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Martin Dabrowski, Judith Wolf (Hrsg.): Armut und soziale Gerechtigkeit in Deutschland

Cover Martin Dabrowski, Judith Wolf (Hrsg.): Armut und soziale Gerechtigkeit in Deutschland. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2018. 136 Seiten. ISBN 978-3-506-79244-0. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR, CH: 84,20 sFr.

Reihe: Sozialethik konkret.
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Thema

Armut stellt in den letzten Dekaden ein großes Soziales Problem in Deutschland dar. Obwohl immer wieder Studien und Berichte zu Ausmaß und Verteilung von Armut veröffentlicht werden, ist eine wirksame Abhilfe nicht in Sicht. Einen weiteren Beitrag zur Diskussion leistet der vorliegende Tagungsband. Die beiden HerausgeberInnen erläutern im Vorwort kurz die beitragsübergreifenden Fragestellungen: „Wo sind die tatsächlichen Armutslagen und wie werden sie wirksam bekämpft? Wie kann Armutsbekämpfung und Prävention verbessert werden?“ (S. 8)

HerausgeberInnen

Martin Dabrowski (Dozent für Wirtschaft, Sozialethik und Medien in der Katholisch-Sozialen Akademie Franz Hitze Haus in Münster) und Judith Wolf (Dozentin für Sozial- und Medizinethik in der Katholischen Akademie des Bistums Essen Die Wolfsburg) haben diesen Tagungsband der „interdisziplinären“ Fachtagung gleichen Titels, die in der Zeit vom 18. bis 19. September 2017 in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg in Mühlheim an der Ruhr stattfand, herausgegeben. Er ist Teil eines Kooperationsprojektes „der Katholisch-Sozialen Akademie Franz Hitze Haus, der Akademie Die Wolfsburg und der Konrad-Adenauer-Stiftung“ (S. 8).

Aufbau und Inhalt

Innerhalb von vier Schwerpunkten werden jeweils Referate und Korreferate zu folgenden Themen dokumentiert: Verständnis von Armut in Deutschland (Teil I), „Chancen- und Beteiligungsgerechtigkeit“ (Teil II), „Armutsrisiko für Familien“ (Teil III) und „Altersarmut“ (Teil IV) (vgl. S. 7 – 8).

Teil I

Georg Cremer (apl. Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg i. Br.) stellt in seinem Beitrag zunächst fest, dass im bundesrepublikanischen Armuts-Diskurs i.d.R. von relativer Armut ausgegangen wird: „Die heute dominierende statistische Konvention erfasst diejenigen als im Armutsrisiko lebend, die über weniger als 60 % des mittleren Einkommens (Median der Verteilung der Nettoäquivalenzeinkommen) verfügen.“ (S. 9) Zu kritisieren an diesem Begriff des Armutsrisikos sei die Abstraktion vom Wohlstandsniveau, da „bei steigendem Wohlstand der Anteil der Bevölkerung …, dessen Einkommen unterhalb der mit dem Wohlstand mitwachsenden Armutsgrenze liegt“, konstant bliebe (S. 10). Im Anschluss beleuchtet er die Entwicklung des Armutsrisikos in Deutschland im Allgemeinen und für bestimmte Gruppen, wie z.B. MigrantInnen und Familien im Besonderen. Er kritisiert u.a., dass die „schwer quantifizierbare Gruppe von extrem armen Menschen wie etwa wohnungslose Menschen und Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität“ nicht erfasst werden (S. 11-16). Er favorisiert den Ansatz der EU-weit einheitlichen Erhebung zur „materiellen Deprivation“ (von 2016), mit dem Entwicklungen aufgezeigt werden könnten, die durch Erhebungen zur Armutsrisikoquote „eher verdeckt“ würden (S. 19), da subjektive Einschätzungen zu materiellen Entbehrungen mittels einer standardisierten Befragung erfasst werden. „Die Prozentwerte zur materiellen Entbehrung liegen deutlich unter dem Anteil der Bevölkerung, der ein Einkommen unterhalb der Armutsrisikoschwelle hat.“ (18) Ergänzend führt Georg Cremer u.a. Ergebnisse der EU-Erhebung „Leben in Europa“ (von 2017) an: Auf die Frage, wie der Haushalt der Befragten mit dem monatlichen Einkommen zurecht komme, hätten „fast 38 % mit ‚relativ gut‘ und 16 % mit ‚gut‘ oder ‚sehr gut‘“ geantwortet. Er schließt daraus, dass „die öffentliche Wahrnehmung, wonach die Schere immer weiter auseinander ginge und die soziale Lage sich kontinuierlich weiter verschlechtern werde, nicht gestützt werden könne“ (S. 19).

