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Nina Bremm: Schulen mit ganztägigem Angebot

Cover Nina Bremm: Schulen mit ganztägigem Angebot. Eine empirisch ermittelte Typologie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 340 Seiten. ISBN 978-3-7799-3268-0. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Die Arbeit ermittelt u.a. vier Schultypen bestehend aus Halbtagsschulen, offenen –, teilgebundenen – und gebundenen Ganztagsschulen anhand ihrer Qualitätsmerkmale. Die Leistungsfähigkeit dieser letztlich nicht trennscharfen Schultypen werden mittels der Lesefähigkeiten der SchülerInnen verglichen.

Autorin

Dr. phil. Nina Bremm ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe Bildungsforschung an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Schulqualitätsforschung, herkunftsbedingte Heterogenität und soziale Ungleichheit.

Entstehungshintergrund

Die empirische Studie bezieht sich auf Hamburg. Dort wurden 31 Schulleitungen interviewt und über 800 Schülerinnen und Schüler befragt. Eingebettet ist die Studie sowohl in eine Abhandlung zur Ganztagsschule in Deutschland als auch in die spezielle Entwicklung der Ganztagsschule in amburg.

Aufbau

Der Band ist in 19 Abschnitte bzw. Kapitel gegliedert:

  1. Einleitung,
  2. Aufbau der Arbeit,
  3. Ganztagsschule: Theoretische Anknüpfungspunkte,
  4. Empirische Befunde zu Effekten von Ganztagsschulen vor dem Investitionsprogramm Bildung und Betreuung,
  5. Geschichte der Ganztagsschule in Deutschland. Entwicklungen im Spannungsfeld von (reform-)pädagogischer Theorie und gesellschaftspolitischer Entwicklung,
  6. Geschichte der Hamburger Ganztagsschule,
  7. Empirische Befunde und theoretische Bezüge seit dem IZBB,
  8. Analysedimension der Typologie,
  9. Zielsetzung und forschungsleitende Fragen,
  10. Empirisches Material,
  11. Testauswertung und Datenaufbereitung Schülerebene,
  12. Analyseleitendes Modell,
  13. Deskriptive Ergebnisse,
  14. Empirisch begründete Typenbildung,
  15. Beschreibung der Schultypen,
  16. Vergleichende Beschreibung der Schultypen in Bezug auf Kontextmerkmale,
  17. Analyse des Zusammenhangs von Merkmalen der Schulorganisation und sprachlichen Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern,
  18. Zusammenfassung und Diskussion,
  19. Ausblick.

Inhalt

Die ersten drei Kapitel widmen sich der Ganztagsschule in ihren differenzierten Erscheinungsbildern. Dazu gehören möglicherweise auch Halbtagsschulen, die sich manchmal schon den Ganztagsschulen annähern (Mittagessen, Nachmittagsangebote). Unterschieden werden die Schulen nach Prozessqualitätsmerkmalen sowie ihrem Ausbaugrad. Die weitere Fragestellung richtet sich darauf, ob ein Zusammenhang besteht zwischen Schultypen und den Lesefähigkeiten der SchülerInnen. Die Begrifflichkeit Ganztagsschule wird erläutert und ihre Funktionen werden orientiert an dem Bildungswissenschaftler Fend dargestellt. Diese Schulen haben folgende Zielbestimmungen: Ausgleich infrastruktureller Defizite, Übernahme von Erziehungsaufgaben, gewandelte Bildungsanforderungen, Verbesserung der Lernkultur und Förderung der Chancengleichheit. Lassen sich die damit verbundenen Erwartungen erfüllen?

Dieser Fragestellung wird im vierten Kapitel nachgegangen und sehr kritisch angemerkt, dass die Ganztagsschule konzeptionell und theoretisch unklar gestartet wurde, gekennzeichnet von einer „lückenhaften empirischen Erforschung der Effektivität ganztägiger Beschulung“ (S. 31). Die Kapitel fünf und sechs stellen die Geschichte der Ganztagsschule in Deutschland dar und konzentrieren sich dann auf Hamburg. Dort wurden u.a. in der Entwicklungsphase reformpädagogische Konzepte formuliert (z.B. Rhythmisierung des Schulalltags) aber Realisierungsschritte vernachlässigt und sogar Personalkosten gesenkt (vergl. S. 84f).

