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Ulrich Klocke, Alexander Naß: Geschlechtliche Vielfalt (er)leben

Cover Ulrich Klocke, Alexander Naß: Geschlechtliche Vielfalt (er)leben. Trans*- und Intergeschlechtlichkeit in Kindheit, Adoleszenz und jungem Erwachsenenalter. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. 149 Seiten. ISBN 978-3-8379-2597-5. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Reihe: Angewandte Sexualwissenschaft - Band 8.
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Thema

Die Autor*innen des vorliegenden Buches befassen sich aus interdisziplinärer und multidimensionaler Perspektive mit der Thematik Trans*- und Intergeschlechtlichkeit im Kindes- und jungen Erwachsenenalter. Ziel ist es, insbesondere pädagogischem und psychologischem Fachpersonal eine Handreichung beim Umgang mit inter- und trans*geschlechtlichen Kindern und Jugendlichen anzubieten und dabei zu unterstützen, deren spezifische Bedürfnisse, Interessen und Gefühlslagen besser zu verstehen. Über aktuelle Forschungsergebnisse aus diesem Bereich informieren Vertreter*innen aus Psychologie, Soziologie, Biologie und Rechtswissenschaft.

Autoren

Ulrich Klocke, Emily Laing, Alexander Naß, Eike Richter, Kurt Seikowski, Heinz-Jürgen Voß und Simon Zobel.

Entstehungshintergrund

Im Wesentlichen handelt es sich bei der vorgelegten Publikation um die Dokumentation von Vorträgen, die bei einem Kongress »Geschlechtliche Vielfalt (er)leben« in Weimar 2015 präsentiert wurden. Viele Vortragende sind Mitglied des veranstaltenden Vereins TIAM e.V.. Trans-Inter-Aktiv in Mitteldeutschland e.V. (TIAM e.V.) ist aus zwei bundesweiten Treffen in den Jahren 2013 und 2014 des Bundesnetzwerkes Trans-Aktiv hervorgegangen. Da inter- und trans*geschlechtliche Menschen in Mitteldeutschland bis dato keine oder nur wenig Interessenvertretung erfahren hatten, ist es Ziel von TIAM e.V., diesen Menschen eine Sprache zu geben. Auf diese Weise verfolget TIAM das Ziel der Inklusion und will einen positiven Wandel in den politischen, gesellschaftlichen und sozialen Strukturen bewirken. Darüber hinaus soll Entscheidungsträger*innen Unterstützung und Beratung angeboten werden, um Diskriminierungen und Ausgrenzungen zu vermeiden.

Aufbau

Das Buch bietet 8 inhaltliche Schwerpunktkapitel an:

  1. Wege von Kindern und jungen Erwachsenen, ihr Trans*Sein
zu kommunizieren 11 Unterschiede zwischen Trans*Jungen und Trans*Mädchen
  2. Einstellungen, Wissen und Verhalten gegenüber
Trans*- und geschlechtsnonkonformen Personen
  3. Vor dem Hintergrund des Erstarkens rechtsextremer Initiativen wird deutlicher: Sexuelle Bildung
und Konzepte zur Prävention sexualisierter Gewalt
müssen von intersektionalen Ansätzen lernen
  4. Aufklärungsprojekte im Wandel: (Wie oft) Trans* (er)zählt Bestandsaufnahme und geplante Evaluation der Workshops
 in Deutschland

  5. Die Bedeutung des Geschlechts im Recht
  6. S3-Leitlinienentwicklung „Geschlechtsdysphorie“ -
 Gibt es eine positive Gesundheitsversorgung?
  7. Körpergeschlechtliche Vielfalt im Praxistest
  8. Geschlechtliche Zuweisung und Vereindeutigung
bei intergeschlechtlichen Kindern als Gewalt Zugänge zur Thematik und Anregungen für die Soziale Arbeit.

Inhalt

Im Kapitel 1 setzt sich der Autor mit den Kommunikationswegen und -weisen trans*geschlechtlichen Kinder und Jugendliche auseinander. Dazu hat er Aufzeichnungen mit – zumeist sehr verschlüsselten-Hinweisen, mit denen die Kinder und Jugendlichen auf ihre Situation aufmerksam machen, analysiert. Besonderes Augenmerk richtet er auf die Erläuterung der sozialisationssoziologischen Hintergründe und eine entsprechende Beschreibung der lebensweltlichen Erfahrungen der trans*geschlechtlichen Kinder und Jugendlichen. Die zugrunde liegenden Dokumente stammen aus dem Kontext der Begutachtung zur Vornamensänderung oder Hormonbehandlung. Sie wurden von den betroffenen Kindern und Jugendlichen selbst erstellt. Der Autor kann auf Lebensläufe von 270 trans*geschlechtlichen Kindern und Jugendlichen zurückgreifen. Untersuchungsschwerpunkt ist das bei Trans*Mädchen und Trans*Jungen stark unterschiedliche Mitteilungsverhalten.

