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Helmut Ebert, Sven Pastoors: Respekt

Cover Helmut Ebert, Sven Pastoors: Respekt. Wie wir durch Empathie und wertschätzende Kommunikation im Leben gewinnen. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. 339 Seiten. ISBN 978-3-658-17236-7. D: 19,99 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 21,00 sFr.
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Thema

Berufe, bei denen es um soziale Dienstleistungen oder pädagogische Angebote geht, basieren in ihrem Kern immer auf kommunikativen Prozessen. Wer in diesem Bereich tätig ist, wird unweigerlich zum sprachlichen Vorbild. Der Erwerb kommunikativer Handlungskompetenz ist daher nicht zu unterschätzen. Der Band will konkrete Handlungsempfehlungen geben, wie eine wertschätzende und respektvolle Kommunikation eingeübt werden kann. Eine solche Kommunikation ist nicht zu unterschätzen für gelingenden Beziehungsaufbau, ein Klima des Vertrauens und Formen der konstruktiven Konfliktlösung.

Verfasser

Beide Verfasser sind sowohl in der akademischen Lehre als auch der praktischen Kommunikationsberatung tätig. Helmut Ebert ist Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Bonn sowie Geschäftsführer der Prof. Ebert-Kommunikationsstrategie und Coaching GmbH in Bochum, ferner ist er als Berater für strategische Unternehmenskommunikation und PR tätig. Sven Pastoors ist Dozent für Nachhaltige Innovation an der Fontys International Business School im niederländischen Venlos sowie Gründer von IdeenPaten – Netzwerk für Innovation und Kommunikation.

Kontext

In ihrem Vorwort verorten die beiden Verfasser den Band im Kontext ihrer praktischen Beratungsarbeit. Dabei haben sie die Erfahrung gemacht, dass viele Klienten ratlos gewesen seien, wie sie ohne den Einsatz von Ellenbogen ihre Ziele im beruflichen Kontext durchsetzen sollten. Am Ende bleiben Gewinner und Verlierer übrig – was bereits den Keim neuer kommunikativer Konflikte in sich birgt. Der Band will auf Basis der Erfahrungen der beiden Verfasser konkrete Strategien aufzeigen, wie mit gewaltfreier, wertschätzender Kommunikation ein nachhaltigerer Erfolg im sozialen Miteinander erzielt werden kann.

Aufbau

Der Band gliedert sich in zwei große Teile:

  • Im ersten Teil (I.) wird das „theoretische Fundament“ gelegt. Die Ausführungen gruppieren sich um die Stichworte Aufmerksamkeit, Respekt und Vertrauen auf der einen sowie Strategien und Strategeme auf der anderen Seite.
  • Im zweiten (II.) – deutlich umfangreicheren – Teil werden dann konkrete Strategeme, sortiert in fünf Blöcken, vorgestellt. Die Leitfrage, die den ausgewählten Strategemen zugrunde liegt, lautet: „Wie Sie selber an sich arbeiten können“.

Gerahmt wird der Band durch ein Vorwort, in dem die beiden Verfasser den Entdeckungszusammenhang für ihr Thema darlegen, sowie ein Schlusswort.

Inhalt

Teil I:

Die beiden Verfasser legen ihrem Band eine klare These zugrunde: Sie sind, wie sie gleich zu Beginn in der Einleitung schreiben, davon überzeugt, dass die Welt mehr Respekt und gegenseitige Wertschätzung brauche. Das einleitende Zitat aus der New York Times vom 8. November 2016 über die beginnende US-Präsidentschaft Donald Trumps, das sie der Einleitung voranstellen, zeigt, welche politische Bedeutung sie dem Thema Kommunikation über den pädagogischen oder therapeutischen Raum hinaus zuschreiben.

Ebert und Pastoors stellen dem von ihnen diagnostizierten, vorherrschenden Individualismus innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaft eine Strategie des gegenseitigen Vertrauens entgegen. Dieser Strategie entspricht auch ein verändertes Menschenbild: weg vom „Homo oeconomicus“, hin zum „Homo cooperativus“. Unter Kooperation verstehen die beiden Kommunikationsberater eine vertrauensvolle Beziehung, die langfristig von gemeinsamen Interessen getragen werde, bei der für beide Seiten grundsätzlich viel auf dem Spiel stehe und bei der deshalb ein Interesse an einer langfristigen Zusammenarbeit gegeben sei.