Das siebte Kapitel resümiert Forschungsergebnisse zur Ganztagsschule nach 2003. Thematisiert wird die Bedeutung der außerunterrichtlichen Angebote aber auch die Wirkung von offenen und gebundenen Ganztagsschulen sowie von Ganztagsschulen im Unterschied zu Halbtagsschulen. Es wird verdeutlicht, dass für den letzten Fall allenfalls geringe positive Effekte für die Ganztagsschule gefunden wurden. Insgesamt ergibt sich, dass die Schultypenbezeichnungen (Ganztag, Halbtag, offen, teilgebunden, gebunden) sehr unscharf sind.

Das achte Kapitel beschreibt die Analysedimensionen für den Forschungsprozess:

  • Rahmenbedingungen des Unterrichts,
  • Kooperationsförderung,
  • Zeitorganisation.

Das Folgekapitel nennt die Zielsetzungen und formuliert die forschungsleitenden Fragen der Studie. Zu den Zielsetzungen gehört:

  • Entwicklung eines Kategoriensystems zur Erschließung der Daten,
  • Beschreibung der Schulstichprobe nach Kategorien Halbtagsschule/Ganztagsschule mit
  • Gestaltungs- und Prozessmerkmalen,
  • Identifikation unterschiedlicher Typen,
  • Beschreibung der Schultypen (Variablen zum Kontext, Organisationsmerkmale der Schulen).
  • Ermittlung der Zusammenhänge von Schultypen und sprachlichen Fähigkeiten der SchülerInnen.

Zu den forschungsleitenden Fragen gehört:

  • Nach welcher Systematik lassen sich Gestaltungs- und Prozessmerkmale operationalisieren?
  • Wie stellen sich die operationalisierten Merkmale hinsichtlich der üblichen Differenzierungslinien zwischen Halbtags- und Ganztagsschule dar?
  • Lassen sich Schulen mit ganztägigem Angebot in Bezug auf die operationalisierten Merkmale jenseits der bisher gebräuchlichen Differenzierungslinien finden?
  • Unterscheiden sich die Schultypen in ihren Kontextfaktoren?
  • Wie gestalten sich die ermittelten Schultypen bezüglich der analyseleitenden Indikatoren?
  • Variieren die sprachlichen Fähigkeiten von SchülerInnen systematisch zwischen den identifizierten Schultypen?

Das zehnte bis zwölfte Kapitel stellt die Datenquellen vor, insbesondere die GIM-Studie auch weil dort mit Schulqualitätsmodellen gearbeitet wurde. Eine wesentliche Datenquelle für diese Forschungsarbeit sind die in der GIM-Studie durchgeführten Interviews mit 31 Hamburger Schulleitungen. Die Lesefähigkeit der SchülerInnen wurde in der 5. und 6. Klasse mit der „Würzburger leise Leseprobe“ festgestellt. Die Schulstichprobe umfasste in der Primarstufe sieben Ganztagsschulen und sieben Halbtagsschulen; in der Sekundarstufe neun Ganztagsschulen und acht Halbtagsschulen. Befragt wurden 865 SchülerInnen. Detailliert werden die methodischen Schritte mit den jeweils eingesetzten Instrumenten beschrieben. Im 12. Kapitel wird das die Analyse leitende Modell, orientiert an Input-, Prozess-, Output-Modellen grafisch dargestellt.

Die Kapitel 13–19 präzisieren die Auswertung mit anschließender Diskussion. Die deskriptiven Ergebnisse basieren auf der Analyse der Aussagen der Schulleitungen. Zusammenfassend stellt sich heraus, offene und teilgebundene Ganztags- und Halbtagsschulen nähern sich sehr in den Untersuchungsdimensionen an (z.B. realisieren 80 Prozent der Halbtagsschulen ein Mittagessen). Abweichungen von diesem Befund ergeben sich für gebundene Ganztagsschulen in den Bereichen Jahrgangsteams, integrierte Hausaufgaben, Lehrerarbeitsplätze und Verzahnung.

