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Bessel A. Van der Kolk: Verkörperter Schrecken

Cover Bessel A. Van der Kolk: Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. G.P. Probst Verlag GmbH (Lichtenau) 2015. 494 Seiten. ISBN 978-3-944476-13-1. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Thema

Dieses Buch trägt dazu bei, ein neuartiges Verständnis der Ursachen und Folgen von Traumata zu gewinnen. Es vermittelt Hoffnung und Klarheit für Menschen, die die zerstörerische Wirkung eines Traumas kennengelernt haben. Traumata sind eines der großen gesundheitlichen Probleme unserer Zeit, nicht nur, weil sie bei Unfall- und Verbrechensopfern eine so große Rolle spielen, sondern auch wegen der weniger offensichtlichen, aber gleichermaßen katastrophalen Auswirkungen sexueller und familiärer Gewalt und der verheerenden Wirkung von Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung und Substanzabhängigkeiten.

Autor

Dr. Bessel van der Kolk ist Gründer und medizinischer Leiter des Trauma Center in Brooklin in Massachusetts. Er ist Professor der Psychiatrie an der University School of Medicine und Leiter des National Complex Trauma Treatment Network in Boston.

Inhalt

Das Buch ist mittlerweile in der 5.Auflage erschienen. Als Format wurde ein DIN A 4 Softcover gewählt. Es hat einen Umfang von 495 Seiten, die sich in fünf Teile aufgliedern, die wiederum in 20 fortlaufend durchnummerierte Unterkapitel gegliedert sind. Am linken oberen Seitenrand findet sich der Titel des Buches, am rechten oberen Rand die Überschrift des jeweiligen Kapitels. Die Seiten sind mit kleiner Schriftart eng bedruckt, dieses Layout strengt an, auch wenn Bilder und Abbildungen auflockernd eingestreut sind. Zahlreiche Fallvignetten wurden im Fliesstext eingerückt, sie ergänzen die Aussagen. Im Anhang findet man Hinweise mit Internetadressen zu den verschiedenen in den Kapiteln behandelten Themen, ein Verzeichnis mit weiterführender Literatur sowie ein Personen- und Stichwortverzeichnis, das erlaubt. gezielt nach Stichworten zu suchen.

  • Teil I Die Wiederentdeckung des Traumas
  • Teil II Was Ihr Gehirn über das Trauma sagt
  • Teil III Der Geist von Kindern
  • Teil IV Traumaspuren
  • Teil V Wege zur Genesung

Ein Prolog leitet in das Thema Konfrontation mit dem Trauma ein, mit einem Epilog, in dem ausgeführt wird, welche Entscheidungen getroffen werden müssen, um eine traumabewusste Gesellschaft zu werden, schliesst das Buch ab.

„Traumata sind ihrem Wesen nach unerträglich“ (S. 9) so eröffnet der Autor und macht damit deutlich, was es bedeutet, ein Trauma zu erleiden. Das Trauma hat aber auch Einfluss auf Menschen, die den Traumatisierten nahe stehen – ein sehr wichtiger Aspekt!

Frauen, deren Männer eine PTBS erleiden, werden häufig depressiv und Kinder depressiver Mütter entwickeln sich oft zu unsicheren ängstlichen Erwachsenen.

Was kann man tun? Der Weg führt nach der Erfahrung von Bessel van der Kolk über das Verstehen der Funktionsweise des Gehirns, ein Wissen, dass er selber in seiner Ausbildung als Psychiater nicht vermittelt bekam. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, neue Erkenntnisse der Neurowissenschaften zu erforschen und diese Erkenntnisse in die Praxis zu transferieren und zu multiplizieren.