Eine Kooperation aufzubauen, setze voraus, kommunikative Kompetenz aufzubauen. Nur so könne eine Situation entstehen, in der beide Seiten einander vertrauten und bereit seien, Verantwortung für die eigene Kommunikation zu übernehmen. Wo dies nicht gelingt, droht Kommunikation konflikthaft zu werden – in drei Stufen: Zunächst stocke die Kommunikation, Skepsis an der Zusammenarbeit breite sich aus. Dann erstarre die Kommunikation, beide Seiten lehnten sich zunehmend ab. Schließlich werde die Kommunikation abgebrochen, Resignation sei die Folge.

Wie kann stattdessen Kommunikation gelingen? Auf welche kommunikativen Kompetenzen kommt es an? Folgende Bausteine werden von den Verfassern als Fundament einer gelingenden, kooperativen Kommunikation benannt:

  • Aufmerksamkeit: Die Haltung der Aufmerksamkeit sichert Präsenz dem Kommunikationspartner gegenüber und stellt sicher, dass die an der Kommunikation Beteiligten ganz bei der Sache sind.
  • Respekt: Dieser umfasst die Achtung vor der anderen Person, die Wertschätzung des anderen, die Anerkennung der Leistungen oder Wünsche des anderen und Tolerenz dem Kommunikationspartner gegenüber. Respekt kann als ein Mechanismus verstanden werden, der die soziale Interaktion steuert sowie hilft, Nähe und Distanz zu regulieren.
  • Vertrauen: Personales Vertrauen, das mehr als die Abwesenheit von Misstrauen umfasst, wird gebildet durch die sozialen Normen Offenheit, Ehrlichkeit, Toleranz, Reziprozität und Fairness.

Wie lässt sich respektvolle Kommunikation konkret umsetzen? Die beiden Verfasser unterscheiden

  • zwingende (Bestrafung, Entzug, Behinderung, Belohnung) und
  • nicht-zwingende Strategien (Unterstützung, Stimulation, Überzeugung).

Erstere setzen Macht und Einfluss voraus, die oft nicht gegeben sind. Aber auch dann, wenn wir über Macht verfügen, sollte gelten: Vorsicht! Denn Machtverhältnisse können sich jederzeit ändern.

Wichtiger für respektvolle Kommunikation sind Strategeme, verstanden als „taktische Maßnahmen in konkreten Situation“ (S. 81). Das vorliegende Buch unterschiedet vier Arten von Strategemen respektvoller Kommunikation, die in den folgenden Situationen tragfähig sind:

  • Aktive Strategien: Der Akteur besitzt die positive Macht, das wünschenswerte Ergebnis aus eigener Kraft zu erreichen und Konfliktursachen zu entschärfen.
  • Passive Strategien: Der Akteur kann nur verhindern, dass andere Macht auf ihn ausüben.
  • Veränderungsstrategien: Der Akteur will versuchen, seine Umgebung oder Umwelt in seinem Interesse aktiv umzugestalten.
  • Anpassungsstrategien: Der Akteur kann nur versuchen, sich an die Anforderungen seiner Umgebung oder seiner Umwelt anzupassen.

Für die Wahl der richtigen Kommunikationsstrategie ist es wichtig, die Situation angemessen einzuschätzen. Und hierfür ist es wichtig, nicht allein die eigene Perspektive zu bedenken, sondern sich auch in die Perspektive des anderen Kommunikationspartners hineinzuversetzen.

Teil II:

Im zweiten Teil werden insgesamt sechsunddreißig Strategeme vorgestellt. Die Darstellung folgt einem einheitlichen Schema:

  • Benennung des Strategems in der Überschrift.
  • Einleitendes Zitat.
  • So können Sie das Strategem für Ihre Ziele nutzen.

Teilweise sind Zusammenfassungen oder Merksätze zentraler Aspekte eines Strategems durch gerahmte oder eingefärbte Kästchen im Text hervorgehoben.

Die Strategeme gliedern sich in folgende Themenbereiche:

  • Andere führen (z.B. Strategem 1: Seien Sie aufmerksam; Strategem 3: Gehen Sie mit gutem Beispiel voran).
  • Miteinander kommunizieren (z.B. Strategem 10: Fassen Sie sich kurz; Strategem 18: Geben Sie anderen die Möglichkeit, ihr Gesicht zu wahren).
  • Sich integrieren (z.B. Strategem 19: Beachten Sie die Codes und Normen der anderen; Strategem 25: Gehen Sie freundlich auf andere zu).
  • Sich selbst treu bleiben (z.B. Strategem 28: Seien Sie, wer Sie sind; Strategem 36: Begegnen Sie Herausforderungen mit einem Lächeln).