Im 14. Kapitel werden mittels einer Clusteranalyse die Schultypen nach den Indikatoren Zeitstrukturierung, Organisation der Rahmenbedingungen des Unterrichts und Kooperationsförderung ermittelt. Das Folgekapitel beschreibt die Schultypen. So gehören zum Schultyp A: 7 Halbtagsschulen (keine anderen Schulen). Zum Schultyp B: 1 Halbtagsschule, 2 offene Ganztagsschulen, 1 teilgebundene Ganztagsschule und 6 gebundene Ganztagsschulen. Zum Schultyp C: 4 gebundene Ganztagsschulen und zum Typ D: 7 Halbtagsschulen, 1 offene Ganztagsschulen, 1 teilgebundene Ganztagsschule und 1 gebundene Ganztagsschule. Zu den sich ergebenden Unterschieden gehört z.B., dass der Typ A auf verschwimmende Grenzen zwischen Halb- und Ganztagsschulen in der Stichprobe hinweist. Für den Typ B wird eine systematische Verzahnung zwischen dem Unterricht und den Angeboten vermisst. Der Typ C zeichnet sich durch ein überdurchschnittliches Vorhandensein aller untersuchten Merkmale aus. Der Typ D ist sozusagen der Gegenentwurf zum Typ C, es sind also weit unterdurchschnittliche Werte ermittelt worden. In der Folge wird auf Kontextmerkmale eingegangen: z.B. Die soziale Lage der Schülerschaft, Schul- und Klassengröße, Zeitraum des Schulbestehens, IZBB-Förderung, personelle Ausstattung. Hier zeigt sich u.a., dass die personelle Ausstattung aller Schultypen mangelhaft ist. Eine deutlich positive Ausnahme hierzu stellt der Schultyp C dar. Die Autorin kommt zu dem Ergebnis: „Die statistisch ermittelten Schultypen verlaufen quer zu den bisher üblichen Unterscheidungsdimensionen Halbtagsschule und Ganztagsschule verschiedenen Ausbaugrades“ (S. 203). Auf diesem Hintergrund sind die festgestellten Lese- und Sprachfähigkeiten, der getesteten SchülerInnen zu sehen. Dazu stellt die Autorin fest, dass ein Vergleich zwischen den Schultypen keine signifikanten Unterschiede in der Leistungsentwicklung feststellbar ist. Aber auch hier bildet der Schultyp C eine positive Ausnahme.

In der Zusammenfassung verweist Bremm noch einmal darauf, dass keine belastbaren Hinweise für die Überlegenheit der Ganztagsschulen gegenüber Halbtagsschulen vorhanden sind. Ihre eigenen Befunde bewertet sie aufgrund forschungstechnischer Probleme wie auch aufgrund allgemeiner Theoriedefizite zum Thema Ganztagsschule als explorativ.

Hingewiesen wird auf Unterschiede zwischen „alten“ und „neuen“ (ab 2003) Ganztagsschulen wie auch auf Unterschiede in der Zeitorganisation. Der Schultyp C liefert den größten Leistungszuwachs gemessen an den sprachlichen Fähigkeiten der SchülerInnen. Analysen „konnten zeigen, dass sich sowohl die Gymnasiasten des Typs C im Vergleich zu allen übrigen Gymnasiasten als auch die Hauptschüler des Typs C im Vergleich zu den übrigen Haupt- und Realschülern der Stichprobe durch eine tendenziell stärkere Leistungsentwicklung auszeichneten“ (S. 224).

Diskussion

Die vorliegende Forschungsarbeit verweist darauf, dass weiterer Forschungsbedarf zur Klärung von Gestalt und Leistungsfähigkeit von Ganztagsschulen gegenüber Halbtagsschulen erforderlich ist. 

Die Forscherin bewertet ihre Ergebnisse sehr vorsichtig. Dies erscheint auch angemessen hinsichtlich der ausgewählten Qualitäts- und Prozessmerkmale und des auf sprachliche Fähigkeiten begrenzten Leistungsvergleichs. Dass von den 31 untersuchten Schulen in Hamburg nur drei offene und nur zwei teilgebundene Ganztagsschulen in der Stichprobe vorhanden sind wirkt irritierend. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass eine häufig anzutreffende Euphorie hinsichtlich der Überlegenheit von Ganztagsschulen gegenüber den Halbtagsschulen übertrieben ist. Dies schlägt sich z.B. in der häufig benutzten Begriffswahl dahingehend nieder, dass Ganztagsschulen als „Erfolgsmodell“ und die Halbtagsschulen als „Auslaufmodell“ bezeichnet werden. Diese Kontrastbewertung bedarf jedenfalls einer neuen Gewichtung.

Fazit

Eine aufschlussreiche, methodisch komplexe, Forschungsarbeit, die über die Analyse von schulischen Qualitätsmerkmalen zu einer Schultypenbildung führt. Untersucht wurde dabei die Schullandschaft Hamburgs. Ein Vergleich der sprachlichen Fähigkeiten der SchülerInnen zeigt kaum Unterschiede zwischen den Differenzlinien Ganztagsschule und Hauptschule. Auch weist der gegenwärtige Forschungsstand nicht auf signifikante Unterschiede in den Schulleistungen der SchülerInnen dieser Schultypen hin.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 28.03.2019 zu: Nina Bremm: Schulen mit ganztägigem Angebot. Eine empirisch ermittelte Typologie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3268-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24854.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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