  • Der erste Teil Wiederentdeckung des Traumas führt aus, was wir von Vietnamveteranen lernen können. Danach folgen Erläuterungen zum Verständnis von Geist und Gehirn, der Autor gewährt einen Blick ins Gehirn: aus seiner Sicht eine neurowissenschaftliche Revolution.
  • Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht die Frage, was das Gehirn über das Trauma „sagt“. Kern bilden Ausführungen zur Anatomie des Überlebens. Zwischen dem Körper und dem Gehirn ist eine Verbindung. Untersuchungen haben herausgefunden, dass sich traumatisierte Gehirnbereiche, die mit Entsetzen einhergehen, abschalten (S. 112). Zudem konnte beobachtet werden, dass gleichzeitig sogar die Fähigkeit, sich lebendig zu fühlen, abgeschaltet wurde.
    Dieser Mechanismus könnte eine Erklärung dafür sein, dass viele Traumatisierte ihr Sinngefühl und ihre Orientierung verlieren. Selbstgewahrsein braucht Selbstempfinden, v.a. subtile sensorische körperbasierte Gefühle. Diese sind entscheidend für die Handlungsfähigkeit. Achtsamkeitsübungen, die die Aufmerksamkeit auf das legen, was im Menschen vorgeht, sind wichtiger Bestandteil der Traumatherapie. Selbstgewahrsein gelingt dann, wenn man sich mit den eigenen Gefühlen vertraut macht und mit dem eigenen Körper ‚Freundschaft geschlossen‘ wird.
  • Vom Geist von Kindern handelt der dritte Teil. Bindung und Einstimmung liegen auf einer Wellenlänge. Traumatisierte Kinder sind in Beziehungen gefangen und es wird aufgezeigt, was Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung kosten. Daran schliessen sich Aussagen an, was Liebe mit alldem zu tun hat. Dieser Teil endet mit dem entwicklungsbezogenen Trauma als eine verborgene Epidemie. Im Anhang findet sich eine Diagnostikhilfe dazu. Untersuchungen (für die es einen Nobelpreis gab) belegen, dass frühe Interventionen bei Kindern aus armen und problematischen Familien sehr wirksam sind. Lebensereignisse der Eltern können Spuren im Gehirn hinterlassen, indem sie Funktion und Struktur beeinflussen. Sie wirken auf die Gene und werden so an die Nachkommen vererbt.
  • Von Traumaspuren handelt der vierte Teil. Wichtig ist, dass Geheimnisse enthüllt werden. Besprochen wird das Problem der traumatischen Erinnerung und damit einhergehend die unerträgliche Schwere des Erinnerns. Eine zentrale Erkenntnis: Überlebenden zuhören, sich als professionelle Begleitung immer wieder reflektieren, dass das, was man für normal hält, bei Patient*innen ausser Kraft gesetzt ist gepaart mit einer Akzeptanz, dass es duale Realitäten gibt: Erfahrungen der Gegenwart und Erlebnisse der Vergangenheit.
  • Das Buch endet mit Wegen zur Genesung. Traumata können geheilt werden, in dem man sich Körper und Geist wieder zu Eigen macht. Eine entscheidende Rolle spielt Sprache im Spannungsfeld zwischen Wunder und Tyrannei. Beschrieben wird der Ansatz EMDR, ein Ansatz, mit der man sich von der Vergangenheit lösen kann. Es gilt zu lernen, den eigenen Körper wieder zu bewohnen, dabei hat sich auch Yoga als hilfreich erwiesen. Eine weitere Methode, die sog. Self-Leadership, hilft die einzelnen Teile der Persönlichkeit zusammenzufügen. Auch Neurofeedback ist geeignet, das Gehirn neu zu vernetzen. Hilfreich sind zudem Strukturen, Gemeinschaftsrhythmen und Theaterspielen, letzteres lässt eine eigene Stimme finden.

Das Buch endet mit dem Epilog zu Entscheidungen, die getroffen werden müssen. In einer traumabewussten Gesellschaft geht es nicht nur um die Behandlung von Traumata, sondern auch darum, wie die Entstehung verhindert werden kann. Der Autor hat in seiner langjährigen Arbeit erfahren, dass Menschen lernen können, ihr Verhalten zu beeinflussen und zu verändern, vorausgesetzt, sie fühlen sich sicher. Nur dann sind sie in der Lage, mit neuen Erfahrungen zu experimentieren.

Im Mittelpunkt steht nicht nur die Bearbeitung des dysfunktionalen Verhaltens, sondern es ist herauszufinden, womit Menschen versuchen fertig zu werden, welche inneren und äusseren Ressourcen zur Verfügung stehen, wie es ihnen gelingt, sich zu beruhigen, ob sie ein fürsorgliches Verhältnis für ihren Körper haben und was sie tun, um ihr körperliches Empfinden von Macht, Vitalität und Entspannung zu fördern. Es ist herauszufinden, auf wen oder welche Bezugsgruppe sie sich verlassen können. Interessant ist auch, ob sie im Leben der Menschen, mit denen sie Umgang pflegen, eine wichtige Rolle spielen. Sie sollten wissen, welche Fertigkeiten sie brauchen, um Entscheidungen zu treffen. Zentral ist auch die Frage, ob sie das Gefühl haben, dass das Leben einen Sinn und Zweck hat. Wertvoll ist zudem ein Wissen darüber, was der Mensch besonders gut kann und wie professionelle Begleitung helfen kann, um das Gefühl zu entwickeln, selbst über das eigene Leben zu entscheiden (S. 415).

