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Esther Kleefeldt: Resilienz, Empowerment und Selbstorganisation

Cover Esther Kleefeldt: Resilienz, Empowerment und Selbstorganisation geflüchteter Menschen. Stärkenorientierte Ansätze und professionelle Unterstützung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 94 Seiten. ISBN 978-3-525-45225-7. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR.

Reihe: FLUCHTaspekte.
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Thema

Konzepte, die in der psychosozialen Beratung und Therapie praktiziert werden, speziell für die Arbeit mit Geflüchteten heranzuziehen, ist vielversprechend. Gerade in Hinsicht auf Resilienz, Ressourcenorientierung und Empowerment hat dieser Ansatz allerdings, wie die Herausgeberinnen der Reihe „FLUCHTaspekte“ betonen, darauf zu achten, dass nicht die Verantwortung für ihr Wohlergehen den Individuen allein überlassen bleibt.

Autorin

Dipl. Psych. Esther Kleefeldt ist als Psychotherapeutin bei XENION und als wissenschaftliche Mitarbeiterin der BAG der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) tätig.

Aufbau

In den ersten der neun Kapitel stellt Kleefeldt die zentralen Begriffe und Konzepte vor:

  • Traumata
  • Salutogenese
  • Vulnerabilität
  • Resilienz
  • Empowerment, Selbstorganisation
  • Ressourcenansatz
  • Stärkenorientierung.

Im weiteren Verlauf des schmalen Bandes überprüft die Autorin, wie diese in der Arbeit mit Geflüchteten nutzbringend und fair anzuwenden sind.

Die Deuetsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Für die psychosoziale Begleitung, Beratung und Therapie sind – in Auszügen, exemplarisch – folgende Überlegungen von Bedeutung:

  • Wir sprechen von einem Trauma, wenn Menschen durch Ereignisse verletzt werden, die das Verkraftbare übersteigen. Insofern bleibt eine Wunde, die weiterhin Schmerz und Leid erzeugt.
  • Jeder Mensch nimmt Ereignisse auf einzigartige Weise wahr. Flucht ist ein einschneidendes Lebensereignis, die Folgen sind nicht für jeden Menschen gleich gegeben.
  • Ereignisse können rückblickend als unvermeidlich und unverschuldet in die Lebensgeschichte eingeordnet werden. Traumatisierte Flüchtlinge haben nicht nur Furchtbares erlebt, sie haben eben auch überlebt.
  • Menschen können sich den traumatischen Erfahrungen zum Trotz verändern, gestärkt und gereift aus dem Verarbeitungsprozess hervorgehen, sog. posttraumatisches Wachstum.
  • Resilienz stärken bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, insbesondere die positive Lebenseinstellung, Religiosität, aber auch die Verantwortung für Familienangehörige. Resilienz schwächend kann sich auswirken, dass Menschen Kontrollverlust verspüren, z.B. wenn sie Sprachbarrieren oder Rassismus begegnen.
  • Resiliente Menschen trotzen ihrem Schicksal. Ihre Flucht ist eine Leistung, um lebensfeindlichen Bedingungen zu entkommen. Auch während und nach der Flucht sind (noch mal) erhebliche Anstrengungen gefordert, u.a. lange Wegstrecken, erzwungene Untätigkeit. Geflüchtete Menschen sind besonders verletzlich, aber auch besonders widerstandsfähig
  • In der Arbeit mit Geflüchteten bildet Empowerment, der Zugewinn an Energie, Kraft und Macht also, das Gegengewicht zu den Erfahrungen von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Endlich haben auch Geflüchtete sich organisiert, um gegen die Residenzpflicht zu protestieren.
  • Was psychosoziale Dienste leisten können, ist nicht Heilung, sondern ein Setting, das Selbstheilung möglich macht. Geflüchtete, als Überlebenskünstler, haben diese Selbstheilungskräfte.
  • Geflüchtete haben Unrecht oder Leid erfahren, das sollte anerkannt werden, zumindest von den Therapeuten. Sozialarbeitern, Unterstützern. Wenn Flüchtlinge ihre Lebenswege einschließlich der Flucht selbst erzählen und bewerten können, erkennen sie die verschiedenen Faktoren, die wirksam waren: ihr eigener Mut, aber vielleicht auch Zufall, finanzielle Ressourcen, …
  • Es ist paradox, dass Traumata eine Art Kapital darstellen, das im Asylverfahren nützlich ist, aber das Ziel der Gesundung konterkariert.
  • Zur therapeutischen Arbeit muss auch Sozialarbeit kommen, die das Umfeld, die Aufenthaltssituation einbezieht. Die Angebote sollen die Handlungsfähigkeit steigern: Der Klient kann sein Leben mehr als vorher in die Hand nehmen.
  • Vor allem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge stehen unter enormen Druck; einerseits sehen sie keine Handlungsmöglichkeiten (warten, warten…), andererseits erwarten sie selbst und womöglich auch die Familienangehörigen im Herkunftsland schnelle Erfolge, also Ausbildungsabschlüsse, finanzielle Mittel. Jedenfalls trägt eine sinnvolle Tätigkeit, die den Tag strukturiert, zur Gesundung bei.
  • Resilienz und Empowerment können nicht durch andere gelehrt, sondern nur dadurch unterstützt werden, dass dazu förderliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Unterstützer sind umso hilfreicher, je weniger sie tun. Allein schon Zuhören und Spiegeln geben (emotionale) Sicherheit.

Diskussion

Die feinen und klugen Überlegungen der Autorin sind sicher für viele Leserinnen und Leser vom Fach anregend und bedenkenswert. Knappe, überraschende, im ersten Moment sperrige Aussagen, ja Bonmots tragen dazu immer wieder bei.

Dem Rezensenten fallen aber auch zwei Punkte auf:

  1. Es sind gerade einmal fünf Episoden, Berichte aus der Praxis, in denen Geflüchtete zu Wort kommen. Über weite Strecken werden, was auch dem hohen Abstraktionsgrad geschuldet sein mag, nicht Akteure benannt, vielmehr sind die Satzsubjekte Begriffe. Im Falle von Definitionen oder Bericht zum Forschungsstand ( z.B. „Resilienz ist das Zusammenspiel multipler interdependenter Prädiktoren“) ist das o.k., nicht aber wenn es um die Handlungsfähigkeit und Verantwortung von Akteuren geht: Wer soll was tun? Beispiel: „Resilienz Geflüchteter muss sich … an die jeweils neuen Lebensbedingungen anpassen…“ (S. 45). Wer jetzt?
  2. Wiederholt weist die Autorin auf mögliche kulturelle Unterschiede hin, die in der Interaktion zwischen Geflüchteten und Therapeuten bestehen und irreführen können: Einen Beleg oder weitere Überlegungen dazu finden wir nicht.

Fazit

Esther Kleefeldts feine und kluge Überlegungen sind sicher für viele Leserinnen und Leser vom Fach anregend und bedenkenswert. Mehr Anschauung und Beispiele aus der Praxis wären wünschenswert.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 07.12.2018 zu: Esther Kleefeldt: Resilienz, Empowerment und Selbstorganisation geflüchteter Menschen. Stärkenorientierte Ansätze und professionelle Unterstützung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-45225-7. Reihe: FLUCHTaspekte. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24828.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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