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Christian Bleck, Anne van Rießen u.a.: Sozialräumliche Perspektiven in der stationären Altenhilfe

Cover Christian Bleck, Anne van Rießen, Reinhold Knopp, Thorsten Schlee: Sozialräumliche Perspektiven in der stationären Altenhilfe. Eine empirische Studie im städtischen Raum. Springer VS (Wiesbaden) 2018. 104 Seiten. ISBN 978-3-658-19541-0. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 26,00 sFr.
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Thema

Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit den Spannungsverhältnissen von stationären Altenhilfeeinrichtungen, deren Bewohnern und Pflegedienstleitern sowie deren Bezug zum kommunalen Sozialraum in der Stadt Düsseldorf. Für diesen geografisch abgegrenzten Bereich wurden Deutungen, Voraussetzungen und Potenziale der Sozialraumorientierung mit qualitativen und quantitativen Forschungszugängen für den stationären Altenhilfesektor untersucht.

Autorin und Autoren

  • Dr. Christian Bleck ist Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Düsseldorf.
  • Dr. Anne van Rießen ist Gastprofessorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Düsseldorf.
  • Dr. Reinhold Knopp ist Professor für Stadtsoziologie an der Hochschule Düsseldorf.
  • Dr. Thorsten Schlee ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen.

Entstehungshintergrund

Die Studie ist aus dem Forschungsprojekt „Sozialräumliche Bezüge in der stationären Altenhilfe“ hervorgegangen und am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Düsseldorf in Kooperation mit dem Amt für soziale Sicherung und Integration der Landeshauptstadt Düsseldorf durchgeführt worden. Das Ziel der Untersuchung war es, sowohl die aktuell vorhandenen Bezüge von Altenhilfeeinrichtungen zum Sozialraum als auch Voraussetzungen für eine sozialraumorientierte Arbeit in den Einrichtungen der stationären Altenhilfe zu identifizieren. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden a) Experteninterviews und Gruppendiskussionen mit Mitarbeitern und Bewohnern in zwei Altenhilfeeinrichtungen und b) eine Online-Befragung mit Leitungskräften aus ortsansässigen Altenhilfeeinrichtungen durchgeführt.

Aufbau

Insgesamt gliedert sich die Studie in fünf Teile:

  1. Sozialraumorientierung und Altenhilfe: politische Programmatiken, konzeptionelle Ansätze und Stand der Sozialraumforschung
  2. Theoretische Zugänge zur Sozialraumorientierung
  3. Forschungsdesign
  4. Darstellung der Ergebnisse
  5. Resümee: Handlungsbausteine der Sozialraumorientierung in der stationären Altenhilfe

Inhalt

Die Autoren der Studie bemerken, dass speziell für Institutionen der Altenhilfe erst vereinzelt konzeptionelle Hinweise und Überlegungen zu Handlungsansätzen mit Sozialraumbezug vorliegen, die eine Öffnung zum Quartier fokussieren. Bisher existierten kaum sozialräumliche Forschungsarbeiten, die sich mit alten Menschen mit Pflegebedarf beschäftigten. Zum Stand der Sozialraumforschung wird festgestellt, dass bislang nur singulär empirische Studien mit quartiers- bzw. sozialraumbezogenen Fragestellungen mit Blick auf die stationäre Altenhilfe vorliegen. Die Studie „Sozialräumliche Perspektiven in der stationären Altenhilfe“ begegnet diesem Forschungsdesiderat mit folgenden Fragestellungen:

  • Was sind zentrale Voraussetzungen und Hemmnisse von Quartiersorientierung in stationären Altenhilfeeinrichtungen?
  • Welche Bedeutung hat Quartiersorientierung in der Arbeit der Altenhilfeeinrichtungen?
  • Welche konkreten Bezüge bestehen zwischen den Altenhilfeeinrichtungen und dem Quartier (institutionelle Kooperationen im Quartier, Nutzen der Einrichtungen durch Quartiersbewohner, Nutzung des Quartiers durch Bewohner der Einrichtungen)?

Ein Workshop mit den Führungskräften der Altenhilfeeinrichtungen lieferte Erkenntnisse über institutionelle Kooperationen und die Art und Häufigkeit der Nutzung von Einrichtungen im Sozialraum; Gruppendiskussionen mit den Bewohnern benannten angenehme und unangenehme Aufenthaltsorte in der Umgebung sowie im Haus. In Bezug auf die durchgeführten Experteninterviews wurden Ergebnisperspektiven und Handlungsoptionen erarbeitet, die einen durchaus handlungspraktischen Nutzen für die Arbeit des Pflegemanagements vor Ort darstellen. Ergänzend förderte eine Online-Befragung Informationen über die Anbindung der Altenhilfeeinrichtungen an die lokale Infrastruktur, die Bedeutung und Häufigkeit von Kooperationen im Stadtteil sowie auch die Quartiersnutzung zutage.