Das Buch schliesst mit einem politischen Bekenntnis: es reicht dem Autor Bessel van der Kolk nicht, allein über neurowissenschaftliche und therapeutische Erkenntnisse Vorträge zu halten, Artikel und Bücher zu schreiben, er vertritt eine ganzheitliche Sicht. Er wehrt sich in dem Zusammenhang auch dagegen, nur über Traumatisierung im Zusammenhang mit extremen Belastungssituationen zu sprechen, genauso wichtig ist es ihm, zu veröffentlichen, dass in den USA die Postleitzahl stärker als die DNS darüber entscheidet, ob man in Sicherheit und guter Gesundheit aufwachsen kann, er spricht über Erkenntnisse, dass in den USA mehr Frauen häusliche Gewalt erleiden als an Brustkrebs zu erkranken und seit 2001 sind mehr amerikanische Bürger durch Taten von Partnern oder Familienangehörigen umgekommen als bei Kriegen im Irak und Afghanistan (S. 413).

Gemeinsam mit Kolleg*innen entwickelt Bessel van der Kolk im Trauma Center Programme für Kinder und Jugendliche. Für einen Zeitraum von zwei Jahren wird eine besondere Region ausgewählt und Kooperationen mit Akteuren vor Ort geschlossen, um diese Ansätze und Methoden intensiv zu multiplizieren z.B. die Entwicklung eines kultursensitiven Traumaprogramms für Indianer in Reservaten.

Im Anhang ab S. 427 findet man einen Diagnostikbogen zur Einschätzung der „Entwicklungsbezogenen Traumafolgestörung“, den sog. Consensus Proposed Criteria for Developmental Trauma Disorder, es finden sich Hinweise zu Internetadressen zu den in den Kapiteln behandelten Themen, ein Verzeichnis mit weiterführender Literatur sowie ein Personen- und Stichwortverzeichnis.

Diskussion

Der Autor Bessel van der Kolk arbeitet seit über dreissig Jahren in den Bereichen Forschung und in klinischer Praxis, er ist also quasi in vorderster Reihe aktiv. Auf diesem umfassenden Erfahrungswissen fußt sein Buch. Die Seiten sind sehr eng bedruckt, dieses Format ist ein Ausdruck dafür, dass der Autor sein Wissen und seinen Erfahrungsschatz möglichst umfangreich weitergeben will.

„Traumata sind ihrem Wesen nach unerträglich“ schreibt der Autor zu Beginn des Buches (S. 9). Das Entsetzen und die Isolation im Zentrum eines jeden Traumas verändern buchstäblich Gehirn und Körper. Das Gehirn schaltet in Extremsituationen ab. Neue Erkenntnisse über die Überlebensinstinkte des Menschen erklären, warum Traumatisierte von unvorstellbaren Ängsten, Taubheitsempfindungen und unerträglicher Wut belastet sind. Davon werden zahlreiche Fähigkeiten ungünstig beeinflusst wie z.B. die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, sich zu erinnern, Vertrauensbeziehungen aufzubauen oder sich in ihrem eigenen Körper zu Hause zu fühlen mit der Folge, dass Betroffene das Gefühl haben, ihr Leben nicht selbst steuern zu können. Die Hoffnung auf Heilung ist nicht vorhanden, gerade weil viele Menschen schon durch viele erfolglose Therapien frustriert wurden.

Das Buch gibt Hoffnung und zeigt Wege auf. Es beschreibt, dass Menschen seelische Widerstandskräfte, eine sog. Resilienz, entwickeln können. Gezeigt wird, dass Beziehungen verletzen aber auch heilen können. Eindrucksvoll stellt Bessel van der Kolk Behandlungsmethoden vor, die gestörte Funktionen neu aufbauen. Er vermittelt die Botschaft, dass es gelingen kann, dass traumatisierte Menschen in der Lage sind, (wieder) handlungsfähig zu werden und Erlebnisse und Gefühle von Hilflosigkeit verändern zu können. Es gelingt, den eigenen Körper und das eigene Leben zurückzuerobern.

