre weltweit immer mehr und reicher werden, während die ebenfalls mehr werdenden Habenichtse immer ärmer werden. Diese Tendenz ist der Tatsache geschuldet, dass die ökonomischen Ungleichheiten in der Welt sich immer mehr verfestigen und eine humane, gerechte Entwicklung der Menschheit ausbleibt. Der Ökologe und Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker titelt seine Vorträge und Mahnungen mit dem Slogan: „Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“. Es sind die bereits 2009 von der US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom genannten Überzeugungen, dass „mehr wird, wenn wir teilen“ (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php), die ein lokales und globales Umdenken hin zu einer nachhaltigen Entwicklung notwendig machen und zur Formulierung der 17 Sustainable Development Goals geführt haben (siehe auch: Projekt17GbR, Seventeen Goals, 1/2018, www.projekt17.net). Es ist aber auch das bisher im Flucht- und Migrationsdiskurs vernachlässigte Bewusstsein, dass eine humane und gerechte gesellschaftliche Entwicklung immer darauf angewiesen ist und herausgefordert wird, Wandlungs-, Veränderungs- und Migrationsprozesse zu vollziehen.

Die 1981 im Tiroler Brixlegg geborene Kultur- und Sozial-Anthropologin Eva Lindtner hat 2017 an der Universität in Wien die Dissertation „Transnationale AkteurInnen oder Opfer von Ausbeutung und Gewalt? MigrantInnen zwischen Edo State/Nigeria und Wien/Europa“ vorgelegt. In der Reihe „Edition kritische Forschung“, Bd. 9, wird die Forschungsarbeit nunmehr für eine interessierte Öffentlichkeit herausgegeben.

Die Forschungen der Autorin führten sie zu Aufenthalten in Nigeria, Niger, Kuba, Ghana, Kenia, Tansania, Südafrika und Thailand. In Gesprächen, Interviews, Beobachtungen und Analysen jeweils „vor Ort“, wie bei verschiedenen Zwischenstationen und schließlich den Ankunftsräumen verweist die Autorin besonders auf ein Phänomen, das im aufgeregten und feindlichen Diskurs in den Aufnahmeländern tunlichst vergessen oder verdrängt wird: Beim überwiegenden Teil der Migrantinnen und Migranten handelt es sich um aktive, veränderungsbereite Menschen, die ihre unzulänglichen, lebensgefährlichen und trostlosen Lebensbedingungen in ihrer Heimat austauschen wollen in humane Lebensperspektiven in der Fremde. Diese Entwicklung hat zwei Seiten: Während einerseits Zuzug in eine Einwanderungsgesellschaft dieser vielfältige Vorteile und Entwicklungschancen bringt, bedeutet Weggang, Flucht und Auswanderung von aktiven Menschen auch demographischen und intellektuellen Verlust für die Herkunftsländer der Migrantinnen und Migranten. Dieses Dilemma muss eine ehrliche und logische Migrationspolitik bedenken. Wissenschaftliche Untersuchungen über die Gründe und Motive der MigrantInnen, ihre Heimat zu verlassen, Beschreibungen ihrer faktischen und emotionalen Gefühle und Erlebnisse auf ihren Fluchtwegen, Eindrücke und Erfahrungen in den europäischen Ankunftsländern, und schließlich – in immer mehr werdenden Fällen – die Analyse von Situationen bei Abschiebungen und entweder eine freiwilligen oder einer erzwungenen Rückführung in die Heimatländer, sind gefordert.

Die Dilemmata sind deutlich: Kurzsichtige, nationalistische, egozentristische und populistische Maßnahmen können keine einzige humane Antwort auf die sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnde (Eine?) Welt geben. Angemessene Lösungsmöglichkeiten lassen sich ermitteln, wenn die je konkreten Situationen der Migrantinnen und Migranten objektiv betrachtet und analysiert werden. Das ist das Ziel der Forschungsarbeit von Eva Lindtner; und die Ergebnisse aus den Interviews, Situationsbeschreibungen, Prognosen und Analysen verdeutlichen: Es sind nicht „Schmarotzer“, die als Flüchtlinge und MigrantInnen aus Afrika in die europäischen Länder kommen, sondern Menschen mit „Bedürfnissen und Hoffnungen…, sich eine Lebensgrundlage aufzubauen, der Wille, Verantwortung für Familienmitglieder zu übernehmen, anstatt selbst abhängig von der Unterstützung anderer zu bleiben und der Wunsch, ein Leben mit weniger Angst vor Gewalt und Willkür führen zu können“.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Feld-Forschungsarbeit, neben der ausführlichen Einleitung und Darstellung der vielfältigen Problemlagen und aktuellen, lokalen und globalen Situationen – wie Zusammenhänge von traditionellen und verbrecherischen Strukturen von Menschenhandel in Benin City, den ungeklärten Verbindungen und Unterscheidungen zwischen dem Menschenrecht auf Asyl, Flucht und Migration in der europäischen Einwanderungspolitik, von legaler und illegaler Migration – in zwei Teile.

  1. Im Teil A stellt Eva Lindtner die theoretischen und praktischen Grundlagen ihres transnationalen Forschungsfeldes vor und diskutiert ihre Erfahrungen während ihrer Feldforschung.
  2. Im Teil B werden die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit präsentiert, und es kommen die vielfältigen planbaren, geplanten und unkalkulierbaren Imponderabilien ihrer Forschungsreisen und -aufenthalte zur Sprache.