Georg Cremer kritisiert zum einen die Vermischung der Begriffe Armut und Armutsrisiko, zum anderen die Skandalisierung von Armut, wie sie u.a. vom Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vorgenommen werde (vgl. S. 20). Er vermisst zudem eine Differenzierung in Bezug auf die Lebenslagen, denn nur so könne ein eventuell vorhandenes Vermögen der vom Armutsrisiko Betroffenen, wie z.B. eine Eigentumswohnung, berücksichtigt werden (vgl. S. 20 f.). Ergänzend verweist er auf die Lebenslagen von verschiedenen Gruppen, wie Studierenden, Flüchtlingen u.a., die unter dem Begriff des Armutsrisikos mitgezählt werden, obwohl sie nur für einen begrenzten Zeitraum betroffen seien. Weitere Themen sind Transferzahlungen auf Höhe der Armutsrisikoschwelle und die Entwicklung der Grundsicherung. Abschließend fasst Georg Cremer zusammen, dass seit den 1990er Jahren die Armutsrisikoquote gestiegen ist, wobei zu berücksichtigen sei, dass das Armutsrisiko derjenigen ohne Migrationshintergrund, anders als das Armutsrisiko der MigrantInnen, stabil sei (S. 29). Ferner plädiert er für die Etablierung einer expliziten Unterscheidung von Armut und Armutsrisiko, da sich die Armutsrisikoquote nicht als „sozialpolitische Norm“ eigne. Armutsbekämpfung „erfordert eine stärkere Ausrichtung der Bildungs- und Sozialpolitik am Prinzip der Befähigungsgerechtigkeit.“ (S. 30)

In ihrem Korreferat zum Beitrag von Georg Cremer beschäftigt sich Judith Niehues (vom Institut der Deutschen Wirtschaft Köln e.V.) mit den Themen Soziale Gerechtigkeit, der Schere zwischen Arm und Reich sowie der subjektiven Wahrnehmung von Ungleichheit. Aufgrund einer Analyse von Ergebnissen quantitativer und qualitativer Studien kommt sie zu dem Schluss, dass ein in den Medien, vor allem im Wahlkampf 2017 propagiertes Bild, wonach „immer größere Gruppen in Deutschland von der wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt“ würden, statistisch nicht belegt werden könne (S. 39). Handlungsbedarf sieht sie in einer zielgerichteten Armutsbekämpfung, insbesondere bezogen auf die Gruppen der stagnierenden Anzahl von Langzeitarbeitslosen trotz positiver Beschäftigungsentwicklung, der Alleinerziehenden und der MigrantInnen.