Ein wichtiger Schlüssel ist das sog. Selbstgewahrsein, welches Selbstempfinden braucht, v.a. subtile sensorische körperbasierte Gefühle. Diese sind entscheidend für die Handlungsfähigkeit. Achtsamkeitsübungen, die die Aufmerksamkeit auf das legen, was im Menschen vorgeht, sind wichtiger Bestandteil der Traumatherapie. Selbstgewahrsein gelingt dann, wenn man sich mit den eigenen Gefühlen vertraut macht und mit dem eigenen Körper Freundschaft geschlossen wird. Sollte jemand nicht in der Lage sein, eigene Gefühle auszusprechen so ist es sehr unterstützend, wenn die Umgebung z.B.eine Lehrerkraft das ausspricht, was der Mensch in dem Moment empfindet.

Atmen, singen und Bewegung beeinflussen das Arousalsystem (Arousal ist der allgemeine Grad der Aktivierung des zentralen Nervensystems), das Wissen darüber ist in China und Indien präsent, leider findet es in der westlichen Welt zu wenig Aufmerksamkeit. Aus meinem beruflichen Wirkungsfeld als Leitung weiß ich, dass es sehr einfach ist, derartige Techniken in den Alltag einzubauen z.B. gehen die Mitarbeitenden der Einrichtung mit den betreuten Menschen jeden Tag spazieren, um Achtsamkeit für die Natur, Bewegung und Atmung zu verknüpfen. Spendenfinanziert (weil dieses Angebot nicht zum Regelauftrag der Eingliederungshilfe gehört) wird Musiktherapie angeboten und damit ein Rahmen, der neben vielen anderen therapeutischen Methoden u.a. das Ausführen und Erlernen dieser Ansätze auf Spaß machende bzw. spielerische Weise zu unterstützen.

Das Buch -einmal in die Hand genommen- ist schwer wegzulegen. Es zieht in den Bann. Ich habe das Buch verschlungen, denn es vermittelt in verständlicher und anschaulicher Weise sowohl neurowissenschaftliche Erkenntnisse als auch ein breites Erfahrungswissen. Dieses wird mit zahlreichen Beispielen unterfüttert. Am Ende steht die Erkenntnis: In einer traumabewussten Gesellschaft geht es nicht nur um die Behandlung von Traumata, sondern auch darum, wie die Entstehung von Traumata verhindert werden kann. Bessel van der Kolk hat erfahren, dass Menschen lernen können, ihr Verhalten zu beeinflussen und zu verändern, vorausgesetzt, sie fühlen sich sicher. Nur dann sind sie in der Lage mit neuen Erfahrungen zu experimentieren.

Auch diese Erfahrung deckt sich mit den Erkenntnissen meiner Arbeit mit Menschen, die uns durch ihre Ausdrucksweisen herausfordern. Ich denke dabei z.B. an Aggressionen, extremes Rückzugsverhalten und nicht erwartete Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick verwirrend erscheinen (wie z.B. das Verhalten von Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben).

Ich teile die Ansicht, dass es nicht nur um die Bearbeitung des (scheinbar) dysfunktionalen Verhalten gehen kann, sondern der Fokus und die Energie darauf zu verwenden ist, herauszufinden, womit Menschen versuchen, in ihrem Leben fertig zu werden, welche inneren und äusseren Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen und wie es ihnen gelingt, sich zu beruhigen. Verhalten ist immer Kommunikation und subjektiv sinnvoll, dieser Erkenntnis sollte man sich stets bewusst sein.

Es geht darum, herauszufinden, ob der Mensch ein fürsorgliches Verhältnis für seinen Körper hat und was er tut, um sein körperliches Empfinden von Macht, Vitalität und Entspannung zu fördern. Wir sollten nachfragen, ob das Gegenüber weiss, auf wen oder welche Bezugsgruppe es sich verlassen kann, interessant ist auch, ob der Mensch selber im Leben der Menschen, mit denen er Umgang pflegt, eine wichtige Rolle spielt. In unserem professionellen Handeln sollten wir daran arbeiten, dass dies gelingt. Nicht allein die Beziehungsarbeit ist ein Ansatz, hinzu kommen Möglichkeiten, die in der Gestaltung einer Umgebung liegen wie z.B. Strukturierung und Visualisierung, die dieses Wissen vermitteln und diese Erfahrungen erzeugen.