Die Analyse der Gründe, Motive und Anlässe, weshalb MigrantInnen aus Westafrika ihre Heimat verlassen, fokussiert sich auf Edo, einem Bundesstaat in dem bevölkerungsreichsten afrikanischen Land Nigeria. In der Hauptstadt des Bundesstaates, Benin-City, leben rund 1,2 Millionen Menschen. Wie in vielen afrikanischen Ländern setzt sich auch in Nigeria die Bevölkerung aus zahlreichen Ethnien mit jeweils eigenen Sprachen und Kulturen zusammen. Positive und negative Entwicklungsmöglichkeiten und Konflikte ergeben sich meist durch die Differenzen und Unterschiede, durch festgelegte Traditionen und Weltanschauungen.

Eines der bedeutsamen Bedingungen, ob es gelingt, eine ausreichende Existenz zum Leben zu erreichen, ist ein gedeihliches, gewachsenes und akzeptiertes Zusammengehörigkeitsgefühl zur Sippe und Großfamilie. Dieses für das Individuum und die Gemeinschaft unverzichtbare, tragende Netzwerk liefert den Schwerpunkt der Forschungsarbeit, die herausfinden will, welche Rolle und Bedeutung „transnationale Migrationsnetzwerke“ für die Migrantinnen und Migranten auf ihren Wegen nach Europa haben. Das Phänomen, dass Flüchtlinge nach Ankunftszielen in der Fremde suchen, bei denen bereits Kontakte und Beziehungen zu eingesessenen oder bereits vorher zugewanderten Verwandten oder Volkszugehörigen bestehen, ist bereits aus der Migrationsgeschichte bekannt.

Es sind die verschiedenen Netzwerke – solidarische/empathische/soziale und geschäftsmäßige/ausnutzende/gewaltsame – die sowohl auf strukturellen Bedingungen im Herkunfts- wie im Ankunftsland beruhen; und es sind die überwiegend rechtlosen Situationen und Aussichtslosigkeiten, denen die Migrantinnen und Migranten auf ihren Fluchtwegen ausgesetzt sind. „Scheitern und Erfolge in der Migration sind meist vorläufig“; vor allem deshalb, weil offizielle Aufenthaltstitel spät oder gar nicht zu erreichen sind und Abschiebung droht, oder weil die „Community“ es ermöglicht, mit „informellen Kleinststrategien“ über die Runden zu kommen, bis hin zu Schwarzarbeit, Sexarbeit, Unterstützung durch karitative Einrichtungen und illegalen Aufenthalt. Die Veränderungen, die sich durch die rigiden Grenzregelungen und -kontrollen der europäischen Staaten ergeben, bewirken, dass die Chancen von afrikanischen Flüchtlingen, in einem europäischen Land eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung zu erhalten, von ursprünglich 70 auf nunmehr weniger als 10 Prozent zurückgegangen ist.

Integration oder Zurückweisung und Rückführung von Migrantinnen und Migranten aus Afrika stellt einen mehr oder weniger unbekannten und vernachlässigten Spagat dar. Überall dort, wo MigrantInnen ankommen, integriert werden und persönlich, gesellschaftlich und ökonomisch auf eigenen Beinen stehen können, zeigen sich für alle Seiten die Vorteile von Einwanderung; dort, wo sie nicht ermöglicht wird und misslingt, wird der geduldete, aufgeschobene oder abgelehnte Aufenthalt (auch) für die direkt Beteiligten zu einer „verlorenen Zeit“. Die Forschungsarbeit nimmt deshalb auch in den Blick, wie eine freiwillige oder verordnete Remigration von statten gehen, gelingen kann oder misslingt. Die Rückkehr „mit leeren Händen“ bedeutet für die RemigrantInnen meist psychologisches, traumatisches und kulturelles Versagen. Die bei der Ausreise angestrebte Unabhängigkeit und gleichzeitig erhoffte Möglichkeit, damit auch Familienangehörige unterstützen zu können, verkehrt sich zum Gegenteil.

Fazit

Patriarchalische Strukturen, Traditionen, gesellschaftliche, politische und religiöse Zustände sind nicht selten Anlässe, dass vor allem junge Menschen die gefahrvollen und lebensgefährlichen Migrationswege nach Europa suchen. Es sind die fehlenden Perspektiven, und immer mehr auch die sich durch die zunehmenden Umwelt- und Klimaveränderungen vollziehenden, immer schwieriger werdenden existentiellen Bedingungen, die Menschen aus den Trockenregionen der Erde zur Flucht zwingen. Es ist das Anliegen der Forscherin, „die Menschen, die migrieren, als handelnde Individuen mit eigenen Bedürfnissen, Hoffnungen und Zielen sichtbar zu machen“, zum Nutzen der Flüchtenden und zur Mahnung der Eingesessenen!

Die Interviews und Analysen wurden im Rahmen der mehrjährigen Forschungstätigkeit der Autorin zwar bereits in den Jahren 2010, 2011geführt; die Feldforschung in den afrikanischen Ländern fanden von 2011–2012 statt, und die Analysen und Auswertungen vollziehen sich auf MigrantInnen, die entweder noch in Österreich leben, freiwillig zurückkehrten, oder von Österreich nach Edo State abgeschoben wurden. Sie lassen sich jedoch uneingeschränkt auf die Migrationspolitik in Deutschland und in den anderen europäischen Ländern übertragen und verdeutlichen die aktuellen, restriktiver werdenden Migrationspolitiken in der EU.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.11.2018 zu: Eva Lindtner: Zwischen Nigeria und Europa. Schicksale von Migration und Remigration. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2018. ISBN 978-3-85371-447-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24827.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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