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Wilfried Schubarth: Gewalt und Mobbing an Schulen

Cover Wilfried Schubarth: Gewalt und Mobbing an Schulen. Möglichkeiten der Prävention und Intervention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 3., aktualisierte Auflage. 245 Seiten. ISBN 978-3-17-030878-7. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
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Thema

Gewalt und Mobbing an Schulen stellen seit vielen Jahren ein Brennpunktthema dar. Dabei erweist sich dies im Grunde als Herausforderung, seit es Schule gibt. Zugleich lassen sich Veränderungen über die Zeit feststellen, deren aufmerksame Verfolgung von Bedeutung ist, um gezielt etwas zu unternehmen, im gesamten Spektrum von der Prävention bis zur (hochintensiven) Intervention. Besonders stark wurde Gewalt in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern in den 1990er Jahren beforscht und untersucht. Neben den Ausprägungsformen und der Ermittlung von Verbreitungshäufigkeiten im Sinne eines Erkenntnisgewinns sind solche Befunde potenziell auch immer handlungsleitend: Sie weisen darauf hin, wo genauer hinzusehen wäre, wo in welcher Hinsicht Handlungsbedarfe entstehen, und sie dienen der Generierung sowie Weiterentwicklung von Konzepten für und in Schulen – im gesamten Spektrum der Schulformen und Altersklassen.

In den vergangenen Jahren hat eine dynamische Entwicklung in der Welt, aber auch in den „westlichen“ Gesellschaften eingesetzt. Leider zeigen sich dabei insbesondere verschiedene negative Trends, unter anderem im Rahmen von Formen struktureller Gewalt. Auch diese Entwicklungen gilt es ins Auge zu fassen und aufzugreifen, hier bezogen auf das Thema Gewalt, und Schule in zweierlei Hinsicht zu betrachten: zum einen als Austragungsfeld von (auch neuartigen) problematischen Formen von Gewalt – und zum anderen im Hinblick auf Schule als demokratiebildendes, gegen gesellschaftlich erzeugte und induzierte Gewalt, Aggressivität und Aggressionen gerichtetes Erziehungsfeld. So ist – auch hier, wie es die Kritische Theorie betrachtet – Erziehung eine Funktion von Gesellschaft, aber auch Gesellschaft potenziell eine Funktion von Erziehung.

Autor

Wilfried Schubarth ist Professor für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam. Neben der Forschung zu Gewalt und Mobbing sowie Rechtsextremismus als Schwerpunkt seiner Arbeit, auch im Hinblick auf Prävention, beschäftigt er sich mit Jugend- und Sozialisationsforschung, Schul- und Hochschulforschung, Forschung zu Lehrerbildung sowie mit Fragen der Werte- und Demokratiebildung in Schule und Gesellschaft.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand in Anknüpfung an die Habilitationsschrift des Verfassers 2000. Neu wurde es in erster Auflage als Grundlagenbuch 2010 vorgelegt. Eine 2. Auflage erschien 2012. Die hier vorliegende 3., aktualisierte Auflage 2019 basiert damit auf einer 20jährigen Geschichte der Arbeit selbst und der dahinter stehenden intensiven Auseinandersetzung des Verfassers mit Gewalt und Mobbing an Schulen, im Rahmen theoriebasierter sowie eigener empirischer Forschung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert. Diesen wird in der neuen 3. Auflage ein aktuelles Kapitel zur Entwicklung von Gewalt und Mobbing vorangestellt.

In diesem vorangestellten Kapitel wird zunächst die Frage aufgeworfen, ob und inwiefern Gewalt und Mobbing in den letzten Jahren zugenommen haben. Ein besonderer Blick gilt dann den beiden aktuellen Ausprägungsformen Cybermobbing und Hate Speech. Zum Abschluss werden neuere Erkenntnisse zur Prävention und Intervention beleuchtet.