Explizit kritisch setzt sich Felix Blaser (von der Diakonie Hessen) mit dem Beitrag von Georg Cremer auseinander, indem er einen Widerspruch in dessen Aussage, wonach absolute Armut in Deutschland „nahezu inexistent“ (S. 9) sei, er aber andererseits einfordere die Armut von Wohnungslosen und anderen methodisch schwer zu quantifizierenden Gruppen in den Fokus zu rücken, herauskristallisiert. Felix Blaser setzt sich hier für eine Verbesserung von Erhebungsinstrumenten ein, um auf die Notlagen dieser Gruppen aufmerksam machen zu können. Er plädiert außerdem dafür bestehende Methoden zur Messung von Armut immer in ihren „Stärken und Schwächen“ wahrzunehmen (S. 45), um so deutlich machen zu können, was genau jeweils erhoben wird und was nicht: So werde mit der Erhebung von Einkommensarmut ein eventuell vorhandenes Vermögen außer Acht gelassen, wie Georg Cremer zu recht bemängele, zu kritisieren sei hier aber nicht, dass mit einem Indikator eine Lebenslage in ihrer Komplexität nicht vollständig erfasst werden könne, sondern es müsse darum gehen, mehrere Erhebungsmethoden, insbesondere aus der qualitativen Sozialforschung, anzuwenden, um dieses Ziel erreichen zu können (vgl. S. 45, 49). Auch die (von Georg Cremer herangezogenen) Daten zur materiellen Deprivation der EU-weit einheitlichen Erhebung müssten in ihren Schwächen gesehen werden, wenn z.B. die dort gestellten Fragen zum Teil nicht zur Situation in Deutschland passten. Felix Blaser ergänzt hierzu die Darstellung von Georg Cremer durch Ergebnisse der Forschung zum „Zufriedenheitsparadoxon“ nach Wolfgang Voges (S. 46), wonach es anders als von Cremer interpretiert, kein Widerspruch sein muss, wenn Menschen „die Unzufriedenheit mit ihrer Lebenslage verleugnen“ (S. 46). Ergänzend weist Felix Blaser auf die Notwendigkeit der Berücksichtigung von strukturellen Bedingungen der Armut hin, um einer „individualisierte(n) Schuldzuweisung“, wie sie immer wieder im medialen Diskurs vorkomme, zu entgehen (S. 47).

Teil II

Peter Schallenberg (Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn) nimmt in seinem Beitrag eine sozialethische Perspektive ein und beruft sich dabei insbesondere auf Schriften verschiedener Bischofskonferenzen. Er betont, dass für ihn Armut nicht nur einen Mangel an finanziellen Ressourcen darstellt, sondern auch an Entscheidungsgewalt und soziale Exklusion nach sich ziehe (vgl. S. 54). Letztere erzeugt für ihn Gerechtigkeitsdefizite. Dazu gehören demnach neben Bedürfnis-, Leistungs- und intergenerationeller Gerechtigkeit vor allem Beteiligungs- und Chancengerechtigkeit (vgl. S. 55). Entlang der beiden zuletzt genannten Kriterien formuliert Peter Schallenberg Aufgaben und Herausforderungen für den Staat, die Unternehmen, die Familien und die Einzelnen. Im Mittelpunkt steht dabei für ihn in unserer Gesellschaft die „Arbeitsmöglichkeit“. Sie ist „nicht nur wegen der Integrationskraft an sich zentral, sondern auch deshalb, weil das auf diese Weise generierte Einkommen weitere gesellschaftliche Beteiligung ermöglicht, etwa im kulturellen Leben. Diese kulturelle Teilhabe stärke dann wiederum die Integration in die Gesellschaft, welche das Ziel aller Förderung von Beteiligungs- und Chancengerechtigkeit sein sollte.“ (S. 66) Bildung stellt dabei für ihn eine grundsätzliche Voraussetzung dar, um dieses Ziel erreichen zu können.

Ausgehend von einem Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg knüpft Sylvi Rzepka (RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen) in ihrem Korreferat direkt an die Forderung zur Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten an, indem sie an Hand von empirischen Studien aufzeigt, wie wichtig sowohl frühkindliche Bildung als auch Zugang zur Weiterbildung in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft, die ein lebenslanges Lernen erfordert, sind. Hier sieht sie den Staat in der Pflicht für einen Ausbau und eine Verbesserung der frühkindlichen Bildung zu sorgen sowie für eine verstärkte Beratung von Niedrigqualifizierten über Möglichkeiten der Weiterbildung.