Kapitel 2 widmet sich dem Thema Einstellungen, Wissen und Verhalten gegenüber trans* und geschlechtsnonkonformen Personen. Dabei wird herausgearbeitet, dass es bislang kaum Forschung zu Einstellung und Verhalten gegenüber trans*geschlechtlichen Personen gibt, während es zu Homophobie mittlerweile zahlreiche Studien gibt. Da aber Homophobie und Trans*phobie offensichtlich stark miteinander zusammenhängen, wird vermutet, dass die Ergebnisse der Forschung zu Homophobie wohl auch für Trans*phobie gelten können. In seinem Kapitel geht der Autor auf diese Ergebnisse ein und berücksichtigt auch allgemeine Forschungsergebnisse zum Entstehen von Vorurteilen und Stereotypen sowie Attribuierungen.

Kapitel 3 nimmt ebenfalls Bezug auf Stereotype, nimmt aber die Dimension rassistischer Vorurteile bezüglich Sexualität und Geschlecht auf und gibt Anregungen, wie Vorurteile mithilfe von Materialien seitens Selbstorganisation von Personen of Color mit in die Betrachtungen einbezogen werden können, so das eine intersektionale Perspektive entsteht, die den Blick auf Rassismus, Geschlechter und Klassenverhältnisse und Sexualität einbezieht und weiter entwickelt.

Kapitel 4 nimmt Jugendliche und deren Homo bzw. Trans*phobie als besondere Facette gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in den Blick. Deutschlandweit versuchen 50 Aufklärungsprojekte diese Situation zu verbessern, indem sie Schulen und Jugendeinrichtungen entsprechende Workshops anbieten, in denen betroffene Jugendliche über ihr Coming-out berichten und Fragen von Schülern und Schülerinnen beantworten, die lesbisch, schwul, bisexuell oder trans*geschlechtlich oder in ihrer sexuellen Identität unsicher sind. Der Autor informiert über die entsprechenden Konzepte und deren Evaluation.

Kapitel 5 die beiden Autor*innen gehen Fragen nach der Bedeutung des Geschlechts oder des geschlechtlichen in den Vorschriften des Rechts nach. Der Artikel geht sowohl auf die Fragen der Anwendung und Interpretation geltenden Rechts ein, thematisiert aber auch die Gestaltung des Rechts und insbesondere der Gesetze und damit die Perspektive der Gesetzgeber in Bund und Ländern und der sie vorbereitenden Ministerialverwaltungen.

Kapitel 6 widmen sich der medizinischen Seite trans*geschlechtlicher Fragestellungen. Hintergrund ist die Erfahrung, dass die Betreuung der betroffenen Menschen in Deutschland relativ willkürlich erfolgt, dass es keine einheitlichen wissenschaftlichen Standards gibt und die gängige Praxis sehr von den subjektiven Einstellung der Behandelnden und den zuständigen Krankenkassen abhängt. Bis heute scheint es auch keinen einheitlichen Leistungskatalog für die Kostenerstattung zu geben, was bei den Betroffenen häufig zu Ablehnung der Kostenerstattung führt, und sie zu Gerichtsverfahren zwingt. Der Autor gibt Empfehlungen, welche Eckpunkte für eine entsprechende Leitlinie relevant sein könnten.

Kapitel 7 widmet sich der Mehrdimensionalität von körperlicher Geschlechtsentwicklung aus einer zeitgenössischen biologischen Perspektive. Es beschreibt, wie aktuell der Umgang mit körpergeschlechtlicher Vielfalt in Deutschland aussieht und wo unter Berücksichtigung aktueller Entwicklungen medizinische ethische und rechtliche Probleme zu erwarten sind.

Kapitel 8 gibt Literaturhinweise für die Beratung und Bildungsarbeit, insbesondere im Kontext der sozialen Arbeit.

Diskussion und Fazit

Dieses Buch stellt einen wichtigen Beitrag in Hinblick auf die Aufklärung und die Sensibilisierung in Bezug auf die inakzeptablen Rahmenbedingungen dar, mit denen Kinder und Jugendliche in Deutschland tagtäglich konfrontiert sind. Die Autor*innen gehen aber deutlich über die Klageebene hinaus und bieten wichtige Anregungen und dringend erforderliche Impulse für Veränderungen auf der ethischen, rechtlichen, medizinischen und Haltungsebene. Ein wichtiges Buch!


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 20.02.2019 zu: Ulrich Klocke, Alexander Naß: Geschlechtliche Vielfalt (er)leben. Trans*- und Intergeschlechtlichkeit in Kindheit, Adoleszenz und jungem Erwachsenenalter. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. ISBN 978-3-8379-2597-5. Reihe: Angewandte Sexualwissenschaft - Band 8.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24833.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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