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Karl-Hein Renner, Astrid Schütz u.a. (Hrsg.): Internet und Persönlichkeit

Cover Karl-Hein Renner, Astrid Schütz, Franz Machilek (Hrsg.): Internet und Persönlichkeit. Differentiell-psychologische und digagnostische Aspekte der Internetnutzung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. 369 Seiten. ISBN 978-3-8017-1852-7. 29,95 EUR.
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Zielsetzung und Zielgruppen

Sicheres Bindungsverhalten ist die entscheidende Basis für die lebenslange Verfügbarkeit und Nutzung von Ressourcen zur Alltagsbewältigung von Lebenskrisen. Dr. med. Wilhelm Stuhlmann, Diplom Psychologe und Arzt für Neurologie und Psychiatrie, ist in eigener Praxis und in der Aus- und Weiterbildung, Supervision und Beratung in den Bereichen Altenhilfe, Geriatrie und Gerontopsychiatrie tätig und ist Autor dieses Fachbuches. Er ist Erster Vorsitzender des Landesverbandes der Alzheimer Gesellschaft NRW e.V. und hat den Versuch unternommen, die Erkenntnisse der Bindungsforschung in der praktischen Arbeit mit Demenzkranken zu nutzen.

Aufbau und Übersicht über die behandelten Themen und Inhalte

Das Buch ist in neun Kapitel untergliedert, die zunächst der begrifflichen Klärung von Bindung und Ressourcen vorbehalten sind, über ein Konzept der sicheren Basis in der Altenpflege weitergeführt und bis hin zu Aufgaben in der Zukunft weiter entwickelt werden.