In eine ähnliche Richtung weist das zweite Korreferat von Dorothea Schäfer (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW in Essen). Sie verweist nicht nur auf die Notwendigkeit eines quantitativen und qualitativen Ausbaus von Kindertagesstätten sondern auch auf die zentrale Bedeutung von Ganztagsschulen, um zum einen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Eltern zu erleichtern, um lebenslanges Lernen anzustoßen und zum anderen um dem „Dilemma der Segregation in den Wohnvierteln“ etwas entgegen zu setzen (S. 77).

Teil III

Holger Bonin (IZA – Institute of Labor Economics in Bonn und Universität Kassel) legt zunächst seinen Schwerpunkt auf die Armutslage von Familien, wonach „fast jeder fünfte Haushalt mit Kindern oder Jugendlichen“ vom Armutsrisiko betroffen ist, besonders armutsgefährdet seien darin Haushalte mit drei oder mehr Kindern und Alleinerziehende (S. 81). Er fragt danach, welche Möglichkeiten Familienpolitik hat, um Armut von Familien mit Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren abzubauen. Hierzu nimmt er eine kritische Bestandsaufnahme bisheriger familienpolitischer Leistungen vor, z.B. Kindergeld und Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende. Ferner entwickelt er darüber hinausgehende Vorschläge, wie z.B. die Abschaffung der Anrechnung von Kindergeld auf die Grundsicherung, eine einfache und transparente Gestaltung des Systems der Leistungen, sodass alle Leistungen aus einer Hand gewährt werden.

Sabine Depew (Diözesancaritasverband in Essen) beschreibt die Situation von armen Familien im Ruhrgebiet, einer Region, in der das Armutsrisiko im Vergleich zum bundesrepublikanischen Durchschnitt überproportional hoch ist, und stellt einige Projekte des Caritasverbandes im Ruhrbistum vor, wie z.B. die „offene Ganztagsschule“ mit dem Anliegen die Bildungschancen junger Menschen zu erhöhen.

Ulrich Hamacher (DiakonischesWerk Bonn und Region Bonn) geht von vier Kernbereichen der Kinderarmut aus: mangelnde finanzielle Ressourcen, niedriger Bildungsstand, schlechtere Gesundheit und weniger soziale Teilhabe im Vergleich zum Durchschnitt (S. 96). Er unterstützt die Forderung des Runden Tisches gegen Kinder- und Familienarmut in Bonn nach einer monatlichen Kindergrundsicherung von 500 € (vgl. S. 97). Kurzfristig schlägt er vor, die Hartz IV-Sätze für Kinder zu erhöhen, das pädagogische Personal in Schulen und Kitas aufzustocken und die „Wohnungsförderung“ auszubauen.

Teil IV

Jörg Althammer (Professor für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt) stellt kurz das System der gesetzlichen Rentenversicherung seit 1957 mit seinem damaligen expliziten Ziel der Lebensstandardsicherung, ihren Konstruktionsprinzipien und den zugrunde liegenden gesellschaftlichen Bedingungen vor und geht auf Veränderungen in den letzten Jahren ein. Im Zuge der Reformen zu Beginn der 2000er Jahre sei „das Ziel der Lebensstandardsicherung“ ersatzlos aufgegeben worden (S. 106). Somit werde Altersarmut wieder zum Thema, sei jedoch schwer zu messen. Altersarmut werde in der Literatur an zwei Indikatoren festgemacht: als „armutsgefährdet gilt, wer in einem Haushalt lebt, dessen bedarfsgewichtetes Einkommen 60 % des Medianeinkommens unterschreitet“ oder wer Grundsicherung bezieht (S. 104-105). Beide Indikatoren unterzieht Jörg Althammer einer kritischen Prüfung mit dem Resultat, dass bei dem bedarfsgewichteten Einkommen z.B. Wohneigentum keine Rolle spiele und nicht alle Berechtigten eine Grundsicherung beziehen. Auch wenn Altersarmut nicht leicht zu messen sei, geht er davon aus, dass „Altersarmut in Zukunft eine größere Rolle spielen wird.“ (S. 105) Er stellt drei Modelle zur Reform der gesetzlichen Rentenversicherung vor: die „Entfristung der Rente nach Mindestentgeltpunkten“, die „30:30 Regelung“ (nach Richard Hauser) und „die Einführung einer steuerfinanzierten Grundsicherung im Sinne eines bedingungslosen Grundeinkommens im Alter“. Letzteres „wird allen Personen nach Überschreiten der Altersgrenze ausgezahlt, eigene Alterssicherungsansprüche werden mit einem bestimmten Prozentsatz auf diese Grundsicherungsleistung angerechnet.“ (S. 109-110) Es folgt eine rechnerische Anwendung der drei Modelle auf fünf „idealtypische Lebensverlaufsbiografien“, in der die Grundsicherung 600 € und der Prozentsatz der Anrechnung eigener Alterssicherungsansprüche 60 % beträgt. Er kommt zu dem Resultat, dass die genannte Grundsicherung am ehesten zur Armutsvermeidung im Alter beitragen könnte, aber in der genannten „Spezifikation nicht armutssichernd ist.“ (S. 114)