Der Hauptteil I bietet eine Grundlegung zu Gewalt und Mobbing an Schulen. Dies geschieht in fünf Teilkapiteln:

  • einem Abriss der öffentlichen Debatte zum Thema;
  • einer Betrachtung der Prävention von Gewalt als schulischer Aufgabe;
  • einer Analyse des Begriffes und Verständnisses von Gewalt;
  • im Rahmen eines umfangreichen Kapitels einer differenzierten Betrachtung von theoretischen Modellen zur Erklärung von Aggression bzw. Gewalt unter Einschluss von Fragen der Prävention – wobei zum einen psychologische Theorien und zum anderen soziologische unterschieden und berücksichtigt werden, anschließend integrative Erklärungsmodelle;
  • im Rahmen eines weiteren sehr umfangreichen Kapitels der Forschungsstand zum Ausmaß sowie zu den Ursachen von Gewalt und Mobbing – einschließlich des Blickes auf spezifische Felder wie Amokläufe an Schulen sowie sexuelle Gewalt (einem Gastbeitrag von Juliane Ulbricht, der in der ersten Auflage nicht enthalten war) – abgerundet durch die Beleuchtung von Schlussfolgerungen aus den zusammengetragenen empirischen Befunden.

Der besonders breite Hauptteil II, der in etwa die Hälfte des Buches beansprucht, setzt sich mit Möglichkeiten der Prävention und Intervention auseinander. Diese Auseinandersetzung wird in sechs Teilkapiteln geführt:

  • Auch hier starten die Ausführungen mit begrifflichen Schärfungen: Gewaltprävention, Gewaltintervention.
  • Anschließend wird ein Grundgedanke entwickelt: die ursachenbezogene Prävention im Sinne einer „systemischen schulischen Gewaltprävention“.
  • Es folgt eine Analyse allgemeiner Möglichkeiten und Ansatzpunkte der Prävention und Intervention.
  • Kern des zweiten Teils ist dann das vierte Teilkapitel, welches sich in fünf Unterkapiteln mit schulischen Präventions- und Interventionsprogrammen beschäftigt: Präventionsprogramme gegen Gewalt, Interventionsprogramme gegen Gewalt, Programme gegen Mobbing, gewaltunspezifische Präventionsprogramme sowie sonstige Konzepte im Kontext der Gewaltprävention. In diesem knapp 80 Seiten umfassenden Kernkapitel werden zugleich auch Programme mit unterschiedlichen Ansatzpunkten zusammengetragen: im Hinblick auf Schüler, spezifisch dann Täter, Opfer (unter Einschluss der besonders bedeutsamen Gruppe der „Täter-Opfer“), Zuschauer, Pädagogen und ihre Kompetenz sowie auch der gesamten Schule und bei Berücksichtigung diverser Ansatzmöglichkeiten in Maßnahmepaketen.
  • Diesem umfangreichen Kapitel folgt ein Überblick zur Wirksamkeitsforschung.
  • Das Kapitel schließt mit einer Betrachtung der Schulentwicklung im Hinblick auf Gewaltprävention – strukturiert als „Anleitung zum Handeln“ in Form eines sechsphasigen Modells.

Beide Hauptteile werden durch größere Listen von Wiederholungsfragen ergänzt, im Sinne eines Lehrbuchcharakters.

Ein abschließendes drittes Hauptkapitel beleuchtet, im Sinne eines Fazits und Ausblicks, Perspektiven der Gewaltprävention. Dies ist, wie schon in der ersten Auflage, in zehn Punkte strukturiert, die grundsätzliche Empfehlungen repräsentieren.

Ein sehr umfangreiches Literaturverzeichnis beschließt das Buch. In dieser neuen Auflage wird es ergänzt durch ein aktuelles Literaturverzeichnis am Ende des neuen Einführungskapitels, das oben erwähnt wurde.