  1. Der Begriff „Bindung“, im angelsächsischen „attachment“ genannt, wurde bereits Ende der sechziger Jahre von Bowlby begründet. Er geht von einem biologisch angelegten Bindungssystem aus, das einen Säugling im Falle von Gefahr veranlasst, die Nähe eines Menschen zu suchen, der ihm Schutz und Sicherheit geben kann. Hauptbindungsperson ist immer derjenige, der in den ersten Lebensmonaten eines Kindes den intensivsten Kontakt zu ihm hat. Aus dieser spezifischen Beziehung entsteht ein inneres Muster, das tief in der Psyche verankert ist und über den Lebenslauf hinweg recht stabil das Bindungsverhalten beeinflusst. Stuhlmann geht von vier Bindungstypen aus, die zunächst erklärt und bezüglich der Auswirkungen auf die seelische Entwicklung beschrieben werden. Durch Verlusterfahrungen von Freunden und Verwandten oder durch Isolation können latent gebliebene unsichere Muster im Alter wieder reaktiviert werden. Wensauer/Grossmann (1997 [1]) betonen einen auffallend hohen Anteil älterer Menschen mit einem unsicheren Bindungstyp. Des Weiteren wurde bei Untersuchungen von Personen mit besonderen Risiken in der Lebensgeschichte ein verstärkter Wandel von ursprünglich sicherem zu unsicherem Bindungsverhalten festgestellt. Der Autor stellt danach das 8-Stufen-Modell der psycho-sozialen Entwicklung nach Erik Erikson dar, um zu den Bindungsstörungen im Alter übergehen zu können. Heine (2004 [2]) weist beispielsweise bei vernachlässigten Kindern nach, dass sich ein summierendes Funktionsdefizit erst nach über 50 Jahren im Rahmen einer Demenz bemerkbar machen kann. Er stellt die provozierende Frage, ob nicht schon ein großer Anteil der Entwicklung der Demenz vom Alzheimertyp in früher Kindheit angelegt wird, weil in dieser Lebensphase das neuronale Netz verknüpft und organisiert wird. „Dieses Netz ist die Grundlage der Leistungsfähigkeit des Gehirns und bietet bei guter Ausformung eine gewisse Funktionsreserve und damit einen protektiven Faktor (S. 32)“. Im Unterabschnitt 1.7 wird der Zusammenhang zwischen Depression und Bindung dargestellt. Viele Depressive mussten als Kinder erfahren, dass sie nicht um ihrer selbst willen geliebt worden sind, sondern nur, wenn sie bestimmte Erwartungen der Bezugspersonen erfüllten. Auslösende Bedingungen für eine Depression im Alter sind diese frühen Erfahrungen gekoppelt mit bestimmten Lebensereignissen wie Verlust von wichtigen Personen, von Vertrautheit im Haushalt, im Wohnen, durch Nachlassen oder Verlust der körperlichen oder geistigen Funktionstüchtigkeit, auch durch Vereinsamung usw. Das ist insofern bedeutsam, als depressive Störungen inzwischen als mehrfache Risikofaktoren gelten, die eine Demenz ungünstig beeinflussen können.
  2. Das zweite Kapitel setzt sich mit dem Begriff der “Ressourcen“ und deren Bedeutung für die Entwicklung im Alter auseinander. Eine Klassifizierung kann nach sozio-biographischen, psychischen und körperlichen Ressourcen erfolgen, die sich aus der Lebensgeschichte einer Person ergeben.
  3. Kapitel drei nimmt zu Bindung und Ressourcen bei Demenz Stellung. Es werden zwei Fallbeispiele dargestellt, die bei Demenz typisch sind und darauf verweisen, welche Konflikte daraus bei der Pflege entstehen können. Bei einer Demenz wird von einer Schwächung der Ressourcen durch Vergessen ausgegangen und dem gleichzeitigen Entstehen neuer Ressourcen aus alten Quellen (S. 51). Im Abschnitt 3.1 werden generationsübergreifende Aspekte der Bindung bei eintretender Pflegebedürftigkeit erörtert. Es folgen sehr interessante Ausführungen zur Gegenseitigkeit von Bindung in Beziehungen bei Demenz eines Partners. Außerordentlich lehrreich sind die Gedanken zu Bewältigungsstrategien bei Demenz, die nicht im Sinne einer erfolgreichen Lösung, sondern als nicht bewertende Formen des Umgangs mit Belastungen und der sich daraus ergebenden Anspannung beschrieben werden. Es wird auf die Notwendigkeit von möglichst langer Aktivität (Hobby, Interesse, Umstellungsfähigkeit) verwiesen, weil nicht mehr aktivierte und brachliegende Verknüpfungen im neuronalen Netzwerk unwiederbringlich gelöscht werden (S. 60).
  4. Kapitel vier zur Entdeckung und Aktivierung von Ressourcen in der täglichen Arbeit mit demenzkranken Personen geht vom notwendigen Wechsel der Perspektive von der Defizitorientierung zur Kompetenzwahrnehmung aus. Nachdem das biographische Arbeiten zur Stärkung von Bewältigungsstrategien heraus gearbeitet wurde, werden biographisch schützende Einflüsse auf die Demenz und anhand von Fallbeispielen günstige Verhaltensweisen beschrieben. Breiter Raum wird der Nutzung der fünf Sinne (Sehen, Riechen, Hören, Schmecken, Hautkontakt) als Tore zur Umwelt, die in der Pflege Demenzkranker genutzt werden können, eingeräumt.
  5. Kapitel fünf zu Übergangsobjekten zur Bindungsregulation beschreibt die Möglichkeit, diese unbelebten Objekte wie ein Schmusekissen, ein Stofftier oder eine Puppe bei Kindern in der Ablösungsphase von der Bezugsperson, bei Demenzkranken im Sinne einer selbstgesteuerten Regression als Ersatz für einen bindungsrelevanten Vorgang des Versorgens und Bemutterns zu nutzen. Dadurch wird soziale Kommunikation ermöglicht, die nicht Zurückweisung oder Unverständnis riskieren muss (S. 95). Übergangsobjekte werden insbesondere bei aktuell erlebten Situationen von Verlust, Unsicherheit und Verlassenheit bedeutsam, so dass eine Wegnahme bei Aufnahme in ein Krankenhaus oder dgl. als Verlust eines Teils der eigenen Identität gewertet wird.
  6. Das sechste Kapitel ist dem Konzept der sicheren Basis in der Altenpflege als angemessenen Umgang mit Nähe und Distanz gewidmet. Diese Beziehungsregulation schafft den Rahmen, um in der Arbeit mit demenzkranken Personen auf noch verfügbare Ressourcen zurückgreifen zu können. Die sichere Basis ist das Kernstück der Bindungssicherheit und kann durch Strukturen, die im Alltag Orientierung, Sicherheit und Halt bewirken können, unterstützt werden.
  7. Therapie- und Pflegekonzepte unter den Aspekten von Biographie und Bindungssicherheit werden im siebenten Kapitel thematisiert. Es werden Möglichkeiten dargestellt, die die Bindungssicherheit stabilisieren können. Durch Erinnerungsalben können bei Demenz nicht mehr verfügbare Erinnerungen durch Verknüpfungen mit anderen im Altgedächtnis verfügbaren Informationen zu einem erzählbaren Gedächtnisinhalt geformt werden. Der Umgang mit vertrauten Gegenständen auch aus der ehemaligen Arbeitswelt, das Rollenspiel und die Improvisation oder die biographiebezogene Einrichtung eines Zimmers und andere Techniken als auch Testverfahren werden als mögliche bindungsstärkende Konzepte vorgestellt.
  8. Eigenen Bindungsressourcen der Pflegenden ist das achte Kapitel dieses Buches vorbehalten. Es wird beschrieben, welche Bindungspaarung in der Beziehung Pflegende und Gepflegte günstig sind und welche Bindungen belastende Situationen mit sich bringen.
  9. Im neunten und damit letzten Kapitel werden Aufgaben für die Zukunft auch an die Bindungsforschung und in Beziehung der eigenen Vorsorge im Falle einer Demenzerkrankung formuliert.

Fazit

Das vorliegende Buch vermittelt eine ganz spezifische Sicht in die Prägnanz der Bindung, des Bindungsverhaltens und der -sicherheit, fokussiert auf demenzkranke Personen. Es ist logisch und stringent gegliedert, ist leicht verständlich und schärft den Blick insbesondere für Pflegende in gerontopsychiatrischen Kliniken, Altenheimen oder im häuslichen Bereich. Diese Publikation sollte zur Pflichtlektüre für jene ernannt werden, die sich der Betreuung und Pflege demenzkranker Personen verschrieben haben, um Ressourcen der Gepflegten im Bindungsverhalten reaktivieren zu können.


[1]  M. Wensauer/K. E. Grossmann 1997: Qualität der Bindungsrepräsentation, soziale Integration und Umgang mit Netzwerkressourcen im höheren Erwachsenenalter. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 28. 444 – 456;

[2]  H. Heine 2004: Die perineurale Matrix bei Alzheimer Demenz. In: Geriatrie – Journal 6. 31 – 36;


Rezensent
Prof. Dr. Franz Josef Röll
Hochschule Darmstadt
Homepage www.franz-josef-roell.de


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Zitiervorschlag
Franz Josef Röll. Rezension vom 13.06.2008 zu: Karl-Hein Renner, Astrid Schütz, Franz Machilek (Hrsg.): Internet und Persönlichkeit. Differentiell-psychologische und digagnostische Aspekte der Internetnutzung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. ISBN 978-3-8017-1852-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2483.php, Datum des Zugriffs 20.05.2019.


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