Joachim Wiemeyer (Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Bochum) legt in seinem Korreferat einen Schwerpunkt auf die Finanzierungsmöglichkeiten der gesetzlichen Rente bei gleichzeitiger Reduktion des Risikos von Altersarmut für bestimmte Gruppen, wie Langzeitarbeitslose, MigrantInnen, Menschen mit geringem Bildungsniveau und Alleinerziehende. Altersarmut von Eltern, „die zwei oder mehr Kinder haben,“ könne „weitgehend vermieden werden, in dem man nach dem Verursacherprinzip die Minderung des Rentenniveaus auf diejenigen Personen konzentriert, die wegen fehlender Kinder gut in der Lage sind, eine solche Kürzung durch eigene Ersparnisse zu kompensieren.“ (S. 125) Des Weiteren macht er einige präventive Vorschläge, z.B. zur Steigerung des Bildungsniveaus durch Unterstützung von zusätzlichen SozialarbeiterInnen an den Schulen (S. 124).

Im zweiten Korreferat setzt sich Matthias Dantlgraber (Familienbund der Katholiken, Berlin) kritisch mit den drei Vorschlägen von Jörg Althammer auseinander. Als Alternative zum „bedingungslosen Grundeinkommen im Alter“ stellt er das von den katholischen Verbänden vorgeschlagene Modell der Sockelrente vor. „Jeder Bürger soll im Alter innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung durch eine existenzsichernde Sockelrente abgesichert sein (Stufe 1), die durch eine nach der individuellen Beitragszahlung bemessene Rente (Stufe 2) – und eventuell betriebliche und private Altersvorsorge (Stufe 3) – ergänzt wird.“ (S. 131) Finanziert werden solle diese Sockelrente durch „Beiträge aller Einwohner auf ihr Einkommen“ und einem Zuschuss aus Bundesmitteln. In der Beitragszahlung erfasst würden demnach auch Personen, die bisher nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, wie z.B. Beamte (vgl. S. 132). Ferner erläutert er die Benachteiligung von Eltern, insbesondere von Frauen, die nicht nur in die Sozialversicherung einzahlen, sondern zudem auch noch einen (finanziellen) Mehraufwand für die Versorgung ihrer Kinder einbringen (vgl. S 134). Hier könnte die Einführung eines Kinderfreibetrags in die Sozialversicherung zu einer gerechten Verteilung führen (vgl. S. 135).