Zusammengeführt wurden die Ergebnisse in einem Modell der Sozialraumorientierung für stationäre Altenhilfeeinrichtungen, das sich aus vier Bausteinen zusammensetzt:

  1. Handlungsbaustein Haus: Sensibilität für Raumnutzungen und Gestaltungen des Hauses als Sozialraum sowie Förderung einer „Öffnung zum Quartier“
  2. Handlungsbaustein Personal: Strukturierte Förderung von Wissen über das Quartier und Möglichkeiten der Sozialraumorientierung in der Altenhilfe
  3. Handlungsbaustein Bewohner: Wissen über individuelle sozialräumliche Bezüge, Interessen und Voraussetzungen der Bewohner
  4. Handlungsbaustein Quartier: Analyse der Gegebenheiten des Wachstumsfeldes und der Einrichtung als „Akteur im Quartier“

Diskussion

Im Rahmen der vorliegenden Studie wurden Potenziale, aber vor allem Defizite stationärer Altenhilfe hinsichtlich der Öffnung der Einrichtungen für und in den Sozialraum deutlich, womit die Relevanz sozialräumlicher Bezüge für die stationäre Altenhilfe unterstrichen wurde. Der Rezipient erhält einen Einblick in die Lebenswelt eines Altenheimbewohners und seiner wenigen Bezüge jenseits der Institution.

Die Unbeliebtheit der dem Sozialraum oder Quartier verschlossenen Heime resultiert aus den in den Köpfen der Menschen verankerten Strukturen der Altenpflegeheime der 1950er Jahre. Goffman (1973) folgend organisieren totale Institutionen die private Lebenswelt der Pflegebedürftigen. Altenheime gehörten demnach zur ersten Kategorie der totalen Institutionen, die der Fürsorge der als harmlos und unselbstständig geltenden Menschen dienten. Die Insassen der totalen Institution sind von der Interaktion mit der Gesellschaft außerhalb der Einrichtung abgeschnitten. Sie stellen eine Subpopulation dar, die Grenzen verschiedener Lebensbereiche sind aufgehoben. Ein Großteil ihrer Zeit, auch dies zeigt die vorliegende Studie, verbringen Pflegebedürftige in ihren Einrichtungen. Ein Schritt in die öffentliche lokale Gemeinschaft scheint eher die Ausnahme als der Regelfall zu sein.

Goffman stellt fest, dass sich alltägliche Verrichtungen und Lebensgewohnheiten in totalen Institutionen immer in Gesellschaft anderer Menschen vollziehen und durch das Personal von außen vorgegeben bzw. strukturiert werden (vgl. Goffman 1973: 11; 15 ff.). Auch stationäre Pflegeeinrichtungen gelten als veranstaltete Räume (vgl. Gronemeyer 2013: 221); das ist nicht neu. Sie „[…] wirken wie soziale Staubsauger: Sie reißen die nicht mehr gebrauchten Sozialpartikel vom Gesellschaftsteppich und machen die Verschmutzung des fröhlich-flexiblen Leistungsalltags durch Gerontostaub unsichtbar. […] In einer alternden Gesellschaft wird die Zahl der zu Evakuierenden ständig größer […]. Es fällt uns gar nichts anderes mehr ein, als die Alten-Flüchtlingslager auszubauen“ (Gronemeyer 2013: 221). Einrichtungen der stationären Altenhilfe, wie sie in der vorliegenden Studie beschrieben werden, organisieren die private Lebenswelt ihrer Bewohner durch Bürokratie. Altenheime sind heterotope Gebilde des α-Typs. Sie sind exkludierende forensische Sonderräume, zu denen eben auch die totale Institution der Psychiatrie oder des Gefängnisses gehört (Schulz-Nieswandt, F. 2016, S. 90).

Auch einige der aufgezeigten Alternativen versprechen nicht unbedingt Veränderungen. Blickt man beispielsweise unter der Prämisse, Demenz sei eine Behinderung, auf den dem Konzept der Demenzdörfer innewohnenden paradigmatischen Gedanken der Inklusion, so wird recht schnell offenkundig, dass dem scheinbar innovativen Versorgungskonzept durchaus ebenfalls ambivalente Aspekte eignen. Brandenburg (2014) zeigt diesbezüglich auf, dass die Inklusion von Menschen mit Demenz von Widersprüchen durchzogen ist. Mit dem Konzept der Demenzdörfer wird der Begriff der Inklusion, verstanden im Sinne einer wohnortnahen Einbeziehung von Demenzkranken in den öffentlichen Raum, konterkariert. Erkrankte Personen müssen nicht nur ihre vertraute Wohn- und Lebensumgebung verlassen, sondern entfernen sich, indem sie ein neues Quartier beziehen, auch von ihrem Zuhause (vgl. Brandenburg, H. 2014, S. 365).