Diskussion

Schon aus der ursprünglichen Habilitationsschrift heraus bietet dieses Buch einen hervorragenden Überblick zu Forschung und Diskussion. Der Forschungsstand ist ebenso genau und engagiert in seiner Breite und Tiefe zusammengetragen wie die Theoriebildung zu Aggression und Gewalt – sowie zum dritten der Überblick bestehender und relevanter Konzepte und insbesondere Programme. Zugleich besticht die Arbeit von Wilfried Schubarth durch ihre ausgesprochen stringente Systematik in der Aufarbeitung und Darstellung. Dies gilt von der breiten und zugleich differenzierten Darstellung der Theoriebildung, die neben psychologischen auch medizinische und insbesondere soziologische Ansätze mit großer Umsicht berücksichtigt, über das sehr strukturierte Zusammentragen und Erörtern von Möglichkeiten der Prävention und Intervention – im Hinblick auf Ansatzpunkte, Programme und Trainings – bis hin zu klaren und wiederum sehr durchdachten und strukturierten Empfehlungen für Schulen und Lehrkräfte.

Besonders hervorzuheben ist in der neuen Auflage das vorangestellte Kapitel, welches aktuellere Entwicklungen der Ausprägungsformen des Problemfeldes im Hinblick auf Grundlagenforschung, aber auch der Konzeptentwicklung zu Prävention und Intervention darstellt. Hervorzuheben ist die Bearbeitung aktueller Gewaltproblematiken: Cybermobbing und Hate Speech. Auch im weiteren Verlauf des Buches wurde manches aktualisiert.

Zugleich wäre zu wünschen, dass in einer möglichen (und ebenso wünschenswerten) späteren Neuauflage die Erkenntnisse des neuen Einleitungskapitels stärker in den Gesamttext eingearbeitet würden denn den Ausführungen vorangestellt. In der aktuellen Form wirkt dieses neue Kapitel recht abgegrenzt und „additiv“, auch mit einem eigenen Literaturverzeichnis, während die Literatur der weiteren Kapitel sich, wie in den früheren Auflagen, in einem Gesamtverzeichnis findet. Eine solche Einarbeitung würde auch der vertieften Aktualisierung verschiedener Teilkapitel dienlich sein, denn hier, in diesem neuen Teil, wird verstärkt die Forschung der letzten Jahre aufgearbeitet.

Und schließlich sei noch das neue Vorwort erwähnt. Hier gelingt es Wilfried Schubarth auf engem Raum, sehr dicht all die (beunruhigenden) gesellschaftlichen Entwicklungen in ein Gesamtbild zu bringen, die zugleich auch problematische Einflüsse auf Aggressionen und Gewalt von Kindern und Jugendlichen haben mögen – etwa Rechtspopulismus oder die um sich greifende Verrohung der Umgangsformen und der Sprache. Hinzu treten auch direkte Einflüsse, wie sie sich aus den problematischen Untiefen des Internets und der (un)sozialen Medien ergeben. Dem entsprechend greift der Verfasser dann in seinem neuen Einführungskapitel gerade auch, wie oben angesprochen, Phänomene wie Cybermobbing und Hate Speech im Hinblick auf Forschungsstand sowie Möglichkeiten der Prävention und Intervention auf. Hier wird die nicht zu unterschätzende Relevanz des Buches in einen gesellschaftlichen Kontext gestellt.

Fazit

Dieses Buch zu Gewalt und Mobbing an Schulen ist ohne Zweifel ein Standardwerk. Es bietet einen hervorragenden und aktuellen Überblick zum Forschungsstand. Es verhilft dem Leser zu einer verstehenden Orientierung über multiple theoretische Zugänge und konkrete Theorien zur Erklärung von Aggression, Gewalt und Mobbing. Es bietet einen hervorragenden Überblick zum gesamten Reigen verfügbarer Handlungskonzepte und Programme, und es unterstützt Pädagogen in der Praxis durch strukturierte Hinweise. Es kann daher allen Pädagoginnen und Pädagogen in der Praxis, aber auch für Kontexte der Lehre und der Forschung als Einführungs- und Überblickswerk zu dieser wichtigen Thematik ohne Abstriche empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 09.10.2019 zu: Wilfried Schubarth: Gewalt und Mobbing an Schulen. Möglichkeiten der Prävention und Intervention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 3., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-17-030878-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24832.php, Datum des Zugriffs 15.12.2019.


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