Diskussion

Zu begrüßen an dem vorliegenden Tagungsband ist die Konstruktion von Referat und Korreferaten in den Teilen I, II und IV, liegt hier doch die Chance auf eine breite und nachvollziehbare Auseinandersetzung, insbesondere wenn sich die Korreferate direkt auf das Eingangsreferat beziehen, es ergänzen und/oder kritisieren, wenn z.B. Felix Blaser auf konkrete Aussagen von Georg Cremer eingeht. Weiterführend sind m.E. solche Vorschläge für umfangreiche Veränderungen wie die Einführung einer monatlichen Kindergrundsicherung (von 500 €) und die Sockelrente, da sie eine Umverteilung beinhalten, die explizit zwei großen von Armut betroffenen Altersgruppen zugute kommen.

Nicht ganz nachvollziehbar ist für mich die immer wieder aufscheinende Kritik an einem Diskurs, der von einer steigenden Anzahl von Armen ausgehe. Schließlich zeigen unterschiedliche Erhebungen, dass die Armutsrisikoquote in den letzten zehn Jahren um drei bis vier Prozent gestiegen ist. Auch der wiederkehrende Verweis (z.B. von Georg Cremer und Jörg Althammer), dass mit der Armutsrisikoquote Menschen mit geringen Einkommen, die aber Wohneigentum besitzen, nicht als solche erfasst werden, scheint mir angesichts eines Anteils von 4,1 % (vgl. Der Paritätische Armutsbericht 2018, S. 24) zwar nachvollziehbar aber nicht gravierend.

Bemerkenswert ist m.E. insgesamt, dass in den meisten Beiträgen Forderungen an den Staat oder die Einzelnen gerichtet werden. Aufgaben für die (katholische) Kirche kommen kaum vor, obwohl insbesondere Peter Schallenberg in der Einleitung zu seinem Beitrag auf die lange Tradition der Armenfürsorge christlicher Kirchen eingeht (S. 53), formuliert er neben der Notwendigkeit einer moralethischen Diskussion keine darüber hinausgehenden Aufgaben für die Kirche.

Zwar ist gegen eine Verbesserung der Bildungschancen, wie in vielen Beiträgen gefordert, nichts einzuwenden, käme sie doch einer Verbesserung der Lebensqualität benachteiligter Gruppen zugute, dennoch stellt sich die Frage, wie weitreichend dies zur Minderung des Ausmaßes von relativer Armut beitragen kann, wenn davon auszugehen ist, dass 2015 weniger als ein Drittel der von Armut betroffenen Erwachsenen (ab einem Alter von 25 Jahren) ein niedriges Qualifikationsniveau aufweisen (vgl. Der Paritätische Armutsbericht 2018, S. 32).

Weitere Fragen bleiben offen: Wie können von absoluter Armut Betroffene, wie z.B. Wohnungslose statistisch erfasst werden? Felix Blaser fordert m.E. zurecht strukturelle Veränderungen (vgl. S. 47), doch in welche Richtung können sie weisen? Soll es z.B. um eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes gehen oder um eine existenzsichernde Entlohnung aller Erwerbstätigen?

Fazit

Die ReferentInnen und KorreferentInnen der interdisziplinären Fachtagung zum „Thema Armut und soziale Gerechtigkeit in Deutschland“, die vom 18. bis 19. September 2017 in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg in Mühlheim an der Ruhr stattfand, setzen sich mit vier Schwerpunkten der Armutsdiskussion in Deutschland auseinander, mit verschiedenen Armutsbegriffen und deren Verwendungen, mit Zusammenhängen zwischen Bildungschancen und Armut, mit Armut von Familien und mit Altersarmut. Insgesamt gibt der vorliegende Band zwar einen Überblick über einige aktuelle Armutsdiskurse, entwickelt aber keine darüber hinausgehenden Vorschläge.


Rezensentin
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
(im Ruhestand) Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts Homepage www.hs-hannover.de E-Mail: barbara.ketelhut@hs-hannover.de
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Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 01.02.2019 zu: Martin Dabrowski, Judith Wolf (Hrsg.): Armut und soziale Gerechtigkeit in Deutschland. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2018. ISBN 978-3-506-79244-0. Reihe: Sozialethik konkret.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24834.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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