Menschen sollten wissen, welche Fertigkeiten sie brauchen, um Entscheidungen zu treffen. Zentral ist auch die Frage, ob sie das Gefühl haben, dass das Leben einen Sinn und Zweck hat. Sie sollten wissen, was sie besonders gut können und professionelle Betreuungspersonen haben Kenntnis darüber, wie sie helfen können, beim Gegenüber das Gefühl zu entwickeln, selbst über das eigene Leben zu entscheiden.

Aus meiner Leitungs- und Beratungstätigkeit heraus weiß ich, dass oft viele Ansatzpunkte brach liegen, weil der Fokus leider einseitig nur darauf ausgerichtet ist, was alles nicht gelingt. Eine traumabewusste Haltung ist eng verknüpft mit dem subjektorientierten Ansatz meiner Arbeit. Marlis Pörtner, die wie ich mit Menschen arbeitet, die unter den Bedingungen von kognitiven Beeinträchtigungen leben, verwendet die Bezeichnung „personzentriert“. Ihr Buch, das aktuell in der 11.Auflage (1.Auflage 1996) erschienen ist, fasst mit dem Titel den personzentrierten Ansatz: Ernstnehmen – Zutrauen – Verstehen. Eine Rezension zum Buch von Marlis Pörtner ist unter https://www.socialnet.de/rezensionen/24009.php vorhanden.

Es ist unbestritten: das hier vorgelegte Buch von Bessel van der Kolk ist beeindruckend. Es ist ein Fachbuch für alle, die mit traumatisierten Menschen arbeiten.

Bemerkenswert ist sein politisches Bekenntnis am Ende des Buches. Es reicht dem Autor nicht, einseitig über neurowissenschaftliche und therapeutische Erkenntnisse zu schreiben und Vorträge zu halten. Er wehrt sich dagegen, nur über Traumatisierung im Zusammenhang mit extremen Belastungssituationen zu sprechen, genauso wichtig ist es, zu veröffentlichen, dass in den USA die Postleitzahl stärker als die DNS darüber entscheidet, ob man in Sicherheit und guter Gesundheit aufwachsen kann, er spricht über Erkenntnisse, dass in den USA mehr Frauen häusliche Gewalt erleiden als an Brustkrebs zu erkranken und seit 2001 sind mehr Amerikaner durch Taten von Partnern oder Familienangehörigen umgekommen als bei Kriegen im Irak und Afghanistan (S. 413).

Gemeinsam mit Kolleg*innen entwickelt Bessel van der Kolk im Trauma Center Programme für Kinder und Jugendliche. Für eine Dauer von zwei Jahren wird eine besondere Region ausgewählt und Kooperationen mit Akteuren vor Ort geschlossen, um intensiv Ansätze und Methoden zu multiplizieren. Dabei geht es z.B. um die Arbeit an Schulen oder um die Entwicklung eines kultursensitiven Traumaprogramms für Indianer in Reservaten.

Fazit

Dieses Buch trägt dazu bei, ein neuartiges Verständnis der Ursachen und Folgen von Traumata zu gewinnen. Es vermittelt Hoffnung und Klarheit für Menschen, die die zerstörerische Wirkung eines Traumas kennengelernt haben. Traumata sind eines der grossen gesundheitlichen Probleme unserer Zeit, nicht nur, weil sie bei Unfall- und Verbrechensopfern eine so grosse Rolle spielen, sondern auch wegen der weniger offensichtlichen, aber gleichermaßen katastrophalen Auswirkungen sexueller und familiärer Gewalt und der verheerenden Wirkung von Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung und Substanzabhängigkeiten.

Das Buch endet mit dem Epilog zu Entscheidungen, die getroffen werden müssen. In einer traumabewussten Gesellschaft geht es nicht nur um die Behandlung von Traumata, sondern auch darum, wie deren Entstehung verhindert werden kann. Der Autor hat in seiner langjährigen Arbeit erfahren, dass Menschen lernen können, ihr Verhalten zu beeinflussen und zu verändern, vorausgesetzt, sie fühlen sich sicher. Nur dann sind sie in der Lage, mit neuen Erfahrungen zu experimentieren.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), Autismus, TEACCH, erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 28.05.2019 zu: Bessel A. Van der Kolk: Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. G.P. Probst Verlag GmbH (Lichtenau) 2015. ISBN 978-3-944476-13-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24829.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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