Schlusswort:

Im Schlusswort fassen die beiden Verfasser noch einmal die aus ihrer Sicht zehn wichtigsten Grundregeln für die Leser und Leserinnen zusammen:

  1. Seien Sie aufmerksam.
  2. Hören Sie aufmerksam zu.
  3. Kommunizieren Sie ehrlich.
  4. Seien Sie authentisch.
  5. Stehen Sie zu Ihrem Wort.
  6. Übernehmen Sie Verantwortung für Ihr Handeln.
  7. Lassen Sie anderen ihren Freiraum.
  8. Zeigen Sie anderen ihre Dankbarkeit.
  9. Achten Sie die Meinungen anderer und überlassen Sie Ihrem Gegenüber auch mal die Bühne.
  10. Achten Sie sich selbst, wenn Sie wollen, dass andere Sie achten.

Diskussion

Das vorliegende Werk ist zwischen Sachbuch und Praxisratgeber einzuordnen. Im Vordergrund steht die schnelle Einübung praktischer Kompetenzen, die für den kommunikativen Alltag notwendig sind. Mit seiner Anbindung an die Haltungen von Respekt und Anerkennung schließt das Werk an den aktuellen Anerkennungsdiskurs an, der in den Sozialwissenschaften, der Sozialphilosophie und der Sozialethik breit geführt wird.

Etwas zu kurz kommt dabei die Frage, wie eine adäquate Einschätzung der jeweiligen Kommunikationssituation gelingen kann. Denn diese bleibt notwendig, wenn die aufgezählten Strategeme greifen sollen. Die kommunikativen Kompetenzen bedürfen daher auf der praktischen Ebene der Einübung selbstreflexiver Fähigkeiten und auf der reflexiven Ebene der bildungswissenschaftlichen Rahmung.

Das Buch ist durch eine deutliche Zweiteilung in einen Theorie- und einen Praxisteil geprägt. Dabei bietet der erste Teil zahlreiche Verweise auf kommunikationswissenschaftliche, soziologische und psychologische Studien, bei denen sich die beiden Verfasser bedient haben. Eine eingehende Herleitung der jeweiligen Theorien oder eine hermeneutische Einordnung der herangezogenen Konzepte und Modelle passiert nicht. Die Beschäftigung mit pädagogisch relevanten Kommunikationstheorien, die etwa zum Standardrepertoire der Erzieher- oder Lehrerbildung gehören (erwähnt seien z.B. die „Fünf Axiome der Kommunikation“ von Paul Watzlawick oder das „Vier-Ohren-Modell“ bzw. die „Vier Seiten einer Nachricht“ von Friedemann Schulz von Thun), kann der Band nicht ersetzen. Dies alles zusammengenommen unterstreicht noch einmal, dass es vorrangig um kommunikatives Coaching geht. Wer dies erwartet, kann das Werk gut gebrauchen – sei es für die eigene Einübung, sei es als Fortbildungsreferent für die Arbeit mit Seminargruppen. Der klare, stets wiederkehrende Aufbau erleichtert überdies das Sichzurechtfinden und rasche Einlesen.

Das Buch richtet sich grundsätzlich an alle Berufsgruppen, die viel mit Kommunikation zu tun haben, etwa bei Verhandlungen, Sitzungsleitungen oder Entwicklungsgesprächen. Die Strategeme sind schlüssig formuliert, wobei vieles schon aus einer alltagstheoretischen Logik her bekannt ist. Daher geht es bei zahlreichen Strategemen nicht darum, wirklich Neues zu erfahren, sondern sich bereits – vielleicht intuitiv – Gewusstes neu bewusst zu machen. Daher kann das Buch auch als eine Art Auffrischungskurs für erfahrene Pädagogen oder Führungskräfte verwendet werden. Denkbar wäre auch, im Rahmen einer Teamsitzung die Ausführung zu dem ein oder anderen Strategem als Impuls zu verwenden.

Irritierend sind mitunter die Fehler zwischen Groß- und Kleinschreibung. Hier wäre noch einmal ein sorgfältiges Lektorat hilfreich gewesen.

Fazit

Keine Patentrezepte, die schon automatisch zum kommunikativen Erfolg führen, aber ein schneller Überblick über praxisorientierte Kommunikationstipps, die helfen, bekannte und häufige Störungen im menschlichen Miteinander zu vermeiden.


Rezensent
Dr. theol. Dipl.-Päd. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 24.07.2019 zu: Helmut Ebert, Sven Pastoors: Respekt. Wie wir durch Empathie und wertschätzende Kommunikation im Leben gewinnen. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. ISBN 978-3-658-17236-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24841.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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