Gelingendes Dasein im sozialen Miteinander setzt Offenheit für Neues voraus. Gute Pflege erfordert von den Akteuren eine unbeirrte Öffnung lokaler Räume. Die Studie zeigt einmal mehr, wie verschlossen stationäre Pflegeeinrichtungen sind, infolgedessen ist die Inklusionsthematik im Zusammenhang mit Fragen um Versorgungsstrukturen für pflegebedürftige Menschen notwendig. Der Inklusionsbegriff ist, Schulz-Nieswandt folgend, als radikale Umformulierung des Paradigmas ambulant vor stationär in ambulant statt stationär durch Vernetzung auf kommunaler Ebene zu verstehen (vgl. Schulz-Nieswandt, F. 2012, S. 594). Was daraus folgen muss, ist ein Streit zur Deinstitutionalisierung des stationären Altenpflegesystems und die Wiedereingliederung der Bewohner in lokale (sorgende) Gemeinschaften – frei nach dem Motto: Rückbau statt Umbau. Jenseits der Diskussion des Zugangs zur Gemeinde hängt die Fähigkeit, Exklusion zu kompensieren oder gar zu verhindern, in hohem Maße davon ab, wie der eröffnete Exklusionsraum beschaffen ist. Gelingende Deinstitutionalisierung als Überwindung von Praktiken der Ausgrenzung setzt Offenheit für Neues voraus, wenn den Herausforderungen der Zukunft ohne Abschottung begegnet werden soll.

Fazit

Obschon die Autoren der Studie belegen, dass die Bezüge von Altenhilfeeinrichtungen zum Sozialraum vorhanden sind, bleiben die erwähnten Aktivitäten marginal und haben meist Symbolcharakter. Einmal mehr wird dadurch die Relevanz und Notwendigkeit einer Öffnung der Heime in den Sozialraum augenfällig, denn, so stellen Schneekloth und Wahl (2001) fest, ein Wechsel in eine stationäre Pflegeeinrichtung wird von den Betroffenen häufig als Autonomieverlust oder Manifestation von Gebrechlichkeit und fehlender Lebensqualität erlebt. Daher wundert es nicht, dass derzeit Konzepte jenseits stationärer Versorgungspfade, wie das der Sorgenden Gemeinschaften, oder genossenschaftliche Modelle die Debatten um die Versorgung hilfebedürftiger alter Menschen bestimmen.

Nichtsdestotrotz existiert immer noch eine nicht unwesentliche Anzahl an stationären Altenhilfeeinrichtungen. Brandenburg, Werner und Bode (2014) formulieren eine Entwicklungsagenda für das Management, die sich hinsichtlich der Sozialraumorientierung an drei allgemeinen Entwicklungszielen ausrichtet:

  1. Die Lebenswelt von in ihrer Selbstständigkeit beeinträchtigten alten Menschen benötigt eine stärkere Bindung an das öffentliche Leben. Die Heime brauchen infolgedessen eine größere Öffnung nach außen: in Quartiere, in die Nachbarschaft, zu anderen Einrichtungen.
  2. In der organisierten Altenhilfe muss es mehr Raum für private Lebenswelten, also mehr innere Freiheit sowie mehr Partizipation bzw. Mitwirkung geben.
  3. Neue und alte Optionen müssen allen Bürgern offenstehen, unabhängig von wirtschaftlichen Möglichkeiten und verfügbarem Sozialkapital.

Insgesamt handelt es sich bei der Studie „Sozialräumliche Perspektiven in der stationären Altenhilfe um einen exemplarischen Einblick in die Vernetzung zwischen Sozialraum und stationären Altenhilfeeinrichtungen. Im Ergebnis kann ein solches Datenmaterial für die Schärfung der Sensibilität und des Bewusstseins für Exklusionsprozesse genutzt werden. Die Studie liefert für das Pflegemanagement in weitem Umfang aussagekräftiges und zugleich belastbares Material für die Evaluation von kommunalen Sorgesettings und verriegelter Altenhilfepraxis.

Literatur

  • Brandenburg, H. (2014): Inklusion von Menschen mit Demenz – Vision oder Illusion? In: Pflege und Gesellschaft. Zeitschrift für Pflegewissenschaft. 19. Jg., H. 4, S. 364–371.
  • Brandenburg, H./Bode, I./Werner, B. (2014): Soziales Management in der stationären Altenhilfe. Kontexte und Gestaltungspielräume. Bern: Huber.
  • Gronemeyer, R. (2013): Das 4. Lebensalter. Demenz ist keine Krankheit. München: Pattloch.
  • Goffman, E. (1973): Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Schulz-Nieswandt, F. (2012): Der homo patiens als Outsider der Gemeinde. Zur kulturellen und seelischen Grammatik der Ausgrenzung des Dämonischen. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 7, S. 593–602.
  • Schulz-Nieswandt, F. (2016): Hybride Heterotopien. Metamorphosen der „Behindertenhilfe“. Baden-Baden: Nomos.
  • Schneekloth, U./Wahl, H.-W. (2001): Selbständigkeit und Hilfebedarf bei älteren Menschen in Privathaushalten. Pflegearrangements, Demenz, Versorgungsangebote. Stuttgart: Kohlhammer.

Rezensent
Michael Krisch
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Zitiervorschlag
Michael Krisch. Rezension vom 28.02.2019 zu: Christian Bleck, Anne van Rießen, Reinhold Knopp, Thorsten Schlee: Sozialräumliche Perspektiven in der stationären Altenhilfe. Eine empirische Studie im städtischen Raum. Springer VS (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-19541-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24840.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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